| Notizen |
- m Jahre 904 soll Bischof Salomo III. die Gebeine des 283 in Istrien gestorbenen Märtyrers Pelagius nach Konstanz gebracht haben. Der Heilige wurde dort Mitpatron des Münsters und des Bistums. Auch das von Konstanz abhängige Chorherrenstift in Bischofszell trug seinen Namen. Dieses St. Pelagistift spielte im geistigen Leben des Städtchens eine grosse Rolle. Bei hervorragenden Schulmeistern, so bei Johannes Negelin, gestorben 1501, dem wir Abschriften und Auszüge unterdessen verloren gegangener Stifts-Urkunden verdanken, empfingen mehrere nachmals bedeutende Männer ihre erste Ausbildung, so Theodor Buchmann (Bibliander), Ludwig Hätzer, Ulrich Hugwald und eben auch Pelagius Amstein. Seine Eltern kennen wir nicht, aus der Jugendzeit ist sonst nichts überliefert, aber im Jahre 1506 treffen wir ihn als Mönch im Kloster Fischingen. Er war ein Mitbruder von Johann Meili, der etwas später zum Abt gewählt wurde und der ein Onkel Ulrich Zwinglis war. Eine Zeit lang studierte Amstein an der Unversität Basel und eignete sich eine humanistische Bildung an. Ob das vor oder nach der Fischinger Zeit geschah, ist unsicher.
Im Jahre 1517 war er einer der neun Chorherren im Pelagistift seiner Heimatstadt. Drei Jahre später berief ihn der Abt des Klosters St.Gallen an die Mauritiuspfarrei Goldach. Mit Inbrunst widmete sich Amstein den Pfarrkindern seiner Gemeinde, und bald schon begann er, in reformatorischem Geist zu predigen. Die Messe las er nicht mehr. Mit Vadian, dem Stadtarzt und Reformator St. Gallens, stand er in engem Kontakt und berichtete ihm in Briefen von seiner Arbeit. Sie beschränkte sich nicht auf Goldach. In Grub und in Trogen hielt er Bibelstunden in kleineren Kreisen. Auch viele seiner Amtsbrüder wusste er der neuen Lehre zuzuführen. Der Abt schaute dem auffallend lange zu, stellte dann aber den Neuerer vor die Alternative: Messe oder Wegzug.
Im Frühling 1526 verliess Pelagius Amstein Goldach und ging nach Trogen. Vermutlich hatte man ihn gerufen, denn dort kannte man ihn und hatte vernommen, dass er eifrig die Heilige Schrift studiere und die hebräische und griechische Sprache gelernt habe, um die Bibel im Urtext lesen zu können. Im Appenzellischen hatte eine Landsgemeinde das «Kirchhöreprinzip» beschlossen, wonach jede Gemeinde über die Zugehörigkeit zum alten oder neuen Glauben «mehren» konnte. Die unterliegende Minderheit blieb unbehelligt, musste aber «ihre» Kirche an einem andern Ort besuchen. Ausser Appenzell nahmen alle Kirchhören Zwinglis Lehre an, zuletzt Herisau 1529.
Der Abt von St. Gallen war auch Kirchherr der Trogener und protestierte gegen die Anstellung Amsteins, erreichte aber nichts. Im Gegenteil, der Bischofszeller wirkte weit herum als Reformator, denn zu Trogen gehörten ausser Lutzenberg auch die später selbständig gewordenen Kirchgemeinden Rehetobel und Wald. Darum kann man wohl sagen, Pelagius Amstein habe, zusammen mit Walter Klarer, am frühesten und nachhaltigsten für die Reformation im Lande Appenzell gewirkt. (Walter Klarer, 1499-1567, war Pfarrer in Hundwil, Herisau, Gossau, Urnäsch und von 1543 bis zu seinem Tod wieder in Hundwil.)
Amstein predigte aber auch den Rheintalern. Das Rheintal war, wie der Thurgau, ein Untertanenland der Eidgenossen. Die sieben Alten Orte (ohne Bern) schickten für je zwei Jahre Vögte ins Land. Nun traf es sich, dass in den wichtigen Jahren von 1524 bis 1534 nur katholische Vögte im Rheintal regierten, in Rheineck, gesandt von den Kantonen Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug. Sie waren angewiesen, «diese lutherische, zwinglische, irrige und verkehrte Lehre auszureuten, zu wehren, zu strafen und niederzudrücken». Es war darum gefährlich, sich dort öffentlich zum neuen Glauben zu bekennen. Amstein predigte deshalb nur an der Grenze des Rheintals, und zwar im Freien, wohl am Ruppen und bei St. Anton und Oberegg. Ganze Scharen zogen zu ihm hinauf, besonders aus Altstätten, und lauschten seinen «Bergpredigten». Darüber beklagte sich der schwyzerische Landvogt zuerst beim Rat von Appenzell und verlangte, «das sy den bredikanten wellind abstellen». Dieses Ansinnen wurde vorerst zurückgestellt. Darauf beklagte sich der Vogt bei den regierenden Orten. An der Tagsatzung vom 3. September 1528 zu Baden kam die Sache aufs Tapet. Die Appenzeller Regierung wurde angehalten, das reformatorische Einwirken auf das Rheintal von ihrem Gebiet aus strikte zu verbieten.
Im Vorsommer 1526 fand in Baden eine von katholischer Seite angeregte und von Neu- und Altgläubigen besuchte Disputation statt. Zwingli nahm nicht daran teil, der Ort schien ihm zu gefährlich, wohl aber Pelagius Amstein. Als Hauptgegner standen sich der Katholik Eck aus Ingolstadt und Oekolampad, der Reformator Basels, gegenüber. Keine Partei vermochte die andere zu überzeugen, und weil die Katholiken deutlich in der Überzahl waren (87 gegen 31), überrascht es nicht, dass die Schlussabstimmungen zugunsten der alten Lehre ausfielen. Dies beeindruckte die Reformierten nicht stark. Zwei Jahre später, am Glaubensgespräch in Bern, sassen sie am längeren Hebel. Pelagius Amstein war auch wieder dabei. Dass neben Zürich nun auch die mächtige Stadt Bern Zwinglis Lehre annahm, stärkte die Neugläubigen in der übrigen Eidgenossenschaft, vor allem in Basel, Schaffhausen und St. Gallen.
Amstein blieb bis 1529 in Trogen, dann wirkte er während zweier Jahre in Arbon als Helfer des dortigen Pfarrers Gregor Heer. Die grosse Gemeinde hatte sich kurz vorher für die Reformation entschieden.
Über das spätere Wirken des Pelagius Amstein weiss man nichts Sicheres. Josef Reck schreibt, dass er 1540 wieder nach Trogen und 1550 nach Altstätten gezogen und dort gestorben sei. Die von Hans-Martin Stückelberger herausgegebenen Verzeichnisse reformierter Pfarrer in den Kantonen St. Gallen und Appenzell erwähnen diese
Tätigkeiten nicht; vermutlich lassen sie sich nicht nachweisen.
Die konfessionellen Streitereien im Appenzellischen dauerten noch jahrzehntelang, bis es 1597 zur Teilung des Landes in ein reformiertes Ausser- und ein katholisches Innerrhoden kam. Seither ist man verträglicher geworden. Katholische Kirchen fmdet man heute auch in Ausserrhoden, und 1909 konnte eine reformierte Kirche in Appenzell eingeweiht werden.
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