| Notizen |
Hebräisch: ד"ר למשפטים פאול וינטרניץ
Paul Winternitz, studierter Jurist, ein Mann, der sich »in der Geschäftswelt seiner trefflichen persönlichen Eigenschaften wegen« großer Beliebtheit erfreute, er hinterließ eine Gattin (Gisela) sowie drei minderjährige Kinder (Emanuel, Carla, Wilhelm). Wie schwierig die nachfolgenden Jahre für die junge Witwe gewesen sein müssen, darüber kann man allerdings nur spekulieren. 1907 schließlich heiratet Gisela (geb. Steingraber) den Anwalt Adolf Kappelmacher und übersiedelt später in die Böcklinstraße 49; in diesem Blog wurde hiezu schon berichtet.
Friedhof Wien:
Immer im Blickfeld der danach an Pineles’ letzter Ruhestätte vereinten Juristenzunft war ein schmales, schmuckloses Grab in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier hatte man einst den Vater von Emanuel Winternitz, Kelsens engem Mitarbeiter, beerdigt. Was mag den versammelten Rechtswissenschaftlern wohl diesbezüglich durch den Kopf gegangen sein? Paul Winternitz nämlich hatte sich erschossen. Es geschah am 18. Jänner 1904, in den Räumlichkeiten seiner Wiener Zweigniederlassung, Adresse Wipplingerstraße 35, vis-à-vis von der Börse also. In jenem Gebäude, an dessen Stelle sich heute das Haus der Europäischen Union (Informationsbüro des Europäischen Parlaments, Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich) erhebt.
Ein Angestellter fand den Leichnam um 13:30 Uhr.
Dem schockierenden Suizid des 45-jährigen, in Königinhof/Dvůr Králové nad Labem ansässigen Textilindustriellen vorangegangen war die für ihn nun unleugbare Tatsache, wirtschaftlich völlig ruiniert zu sein, den beschämenden Konkurs nicht abwenden zu können, mit seiner mehrköpfigen Familie vor den Trümmern der gemeinsamen Existenz zu stehen.
»Die Nachricht von dem Selbstmorde des Fabriksbesitzers verbreitete sich rasch, insbesondere unter den Baumwollindustriellen, und wurde viel besprochen«, berichtete das Neue Wiener Tagblatt. Von mangelndem Eigenkapital war in diesem langen und höchst ausführlichen Artikel zu lesen, von Banken, die sich weigerten, weitere Kredite zu gewähren, und auch von der für die taumelnde Firma Winternitz & Friedmann letztlich desaströsen Hausse am US-amerikanischen Baumwollmarkt.5 Ähnlich detailliert berichtete auch die Neue Freie Presse: »Der Inhaber eines ehemals sehr bedeutenden und in der Branche hochangesehenen Fabriksunternehmens, das aber in letzter Zeit in ungünstigen Verhältnissen war, hat heute nachmittags in seinem Wiener Bureau einen Selbstmord verübt. […] Der Niedergang der Firma, deren früheres Etablissement, in Königinhof hart an der Elbe gelegen, zu den ältesten und bedeutendsten der großen Industriestadt zählte, lässt sich auf Jahre zurückverfolgen.«6
Paul Winternitz, studierter Jurist, ein Mann, der sich »in der Geschäftswelt seiner trefflichen persönlichen Eigenschaften wegen« großer Beliebtheit erfreute, er hinterließ eine Gattin (Gisela) sowie drei minderjährige Kinder (Emanuel, Carla, Wilhelm). Wie schwierig die nachfolgenden Jahre für die junge Witwe gewesen sein müssen, darüber kann man allerdings nur spekulieren. 1907 schließlich heiratet Gisela (geb. Steingraber) den Anwalt Adolf Kappelmacher und übersiedelt später in die Böcklinstraße 49; in diesem Blog wurde hiezu schon berichtet.
Dvůr Králové nad Labem [dvuːr ˈkraːlɔvɛː ˈnadlabɛm] (deutsch Königinhof an der Elbe) ist eine Stadt im Okres Trutnov in Tschechien. Sie wird von der Elbe durchflossen und gehört zur Region Hradec Králové (Königgrätz).
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