Strauss Genealogie


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3801 Leben
Als dritter Sohn von Géraud de Roquelaure, Seigneur de Roquelaure, Gaudoux, de Montbert et du Longart († 1557) und Catherine de Bezolles war Antoine de Roquelaure für den Kirchendienst vorgesehen. Beim Tod seines Vaters erbte er die Herrschaft Le Longart, quittierte den Dienst in der Kirche und trat in den militärischen Dienst Navarras. Der Tod seiner beiden älteren Brüder 1569 bei La Roche-Abeille bzw. Orthez machten ihn dann zum Erben der Familie.

Jeanne d’Albret, die Königin von Navarra, bildete nach dem Tod ihres Ehemanns Antoine de Bourbon, duc de Vendôme († 1562) um ihren Sohn Henri eine Gruppe von Adligen, die ihn am Hof von Nérac berieten, darunter auch Antoine de Roquelaure, der das Amt des Lieutenant de la Compagnie des Gens d’armes du Roi de Navarre übernahm. Jeanne d’Albret schätzte den Seigneur du Longard so sehr, dass sie ihm den Teil des Lehens Roquelaure, das im Besitz der Krone Navarras war, überließ.

1572 begleitete er Henri nach Paris zur Hochzeit mit Margarete von Valois, 1576 war er bei dessen Flucht anlässlich einer Jagd dabei. 1579 nahm er an der Eroberung von Eauze teil, 1587 an der Schlacht von Coutras. Auch als Henri 1589 König von Frankreich geworden war, begleitete er ihn in allen Schlachten (Arques, Ivry und Fontaine-Française) und war maßgeblich an der Konversion des Königs zum Katholizismus beteiligt.

Dies brachte ihm Verantwortlichkeiten und Vorteile ein, die ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Königreich machten. So war er ab 1589 Maître de la Garde-Robe du Roi, 1595 wurde er zum Chevalier des Ordres du Roi ernannt, dann Lieutenant-général du Roi für die Haute-Auvergne und Kapitän des Schlosses Fontainebleau, Seneschall und Gouverneur von Rouergue und Foix und schließlich am 15. Februar 1610 Lieutenant-général du Gouvernement de Guyenne, was ihn auch Bürgermeister von Bordeaux (1610–1611 und 1613–1617) werden ließ. Am 14. Mai 1610 saß Antoine de Roquelaure in der Kutsche, in der Heinrich IV. von François Ravaillac ermordet wurde.

Während der Regentschaft wurde er von Maria de’ Medici gebeten, rebellische Städte wie Nérac und Clérac an ihre Pflichten zu erinnern. 1614 ernannte sie ihn zum Marschall von Frankreich.

Er trat vom Amt des Gouverneurs von Guyenne zurück und behielt nur das des Gouverneurs von Lectoure, was es ihm ermöglichte, sich auf seine Güter zurückzuziehen. 1616 initiierte er den Bau des Château du Rieutort in Roquelaure für seine zweite Ehefrau, um 1620 die Wiederherstellung des Château de Lavardens, deren Fertigstellung er nicht mehr erlebte. In Lectoure gründete er eine Stiftung für ein Haus mit Garten für die Einrichtung des Karmelitinnenkonvents. Er verfasste sein Testament am 9. Mai 1625, starb am 9. Juni 1625 in Lectoure in der ehemaligen Burg der Grafen von Armagnac im Alter von 81 Jahren und 3 Monaten und wurde in der Kirche von Lectoure bestattet.

Ehe und Familie
Am 9. Juni 1581 heiratete er Catherine d’Ornezan († 1601), Tochter von Jean-Claude d’Ornezan, Seigneur d’Auradé et de Noaillan, Gouverneur von Metz, und Brionette du Cornil, Witwe von Gilles de Montal, Baron de Roquebrou et de Carbonnières, von der fünf Kinder bekam:

Jean-Louis († September 1610), Baron de Biran, Maître de la Garde-Robe du Roi (en survivance)
Louise († 1610), ⚭ (Ehevertrag 1. September 1601) Antoine II. de Gramont (1572–1644), Comte de Gramont, 1643 Duc de Gramont, 1648 Pair von Frankreich, Vizekönig von Navarra, die Eltern des Marschalls Antoine III. de Gramont (1604–1678)
Rose; ⚭ 9. September 1601 François de Noailles (1554–1623), Seigneur de Noailles, Comte d’Ayen, die Eltern von Anne de Noailles (1620–1678), Comte d’Ayen, 1663 1. Duc de Noailles
Catherine, Äbtissin in Rodez
Marie († 1622); ⚭ (Ehevertrag 23 Juli/17. Dezember 1607) Jacques de Stuer de Caussade († 1671), Prince de Carency, Marquis de Saint-Mégrin, Comte de Vauguyon, Grand Sénéchal de Guyenne
Da er beim Tod seines Sohnes Louis 1610 keine männlichen Erben hatte, heiratete er am 15. August 1611 per Ehevertrag Susanne de Bassabat (* 1591; † 7. Juni 1652), Tochter von Béraud de Bassabat, Baron de Pordeac, Gouverneur von Verdun en Guyenne, und Catherine d’Hebrail, von der er weitere zwölf Kinder bekam:

Tochter, 1616 Universalerbin ihrer Mutter
Louis († 17. November 1635 ledig), Marquis de Roquelaure, Gouverneur de Lectoure
Gaston-Jean-Baptiste de Roquelaure (* wohl 1614; † 11. März 1683), 1652 Duc de Roquelaure und Pair von Frankreich, 1679 Gouverneur von Guyenne; ⚭ 17. September 1653 Charlotte Marie de Daillon († 15. Dezember 1657), Tochter von Timoléon de Daillon, Comte du Lude, und Marie de Feydeau
Jean-Louis, Comte de Roquelaure et de Beaumont († ohne eheliche Nachkommen); ⚭ Catherine, Dame de Bassabat, de Pordiac et de Lévis (seine Cousine), sie heiratete in zweiter Ehe Jacques-Théodore, Marquis d’Ornano (Haus Lévis)
Antoine († jung), 1626 Malteserordensritter
Jacques (* wohl 1618, † 7. November 1678 ledig), Marquis de Lavardens
Armand († im Duell), Baron de Biran
Louis († Metz), Regimentskommandeur
Louise († 1674); ⚭ (Ehevertrag 20. Juli 1632) Alexandre de Levis, Marquis de Mirepoix (Haus Lévis)
Catherine-Henriette; ⚭ Alexandre-Henri de Montluc, Marquis de Balagny
Marie-Angélique (* 1623; † 13. Oktober 1678); ⚭ Jean-Jacques de Cassagnet, Marquis de Fimarcon
Susanne († ledig)
Literatur
François-Alexandre Aubert de La Chenaye-Desbois, Jacques Badier, Dictionnaire de la Noblesse, 3. Ausgabe, Band 17, Spalte 648
Joseph François Michaud, Louis Gabriel Michaud, Biographie universelle, ancienne et moderne, 3. Ausgabe, Band 38, 1824, S. 574 
DE ROQUELAURE, Antoine (I61206)
 
3802 Leben
Als Kaiser Arcadius im Jahr 408 gestorben war, wurde der erst siebenjährige Theodosius II. zum Kaiser des Oströmischen Reiches gekürt. Aelia Pulcheria, seine damals neunjährige älteste Schwester, scheint früh großen Einfluss auf ihn ausgeübt zu haben. Anfang 414 überredete man ihren zwölfjährigen Bruder, den mächtigen Prätoriumspräfekten Anthemius zu entlassen, der seit 408 faktisch mit der Regentschaft betraut gewesen war, und stattdessen Pulcheria mit der Aufsicht über den jungen Kaiser zu betrauen. Fortan scheint sie eine noch wichtigere Rolle gespielt zu haben und kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister. Damit niemand versuchen konnte, durch eine Ehe mit Pulcheria Ansprüche auf den Thron zu erheben, musste sie zugleich geloben, für immer Jungfrau zu bleiben.

Ebenfalls 414 verlieh ihr Theodosius den Titel Augusta. Damit wurde sie zwar nicht formell Mitregentin ihres noch unmündigen Bruders – Frauen durften nach römischem Verständnis grundsätzlich nicht herrschen –, der weiterhin als Imperator Caesar Augustus an der Spitze des Reiches stand. Doch standen ihr nun kaiserliche Würden und Ehren zu. Vorher genoss sie als Nobilissima (der Titel stand nur Töchtern eines Kaisers zu) bereits Vorrechte gegenüber anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie. Pulcheria regierte faktisch als „jungfräuliche Prinzessin“ das Oströmische Reich, indem sie ihren jüngeren Bruder Theodosius anleitete, bis dieser Ende 416 mündig wurde. Eventuell spielte sie 420 eine wichtige Rolle beim Ausbruch eines zweijährigen Perserkrieges, der von römischer Seite offenbar auch religiös begründet wurde (Holum 1977). In der Folgezeit schwand Pulcherias Einfluss. 439 zog sie sich ein erstes Mal in eine Vorstadt Konstantinopels zurück, 443 konnte sie sich wohl gegen ihre Schwägerin und Rivalin, die ebenfalls zur Augusta erhobene Kaisergattin Aelia Eudocia, behaupten; doch 447 führten Konflikte mit dem mächtigen praepositus sacri cubiculi Chrysaphius dazu, dass Pulcheria den Kaiserhof verließ und im Palast Hebdomon in klösterlicher Einsamkeit lebte. Nach dem Unfalltod ihres Bruders im Jahr 450 spielte sie aber eine Rolle bei der Regelung seiner Nachfolge. Wie entscheidend ihr Einfluss hierbei war, ist umstritten (Burgess 1993/94). Sie heiratete – wahrscheinlich unter Druck – den neuen Kaiser Markian, der so an die theodosianische Dynastie anschließen konnte, führte wegen ihres alten Keuschheitsgelübdes aber demonstrativ eine Josefsehe. Sie starb 453.

Regentschaft
Eine selbstständige Regierung im engeren Sinne führte Pulcheria nie, immer war sie entweder an ihren Bruder oder später an ihren Mann gebunden.

Aelia Pulcheria galt einerseits als sehr sozial. Sie wurde für ihre Großzügigkeit gegenüber Armen gelobt und war fürsorglich gegenüber Mönchen und Klerikern. Andererseits war sie in ihrem teils überbordenden christlichen Eifer sehr intolerant gegenüber Andersgläubigen. Auf ihr Betreiben hin wurden Juden und Heiden vom römischen Beamtentum und aus der Armee ausgeschlossen. Es wird ihr auch nachgesagt, Gesetze befürwortet zu haben, die zur Gewalt gegen Andersgläubige aufriefen.

Besondere Bedeutung erreichte die Einladung des Kaiserpaares an den Papst Leo I. zur Teilnahme am Konzil von Chalcedon 451, einer der größten christlichen Kirchenversammlungen der Geschichte. Dieses religiöse Engagement trug Pulcheria umgekehrt die Feindschaft der Monophysiten ein, deren Position 451 verdammt wurde; während daher prochalkedonische (also katholische und orthodoxe) Quellen die Kaiserin sehr stark idealisieren, bieten antichalkedonische Texte ein genau gegenteiliges Bild. Nach Ansicht mancher Forscher wurde die tatsächliche Rolle, die die Augusta spielte, dabei womöglich von beiden Seiten – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – stark übertrieben. Pulcheria diente demnach Zeitgenossen und Späteren als Projektionsfläche.

Das Kaiserpaar wird in der römischen und orthodoxen Kirche als heilig verehrt. Ein Portraitkopf der Pulcheria, aus der Mitte des 5. Jh. stammend, befindet sich im Museum Castello Sforzesco in Mailand. Erwähnenswert ist weiter ihr Bild mit Zepter, Krone und Lilie im Gemälde von Guido Reni in der Capella Paolina von S. Maria Maggiore in Rom. 
AELIA, Pulcheria Augusta (I47216)
 
3803 Leben
Als sein Vater, der mit Hugo Capet um die französische Krone gekämpft hatte, 991 dessen Gefangener wurde, überließ der siegreiche Kapetinger Ludwig dem Bischof Adalbero von Laon.[4] Im Frühjahr 993 plante Graf Odo I. von Blois, der von Hugo Capet enttäuscht war, weil dieser ihm den Titel eines „Herzogs der Franken“ verweigerte, gemeinsam mit Bischof Adalbero, den König und dessen Sohn Robert der Fromme bei einem geplanten Treffen mit Kaiser Otto III. in Metz entführen zu lassen und Hugo auf dem Thron durch Ludwig zu ersetzen[5] – Odo wäre Herzog der Franken geworden und Adalbero Erzbischof von Reims. Hugo und Robert wurden gewarnt und es gelang ihnen, den Anschlag zu vereiteln – Hugo ließ sich Ludwig übergeben und sperrte ihn in Orléans ein.[6]

Karl Ferdinand Werner zeigte, dass der in Lothringen begüterte „Graf Ludwig“, der um 1023 im Kloster Saint-Pierre-le-Vif starb, der gleiche ist, der am Hof der Herzogs von Aquitanien auftrat und in einem Dokument der Abtei Bourgueil aus der Zeit vor 1012 als „Ludwig, Sohn des Königs Karl“ bezeichnet wird. Auf seinem Epitaph in Sens wird mitgeteilt, dass er auf der Rückreise vom Mont Saint-Michel ins Heilige Römische Reich im Kloster Saint-Pierre-le-Vif an einer Krankheit starb, nachdem er auf dem Sterbebett („in extremis“) Mönch geworden sei und dem Kloster den (nicht lokalisierten) Hof „Ariscurt“ und sein „Pallium“ vermacht habe.[7] 
(NIEDERLOTHRINGEN), Ludwig (I61443)
 
3804 Leben
Als Sigibert III., König von Austrasien, im Jahre 656 starb, wurde sein vierjähriger Sohn Dagobert durch den pippinidischen Hausmeier Grimoald verdrängt.[1] Ob Dagobert zu dieser Zeit kurzzeitig den Thron Austrasiens innehatte, ist unter Historikern umstritten und gilt als eher zweifelhaft.[2] Infolge dieses Staatsstreichs setzte Grimoald seinen eigenen Sohn Childebert, der vor der Geburt Dagoberts von Sigibert III. adoptiert worden war, auf den Thron. Um die Herrschaft dieses Childebert nicht zu gefährden, wurde Dagobert dem Dido von Poitiers übergeben und in ein Kloster nach Irland gebracht, wo er als Mönch erzogen wurde.[3] Später kam Dagobert nach England, wo er an einem Königshof erzogen wurde. In dieser Zeit lernte er Bischof Wilfrid von York kennen. Dieser ermöglichte zusammen mit dem Hausmeier Wulfoald die Rückkehr des Merowingers.[4] Dagobert II. heiratete in erster Ehe die angelsächsische Prinzessin Mechtilde.

Trotz der Abwesenheit Dagoberts scheiterte Grimoalds Staatsstreich. Nach dem Tode Childeberts fiel das Teilreich Austrasien an Childerich II. Er regierte von 662 bis zu seinem Tod im Jahre 675. Verschiedene austrasische Führer unter dem Hausmeier Wulfoald riefen Dagobert im Jahre 676 aus Irland auf den Königsthron nach Austrasien zurück.[1] Dagoberts Rückkehr erfolgte gegen den erbitterten Widerstand des neustrischen Hausmeiers Ebroin, der seine Herrschaft auf das gesamte Frankenreich ausdehnen wollte. Um sich eine große Unterstützung zu sichern, musste sich der Merowinger mit einigen Verpflichtungen einverstanden erklären, welche hauptsächlich Vorteile für die Oberschicht bedeuteten.[5]

Dagobert überließ die Regierung seinem Hausmeier Wulfoald und konzentrierte sich auf fromme Übungen und wohltätige Werke. Er baute Kirchen und gründete verschiedene Klöster, wie zum Beispiel das Kloster Surbourg im Elsass.

Unmittelbar nach den neu ausbrechenden Kämpfen zwischen Austrasien und Neustrien wurde Dagobert am 23. Dezember 679 wohl von dem ihm feindselig gesinnten Hausmeier Ebroin auf der Jagd im Wald Woëvre zwischen Stenay an der Maas und Verdun ermordet.[6][7] Im dortigen Kloster Stenay wurde der ermordete König begraben und später als Märtyrer verehrt.

Dagobert II. starb, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Nachfolger wurde sein Vetter Theuderich III., der König Neustriens und Burgunds.

Verehrung und Rezeption
Spätestens seit 1068 galt der Heilige Dagobert als Patron der Kirche, vornehmlich in Lothringen und im Elsass. Die Kirche Saint Dagobert wurde während der Französischen Revolution 1789 zerstört, und die Reliquien gingen bis auf den Schädel verloren.

Die moderne Legende eines angeblichen Sohnes namens Sigibert IV. (676–758), genannt „Le Plant-Ard“, späterer Graf von Razés und Vorfahre von Gottfried von Bouillon, ist ohne jeglichen historischen Beleg und basiert ausschließlich auf von Pierre Plantard gefälschten Dokumenten im Rahmen der Affäre um die „Prieuré de Sion-Erfindung“, die in dem pseudohistorischen Buch Der Heilige Gral und seine Erben aufgegriffen und populär gemacht wurden. 
VON AUSTRASIEN, Dagobert II. (I36702)
 
3805 Leben
Als zweiter männlicher Nachkomme des Grafen Ulrich V. von Württemberg-Stuttgart war Heinrich von Württemberg für eine Karriere als Geistlicher vorgesehen. Heinrich war seit etwa 1464 Dompropst in Eichstätt. In Mainz war er als Nachfolger des Erzbischofs Graf Adolf von Nassau vorgesehen, der ihn 1465 zu seinem Koadjutor und weltlichen Regenten ernannte. Drahtzieher war der mächtige Markgraf Albrecht von Brandenburg, der eine Tochter mit Heinrichs Bruder Eberhard vermählte. Dieser wollte das Mainzer Erzbistum fest an die von ihm geführte kaiserliche Partei binden, zu der auch Heinrichs Vater Ulrich V. gehörte. Der Erzbischof von Mainz war einer der sieben Kurfürsten und hatte damit erheblichen Einfluss auf die Politik im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Koadjutorschaft richtete sich gegen die Wittelsbacher und vor allem gegen Pfalzgraf Friedrich den Siegreichen, der Graf Ulrich in der Schlacht bei Seckenheim 1462 gedemütigt hatte. Weil der Mainzer Erzbischof die ihm zugedachte Rolle jedoch nicht spielen wollte, kam es zu heftigen Spannungen zwischen ihm und Heinrich, die in die sogenannte Koadjutorfehde 1465 bis 1467 mündeten. 1466 erklärte Heinrich Graf Johann von Wertheim die Fehde, eine Auseinandersetzung, die zu einer Machtprobe der großen Fürsten wurde und beinahe zu einem Krieg im ganzen Reich geführt hätte. Am Ende aber siegte der Pfalzgraf auf dem diplomatischen Parkett fast völlig, und Württemberg und Heinrich standen mit weitgehend leeren Händen da. Das mainzische Amt Bischofsheim, das Heinrich als Ausgleich zugesprochen erhielt, gab er bereits 1470 wieder zurück.

1473 erhielt er im Uracher Vertrag die Grafschaft Mömpelgard und die übrigen linksrheinischen württembergischen Besitzungen zugesprochen. Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen und Kaiser Friedrich III. ließ Karl der Kühne Heinrich 1474 gefangen nehmen. Während der bis 1477 dauernden Gefangenschaft in Maastricht und in Boulogne wurde Heinrich sehr schlecht behandelt; unter anderem soll eine Scheinhinrichtung vorgenommen worden sein. Nach dem Tod seines Vaters 1480 versuchte Heinrich gegenüber seinem Bruder Eberhard VI. Erbansprüche auf die Grafschaft Württemberg-Stuttgart und damit auf Gesamt-Württemberg geltend zu machen. Nachdem ihm dies aber nicht gelungen war, trat er im Vertrag von Reichenweier 1482 die Grafschaft Mömpelgard an Eberhard ab. Im August 1490 ließ ihn sein Vetter Eberhard V. (Eberhard im Bart) in Stuttgart verhaften. Als Begründung für die Verhaftung diente eine angebliche Geisteskrankheit. Eberhard im Bart wurde 1492 von Kaiser Friedrich III. zu seinem Vormund bestimmt. Bis zu seinem Tod 1519 wurde Heinrich mit seiner Frau auf der Burg Hohenurach gefangengehalten. Zeitweilig durfte er sich aber auch in Stuttgart aufhalten.

Bedeutung
Eine gewisse Rehabilitation der Persönlichkeit Heinrichs, den die württembergische Historiographie als Wahnsinnigen stigmatisiert hatte, versuchte 1999 der Historiker Klaus Graf.[1] Er verwies unter anderem auf Heinrichs geistige Interessen, ablesbar an Handschriften und Drucken aus seinem Besitz. 2004 hat dann Felix Heinzer nach Auffindung eines weiteren Buchs aus Heinrichs Besitz einen Vergleich zwischen Eberhard im Bart und Heinrich als Buchliebhaber versucht.[2]

Familie
Heinrich war der Sohn von Ulrich V. von Württemberg-Stuttgart aus dessen zweiter Ehe mit Elisabeth von Bayern-Landshut. Er heiratete 1485 (Eheabrede am 10. Januar 1485) Gräfin Elisabeth von Zweibrücken-Bitsch. Elisabeth verstarb am 17. Februar 1487 wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes Eitel Heinrich am 8. Februar 1487. Eitel Heinrich wurde bei seiner Firmung 1493 in Ulrich umbenannt und war ab 1498 der dritte Herzog von Württemberg. Heinrich heiratete am 21. Juli 1488 die Gräfin Eva von Salm. Aus dieser Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor:

Maria (1496–1541), ⚭ Heinrich II. Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel
Georg I. von Württemberg-Mömpelgard (1498–1558)
Heinrich war damit der Begründer der älteren Seitenlinie Württemberg-Mömpelgard.

Siehe auch Stammliste des Hauses Württemberg

Einzelnachweise und Anmerkungen
Klaus Graf: Graf Heinrich von Württemberg († 1519) – Aspekte eines ungewöhnlichen Fürstenlebens. In: Sönke Lorenz, Peter Rückert (Hrsg.): Württemberg und Mömpelgard 600 Jahre Begegnung. Montbéliard – Wurtemberg 600 Ans de Relations (= Schriften zur Südwestdeutschen Landeskunde. Band 26). DRW, Leinfelden-Echterdingen 1999, ISBN 3-87181-426-1, S. 107–120 (online, Memento im Internet Archive). Nachträge: https://archivalia.hypotheses.org/19421.
Felix Heinzer: Heinrich von Württemberg und Eberhard im Bart: zwei Fürsten im Spiegel ihrer Bücher. In: Peter Rückert (Hrsg.): Der württembergische Hof im 15. Jahrhundert. Beiträge einer Vortragsreihe des Arbeitskreises für Landes- und Ortsgeschichte, Stuttgart. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-019759-6, S. 149–163 (online). 
VON WÜRTTEMBERG, Heinrich (I61232)
 
3806 Leben
Als zweiter Sohn nach dem als Kind verstorbenen Peter geboren, wurde er nach seinem Vater auf den Namen Raimund getauft. Auf Betreiben seiner Mutter wurde er nach dem Tod des Kronprinzen in Alfons umbenannt.

Alfons war beliebt als Beschützer der ständischen Freiheiten und Gönner der Trobadors. Alfons dichtete selbst, in einer Kanzone feiert er das Glück der Liebe.

Im Jahr 1172 eroberte er von Navarra aus die Grafschaft Roussillon und erwarb auch einen Teil der Provence durch Erbrecht.[6] Er gewann Saragossa zurück, eroberte Caspe und gründete die Stadt Teruel.

Alfons konnte sich aus der Lehnsoberhoheit des kastilischen Königs lösen und vereinbarte mit ihm die beiderseitigen Interessenssphären im maurischen Spanien, wobei er sich das Königreich Valencia sicherte, das er lange bekriegte.

Der König galt als eifriger Förderer des Dritten Standes, der in Aragonien – als einem der ersten europäischen Länder – große politische Bedeutung erlangte.

Alfons II. wurde im Monestir de Santa Maria de Poblet in der Familiengruft der klösterlichen Kirche beigesetzt. Körperteile wurden mutmaßlich auch in der Kirche des Klosters Santa Maria de Vilabertran bestattet; dort befindet sich eine Grabplatte des Königs mit der Inschrift: Teil der Überbleibsel, die am wichtigsten sind.

Familie
Alfons war ein Sohn von Raimund Berengar IV. von Barcelona und dessen Frau Petronella von Aragón, der Tochter König Ramiros von Aragonien. 
(ARAGÓN), Alfons II. ´der Keusche` (I61523)
 
3807 Leben
Amalie Heine war die dritte Tochter des Bankiers Salomon Heine. Dieser hatte seinen Neffen Heinrich Heine 1816 nach Hamburg geholt, um ihm eine kaufmännische Ausbildung zu ermöglichen. Dort lernte Heine Amalie kennen, die im Familienkreis auch Molly genannt wurde. Sie erwiderte die Liebe des jungen Dichters nicht, so dass Heine die Situation im Hause seines Onkels zunehmend als bedrückend empfand. Da er auch als Geschäftsmann keinen Erfolg hatte, nahm er Salomon Heines Angebot an, ihm ein Studium zu finanzieren, und verließ Hamburg im Jahr 1819. Heines 1827 veröffentlichtes, autobiographisches Gedicht Ein Jüngling liebt ein Mädchen bezieht sich auf seine unglückliche Liebesgeschichte.[1]


Grab von Amalie Friedländer auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg.
Nachdem Amalie Heine 1821 den Königsberger Gutsbesitzer Jonathan Friedländer (1793–1863), genannt John, geheiratet hatte, ließ Heines Schwärmerei für sie merklich nach. Statt von dem gar „hübschgeputzten Sonntagspüppchen, bey dessen Fabrikation der himmlische Kunstdrechsler sich selbst übertroffen“ habe, sprach er 1827, als er sie erstmals nach 11 Jahren wiedersah, nur noch von der „dicken Frau“.

Amalie und Jonathan Friedländer hatten zwei Töchter: Charlotte und Elisabeth. 1838 starb Amalie Friedländer. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II in Berlin-Kreuzberg, in Feld B.

Siehe auch
Heine (Familie)
Oppenheim (Berliner Familie) 
HEINE, Amalie (I61062)
 
3808 Leben
Anselm Franz von Thurn und Taxis war der Sohn von Eugen Alexander von Thurn und Taxis und der Anna Adelheid von Fürstenberg-Heiligenberg. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Nur seine Taufe am 30. Januar 1681 in der Brüsseler Kirche Notre Dame du Sablon ist urkundlich belegt.

Anselm Franz von Thurn und Taxis vermählte sich im Jahr 1703 mit Prinzessin Maria Ludovika Anna von Lobkowicz, Herzogin zu Sagan (* 20. Oktober 1683 in Baden bei Wien; † 20. Januar 1750 in Regensburg), die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt.[1] Nachdem unter seinem Vater zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges die Hauptverwaltung der Kaiserlichen Reichspost von Brüssel nach Frankfurt am Main verlagert worden war, wurde Anselm Franz 1715 nach dem Tod des Vaters von Karl VI. mit dem Reichspostgeneralat belehnt. Er konnte zwar an den vormaligen Hauptsitz der Familie nach Brüssel zurückkehren, jedoch hatte Brüssel keine zentrale Bedeutung mehr für die Kaiserliche Reichspost, so dass Anselm Franz sich 1724 erneut nach Frankfurt am Main wandte. Dort erwarb er umgehend ein Grundstück, auf dem er später das Palais Thurn und Taxis im Barockstil erbauen ließ, jedoch zog sich seine Niederlassung in Frankfurt über mehrere Jahre hin, da zunächst Einwände seitens des Rats der Stadt bestanden und außerdem der Bau seines Palais mehrere Jahre dauerte. Im Jahre 1725 konnte er das Postwesen der Österreichischen Niederlande als Habsburger Lehen pachten. Ab 1737 lebte er zeitweilig in dem noch nicht fertiggestellten Frankfurter Palais, kehrte dann jedoch 1739 wieder nach Brüssel zurück, wo er überraschend verstarb.

Nachfahren
Alexander Ferdinand, Generalerbpostmeister und Fürst von Thurn und Taxis (1704–1773)
Maria Philippine Eleonore von Thurn und Taxis (1705–1706)
Maria Augusta von Thurn und Taxis (1706–1756)
Christian Adam Egon, Fürst von Thurn und Taxis (1710–1745) 
VON THURN UND TAXIS, Anselm Franz (I61246)
 
3809 Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. Lebend (I60257)
 
3810 Leben
Athenaïs wurde in Athen als Tochter des paganen Rhetoriklehrers Leontios geboren und galt als hochgebildet. Nach dem Tod ihres Vaters nahm sie den christlichen Glauben an und erhielt bei der Taufe den Namen Aelia Eudocia. Dies war eine Voraussetzung für ihre Heirat mit Kaiser Theodosius II. Die Ehe wurde am 7. Juni 421 geschlossen. 422 gebar sie Licinia Eudoxia, vor 431 Flacilla; ein Sohn namens Arcadius wurde wahrscheinlich ebenfalls geboren und vielleicht sogar zum Augustus erhoben, verstarb jedoch in sehr jungen Jahren. 423 wurde sie von Theodosius II. in den Rang einer Augusta erhoben. Anlässlich einer Wallfahrt im Jahr 438 nach Jerusalem, bei der sie großen Eindruck auf die Bevölkerung machte, als sie etwa vor dem „Grab Christi“ niederkniete, brachte sie Reliquien des heiligen Stephan und die Ketten Petri nach Konstantinopel, für die Reliquien des heiligen Polyeuktos stiftete sie einen Kirchenbau. Ihr Einfluss auf den Kaiser hatte zu diesem Zeitpunkt den Höhepunkt erreicht und übertraf damit selbst den Einfluss der Schwester des Kaisers, der machtbewussten Aelia Pulcheria.

Die Beziehung zu ihrem Ehemann verschlechterte sich jedoch im Laufe der Zeit. Schließlich wurde der mächtige magister officiorum Paulinus hingerichtet, weil man ihm, so Malalas, eine Affäre mit der Kaiserin vorwarf. Wahrscheinlich aufgrund dieser Palastintrigen, vielleicht auf Befehl ihres Gatten, womöglich aber auch auf eigenen Entschluss hin reiste sie wohl 443 erneut nach Jerusalem, wo sie bis zu ihrem Tod am 20. Oktober 460 lebte. Die Details über ihren Fortgang aus Konstantinopel sowie das genaue Jahr sind in der Forschung umstritten.

Aelia Eudocia war maßgeblich am Aufbau der christlichen Universität von Konstantinopel beteiligt, die als sogenanntes Athenäum im Jahr 424 auf konstantinischen Anfängen basierend aufgebaut wurde und als erste große Geistesleistung die Sammlung der Gesetzeskompilation des Codex Theodosianus erbrachte. Aelia Eudocia selbst verfasste geistliche Dichtungen, die teilweise erhalten sind. Sie sympathisierte mit dem Miaphysitismus, wandte sich am Ende ihres Lebens jedoch der Orthodoxie zu. In der orthodoxen Kirche wird sie als Heilige verehrt, ihr Festtag ist der 13. August.

In Jerusalem ließ sie die Stadtmauern, die nun neben der alten Davidsstadt auch den Zionsberg umschlossen, wiederaufbauen und stiftete Spitäler, Pilgerherbergen, Klöster und Kirchen. Laut der historisch wenig zuverlässigen Vita des Barsauma soll sie auch den Juden größere Freiheiten gestattet haben, die Stadt an religiösen Festtagen zu besuchen, jedoch berichtet dies keine andere Quelle, etwaige Privilegien sind auch später nicht belegt. Sie wurde in der Stephanuskirche (unmittelbar vor dem Nordtor gelegen) bestattet, die sie selbst gegründet hatte. 
AELIA, Eudocia (I47237)
 
3811 Leben
Attala war die Tochter des Etichonen-Herzogs Adalbert († 722) und seiner Frau Gerlind. Von ihrer Tante Odilia wurde sie in deren Kloster auf dem heutigen Odilienberg bei Straßburg erzogen. Um 720 übernahm sie mit 30 Jahren als Äbtissin die Leitung des von ihrem Vater gestifteten Frauenklosters St. Stephan in Straßburg, welche sie bis zu ihrem Tode innehatte. Sie starb 741 und wurde in St. Stephan beigesetzt und erfuhr ab dem 10. Jahrhundert Verehrung als Heilige; ihre Reliquien verschwanden jedoch in der Französischen Revolution.

Ihr Gedenktag war bis 1865 der 3. Dezember, heute ist es der 5. Dezember. Häufig wird Attala mit Krone sowie Schlüssel oder Kirche dargestellt.

Sonstiges
Nach dem Elenchus der Bollandisten war sie eine Jungfrau zu Straßburg, und nach dem Werk Attribute der Heiligen wurde ihrem Leichnam von einem Boten die Hand zur Nutzung für Heilungen abgeschnitten, welche aber durch Verirrung am Ende wieder zum verstümmelten Leichnam kam.
Als Namensherkunft wurde unter anderem aus dem Gotischen/Althochdeutschen „väterlich“, aus dem Griechischen ἀταλός (atalos, „kindlich, jugendlich“) oder aus dem Altdeutschen „Adel, edel“ und als Namensbedeutung aus dem Gotischen „die Vaterstelle vertretend“ überliefert. 
VON STRASSBURG, Attala (I61411)
 
3812 Leben
Aufstieg zum Kaiser
Anthemius war mütterlicherseits der Enkel des gleichnamigen Prätorianerpräfekten, der um 410 faktisch die Regierungsgeschäfte für den jungen oströmischen Kaiser Theodosius II. geführt hatte. Sein Vater Procopius war unter demselben Kaiser 424 Heermeister des Ostens (magister militum per Orientem) gewesen, gehörte also zu den höchsten Generälen des Reiches.[1] Über diesen stammte er angeblich auch von Procopius ab, der seinerseits ein entfernter Verwandter der konstantinischen Dynastie gewesen war. Anthemius stammte mithin aus einer Familie der Hocharistokratie.

Wohl irgendwann nach seiner Regierungsübernahme im Jahr 450 gab ihm Kaiser Markian seine Tochter Euphemia zur Frau und übertrug ihm als comes das Kommando in einem Feldzug gegen die Goten und Hunnen an der Donau. Nach seiner Rückkehr ernannte er dann seinen Schwiegersohn zum Konsul für das Jahr 455 sowie zum patricius und zum magister militum praesentalis.[2] Als Schwiegersohn Markians und amtierender magister militum praesentalis hatte er nach dessen Tod 457 eigentlich beste Aussichten auf die oströmische Kaiserwürde, doch setzte sich mit Hilfe des zweiten Heermeisters Aspar stattdessen Leo als neuer Herrscher durch. Dennoch blieb Anthemius weiterhin eine wichtige und prominente Figur in der Hauptstadt Konstantinopel. 466 war er Kommandant der Flotte am Hellespont; wohl 466/467 kämpfte er gegen den Hunnenführer Hormidac.[3]

Der Heermeister Ricimer, der zu dieser Zeit mächtigste Militär in Italien und faktische Regent des Westreichs, bat 466 Leo I. um die Ernennung eines eigenen Kaisers für den Westen. Leo, der 465 formal selbst die Regierung auch im Weströmischen Reich übernommen hatte, da das westliche Kaisertum seit diesem Jahr vakant war, veranlasste, dass Anthemius Anfang 467 nach Italien geschickt und dort zum Westkaiser erhoben wurde. Ricimer erhoffte sich von Ostrom dafür militärische Unterstützung; Leo konnte sich seinerseits auf diese Weise elegant eines mächtigen Rivalen entledigen.[4] Anthemius wurde in der ersten Januarhälfte 467 noch in Konstantinopel von Leo zum Caesar erhoben und erreichte Italien im Frühjahr 467; begleitet wurde er von einem starken Heer, das Leo finanziert hatte. Am 12. April 467 wurde er vor Rom zum Augustus ausgerufen. Er knüpfte Heiratsverbindungen mit seinem oströmischen Kollegen und bemühte sich insgesamt darum, die Idee einer staatsrechtlichen Einheit beider Hälften des Imperium Romanum zu propagieren.

Der neue Westkaiser versuchte sogleich, die beiden erstrangigen militärischen Herausforderungen zu lösen, die den Rest des Römischen Reichs im Westen betrafen und zusehend destabilisierten. Dies waren zum einen die unruhigen westgotischen foederati unter Eurich (II.), die sich insbesondere in Aquitanien niedergelassen hatten. Und zum anderen (und vor allem) stellten die Vandalen in Africa eine tödliche Bedrohung für Westrom dar: Ihr rex Geiserich residierte seit 439 in Karthago und befand sich seit 455 im Krieg mit der von seinem Rivalen Ricimer kontrollierten weströmischen Regierung in Ravenna; er schnitt Italien immer wieder vom lebenswichtigen nordafrikanischen Getreide ab und störte mit seiner Flotte den Frieden. Gelänge es Anthemius nicht, diese Bedrohung auszuschalten, so wäre seine Herrschaft zum Scheitern verurteilt.

Herrschaft
Als Herrscher nannte sich der neue Kaiser Imperator Caesar Flavius Procopius Anthemius Augustus. Seine Regierung begann zunächst hoffnungsvoll. Er besaß die Rückendeckung Leos I. und zunächst auch die Ricimers, der Anthemius’ Tochter Alypia heiratete und ein Todfeind des Vandalenherrschers Geiserich war. Ein wichtiger Kommandeur in Illyrien, der Heermeister Marcellinus, gab seine bisherige Opposition gegen die Regierung in Italien auf und leistete den Treueeid auf den neuen Kaiser. Leo erkannte Anthemius unterdessen offiziell als iunior Augustus an und gab Befehl, das Bildnis seines Kollegen überall in der östlichen Reichshälfte gemeinsam mit seinem eigenen aufzustellen, um die Samtherrschaft der beiden Herrscher über das ungeteilte Imperium Romanum zu dokumentieren.

Der große Vandalenfeldzug, den beide Kaiser gemeinsam und mit gewaltigem Aufwand (65.000 Pfund Gold und 700.000 Pfund Silber brachte alleine Ostrom auf, um Flotte und Armee auszurüsten) durchführten, kam zunächst gut voran; das römische Heer soll insgesamt 100.000 Mann gezählt haben.[5] Allerdings wurde es nach anfangs deutlichen Fortschritten – so gelang zum Beispiel die Zerstörung einer vandalischen Flotte – versäumt, auf diesen Erfolgen aufzubauen. Der Feldherr Basiliscus ermöglichte es Geiserich, die ankernde römische Flotte durch Brandschiffe zu vernichten (468), so dass man gezwungen war, sich nach Sizilien zurückzuziehen, wo Marcellinus, der dort gegen die Vandalen kämpfte, kurz darauf ermordet wurde. Ein oströmisches Landheer, das von Ägypten aus Richtung Karthago marschiert war, brach angesichts dieser Katastrophen den Feldzug ab und kehrte um. Ob Basiliscus nur Pech hatte oder ob er unfähig oder gar korrupt war, wie spätere Quellen behaupten, lässt sich kaum klären (da er 475 als Usurpator auftrat, mag sein Bild im Rückblick verzerrt worden sein). Das Scheitern des Feldzugs wurde jedenfalls auch Anthemius angelastet, obwohl dieser an den Operationen nicht direkt beteiligt gewesen war. Nach Ansicht von Forschern wie Peter J. Heather, Mischa Meier oder Henning Börm besiegelte das Scheitern des Feldzugs den Untergang Westroms, das im Falle einer Rückgewinnung Nordafrikas wohl noch eine realistische Überlebenschance besessen hätte; so aber konnte Geiserich weiter von seiner Machtbasis aus Italien destabilisieren.

Die Stellung des Kaisers war nach dieser Niederlage erschüttert, und viele wandten sich offenbar enttäuscht von Anthemius ab. Vereinzelt wurde er nun als „griechischer Kaiser“ (Graecus imperator) verunglimpft und ihm damit das Römertum abgesprochen, doch wurde diese Sichtweise von der weströmischen Oberschicht nicht allgemein geteilt. Problematischer war der Umstand, dass der Kaiser gegenüber Heiden und „Häretikern“ ungewöhnliche Toleranz zeigte, so dass der aus Rom stammende Messius Phoebus Severus, ein (angeblicher?) Heide, 470 Konsul und anschließend Stadtpräfekt wurde. Vergleichbares war in Rom seit sechs Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen. Durch diese Politik geriet Anthemius in einen immer stärkeren Gegensatz zur römischen Kirche und deren mächtigen Bischöfen Hilarius (461–468) und Simplicius (468–483). Dieser Konflikt wurde vielleicht dadurch verschärft, dass der Kaiser ungewöhnlicherweise in Rom residierte und damit den Freiraum, den die dortigen Bischöfe beanspruchten, einschränkte. Ein Grund für das Verhalten des Herrschers mag in seiner oströmischen Herkunft zu sehen sein – der Patriarch von Konstantinopel wurde von den Kaisern traditionell weitaus stärker kontrolliert als die selbstbewussten Bischöfe von Rom; der Anspruch des Augustus, über der Kirche zu stehen, wurde in Ostrom kaum in Frage gestellt und musste fast zwangsläufig zu Konflikten mit dem stadtrömischen Klerus führen.

Den Kaiser plagten nach 468 leere Kassen, und da der Sold ausblieb, begann sich seine Armee langsam aufzulösen. Anthemius gab aber zunächst nicht auf und bemühte sich nun um militärische Erfolge gegen die Westgoten, die große Teile Südgalliens kontrollierten. Dabei erhielt er angeblich Unterstützung durch (den) Riothamus, der zwar in Britannien (oder eher in Aremorica), und damit recht weit entfernt vom Kreis der möglichen Parteigänger, herrschte, ihn aber mit seiner Armee verstärkte, um den Westgotenkönig Eurich anzugreifen. Eurich war jedoch in der Lage, sowohl das Heer des Riothamus als auch die römischen Truppen, die von Anthemiolus, einem Sohn des Kaisers, kommandiert wurden, zu schlagen (470/71), nur um danach auch noch mehrere gallische Städte zu besetzen, die bislang noch in römischer Hand gewesen waren. Zudem pflegte Eurich beste Kontakte zu Ricimer, der am Scheitern des kaiserlichen Feldzugs vielleicht nicht unschuldig war.

Krankheit und Tod
Nach all diesen Misserfolgen wurde Anthemius 470 offenbar ernsthaft krank. Angeblich im Glauben, dass er Zauberei ausgesetzt sei, übte er Rache an verschiedenen prominenten Männern, allen voran dem hochrangigen Beamten (magister officiorum) Romanus, dem er möglicherweise mit Recht vorwarf, nach dem Kaisertum zu trachten: Wahrscheinlich hatte Anthemius ein vermeintliches oder tatsächliches Komplott aufgedeckt. Mit 6.000 Elitesoldaten, die für den Vandalenkrieg gerüstet waren, zog Ricimer daraufhin von seiner Basis Mailand aus gegen den Kaiser, doch konnte zunächst noch eine vorläufige Versöhnung ausgehandelt werden. Hinter all diesen Ereignissen stand vermutlich der Konflikt zwischen dem mächtigen Kaisermacher Ricimer und dem Augustus, der sich dem Einfluss des Heermeisters zu entziehen suchte und wohl deshalb nicht in Mailand oder Ravenna, sondern wie gesagt in Rom residierte. Der Ostkaiser Leo, der 471 seinen mächtigen Heermeister Aspar hatte ermorden lassen, soll Anthemius geraten haben, mit Ricimer genauso zu verfahren (Johannes Malalas 14,45). Der Streit eskalierte Anfang 472 erneut, woraufhin Ricimer dem Anthemius endgültig die Gefolgschaft aufkündigte und den Gegenkaiser Olybrius ausrief. Anthemius wurde offenbar anfangs von vielen Senatoren und Italikern, Ricimer von den zumeist „barbarischen“ Truppen und der um ihre Macht fürchtenden Reichskirche unterstützt. Es kam zu einem kurzen, aber heftigen Bürgerkrieg. Im Laufe der Zeit scheinen viele Senatoren die Seiten gewechselt zu haben, als sich das Kriegsglück gegen Anthemius wandte. Auch Leo entzog Anthemius nun offenbar seine Unterstützung und ließ sich von Ricimer zur Anerkennung von Olybrius bewegen. Der Konflikt endete fünf Monate später mit Ricimers Eroberung und Plünderung Roms sowie der Gefangennahme und anschließenden Hinrichtung des Anthemius, der noch versucht haben soll, als Bettler verkleidet zu entkommen, im Juli 472. Bemerkenswerterweise ließ ihm Ricimer ein Staatsbegräbnis zukommen. Sein Sohn Marcianus, Konsul des Jahres 469, erhob sich 479 erfolglos gegen Zenon. 
FLAVIUS, Procopius Anthemius (I47219)
 
3813 Leben
August war Angehöriger des preußischen Stammes des Adelsgeschlechts von Dönhoff. Er war ein Sohn des preußischen Kriegsministers Christian von Dönhoff (1742–1803) und der Charlotte Amalie Rollaz du Rosey (1742–1813), Enkelin von Imbert Rollaz du Rosey.

Dönhoff besaß aus väterlichem Erbe Friedrichstein. Während seiner aktiven Zeit als Offizier in der preußischen Armee nahm er an den Koalitionskriegen teil und erhielt 1808 den Orden Pour le Mérite. Im Jahre 1818 wurde er Oberhofmarschall und 1823 Landhofmeister im Königreich Preußen. Wie sein Vater war Mitglied im Freimaurerbund und gehörte der Königsberger Freimaurerloge Zu den drei Kronen an. 
VON DÖNHOFF, August Friedrich Philipp (I57897)
 
3814 Leben
Augustus des Westens
Valentinian II. wurde im Alter von vier Jahren 375 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Valentinian I. von den Truppen in Aquincum zum Augustus (Kaiser) im Westen des Imperium Romanum ausgerufen. Seine Kaisererhebung wurde offenbar maßgeblich vom germanischen Heermeister (magister militum) Merobaudes betrieben.[1] Valentinians 17-jähriger Halbbruder Gratian, der schon acht Jahre zuvor von seinem Vater zum Augustus erhoben worden war, stimmte ihr ebenso wie sein Onkel, der nun dienstälteste Kaiser (senior Augustus) Valens, der im Osten des Reiches residierte, schließlich zu.

Das Reich wurde nominell zwischen den drei Augusti geteilt (blieb aber staatsrechtlich eine Einheit). Gratian bekam die transalpinen Provinzen, während Valentinian Italien, Teile von Illyrien und Africa zugesprochen wurden und Valens für den Osten zuständig blieb. Freilich konnte Valentinian, der in Mediolanum (Mailand) residierte, aufgrund seines Alters nicht eigenständig regieren, so dass Gratian de facto weiterhin den ganzen Westteil des Reiches beherrschte.

Nach dem gewaltsamen Tod des Valens in der Schlacht von Adrianopel im Juli 378 wurde das Kaiserkollegium Anfang 379 um Theodosius I. erweitert, den Gratian als Nachfolger seines Onkels Valens zum Kaiser im Osten ernannte, um einer Usurpation zuvorzukommen.

Justina und Ambrosius
Valentinian, wenngleich als römischer Kaiser grundsätzlich juristisch mündig, stand lange faktisch unter der Vormundschaft seines Halbbruders Gratian, vor allem aber unter dem Einfluss seiner Mutter Justina, die ihn bis zu ihrem Tod um 388 dominierte. Justina war Arianerin (Homöerin) und stand damit im Gegensatz zu dem in Mailand äußerst mächtigen und populären katholischen Bischof Ambrosius, einem weiteren wichtigen Ratgeber des Kaisers (siehe auch Streit um den Victoriaaltar im Jahr 384).[2] Ein dritter wesentlicher Berater des Kaisers war neben Justina der fränkische Heermeister Bauto († um 385).

Ambrosius widersetzte sich immer häufiger den Anordnungen Valentinians, vor allem in Bezug auf dessen Toleranzedikt zugunsten der Arianer, was schließlich in dem erstmals geäußerten Anspruch der Kirche gipfelte, auch über Kaiser richten zu dürfen: 385/386 kam es erneut zum Konflikt mit Ambrosius. Auf Wunsch Justinas sollte die vor den Toren Mailands gelegene Basilica Portiana zu einer Kirche für die Arianer gemacht werden; dies wäre formal im Einklang mit den Gesetzen gewesen, die arianische Kirchen lediglich innerhalb der Städte verboten. Ambrosius aber verweigerte dies und ließ sowohl die Basilica Portiana als auch die große Basilica nova intramurana im Stadtzentrum von einer gewaltbereiten Menge besetzen, die sich den kaiserlichen Beauftragten entgegenstellten. Ambrosius schrieb dem Kaiser einen Brief, in dem er formulierte, die letzte Entscheidung liege grundsätzlich beim Bischof. Im letzten Moment rief der Kaiser seine Soldaten zurück und verließ Mailand in Richtung Aquileia. Im Juni 386 behauptete Ambrosius überdies, die Gebeine der Märtyrer Gervasius und Protasius entdeckt zu haben. Durch dieses angebliche Wunder wurde der Bischof endgültig unangreifbar; Valentinian II. und Justina mussten klein beigeben. Angesichts dieser offensichtlichen Schwäche griff wenig später Magnus Maximus (siehe unten) offen in die Kirchenpolitik im Reichsteil des Valentinian ein.

Magnus Maximus
Im Jahr 383 brach bei den römischen Truppen in Britannien ein Aufstand aus. Ihr Kommandeur Magnus Maximus wurde schließlich von der Armee in Britannien, Belgien, Germania prima und Germania secunda zum Augustus ausgerufen. Gratian zog dem Usurpator entgegen, doch ließen ihn seine Truppen im Stich und liefen zu Magnus Maximus über. Gratian wurde kurz darauf in Lyon ermordet. Maximus wählte als Residenz Trier und wurde vorläufig von Theodosius I., dem Kaiser im Osten und Ehemann von Valentinians Schwester Galla, anerkannt. Zunächst beschränkte er sich auf den einstigen Reichsteil Gratians, doch im Jahr 387 überschritt Magnus Maximus doch die Alpen und marschierte auf Mailand zu.

Valentinian und seine Mutter flohen nach Thessalonike zu Theodosius I. Dieser setzte Valentinian wieder ein, nachdem er Maximus in zwei Schlachten geschlagen und kurz darauf hingerichtet hatte.

Tod und Nachfolge
Valentinian selbst residierte seit 389 in Trier und Vienne, doch gelang es ihm auch jetzt nicht, eine selbstständige Regierungstätigkeit auszuüben, obwohl er nun formal der senior Augustus, der dienstälteste Kaiser, war. Das war vor allem der mächtigen Stellung des fränkischen Heermeisters Arbogast geschuldet, der faktisch den Westen regierte, wohl gedeckt von Theodosius. Der hatte ein Interesse daran, den jüngeren, ihm formal aber übergeordneten Valentinian unter Kontrolle zu halten. Arbogast soll schließlich sogar einen Freund Valentinians, der ihm öffentlich widersprochen hatte, vor den Augen des Kaisers ermordet haben. Als Valentinian Arbogast ein Entlassungsschreiben übergab, zerriss Arbogast es, denn da nicht er, sondern Theodosius ihn eingesetzt habe, könne ihn auch nur der entlassen: „Weder hast du mir die Macht gegeben, noch kannst du sie mir nehmen.“[3] Arbogast gelang allerdings die Sicherung der römischen Grenze gegen die Franken, die schon 388 plündernd in Gallien eingefallen waren und eine römische Strafexpedition vernichtet hatten; das geht aus dem Bericht des Sulpicius Alexander hervor, der im Geschichtswerk des Gregor von Tours erhalten ist (siehe auch Marcomer).[4]

Valentinian, dessen Charakter in den Quellen gelobt wird, der aber schwer unter der Bevormundung Arbogasts gelitten haben muss, wurde am 15. Mai 392 erhängt in seinem Palast in Vienne aufgefunden.[5] Die Umstände seines Todes sind nicht vollkommen klar: Nach Aussage mehrerer Quellen wurde er auf Veranlassung Arbogasts heimlich ermordet; es hieß, er sei beim Baden erdrosselt worden. Da es diesen Autoren aber vielfach darum ging, Theodosius I. positiv und als Rächer Valentinians darzustellen, ist große Vorsicht geboten: Wahrscheinlich beging der junge Kaiser aufgrund seiner Machtlosigkeit Selbstmord. Auch in diesem Fall wäre Arbogast natürlich eine indirekte Schuld kaum abzusprechen. Da nicht erkennbar ist, welchen Vorteil sich der Heermeister vom Tod Valentinians hätte versprechen können, ist diese Lesart nach Ansicht der meisten Althistoriker deutlich plausibler.[6] Dafür, dass der Kaiser nicht ermordet wurde, spricht überdies die anschließende monatelange Thronvakanz: Hätte man Valentinian getötet, so hätte man wohl bereits einen unmittelbaren Nachfolger zur Hand gehabt.[7]

Arbogast bat Theodosius jedenfalls um die Erhebung oder Entsendung eines neuen Augustus für den Westen. Doch Theodosius, der vielleicht keinen seiner beiden jungen Söhne in die Hände des Heermeisters fallen lassen wollte, blieb drei Monate tatenlos. Im August ließ Arbogast daher den Rhetor Eugenius von den Truppen zum Kaiser ausrufen. Der war ein eher toleranter Christ und verständigte sich, nachdem Annäherungsversuche an Ambrosius von Mailand gescheitert waren, bald mit den heidnisch-senatorischen Kreisen um Virius Nicomachus Flavianus, einen prononcierten Heiden, wenngleich auffällt, dass sich mehrere prominente Heiden, darunter Quintus Aurelius Symmachus, sehr zurückhaltend verhielten. Es kam zu einem letzten Aufbäumen des Heidentums im Westen, das in Rom im folgenden Jahr dazu führte, dass die Tempel wieder geöffnet wurden. Die moderne Forschung misst dem religiösen Aspekt der Auseinandersetzung allerdings zumeist keine große Bedeutung mehr bei, da auf beiden Seiten Christen und Heiden standen. Die militärische Reaktion des Theodosius erstickte die vorsichtige heidnische Restauration aber bald: Theodosius erließ Gesetze, die das Heidentum endgültig reichsweit verbieten sollten. 394 besiegte er Eugenius in der Schlacht am Frigidus; sowohl Eugenius als auch Arbogast verloren in diesem Zusammenhang ihr Leben, das Imperium war daraufhin zum letzten Mal (und nur kurzzeitig) wieder unter der Herrschaft eines einzigen Kaisers vereint (auch wenn es formal drei Augusti gab, nämlich neben Theodosius auch seine beiden Söhne). 
FLAVIUS, Valentian II. (I47224)
 
3815 Leben
Barbara war eine Tochter des Königs Kasimir IV. von Polen (1427–1492) aus dessen Ehe mit Elisabeth von Habsburg (1437–1505), Tochter des römisch-deutschen Königs Albrecht II. Barbaras ältere Schwester Hedwig hatte 1475 in der so genannten Landshuter Fürstenhochzeit Herzog Georg den Reichen von Bayern-Landshut geheiratet.

Barbara heiratete am 21. November 1496 in einer glanzvoll und sehr aufwändig begangenen Zeremonie in Leipzig Herzog Georg von Sachsen (1471–1539). Bei der Hochzeit sollen 6286 deutsche und polnische Adlige zugegen gewesen sein.[1] Als Schwager gleich dreier polnischer Könige wurde Georg damit auch zu einer Schlüsselfigur bei Friedensvermittlungen im deutschen Osten und in Polen-Litauen. Aber auch für die Jagiellonen war die Heirat wegen der Rivalität mit den Habsburgern um die ungarische Krone von Bedeutung.[2.1] Barbara stiftete gemeinsam mit ihrem Mann 1513 im Meißner Dom mehrere Messen und liturgische Feiern anlässlich des Osterfestes, die seitdem jährlich aufgeführt wurden. Briefe, die Barbara an ihren 1514 in Friesland kämpfenden Gatten schrieb, zeugen von einer glücklichen und liebevollen Ehe. Das bezeugt auch das Zahlenrätsel auf Münzen in der Zeit der Alleinprägung Herzog Georgs, ein kleines Zeichen, das aus einer Sieben und einer Z-artig geschriebenen Zwei besteht, die miteinander verschränkt sind. Die Sieben bedeutet den siebenten Buchstaben und die Zwei den zweiten Buchstaben des Alphabets. Es sind die Anfangsbuchstaben der Namen Georg und Barbara. Nach dem Tod seiner Gemahlin soll sich Georg aus Trauer den Bart haben wachsen lassen, dem er seinen Beinamen der Bärtige verdankt.[3]

Barbara wurde im Dom von Meißen in einer von ihrem Mann 1521–1524 errichteten eigenen Begräbniskapelle bestattet. Barbara und Georg sind das letzte wettinische Fürstenpaar, das im Meißner Dom bestattet wurde. Das Altargemälde in der Grabkapelle wurde von Lucas Cranach den Älteren geschaffen und stellt das Paar, umgeben von Aposteln und Heiligen dar. 
VON POLEN, Barbara (I61266)
 
3816 Leben
Barbara war eine Tochter des Landgrafen Philipp I. von Hessen (1504–1567) aus dessen Ehe mit Christine (1505–1549), Tochter des Herzogs Georg von Sachsen.

Sie heiratete am 10. September 1555 in Reichenweier (heute Riquewihr) den Grafen Georg von Württemberg-Mömpelgard (1498–1558).[1] Der bereits 57-jährige Bräutigam war von seinem Neffen Christoph zur Ehe gedrängt worden, um das drohende Aussterben des Hauses Württemberg zu vermeiden. Durch ihren einzigen überlebenden Sohn Friedrich sicherte Barbara somit den Fortbestand des württembergischen Hauses. Nach dem Tod ihres Mannes kümmerte sie sich um die Erziehung ihres Sohnes, die Vormundschaft war aber, neben Herzog Christoph von Württemberg und Graf Philipp von Hanau, Barbaras Vater und Schwager übertragen worden. Barbara und Georg machten Mömpelgard zu einer lutherischen Grafschaft, deren Gebiet am Ende des 18. Jahrhunderts eine evangelische Enklave im ansonsten katholischen Frankreich wurde.

Am 11. November 1568 vermählte sie sich in zweiter Ehe in Kassel mit dem Grafen Daniel von Waldeck (1530–1577), den sie vermutlich bei der Trauerfeier für ihren Vater kennengelernt hatte.

Sehr häufig wandte sie sich schriftlich an ihren Neffen, den Landgrafen Moritz von Hessen, und an dessen Kammermeister; dabei ging es um Bitte von finanziellen Zuwendungen, um Übergabe von Lehen, um die Behandlung ihrer Schwestern bei Hofe, und um die Überlassung des Klosters Marienthal in Netze. Nach Daniels Tod machte Barbara umfangreiche Geldspenden an verschiedene Kirchen. Sie überlebte ihren Mann um 20 Jahre und erhielt als Wittum das halbe Amt Waldeck, wobei sie im Schloss eine eigene Kanzlei führte.

Barbara ist unter einem Epitaph an der Seite ihres zweiten Gemahls im Kloster Marienthal bestattet.

Nachkommen
Aus ihrer ersten Ehe hatte Barbara folgende Kinder:

Ulrich (1556–1557)
Friedrich I. (1557–1608), Herzog von Württemberg ⚭ Prinzessin Sibylla von Anhalt (1564–1614)
Eva Christina (1558–1575)
Ihre zweite Ehe war kinderlos.

Literatur
Franz Brendle: Barbara. In: Sönke Lorenz, Dieter Mertens, Volker Press (Hrsg.): Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon. Kohlhammer, Stuttgart 1997, ISBN 3-17-013605-4, S. 127 f.
Franz Dominicus Häberlin, Renatus Karl von Senkenberg: Neueste Teutsche Reichs-Geschichte, Vom Anfange des Schmalkaldischen Krieges bis auf unsere Zeiten. Band 4. Gebauer, Halle 1777 (Digitalisat), S. 420.
Ludwig Friedrich Heyd, Karl Pfaff: Ulrich, Herzog zu Württemberg. Ein Beitrag zur Geschichte Württembergs und des deutschen Reichs im Zeitalter der Reformation. Band 3. Fues, Tübingen 1844 (Digitalisat), S. 600 f.
Karl Pfaff: Fürstenhaus und Land Württemberg nach den Hauptmomenten, von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Zweite verbesserte Ausgabe. Schweizerbart, Stuttgart 1949 (Digitalisat), S. 109.
Gerhard Raff: Hie gut Wirtemberg allewege. Band 1: Das Haus Württemberg von Graf Ulrich dem Stifter bis Herzog Ludwig. 6. Auflage. Landhege, Schwaigern 2014, ISBN 978-3-943066-34-0, S. 498–503.
Christoph von Rommel: Geschichte von Hessen. Vierten Theiles dritte Abtheilung. Siebenter Band. Perthes, Kassel 1839 (Digitalisat), S. 196.
Johann Adolph Theodor Ludwig Varnhagen: Grundlage der Waldeckischen Landes- und Regentengeschichte. Band 2. Speyer, Arolsen 1853 (Digitalisat), S. 60 ff. 
VON HESSEN, Barbara (I61231)
 
3817 Leben
Baumgarten, Sohn und Enkel von Pastoren, besuchte die Große Schule in Wolfenbüttel[1] und studierte ab 1842 Theologie an der Universität Jena, wechselte aber nach einem Jahr zu Philologie und Geschichte an der Universität Halle. Nach einer politisch bedingten Relegation setzte Baumgarten das Studium 1845 in Bonn fort und beendete es in Göttingen. In Jena schloss er sich 1842 der Burschenschaft auf dem Burgkeller, der heutigen Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller, in Halle 1843 der Burschenschaft Allemannia an. Nach einer Tätigkeit als Redakteur der Deutschen Reichs-Zeitung (Braunschweig) von der Revolution bis 1852 ging Baumgarten 1853 zu Georg Gottfried Gervinus, der wegen Hochverrats angeklagt worden war, nach Heidelberg. Er veröffentlichte eine Verteidigungsschrift für Gervinus und arbeitete mit an dessen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Von 1855 bis 1861 war Baumgarten als Publizist tätig und veröffentlichte ein Werk über die spanische Geschichte zur Zeit Kaiser Karls V. und zur Geschichte Spaniens von der Französischen Revolution bis zu seiner Gegenwart. Er folgte 1861 einem Ruf als ordentlicher Professor für Geschichte und Literatur an die Technische Hochschule Karlsruhe und wechselte 1872 als Professor für Geschichte und Literaturgeschichte an die Universität Straßburg.

Baumgarten verfasste ab 1882 eine unvollendet gebliebene Biographie Kaiser Karls V. Karl Brandi wollte sie ursprünglich mit den sich anschließenden Bänden fortsetzen, entschied sich aber zu einer gänzlichen Neugestaltung unter Verwendung der Baumgarten’schen Biographie.

Als Verfechter des Liberalismus stand Baumgarten immer wieder vor der Entscheidung, sich den Vorstellungen Bismarcks anzunähern und auf liberale Vorstellungen zu verzichten oder konsequent auf den ursprünglichen liberalen Grundsätzen zu beharren. Dieses wurde von Baumgarten in seinem Werk Der deutsche Liberalismus. Eine Selbstkritik verneint. Er nahm jedoch den zweiten Band der Deutschen Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert von Heinrich von Treitschke zum Anlass, um auch die einseitige preußische Politik im Deutschen Reich zu kritisieren. In seiner Kritik beanstandete er sowohl Treitschkes dürftige Archivarbeit und die methodischen Schwächen seines Werkes, als auch die tönende Polemik seiner preußisch-nationalen Historiographie, die sich in ihrer Tendenz sowohl gegen Österreich, England, Judentum und Liberalismus richtete. Damit löste Baumgarten eine heftige publizistische Debatte aus, an der sich namhafte Historiker beteiligten und die unter dem Namen Treitschke-Baumgarten-Kontroverse (1882/83) bekannt ist. Baumgarten hatte u. a. für die Historische Zeitschrift (HZ) geschrieben, trennte sich jedoch von ihr, nachdem die HZ unter der Leitung Heinrich von Sybels in diesem Historikerstreit im Sinne Treitschkes entschieden hatte und die dort vertretenen Positionen, zu denen auch die Treitschkes gehörten, für ihn nicht mehr annehmbar waren. Baumgartens Niederlage war gleichzeitig eine Niederlage des deutschen Liberalismus.

Baumgarten war seit 1880 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war er seit 1872.[2] 1890 wurde er als assoziiertes Mitglied in die Königliche Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien aufgenommen.[3] Er war Lehrer seines Neffen Max Weber, der sich als einer der Begründer der Soziologie in Deutschland einen Namen machte.

Hermann Baumgarten war seit 1855 mit Ida Fallenstein (1837–1899) verheiratet, der ältesten Tochter des Geheimen Finanzrats Georg Friedrich Fallenstein (1790–1853)[4]. Über ihre jüngeren Schwestern Henriette und Helene war er mit Adolf Hausrath und Max Weber senior verschwägert. Das Paar bekam acht Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten: Fritz (1856–1913), Otto (1858–1934), Emmy (1865–1946) und Anna (1868–1943).

Werke (Auswahl)
Gervinus und seine politischen Überzeugungen. Ein biographischer Beitrag. Engelmann, Leipzig 1853.
Geschichte Spanien's zur Zeit der französischen Revolution. Reimer, Berlin 1861.
Geschichte Spaniens vom Ausbruch der Französischen Revolution bis auf unsere Tage. Drei Bände. Hirzel, Leipzig 1865–1871.
Der deutsche Liberalismus. Eine Selbstkritik. Berlin 1866 (Neudruck: Hrsg. u. eingeleitet von Adolf M. Birke. Ullstein, Frankfurt/M. 1974, ISBN 3-548-03034-3).
Wie wir wieder ein Volk geworden sind. 2. Aufl. Hirzel, Leipzig 1870.
Archive und Bibliotheken in Frankreich und Deutschland. Reimer, Berlin 1875.
Über Sleidans Leben und Briefwechsel. Trübner, Straßburg 1878.
Vor der Bartholomäusnacht. Trübner, Straßburg 1882.
Treitschke's deutsche Geschichte. 3. Aufl. Trübner, Straßburg 1883.
Geschichte Karls V. Drei Bände. Cotta, Stuttgart 1885–1892.
Karl V. und die deutsche Reformation. Verein für Reformationsgeschichte, Halle 1888.
Historische und politische Aufsätze und Reden. Trübner, Straßburg 1894.
Staatsminister Jolly. Ein Lebensbild. Laupp, Tübingen 1897.
Literatur
Andreas Biefang: Der Streit um Treitschkes „Deutsche Geschichte“ 1882/83. Zur Spaltung des Nationalliberalismus und der Etablierung eines national-konservativen Geschichtsbildes. In: Historische Zeitschrift. Band 262, 1996, S. 391–422.
F. B.: Hermann Baumgarten. In: Friedrich von Weech, Albert Krieger (Hrsg.): Badische Biographien. Bd. 5. Carl Winter, Heidelberg 1906, S. 39–50 (Digitalisat).
Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 1: A–E. Winter, Heidelberg 1996, ISBN 3-8253-0339-X, S. 61–62.
Rudolf Haym: Hermann Baumgarten. Berlin 1894.
Harald Lönnecker (Bearb.): Die Mitglieder der Halleschen Burschenschaft 1814–ca. 1850. In: Günter Cerwinka, Peter Kaupp, Harald Lönnecker und Klaus Oldenhage (Hrsg.): 200 Jahre burschenschaftliche Geschichte. Von Friedrich Ludwig Jahn zum Linzer Burschenschafterturm. Ausgewählte Darstellungen und Quellen (= Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Band 16). Heidelberg 2008, S. 82–311, hier S. 94, Nr. 94.
Erich Marcks: Hermann Baumgarten. Ein Lebensbild. München 1893.
Wolfgang H. Stark: Hermann Baumgarten (1825–1893). Ein biographischer Beitrag zur Klärung der Ideenwelt des deutschen politischen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Dissertation, Erlangen 1973.
Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode: Baumgarten, Carl August Ludwig Hermann. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 1. Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 658–659 (deutsche-biographie.de).
Wilhelm Wiegand: Baumgarten, Hermann. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 55, Duncker & Humblot, Leipzig 1910, S. 437–451. 
BAUMGARTEN, Karl August Ludwig Hermann (I60802)
 
3818 Leben
Bela Rachel Sara war die Tochter der Kaufleute Saul und Sisa Wahl.[3] Sie entstammte einer alten jüdischen Familie, zu der bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte der Juden gehören, darunter Raschi, einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters und der bekannteste jüdische Bibelexeget überhaupt, Moses Isserles, der Verfasser eines wichtigen Gesetzeskommentars zum Schulchan Aruch, der Oberrabbiner von Venedig und Talmudist Meir Katzenellenbogen sowie Saul Wahl (ca. 1545–1617), eine halb sagenhafte Figur, die eine Nacht lang die polnische Königskrone getragen haben soll.[4][5]

Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt heiratete sie Mendel Heymann, der als Sofer, Gemeindeschreiber und Primarschullehrer in Dessau tätig war. Über ihr Leben ist wenig bekannt. Sie wurde Mutter dreier Kinder; ihr jüngster Sohn Moses kam 1729 zur Welt. Aufgrund ihrer Armut konnten sie und ihr Mann dem kränkelnden Moses keine kostspielige Erziehung angedeihen lassen, ließen ihn aber bereits im Alter von drei Jahren von dem Dessauer Oberrabbiner David Hirschel Fraenkel unterrichten, der ihn in das tiefere Studium von Bibel, Talmud und der wichtigsten Kommentare, später auch die Werke des Maimonides etc., einführte.

Bela Rachel Heymann starb am 11. April 1756 im Alter von ca. 72 oder 73 Jahren in Dessau. Sie fand ihre letzte Ruhestätte im ältesten Teil des jüdischen Friedhofs von Dessau neben ihrer Tochter Jente und ihrem Ehemann. Die genaue Lage des Grabes ist nicht mehr bekannt; ihr Grabstein steht deshalb angelehnt an die Umfassungsmauer im älteren Teil des Friedhofs. Er trägt eine hebräische Inschrift, die vermutlich von ihrem Mann verfasst wurde, und die sie als keusch und fromm preist und ihre Tugend und Mildtätigkeit lobt.[3] Von ihrem Grabstein wurde, wie auch vom Stein ihrer Tochter, im Mendelssohn-Jubiläumsjahr 1929 eine Kopie angefertigt. Diese Kopie steht neben dem Originalstein der Tochter auf dem Platz der im Zuge der Novemberpogrome 1938 zerstörten Trauerhalle im vorderen Friedhofsbereich. 
WAHL, Bela Rachel Sara Wahl Katzenellenbogen (I60106)
 
3819 Leben
Bendemann war der Sohn des jüdischstämmigen Bankiers Anton Heinrich Bendemann (geboren als Aaron Hirsch Bendix; 1775–1866) und dessen Ehefrau Fanny Eleonore (1778–1857), einer Tochter des Bankiers Joel Samuel von Halle. Einer seiner Brüder war der spätere Geheime Oberbergrat Emil Bendemann (1807–1882). Die Eltern waren vor seiner Geburt zum Christentum konvertiert. Eduard Bendemann selbst wurde getauft und später konfirmiert. Seine Familie führte ein großbürgerliches Haus. Durch Einladungen seiner Eltern lernte er seinen späteren Lehrer an der Preußischen Akademie der Künste, Wilhelm Schadow, kennen, der 1838 durch Bendemanns Ehe mit der 17-jährigen Lida Schadow sein Schwager wurde.

Mit den Malern Christian Köhler, Heinrich Mücke, Karl Ferdinand Sohn und Julius Hübner ging Bendemann 1827 an die Kunstakademie Düsseldorf, wo ihr Lehrer Schadow 1826 Direktor geworden war.[1] Als „Schadow-Kreis“ begründeten sie eine Kunstbewegung, die unter dem Begriff Düsseldorfer Malerschule zunächst nationale, später internationale Bedeutung erlangen sollte.


Der Schadow-Kreis (Die Familie Bendemann und ihre Freunde), Gemeinschaftsarbeit von Eduard Bendemann (Zweiter oben links), Theodor Hildebrandt (Dritter oben links), Julius Hübner (unten rechts), Wilhelm von Schadow (oben rechts) und Karl Ferdinand Sohn (Erster oben links), 1830 in Rom begonnen, 1831 in Düsseldorf beendet
Im Jahr 1829 begleitete Bendemann Schadow auf dessen Studienreisen nach und durch Italien. Mit dabei waren Julius Hübner und dessen junge Frau Pauline Charlotte, eine Schwester Bendemanns, Karl Ferdinand Sohn und Theodor Hildebrandt. In Rom bewegte er sich unter Deutschrömern und in Kreisen der Nazarener und lernte durch sie die Meister der Renaissance schätzen. 1831 kehrte Bendemann zusammen mit Schadow nach Deutschland zurück und ließ sich in Düsseldorf als freischaffender Maler nieder. Später folgten weitere Reisen nach Rom und eine Reise nach Frankreich, wo sich Bendemann längere Zeit in Paris aufhielt.[2]


Die trauernden Juden im Exil, 1832
Den künstlerischen Durchbruch verschaffte ihm das monumentale Bild Die trauernden Juden im Exil, mit welchem er 1832 auf der Großen Kunstausstellung zu Berlin debütierte. Auch in weiteren Bildern thematisierte Bendemann Szenen aus der Bibel und traf mit meist elegischen Darstellungen die Mode seiner Zeit.[3]

Von April 1835 bis März 1836 leistete Bendemann seinen einjährigen Militärdienst beim Husaren-Regiment Nr. 8 in Düsseldorf ab. In dieser Zeit entstand sein monumentales Gemälde Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem im Auftrag des preußischen Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. Es wurde 1836 in Berlin in einer Einzelausstellung gezeigt.

Im Jahr 1838 wurde Bendemann als Dozent an die Hochschule für Bildende Künste in Dresden berufen. Als Assistent folgte ihm Adolf Ehrhardt. Dortige Schüler waren etwa sein Schwager Felix Schadow sowie Oscar Begas, Alfred Diethe, Anton Dietrich, Fritz Hummel, Hermann Karl Kersting, Adolph Diedrich Kindermann, Carl Johann Lasch, Julius Roeting Julius Rotermund, Karl Gottlob Schönherr, Karl Wilhelm Schurig, August Viereck, Hermann Wislicenus, Albert von Zahn und David Simonson, welcher später die „Akademie für Zeichnen, Malen und Modellieren“ in Dresden gründete. Mit seiner Ehefrau Lida hatte Bendemann einen bedeutenden Freundeskreis, wozu auch viele Musiker zählten, insbesondere Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Clara und Robert Schumann. Ab 1853 stellt sich ein zunehmendes Augenleiden ein, 1857 traf ihn ein Schlaganfall, ab 1861 litt er unter einer Bronchialerkrankung, die sein Sprechvermögen beeinträchtigte.


Selbstbildnis, 1859

Selbstbildnis, 1882
Im Jahr 1859 wurde Bendemann zum Direktor der Kunstakademie Düsseldorf berufen, welche sich damals am Burgplatz in der Gemäldegalerie befand. Mit seiner Familie wohnte er in der Goltsteinstraße 2,[4] wo er und seine Gattin Lida einen kunstsinnigen bürgerlichen Salon pflegten.

In Düsseldorf zählten sein Neffe Eduard Hübner sowie Wilhelm Beckmann, Theodor von der Beek, Fritz Beinke, Carl Bertling, Franz Heinrich Commans, Hugo Crola, Adolf Graß, Karl Heyden, Peter Janssen der Ältere, Fritz Kamphövener, Hermann Knackfuß, Louis Kolitz, Heinrich Lauenstein, Ernst te Peerdt, Julius Roeting, Roland Risse, Laurenz Schäfer, Peter Schick, Carl Maria Seyppel, Wilhelm Simmler, Fritz Sonderland, Wilhelm Trellenkamp und Alexander Zick zu seinen Studenten, Fritz und Ernst Roeber sowie wohl auch Moritz von Beckerath zu seinen Privatschülern. Aus gesundheitlichen Gründen legte Bendemann 1867 sein Direktorat nieder und zog mit Lida nach Berlin, wo sie zurückgezogen lebten und er gelegentlich noch Privatunterricht erteilte sowie einigen Aufträgen nachging. Im Haus seines Schwiegervaters schuf Bendemann ein monumentales Fresko mit der symbolischen Darstellung Die Künste am Brunnen der Poesie.[5]

Für das königliche Schloss in Dresden bekam Bendemann den Auftrag, drei Säle (Thronsaal, Turmsaal, Turmzimmer) auszuschmücken; er tat dies mit einem zusammenhängenden Wandgemälde. Im Thronsaal, zu beiden Seiten des Throns, befinden sich in nischenartig abgeschlossener Holzarchitektur die Gestalten großer Herrscher und Gesetzgeber auf Goldgrund mit bezüglichen Darstellungen in Reliefform darunter, von Moses bis auf Albrecht den Beherzten, den Stammherrn des regierenden Königshauses. Auf der dem Thron gegenüberstehenden Wand sind vier Darstellungen aus dem Leben des Königs Heinrich I. angebracht mit darunter befindlichen Bildern, welche die Berufskreise der vier Stände repräsentieren.[6]

Von 1861 bis 1866, in Bendemanns Düsseldorfer Zeit als Akademie-Direktor, wurden nach seinem Entwurf monumentale Fresken über Wissenschaft, Handel, Industrie und Kunst in der Aula der im Jahre 1858 erbauten Städtischen Realschule Düsseldorf geschaffen.[7][8][9] Nach seinen Entwürfen führten sein Sohn Rudolf Bendemann sowie die Brüder Ernst und Fritz Roeber und Wilhelm Beckmann die Wandmalereien im ersten Cornelius-Saal der Nationalgalerie in Berlin aus.

Auch als Porträtist bewies Bendemann eine Meisterschaft, die von Publikum und Kunstkritik hoch geschätzt wurde. Ihm saßen außer seiner Ehefrau unter anderem der Buchhändler Heinrich Brockhaus, die Maler Wilhelm Camphausen und Wilhelm von Schadow, der Historiker Johann Gustav Droysen, der Musiker Joseph Joachim und Fürst Karl Anton von Hohenzollern Modell.[10] Ferner betätigte er sich als Medailleur.[11]

Bendemann war unter anderem Mitglied der Universität der Künste Berlin, der Kunstakademie Düsseldorf, der Kunsthochschule Kassel, der Akademie der Bildenden Künste München. Außerdem wurde er mit mehreren Orden ausgezeichnet, 1867 dem Pour le Mérite für Kunst und Wissenschaft.[12]

An einer Lungenentzündung, die als Folge einer Influenza eingetreten war, starb er wenige Tage nach seinem 78. Geburtstag im Haus Jägerhofstraße 7 in Düsseldorf-Pempelfort.[13] Dort lebte er seit den 1880er Jahren mit seiner Frau und seinem kränkelnden Sohn Rudolf, der bereits 1884 verstarb.

1891, knapp 13 Monate nach seinem Tod, wurde in der Kunsthalle Düsseldorf eine Nachlass-Ausstellung seiner Werke durchgeführt, nachdem seine Witwe das Œuvre zuvor in Berlin, seiner Geburtsstadt, hatte präsentieren lassen. In diesen Ausstellungen wurden neben Gemälden auch von Bendemann gefertigte Skizzen und Zeichenstudien gezeigt.[14]

1868 wurde er als assoziiertes Mitglied in die Königliche Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste von Belgien (Classe des Beaux-Arts) aufgenommen.[15] 
BENDEMANN, Eduard Julius Friedrich (I60877)
 
3820 Leben
Benoni Friedländer wuchs in einem reichen jüdischen Elternhause als Sohn von David Friedländer und seiner Frau Margarete (Blümchen) Itzig, Tochter des Hoffaktors und Bankiers Daniel Itzig, auf.

Friedländer war in frühen Jahren beruflich aktiv. Vermutlich um 1818 schied er aus dem Geschäftsleben aus und widmete sich ausschließlich der Familie und seiner bedeutenden Münz- und Autographensammlung. Im gleichen Jahr wurden seine Kinder evangelisch getauft. Aus Respekt vor dem Glauben des Vaters und trotz der eigenen Überzeugung, Christ zu werden, wartete er selbst damit bis nach dem Tod seiner Eltern. Aber kaum zwei Monate nach dem Tode seines Vaters am 25. Dezember 1834 ließem sich Benoni und seine Frau Rebecca am 23. Februar 1835 taufen. Seither nannte er sich Johann Gottlieb Julius Benoni Friedländer.

Mit seinem Tod 1858 verfügte der national eingestellte Friedländer testamentarisch, dass seine Sammlung den Königlichen Museen auch zu unvorteilhaften Bedingungen zu überlassen. Die Münzsammlung, in der sein jüngster Sohn Julius seit 1840 unbesoldet und ab 1858 besoldet beschäftigt war und die er ab 1868 als nun selbstständiges Berliner Münzkabinett im Rahmen der Königlichen Museen leitete, wurde dann auch für 16.000 Taler deutlich unter Wert verkauft. Die Sammlung bestand aus 6.013 antiken sowie 11.803 mittelalterlichen und neuzeitlichen Münzen und Medaillen. Außerdem gehören dazu Not-, Feld- und Belagerungsmünzen, „vor allem die unvergleichliche Anzahl schönster italienischer Medaillen aus der Blütezeit der Renaissance, welche einst Napoleons Schwester, die Prinzessin Elisa Bonaparte Bacciocchi, als Fürstin von Lucca gesammelt hatte.“[1] „Sie enthält nur gute Exemplare […] und es zeigt sich hier, was Sachkenntniss und Eifer auch mit geringen Mitteln im Laufe eines langen Lebens erreichen können, das freilich in eine Epoche fällt, in welcher Alterthümer und Kunstwerke durch die großen politischen Umwälzungen entwerthet waren und sich leichter von ihren Besitzern lösten“, schreibt Julius Friedländer 1873.[2]
Diese Schenkung ist die größte Erwerbung in der Geschichte des Kabinetts, welches damit die größte Sammlung italienischer Münzen diesseits der Alpen darstellt.

Daneben besaß Friedländer eine erlesene Autographensammlung, so zum Beispiel die Ode an Preußen, eine Sammlung von Briefen Kants an Moses Mendelssohn sowie das sogenannte Fischhof-Manuskript, eine Beethoven-Biographik. Diese Sammlung erbte sein Sohn Julius, 1876 ging sie an Carl Robert Lessing über. 
FRIEDLÄNDER, Benoni (I60871)
 
3821 Leben
Bernhard Eskeles war der Sohn eines Rabbiners. Er absolvierte seine Ausbildung in Amsterdam. 1785 wurde er Teilhaber des von Isaak Arnstein gegründeten Bankhauses, das zu dieser Zeit von dessen Enkel Nathan Adam Arnsteiner geleitet wurde. Nach dem Austritt des dritten Teilhabers Salomon Herz 1805 firmierte das Bankhaus als Arnsteiner & Eskeles.[1][2] Einen Namen machte er sich als Berater von Joseph II. und Franz II. bzw. I. Eskeles war 1816 Mitbegründer der Oesterreichischen Nationalbank und wurde deren Direktor. 1819 engagierte er sich ebenfalls bei der Gründung der Ersten österreichischen Spar-Casse, der ältesten Sparkasse des Landes. Eskeles setzte sein Privatvermögen, das durch seine Ehe mit Cäcilie, geb. Itzig, gesch. Wulff, einer Tochter Daniel Itzigs und Schwägerin seines Kompagnons Arnsteiner, bedeutend vermehrt wurde, ein, um dem österreichischen Staat in den französischen Kriegen Millionenbeträge zu leihen. Aus diesem Grund wurde er 1811 zum Ritter und 1822 zum Freiherrn erhoben.

Bernhard und Cäcilie von Eskeles hatten zwei Kinder[3]:

Maria Anne Cäcilia Freiin von Eskeles (1802–1862) ⚭ Franz Graf von Wimpffen (1797–1870), k. k. Feldzeugmeister
Daniel (Denis) Bernhard Freiherr von Eskeles (1803–1876), letzter Chef des Bankhauses Arnstein & Eskeles ⚭ Emilie Freiin von Brentano-Cimaroli-Visconti (1809–1880)
In seinem ehemaligen Palais ist jetzt das Jüdische Museum der Stadt Wien untergebracht. Eskeles wurde auf dem Jüdischen Friedhof Währing begraben.

Literatur
Eskeles Bernhard Frh. von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 268.
Franz Heissenberger: Eskeles, Bernhard Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 4. Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 653–654 (deutsche-biographie.de).
Kábdebo: Eskeles, Bernhard Freiherr von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 6, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 375.
Constantin von Wurzbach: Eskeles, Bernhard Freiherr von. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 4. Theil. Verlag der typogr.-literar.-artist. Anstalt (L. C. Zamarski, C. Dittmarsch & Comp.), Wien 1858, S. 78–80 (Digitalisat).
Neuer nekrolog der Deutschen 1841, Band 2, S.283f
Weblinks
Commons: Bernhard von Eskeles – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Bernhard von Eskeles im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
Eintrag zu Bernhard von Eskeles im Austria-Forum (im AEIOU-Österreich-Lexikon) 
VON ESKELES, Bernhard (I61001)
 
3822 Leben
Betty von Rothschild wurde am 15. Juni 1805 in Frankfurt geboren. Sie war die Tochter von Salomon von Rothschild und Caroline Stern (1782–1854). Sie erhielt die Ausbildung einer höheren Tochter, mit Musikunterricht und Tanzstunden, Zeichenstunden und unternahm Reisen zu Kurorten in den Alpen. Auch besuchte sie Wien, dort gründete ihr Vater in den 1820er Jahren sein Finanz- und Industrieunternehmen. Im Juli 1824 heiratete sie ihren Onkel, den Pariser Bankier Jakob Rothschild (1792–1868), später James de Rothschild. Sie verbrachten ihre Hochzeitsreise in der Schweiz und im Sommer 1824 zogen sie nach Paris. Dort entwickelte sie sich zur Stütze ihres Mannes, genoss ein hohes gesellschaftliches Ansehen und erwies sich in diesen Belangen als sehr talentiert. Sie führte einen Salon, der schnell zu einem Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Herkunft wurde. Dort wurde bei gutem Essen anregende Gespräche und Unterhaltung genossen.[1]


Rue Lafitte Bankhaus Rothschild
In ihrem Haus empfingen sie regelmäßig Gäste und in der Woche gaben sie mindestens vier Dinner. An diesen nahmen immer zehn bis sechzig Gäste teil. Dazu formulierte Lady Harriet Leveson-Gower, Countess Granville, die Frau des britischen Botschafters Lord Granville: „Kaum dem Kindesalter entwachsen, erledigte sie die Aufgaben in ihrem Haus, als hätte sie nie etwas anderes getan.“ Sie empfing in ihrem Salon Politiker, Maler, Künstler, Musiker und Mitglieder des Königshauses und war bekannt für die Förderung der Kunst.[1]

Kurz nachdem Frédéric Chopin Paris erreichte, engagierte sie ihn als Klavierlehrer für ihre Familie und im Jahr 1841 ließ sie Jean-Auguste-Dominique Ingres ein Porträt fertigen, welches jedoch erst 1848 fertig gestellt wurde. Sie war eine enge Freundin der Königin Marie-Amélie. Zu den Gästen ihres Salons zählten auch die Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine, Honoré de Balzac, die Brüder Goncourt und der Komponist Gioacchino Rossini.[1]


Château de Ferrières
Mit ihrem Mann lebte sie ab den 1850er Jahren zudem im weitläufigen Château de Ferrières außerhalb von Paris, das James von Joseph Paxton erbauen ließ. In ihrem Château fanden spektakuläre Veranstaltungen statt, so trat dort der Chor der Pariser Oper unter der Leitung von Gioachino Rossini auf.[1]

Familie
Betty von Rothschild pflegte im Gegensatz zu ihrem Mann die jüdischen Traditionen und brachte diese auch ihren fünf Kindern näher:

Charlotte (1825–1899), die ihren Cousin Nathaniel de Rothschild (1812–1870) heiratete
Mayer Alphonse (1827–1905), der seine Cousine Leonora (1837–1911) heiratete
Gustave (1829–1911), der Cécile Anspach heiratete
Salomon James (1835–1864), der seine Cousine Adèle von Rothschild (1843–1922) heiratete
Edmond (1845–1934), der seine Cousine Adelheid (1853–1935) heiratete.
Sie verbrachte als Mutter viel Zeit mit ihren Kindern, nahm auch an deren Stunden mit ihren Hauslehrern teil und studierte mit ihren Kindern die unterschiedlichsten Fächer. Dabei verband sie die klassische Ausbildung mit modernen Interessen und jüdischen Traditionen. Betty von Rotschild war für ihr Intelligenz und ihren Tatendrang bekannt und bewundert.[1]

Bildung für Mädchen und Frauen und Wohltätigkeit
Da ihr die Bedeutung von Bildung für Mädchen und Jungen gerade auch aus ärmeren Schichten bekannt war, um ein anständiges Leben mit einem guten Einkommen führen zu können, investierte sie Zeit und Geld in die Berufsausbildung und moralische Erziehung von Mädchen.[1] Gemeinsam mit weiteren Frauen der jüdischen Oberschicht von Paris gründete sie ab 1844 zunächst die „Sociéte pour l’établissement des jeunes filles Israélites“, ab 1862 koordinierte diese die „Dames Israélites de Paris“ genannte Dachorganisation genossenschaftliche Selbsthilfe- und Absicherungsvereine für Frauen, Unterstützung für junge Mütter, Aussteuerbeihilfen, Kinderkrippen, Waisenhäuser und Lehrlingsprogramme für junge Mädchen.[2]

Mit ihrem Mann James gründete sie 1852 in Paris eine Wohltätigkeitsstiftung, deren erstes Projekt der Bau eines Krankenhauses in der Rue Picpus war.[1] Dem Krankenhaus waren auch ein Hospiz und ein Waisenhaus angegliedert. Aus den Anfangsjahren ist die Buchführung über die Aufwendungen von Betty de Rothschild nur in Bruchstücken erhalten, doch verlässliche Zahlen für das erste Halbjahr 1872 belegen Ausgaben von 103.000 Francs.[2] Ihre Kinder setzten später die soziale Arbeit von Betty von Rothschild fort. Sie erweiterten die Aktivitäten der Stiftung Rothschild und errichteten Sozialwohnungen, um die Lebensbedingungen von Arbeitern zu verbessern. Betty von Rothschild unterstützte zudem ein Waisenhaus, die Hilfe für Tuberkulosekranke und den Aufbau der Assistance publique. Während des Deutsch-Französischen Krieges errichtete sie „Ambulanzen“ in den Innenhöfen ihrer Häuser sowie im Rothschild-Krankenhaus und leistete medizinische Versorgung für verwundete Soldaten und für unterernährte und kranke Menschen. Betty von Rothschild blieb lange im belagerten Paris und half den Bedürftigen.[1]

James von Rothschild starb 1868 und Betty von Rothschild verbrachte danach mehrere Monate im Jahr in Cannes. Sie kaufte dort 1881 die Villa Marie-Thèrese, die sie anschließend restaurierte. Auch in Cannes gründete sie mehrere Stiftungen und Institutionen zugunsten ihrer Wohltätigkeitsaktivitäten. Betty von Rothschild starb am 1. September 1886 in Paris im Château Boulogne und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise begraben. Ihr Sohn Edmond gründete in ihrem Andenken die Siedlung Bat Shlomo (Salomons Tochter) im osmanischen Palästina.[1]

Literatur
Laura S. Schor: The Life & Legacy of Baroness Betty de Rothschild, Peter Lang Publishing Inc., New York, 200. ISBN 978-0820478852 
VON ROTHSCHILD, Betty Jean Auguste Dominique Ingres (I55599)
 
3823 Leben
Bildungsweg
Polykarps Vater, Magister Kaspar Leyser (* 20. Juli 1526; † Ende 1554 in Nürtingen), war Pfarrer in Winnenden, später in Nürtingen. Er trat an der Seite von Jacob Andreae dafür ein, die Kirchenzucht gänzlich in die Hände der Pfarrer zu legen, was auf Einrichtung von Gemeindekonsistorien hinausgelaufen wäre. Dabei unterhielten beide Kontakt zu Johannes Calvin, der ihren Vorstellungen jedoch reserviert gegenüberstand. Immerhin gelang es ihnen, die Zustimmung des Herzogs Christoph von Württemberg zu erhalten. Da allerdings Johannes Brenz davor warnte, die in der Württemberger Territorialkirche zentralisierte Kirchenzucht aufzugeben, kam der Plan nicht zur Ausführung.

Polykarp Leysers Mutter Margarethe war eine Tochter des Tübinger Kaufmanns Johannes Entringer und eine Schwägerin Jakob Andreaes. Nachdem Kaspar Leyser 1554 gestorben war, heiratete seine Witwe schon bald Lucas Osiander den Älteren. 1556 verzog die Familie nach Blaubeuren, wo Leyser die Klosterschule besuchte und mit den drei Söhnen seines Stiefvaters aufwuchs. 1562 übersiedelte er auf das Stuttgarter Pädagogium. Nach dem Tod seiner Mutter 1566 entsandte ihn sein Stiefvater auf die Universität Tübingen, wo er als herzoglicher Stipendiat protestantische Theologie studierte.

In Tübingen lernte er Ägidius Hunnius kennen, mit dem ihn bald eine tiefe Freundschaft verband. 1570 erwarb er den akademischen Grad eines Magisters und wurde kurz darauf Stiftsrepetent. Theologisch beeinflusst wurde er während dieser Zeit vor allem von Jacob Heerbrand, Andreae und Dietrich Schnepf. Leyser zeichnete sich durch hervorragende Prüfungsergebnisse aus. Daher ließ ihn Andreae 1572 bereits öffentlich über die Rechtfertigungslehre disputieren. Anfang des Jahres 1573 wurde er ordiniert übernahm ein Pfarramt im niederösterreichischen Göllersdorf. Hier trat er mit dem kaiserlichen Rat und Erbtruchsess Michael Ludwig von Puchheim (1512–1580) in Verbindung, der ihn mit dem Hofleben unter Maximilian II. vertraut machte. Alsbald wurde man auf ihn in Graz aufmerksam und wollte ihn für dortige Aufgaben gewinnen, jedoch rieten Osiander und Puchheim ab. Stattdessen ging er zurück nach Tübingen, wo er am 16. Juli 1576 gemeinsam mit seinem Freund Hunnius zum Doktor der Theologie promovierte. Zunächst hatte Leyser nur geringe Berufsaussichten, was sich jedoch schon bald ändern sollte.

Wittenberger Zeit
In Wittenberg hatte es an der Universität durch die Auseinandersetzungen um den Sturz der Philippisten seit 1574 einschneidende personelle Veränderungen gegeben. Diese waren teilweise von tumultartigen Unmutsäußerungen gegen die Lehrkräfte begleitet. So wandte man sich nach dem Tod des einstigen Vorstehers der theologischen Fakultät Kaspar Eberhard im Oktober 1575 zunächst an David Chytraeus mit der Bitte, die Generalsuperintendentur in Wittenberg zu übernehmen, der jedoch ablehnte. Daraufhin berief man Leyser im November desselben Jahres als Generalsuperintendent nach Wittenberg. Mit dieser Stelle war das Pfarramt an der Stadtkirche Wittenberg verbunden.

Leyser wurde zunächst von seinem Landesherrn Herzog Ludwig von Württemberg für zwei Jahre an Kurfürst August von Sachsen ausgeliehen. Am 20. Januar 1577 hielt er eine Probepredigt in Dresden. Am 3. Februar folgte seine feierliche Einführung in Wittenberg. Leyser begab sich sodann über Dresden zurück nach Österreich,[1] um „seine Sachen abzuholen“. Am 12. Mai war er wieder in Wittenberg und nahm nun seine Amtsgeschäfte auf. Dass ein 25-Jähriger plötzlich im höchsten kirchlichen Amt in Wittenberg stand, ohne vorher theologisch in Sachsen aufgefallen zu sein, erregte allgemeines Aufsehen. Als er dann auch noch am 8. Juni Professor an der theologischen Fakultät wurde und am 20. November 1577 gar Mitglied des Konsistoriums, unterstellten ihm einige Personen Vetternwirtschaft.

Jedoch konnte Leyser sich durch seine besänftigende Haltung bei der Vertreibung der sächsischen Kryptocalvinisten und bei der Reorganisation der Wittenberger Universität solche Verdienste erwerben, dass auch seine Kritiker bald in den Hintergrund traten. Vor allem kamen ihm rhetorische Fähigkeiten und eine anspruchslose und zuverlässige Art zugute. Diese erhöhten seine Popularität unter den Studenten, zu denen auch Philipp Nicolai und Johann Arndt gehörten. Leysers Fähigkeiten zeigten sich auch bei Ausarbeitung der Konkordienformel, die 1580 im Konkordienbuch erschien. Dabei entwickelte er enge Kontakte zu Martin Chemnitz und Nikolaus Selnecker. Gemeinsam mit letzterem wurde er beauftragt, die Unterschriften einer dafür einberufenen Kommission in Kursachsen zur Konkordienformel, die er selbst am 25. Juni 1577 als erster Geistlicher des Kurkreises unterschrieben hatte, einzuholen.

Alsbald nahm er an den bedeutenden theologischen Konventen in Sachsen teil und bewährte sich als Protokollant derselben. Den Wittenberger Neidern war ein Außenstehender immer ein Dorn im Auge. Um ihnen die Grundlage zu entziehen, heiratete er im März 1580 die Einheimische Elisabeth Cranach. Die im Wittenberger Rathaus stattfindende Hochzeit wurde allerdings durch studentische Ausschreitungen und ausschweifende Trinkgelage überschattet, die die zuständigen Stellen noch später beschäftigen sollten.

1581 finden wir Leyser als Visitator der sächsischen Kurkreise wieder, wobei er sich vor allem dem niederen Schulwesen und den Fürstenschulen in Meißen, Schulpforta und Grimma widmete. Publizistisch erschienen von ihm während dieser Zeit lediglich Leichenpredigten und Disputationen. Vor allem aber machte ihm der Widerstand gegen die Konkordienformel zu schaffen. Tilemann Hesshus war während dieser Zeit sein erbitterter Gegner bei Durchsetzung der Ubiquitätslehre. Die Streitigkeiten wurden auf Kolloquien ausgetragen, so 1583 in Quedlinburg, wo er den letzten großen Auftritt seines einstigen Mentors Chemnitz miterlebte. Als dieser am 9. September 1584 aus dem Amt des braunschweigischen Superintendenten schied, wollten die Braunschweiger Leyser als neuen Superintendenten verpflichten. Er lehnte jedoch auf Rat Selneckers ab, da er sich seinem Dienstherrn August von Sachsen verpflichtet sah.

Als August 1586 starb – die Leichenpredigt hielt ihm Leyser –, wendete sich das Blatt mit Antritt des neuen Kurfürsten Christian I., der zum Calvinismus tendierte und diesen schleichend durchsetzte. So befreite er die Pfarrer von der Pflicht, die Konkordienformel bei der Ordination zu unterschreiben, was auch auf das Lehrpersonal ausgedehnt worden war. Leyser, der als wichtigster Vertreter des Konkordienluthertums unter August von Sachsen galt, war zudem zunehmend Anfeindungen Nikolaus Krells und Johann Majors ausgesetzt, die wachsenden Einfluss auf die Universitäts- und die Konsistorialangelegenheiten ausübten. Über diese Anfeindungen war Leyser derart erbost, dass er die Studenten davor warnte, unter Major den Magistertitel zu erwerben. Als der Calvinist Matthias Wesenbeck in der Schlosskirche zu Füßen Martin Luthers beigesetzt wurde und Leyser in seiner Leichenpredigt behauptete, dieser habe sich vor seinem Tod vom Calvinismus losgesagt und sei gut lutherisch gestorben, kam es zu einem Eklat, der Leyser noch bis in seine Braunschweiger Zeit begleiten sollte.

Braunschweiger Zeit
In Braunschweig war es 1587 zu theologischen Auseinandersetzungen mit den dortigen Stadtsuperintendenten gekommen, so dass man sich erneut an Leyser wandte, um durch sein Kommen eine Klärung der Angelegenheit herbeizuführen. Krell unterstützte diesen Antrag, um seinen unliebsamen Gegner im sächsischen Wittenberg loszuwerden, und erwirkte die Einwilligung des Kurfürsten, der zwar nicht gerade über den Fortgang von Leyser erfreut war, aber dennoch im August 1587 die Entlassung gewährte. Nachdem Leyser sich bereits erstmals im September nach Braunschweig begeben hatte, wurde seine endgültige Abreise im Dezember von Protesten begleitet, die in seinem Abzug ein Vordringen des Calvinismus sahen.

Am 17. Dezember 1587 hielt Leyser seine Antrittspredigt in Braunschweig an der St. Aegidien-Kirche und wurde Koadjutor des Superintendenten, den er alsbald verdrängte, was es ihm erleichterte, sich als energischer Verteidiger der Ubiquitätslehre zu erweisen. Am 22. Dezember erfolgte die offizielle Anstellung. Leyser setzte in seiner Braunschweiger Zeit durch, dass die Konkordienformel ein Bestandteil der dortigen Kirchenordnung wurde. Von Braunschweig aus musste er mitverfolgen, wie seine Errungenschaften in Kursachsen durch die Calvinisten konsequent rückgängig gemacht wurden. So schränkte man die kirchliche Aufsicht über die Fürstenschulen ein, erließ eine neue Kirchen- und Schulordnung sowie eine neue Konsitorialordnung und hob das Oberkonsistorium in Dresden auf. Man vertrieb die Lutheraner aus ihren Ämtern und setzte Vertreter des Calvinismus ein. Leyser, der dieses Treiben beenden wollte, reiste deshalb nach Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar und Rostock, um Verbündete für seinen Kampf gegen den Calvinismus zu suchen.

1591/92 trat Leyser im Streit um die Abschaffung des Exorzismus bei der Taufe auf und stritt in dieser Frage besonders mit seinem Wittenberger Amtsnachfolger Urban Pierius. Als die Taufriten im Fürstentum Anhalt-Bernburg dennoch geändert wurden, hielt Leyser eine flammende Verteidigung von Luthers Taufbüchlein. Die calvinistischen Theologen Anhalts antworteten daraufhin mit einem Angriff auf den bereits verstorbenen Chemnitz. Leyser reagierte mit einer sehr emotionalen „Rettung der Ehre, des Glaubens und Bekenntnisses Herrn Dr. Martini Chemniti […] welcher von den Anhältern und Calvinisten gelästert, als wenn er vor seinem Ende von seiner Bekenntnis abgefallen wäre“ (Magdeburg 1592) und fand in den Kreisen der Braunschweiger Theologen weitgehende Unterstützung.

Inzwischen hatte sich die Lage durch den Tod Christians I. von Sachsen erneut geändert. Friedrich Wilhelm I. (Sachsen-Weimar) hatte die Amtsgeschäfte für den noch minderjährigen Christian II. von Sachsen übernommen und änderte die Religionspolitik wieder in die Bahnen des einstigen Kurfürsten August zurück. Dadurch verloren die calvinistischen Kräfte ihren Einfluss in der sächsischen Religionspolitik. Man griff rasch wieder auf Leyser zurück und machte ihm bereits im Oktober 1591 durch Georg Mylius den Vorschlag, in den kursächsischen Kirchendienst zurückzukehren. Der calvinistische Generalsuperintendent wurde abgesetzt und Leysers Schwager Augustin Cranach nach Braunschweig entsandt, um Leyser zur Rückkehr nach Wittenberg zu bewegen.

Jedoch verblieb Leyser weiter in Braunschweig, auch ein Angebot der Leipziger Generalsuperintendentur mit dem Pfarramt an der St. Nicolaikirche schlug er aus. Im Sommer 1592 begannen Verhandlungen mit den Vertretern Wittenbergs und Braunschweigs über eine Entlassung aus den Braunschweiger Diensten. Da die Braunschweiger Bürger im Abwandern Leysers eine Intrige seiner Gegner sahen, kam es zu Volksaufläufen. Im April 1593 einigte man sich darauf, dass Leyser für zwei Jahre nach Wittenberg gehen und nebenbei die Braunschweiger Superintendentur behalten sollte. Leyser musste geloben, im April 1595 nach Braunschweig zurückzukehren und einmal im Jahr das ganze Kirchenwesen zu visitieren. Um die Erfüllung dieser Vereinbarungen zu sichern, musste er seinen Hausrat in der Stadt belassen.

So hielt Leyser am 21. Mai 1593 seine zweite Antrittsrede als Wittenberger Professor und Generalsuperintendent. In ihr blickte er auf das hinter ihm liegende fünfjährige »Exil« zurück und dankte Gott für dessen Treue. Ganz in diesem Sinne hat Leyser seine den Braunschweigern gegebenen Versprechen getreulich eingehalten: bereits Ende Juni machte er seine erste Visitation, die nächste folgte im Herbst.

Alsbald wurde Leyser als Dekan der theologischen Fakultät in die Auseinandersetzung mit Samuel Huber, den er anfänglich unterstützte, gezogen. Huber verbreitete, dass die Konkordienformel kryptocalvinistisch sei und vertrat seine Lehre vom „Gnadenuniversalismus“. Leyser und besonders sein Freund Ägidius Hunnius der Ältere, der ebenfalls an der Wittenberger Universität wirkte, beriefen ein Kolloquium ein. Alle Vermittlungsversuche schlugen jedoch im Streit mit Huber fehl, so dass dieser 1594 aus den universitären und 1595 aus kursächsischen Diensten entlassen wurde. Leyser begab sich im April 1594 nach Braunschweig, um dort erneut Visitationen vorzunehmen. Auf Betreiben der Kurfürstin Sophie wurde Leyser als Oberhofprediger nach Dresden berufen. Es bedurfte einiger Verhandlungen, den Braunschweiger Rat zur Einsicht zu bewegen, Leyser ziehen zu lassen. Am 2. Juni 1594 hielt Leyser seine zweistündige Abschiedspredigt. Drei Tage später reiste er nach Dresden ab.

Dresdner Zeit

Grabplatte Leysers in Dresden
Im Juli 1594 trat Leyser sein Amt als Erster Hofprediger in Dresden an und wurde so quasi mit landesbischöflichen Rechten für Sachsen ausgestattet. Als lutherisch-orthodoxer Hofprediger verkörperte er die typischen Züge seiner theologischen Grundposition. Diese verankerte er in einem Hofpredigerspiegel, in dem er sein Selbstverständnis der Tätigkeit eines Hofpredigers als Leitbild aller Amtsnachfolger darlegt. Inhaltlich ging Leyser dabei von der Betonung der reinen Lehre in Schrift und Bekenntnis aus, die in der praktischen Konsequenz angesichts der mannigfaltigen Versuchungen und Sünden gerade am Hof zur Notwendigkeit der Strafpredigten führte.

Ausführlich weist Leyser den Vorwurf angeblichen Reichtums im Hofpredigeramt zurück. Kirche und Schule müssen die notwendigen geldlichen Mittel haben, für die er immer wieder Eingaben macht und auch Strafgelder für notwendig hält. Deutlich stellt Leyser die Unabhängigkeit des geistlichen Amtes heraus. Damit begegnet er dem vielfach erhobenen Vorwurf besonders gegen die Hofprediger, sie wollten in ihrem Amt Einfluss auf politische Angelegenheiten nehmen. Denn auch Leyser selbst sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle eines „Dreßnischen Bapstes“ zu spielen. Die Pfaffen, so hieß es, wollten zu viel „dominieren“, einen Fuß auf der Kanzel, den anderen auf der Kanzlei haben. Mit dem geschickten Hinweis auf die vermischten, halb geistlichen, halb weltlichen Angelegenheiten bei Kirchen- und Schulsachen hebt er die Verantwortung der Hofprediger gerade in diesem Bereich hervor, obwohl eine geistliche Person nur mit geistlichen Sachen umzugehen habe. Im Zusammenhang mit der von Leyser geforderten strikten Einhaltung der überkommenen Kirchenordnungen werden ausführlich die Kämpfe vor allem mit dem Landadel geschildert, der sich den Anordnungen des angeblichen Dresdner Papstes – etwa bei Kindtaufen – nicht fügen will.

Leyser wollte mit diesen Regeln deutlich einen allgemeinen Maßstab für Hofprediger setzen, vor allem für junge Prediger, die bedenken sollen, „wie ein Hoff-Prediger so einen beschwerlichen, sorglichen standt habe in seinem beruff.“ Mit einer scharfen Kritik, wohl besonders im Blick auf calvinistische Hofprediger, beschließt Leyser seinen Hofpredigerspiegel: „Wie sol es denn denen gehen/ die so blindlingen in die Hoffpredicatur hineinplatzen/ bedencken nicht einnmahl/ was für ein sorglich thun es sey/ sitzen von einer mitternacht biß zur andern/ liegen unten und oben mit der gesellschaft/ und machen es so unsöde/ daß einem die Ohren wehe thun/ der es nur höret?“

Dieser Geist eines selbstbewussten lutherischen Hofpredigers kommt auch in den Dresdner Regenten- und Landtagspredigten Leysers zum Ausdruck, in denen das Obrigkeitsverständnis und die Obrigkeitskritik des älteren Luthertums besonders charakteristisch zusammengefasst sind. In direktem Bezug auf Luthers Obrigkeitsverständnis in der Obrigkeitsschrift von 1523 und vor allem in seiner Auslegung des Psalms 101 von 1535 stellte Leyser die tiefe Verbundenheit von göttlicher Würde und hoher Verantwortung des obrigkeitlichen Amtes heraus. Nur aus diesem Zusammenhang ist seine erhebliche Kritik an dem konkreten Handeln der Obrigkeit zu verstehen.

Leyser geht es in seiner politischen Predigt am Dresdner Hof in erster Linie um die Eigenständigkeit der Kirche und des geistlichen Amtes im frühneuzeitlichen Territorialstaat. Im Hofpredigeramt versucht er, mit grundsätzlicher Belehrung und konkreter Ermahnung auf die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten, vor allem auf die Kirchenordnung, maßgeblich Einfluss zu nehmen. Durch die Strafpredigt übt er Kritik an der Obrigkeit, rügt nicht nur das persönliche Verhalten, sondern betont auch die politische und vor allem soziale Verantwortung der Regenten und ihrer Hofbeamten. Sie entspricht dem strengen Maßstab, den Leyser für sich selbst und für alle Prediger, insbesondere die Hofprediger, aufstellt. Die ethischen Kriterien und das Anschauungsmaterial für sein Obrigkeitsverständnis entnimmt Leyser mit der ganzen lutherischen Orthodoxie den frommen Königen des Alten Testamentes. Indem der lutherische Hofprediger seinen Rat mit dem des Kanzlers Nikolaus Krell kontrastiert, nimmt er schon jene Unvereinbarkeit von Gottesfurcht und Staatsräson vorweg, mit der nach dem Dreißigjährigen Krieg lutherische Theologen gegen die zerstörerischen Kräfte im Herrschaftsverständnis des frühabsolutistischen Staates ankämpfen. Sein Verständnis vom Charakter eines lutherischen Staatsmannes findet seinen Niederschlag in der Leichenrede für den kursächsischen Kanzler David Peifer (1602). (Eine christliche Predigt, Matthes Stöckel, Dresden 1602)

Von Dresden aus setzte er sich nicht nur mit den abweichenden Vorstellungen auseinander, sondern hatte im Zusammenhang mit dem Hofpredigeramt auch innersächsische Kirchenfragen zu klären. So führte er selbst Visitationen durch, führte die Generalsuperintendenten in ihr Amt ein und arbeitete an den Universitätsordnungen in Sachsen mit. In seinem Testament vermachte er Studenten Geld, das diese beim Studium unterstützen sollte und jährlich an den Tagen des heiligen Polycarp (26. Januar) und der heiligen Elisabeth (19. November) ausgezahlt wurde. Für seine Verdienste und die seiner Vorfahren um das Haus Österreich wurde er von Kaiser Rudolf II. am 22. Dezember 1590 in Prag in den erblichen Adelsstand erhoben. Nach längerer Krankheit verstarb er in Dresden. Seine feierliche Beisetzung fand am 1. März 1610 in der dortigen Sophienkirche statt.

Leyser als Autor
Leyser, der sich als Theologe im Laufe seines Lebens auch literarisch mit den Auseinandersetzungen seiner Zeit befasste und dabei einen umfangreichen Briefverkehr pflegte, ist bei weitem noch nicht vollständig wissenschaftlich aufgearbeitet. Sein Urenkel Polykarp Leyser III. veröffentlichte 1706 in Sylloge epistolarum eine umfangreiche Briefauswahl, die vermutlich nur die Spitze des noch zu erforschenden Potentials, mit 200 Briefen von ihm und 5000 an ihn darstellt. Des Weiteren sind von ihm umfangreiche Leichenpredigten bekannt, die das Spektrum des Predigers in der Zeit des Konkordienluthertums und seinen kontextsensitiven Belangen erweitern. Seine theologischen Ausführungen umfassen mehr als 60 Schriften und bilden somit einen weiteren Forschungsbestand, der über den bisher unzureichend erforschten Bereich der Netzwerke des Luthertums im Bereich der Konfessionalisierung zusätzliche Auskunft geben kann.

Schriften
Für eine komplette Übersicht der erhaltenen Drucke siehe das Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16)

Fazit
Leyser, der durch seinen Vater, seinen Onkel Andreae und später durch seinen Stiefvater Osiander gefördert wurde, fand auch durch seinen Lehrer Chemnitz zu einem tief verwurzelten Standpunkt in der lutherischen Orthodoxie. In den Schwierigkeiten seiner Zeit war er derjenige, der diese Orthodoxie etablierte. Man staunt über seine Schaffenskraft bei den Loci theologici (1591/92), der Harmonia evangelica (1593), Postilla (1593) und De controversiis iudicium (1594). Sein theologischer Standpunkt entzündete sich am Streit um den kursächsischen (Krypto)Calvinismus, am Exorzismusstreit, am Streit um die lutherische Christologie und am Huberschen Streit. Leyser hat damit zweifellos zu den Schlüsselfiguren des nord- und mitteldeutschen Konkordienluthertums gezählt. Nicht zuletzt sah er sich ständigen Anfeindungen ausgesetzt und wurde in Flugschriften im damals für Deutschland nicht unbedeutenden Landesteil Sachsen als Papst von Dresden angegriffen. Als einer der maßgeblichen Mitarbeiter der Konkordienformel setzte sich Leyser auch literarisch für die Verteidigung der lutherischen Orthodoxie, gegen den Calvinismus und die römische Kirche ein. Auf kurfürstlichen Befehl begleitete er die Arbeit mehrerer Konvente am Konkordienbuch. Er setzte sich für die Begrenzung der Anzahl der Paten auf drei Personen ein. Sein Wirken ist jedoch bei weitem nicht erschöpfend erforscht. 
LEYSER, Polykarp, ´der Ältere` (I48594)
 
3824 Leben
Brendel Mendelssohn wurde am 24. Oktober 1764[2] als zweite Tochter von Moses und Fromet Mendelssohn geboren.[3] Mit vierzehn Jahren wurde sie im Jahr 1778 mit dem zehn Jahre älteren Kaufmann Simon Veit (1754–1819) verlobt, den sie am 30. April 1783 im Alter von achtzehn Jahren heiratete. Zwischen 1787 und 1793 bekam sie vier Söhne, von denen zwei überlebten: Jonas Veit (1790–1854) und Philipp Veit (1793–1877), die später zu den Mitbegründern der nazarenischen Malerschule wurden. Im Salon ihrer Freundin Henriette Herz lernte sie im Juli 1797 den jungen Friedrich Schlegel kennen, der noch im selben Jahr ihr Geliebter wurde. Friedrich Schlegels für damalige Verhältnisse skandalöser Roman Lucinde (1799) ist eine ins Programmatische ausgeweitete Darstellung ihrer freizügigen Beziehung.[4]

Am 11. Januar 1799 ließ sich das Ehepaar Veit durch ein Rabbinatsgericht scheiden. Brendel Veit erhielt das Sorgerecht für ihren jüngeren Sohn Philipp Veit unter der Bedingung, nicht wieder zu heiraten, sich nicht taufen zu lassen und ihre Kinder nicht zum Übertritt zum Christentum zu bewegen.[5] Durch die Scheidung verlor sie außerdem die Berechtigung, in Berlin zu leben.[6] Seit der Scheidung nannte sie sich Dorothea, indem sie ihren jüdischen Vornamen Brendel ablegte.[7] Sie lebte nun frei und öffentlich mit Friedrich Schlegel zusammen. Sie zog mit ihm, seinem Bruder August Wilhelm Schlegel und dessen Frau Caroline nach Jena, um dort, wo sich mit Novalis, Ludwig Tieck und Schelling ein Zentrum der literarischen Romantik etablierte, eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu bilden. Dorothea wurde durch die Jenaer Gemeinschaft zum ersten Band des Romans Florentin (1801) angeregt, der anonym unter der Herausgeberschaft Friedrich Schlegels erschien und in dem sie Goethes Wilhelm Meister und Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen nacheiferte.

1802 übersiedelte das Paar nach Paris, wo Dorothea 1804 zum Protestantismus übertrat und die Trauung mit Friedrich Schlegel vollzog. Im selben Jahr zog das Ehepaar nach Köln. In den folgenden Jahren übersetzte sie verschiedene Werke aus dem Französischen, darunter Erinnerungen wie jene der Margarete von Valois, Rittergeschichten sowie Germaine de Staëls Roman Corinna oder Italien (vier Bände, 1807), der wiederum unter dem Namen ihres Mannes als Herausgeber und Übersetzer erschien. Schlegel sollte viele Arbeiten seiner Frau sogar in seine Werkausgabe aufnehmen. Dorothea verstand sich auch selbst als Zuarbeiterin ihres Mannes und wünschte sich, „Friedrich sein Geselle zu werden“. In den von Schlegel herausgegebenen Zeitschriften erschienen zudem literaturkritische Arbeiten seiner Frau.

1808 wechselte Dorothea, noch in Köln, die Konfession. Gemeinsam mit Friedrich Schlegel trat sie zum Katholizismus über – wofür Schlegels protestantische Familie, die diesen Konfessionswechsel missbilligte, sie verantwortlich machte. Die Tochter des prominenten jüdischen Vertreters der Aufklärung und Toleranz war nun gemeinsam mit ihrem zweiten Mann davon überzeugt, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein Heil gebe, und bemühte sich, unter ihren Freunden und in ihrer Familie Proselyten zu werben, worauf sich 1810 auch ihre beiden Söhne katholisch taufen ließen. 1808 zog das Paar auch nach Wien, wo Dorothea Schlegel zeitweise Umgang mit Rahel Varnhagen von Ense – einer alten Freundin aus Berliner Tagen –, Wilhelm von Humboldt und Joseph von Eichendorff pflegte. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Frankfurt am Main (1816–1818), wo ihr Mann als österreichischer Diplomat beim Bundestag des Deutschen Bundes tätig war, zog das Paar 1818 nach Rom, wo Dorotheas nazarenisch gesinnte Söhne als Maler arbeiteten. Als ihr Mann 1829 starb, übersiedelte sie nach Frankfurt zu ihrem Sohn Philipp, der dort Direktor des Städelschen Kunstinstituts war.

Ihr Grab befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, im Gewann B, Grabnummer 180.

Ehrungen
Nach ihr ist der Dorothea-Schlegel-Platz in Berlin sowie die Dorothea-Veit-Straße in Jena-Lobeda benannt.

Werke
Rezension über Werke von Ramdohr, Engel und Parny, von D. (Dorothea) Schlegel, in: Athenaeum, Bd. III, 2. Stück, 1800, S. 238–266.
Florentin, Lübeck und Leipzig 1801. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv). Neuausgabe Hofenberg, Berlin 2015, ISBN 978-3-8430-9729-1
Gespräch über die neueren Romane der Französinnen. In: Europa (Zeitschrift, herausgegeben von Friedrich Schlegel).
Geschichte des Zauberers Merlin, Leipzig 1804. Neuausgabe Hofenberg, Berlin 2015, ISBN 978-3-8430-9738-3 
MENDELSSOHN, Brendel (I60738)
 
3825 Leben
Cangrande war der erstgeborene Sohn von Mastino II. della Scala und seiner Gattin Taddea da Carrara. Das von Chronisten mit 7. Juni 1332 überlieferte Geburtsdatum stimmt mit dem Tag überein, als Brescia von seinem Vater erobert wurde und scheint deshalb nach Varanini wenig glaubwürdig. Von seiner Kindheit und Jugendzeit sind nur sehr spärliche Informationen bekannt. 1337 wurde er zum Ritter geschlagen. Kurz vor dem Friedensschluss mit Venedig und Florenz im Januar 1339 verweigerte sein Vater seinen Austausch für den in Venedig in Gefangenschaft gehaltenen Alberto II. della Scala, Bruder und Mitregent von Mastino II.[1]

Zwischen 1348 und 1349 stand er in einigen Feldzügen gegen die Gonzaga aus Mantua an der Seite seines Onkels Alberto II. Im Mai 1350 wurde seine Heirat mit Elisabeth von Bayern, der Tochter von Ludwig IV. arrangiert, die er im November des gleichen Jahres heiratete. Die verwandtschaftliche Beziehung zu den einflussreichen Wittelsbachern soll laut zeitgenössischen Chronisten sich nicht positiv auf sein Verhalten ausgewirkt haben.[1]

Nach dem Tod seines Vaters im Juni 1351 verzichtete sein Onkel auf die alleinige Regentschaft und übertrug sie Cangrande II. und seinen beiden jüngeren Brüdern. De facto übte sie, auch nach dem Tod seines Onkels Alberto im September 1352, aber allein Cangrande II. aus. Gleich zu Beginn seiner Regentschaft musste er sich mit den aufstrebenden Visconti aus Mailand auseinandersetzen. Schwierigkeiten bereiteten ihm aber auch die Castelbarco im südlichen Trentino, so dass er Ende 1352 an der Spitze eine Heeres gegen die Castelbarco im Vallagarina zog. Erst durch die Intervention seines Schwagers Ludwig V. konnte der Streit mit den Castelbarco geschlichtet werden. Casagrande II. kam die schwierige Aufgabe zu, die von Mastino II. begonnene Bündnispolitik fortzusetzen. Insbesondere sah er sich mit den schwierigen Beziehungen zu den Viscontis, seine Schwester Beatrice della Scala mit Bernabò Visconti verheiratet worden, im Kampf um Macht und Einfluss in Oberitalien konfrontiert. Im Dezember 1353 schloss er sich dem gegen die Visconti gerichteten Bündnis an, dem Venedig, die Este, die da Carrara und die Manfredi angehörten.[1]

Als er sich im Februar 1354 mit seinem Bruder Cansignorio in Bozen aufhielt, um nach einigen Quellen den Grafen von Tirol für das Bündnis gegen die Visconti zu gewinnen, putschte sich sein Halbbruder Fregnano della Scala mit Unterstützung der Gonzaga und einigen den Scaligern in Verona feindlich gesinnten Familien der städtischen Führungsschicht an die Macht und ließ sich zum Herrn von Verona ausrufen.[2]

Nachdem ihn die Nachricht vom Umsturz seines Halbbruders erreichte, eilte er nach Vicenza in der sein treuer Berater Giovanni della Scala Zuflucht gefunden hatte. In Vicenza stellte er ein Heer auf und zog mit ihm nach Verona. Der Umsturzversuch endete schließlich mit dem Tod Fregnanos, der im Kampf um die Stadt am 25. Februar 1354 fiel.[3]

Der Komplott seines Halbbruders gab Cangrande II. den Anlass, gnadenlos gegen Widersacher und vermeintliche Verschwörer vorzugehen. Er nutzte es aber auch als Vorwand, das administrative Gefüge der Stadt nach seinen Vorstellungen umzugestalten, auch wenn er zunächst darauf verzichtete alteingesessene Einrichtungen, wie den Großen Rat, aufzulösen.[1]

Im Sommer 1354 begann der Krieg gegen Mailand. Im Bündnis gegen Mailand, dem sich mittlerweile auch die Gonzaga angeschlossen hatten, spielte Cangrande II. keine bedeutende Rolle, zumal der Konflikt bereits im Oktober des gleichen Jahres mit dem Tod Giovanni Viscontis beendet war.[1]


Das unter Cangrande II. errichtete Castelvecchio in Verona
Um sich besser vor zukünftigen Übergriffen zu schützen, gab er noch 1354 den Auftrag zum Bau der Burg San Martino Aquaro später bekannt als Castelvecchio. Die am Rande der damaligen Stadt gelegene Scaligerburg symbolisiert die zunehmende Distanz, die sich zwischen den Scaligern und der Bevölkerung aufgebaut hatte. Die in kurzer Zeit errichtete Burg, für deren Finanzierung Cangrande II. die Steuern anzog, verfügte mit der Ponte Scaligero eine nur den Scaligern und ihren Vertrauten vorbehaltene Brücke, über die sie sich bei Gefahr auf die andere Seite der Etsch zurückziehen könnten. Nach der Fertigstellung der Burg 1356 residierte er mit engen Vertrauten von der Burg aus. Zudem umgab er sich mit deutschen Rittern, die sein Schwager Ludwig V. ihm zu seinem persönlichen Schutz zur Verfügung stellte.[4]

Außenpolitisch hielt er sich nach dem Februar 1354 weitgehend zurück. Auch nach dem Einfall der Ungarn unter König Ludwig I. nach Venetien 1356 vermied er es eindeutige Positionen zu beziehen. Zwar hofierte er vor dem Ungarn, vermied es aber gemeinsam gegen dessen Widersacher Venedig vorzugehen. Zwischen 1358 und 1359 bot er seinem Schwager Bernabò Visconti eine mehr symbolische Hilfe bei dessen Belagerung von Bologna.[1]

Innenpolitisch fiel der mit dem Spitznamen Can rabioso (dt. tollwütiger Hund) betitelte Cangrande II., den er sich für seine despotische Regierungsweise zueignete, in seinen letzten Regierungsjahren von 1356 bis 1359 insbesondere durch seine Steuerpolitik auf. Auf sein Heer gestützt, erhöhte er Steuern und Abgaben und versuchte zugleich soviel Reichtümer wie möglich für seine unehelichen Kinder anzuhäufen.[5][1]

Womöglich weil er um sein Leben fürchtete, fasste er im November 1359 sein Testament ab. Im Testament benannte er als Universalerben zwar seine jüngeren Brüder Paolo Alboino und Cansignorio, einige Wochen zuvor hatte er aber bereits wesentliche Geldsummen zugunsten seiner unehelichen Kinder nach Venedig transferieren lassen.[1]

Wenige Wochen danach wurde er am 14. Dezember 1359 von seinem Bruder Cansignorio auf offener Straße in Verona ermordet.

Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Familienfriedhof der Scaligero in einem unscheinbaren Sarkophag.

Literatur
Mario Carrara: Gli Scaligeri. Dall’Oglio, Mailand 1971.
Mario Patuzzo: Verona Romana Medioevale Scaligera. La grafica, Verona 2019, ISBN 978-88-95149-11-0.
Gian Maria Varanini: Della Scala, Cangrande. In: Massimiliano Pavan (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 37: Della Fratta–Della Volpaia. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1989. 
DELLA SCALA, Cangrande II. (I61239)
 
3826 Leben
Carl Mendelssohn Bartholdy wurde als erstes von fünf Kindern in Leipzig geboren, kam aber bereits im Alter von 15 Jahren als Vollwaise zu seinem Onkel Paul Mendelssohn-Bartholdy, einem Bankier, nach Berlin. Dieser drängte ihn darauf, nach dem Abitur Rechtswissenschaften zu studieren, wofür Carl im Sommer 1857 nach Heidelberg ging. Seit dieser Zeit schrieb er seinen Vornamen mit K anstatt C. In Heidelberg wurde er Mitglied der Burschenschaft Allemannia und beendete 1859 sein Studium mit der Promotion zum Doktor der Rechtswissenschaften. Anschließend folgte ein Studium der Geschichte, welches er 1860/61 wegen seines Militärdiensts unterbrechen musste. 1864 wurde er mit einer Dissertation über Ioannis Kapodistrias zum Dr. phil. promoviert. Es folgten Berufungen als Professor an die Universitäten Heidelberg 1867 und Freiburg ein Jahr später.

Zeitlebens war das Verhältnis zu seinem Onkel Paul gespannt. Karls Überzeugung als Demokrat und Gegner Preußens ließen ihn als eine Art Rebellen innerhalb der Familie Mendelssohn erscheinen. Als Historiker galt sein Interesse vorwiegend der Revolutionsgeschichte. So erforschte er auf mehreren Reisen die Geschichte des griechischen Freiheitskampfes.

An seinem 30. Geburtstag verlobte er sich mit Bertha Eissenhardt (1848–1870). Mit ihr hatte er die Tochter Cécile (1870–1943). Bertha starb bereits einundzwanzigjährig im Kindbett. Zwei Jahre später heiratete er seine zweite Frau Mathilde von Merkl (1848–1937). Aus dieser Ehe ging Sohn Albrecht (1874–1936) hervor. Zu dieser Zeit trat eine seit Kindheit vorhandene nervöse Reizbarkeit stärker hervor und führte 1873 zum körperlichen Zusammenbruch. Daraufhin beantragte er seine Entlassung aus dem badischen Staatsdienst und ging in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tode 23 Jahre später in der heutigen psychiatrischen Klinik Königsfelden blieb.

Schriften (Auswahl)
Felix Mendelssohn Bartholdy. Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847, Band 1–2, Hrsg. Paul Mendelssohn-Bartholdy und Carl Mendelssohn Bartholdy, Hermann Mendelssohn, Leipzig 1863. (Digitalisat)
Graf Johann Kapodistrias; Dissertation Univ. Heidelberg 1864, Druck E. S. Mittler und Sohn, Berlin 1864. (Digitalisat)
Friedrich von Gentz. Briefe an Pilat. Ein Beitrag zur Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert, Band 1–2; Hrsg. Karl Mendelssohn Bartholdy, F. C. W. Vogel, Leipzig 1868. (Digitalisat "Zweiter Band")
Goethe und Felix Mendelssohn Bartholdy, Hirzel, Leipzig 1871 (Digitalisat)
Briefe des Königlich Preußischen Generals und Gesandten Theodor Heinrich Rochus von Rochows an einen Staatsbeamten. J. D. Sauerländer, Frankfurt am Main 1873. (Digitalisat)
Geschichte Griechenlands von der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 bis auf unsere Tage, Band 1–2; S. Hirzel, Leipzig 1870/1874. (Digitalisat "Erster Theil")
Literatur
Redaktion der ADB: Mendelssohn Bartholdy, Karl. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 55, Duncker & Humblot, Leipzig 1910, S. 558–560.
Elke Renate Steiner, »Karl Mendelssohn Bartholdy« aus der Reihe »Die anderen Mendelssohns«, Comicroman, 2015, ISBN 978-3-95640-024-7 
MENDELSSOHN BARTHOLDY, Carl Wolfgang Paul (I60809)
 
3827 Leben
Carl Richard war der älteste Sohn von Johann Wilhelm Zanders und Julie Zanders.[1] Nach seiner schulischen Unterrichtung und Studium in Bonn ging er auf Wunsch der Mutter 1846 als Lehrling zur Schnabelsmühle in Bergisch Gladbach. Seit April 1847 reiste er durch alle bedeutenden deutschen Großstädte von Hamburg bis München und von Leipzig bis Wien, später auch ins nahegelegene Belgien und in die Niederlande. Dabei besuchte er viele andere Papierfabrikanten, um sein Wissen zu erweitern, aber auch um Verbindungen zu alten Großhandelsfreunden aufzufrischen und neue anzuknüpfen. Als seine Mutter mit der Familie wieder nach Bergisch Gladbach zurückgekehrt war, trat er 1848 in die Firma J. W. Zanders in der Schnabelsmühle ein.[2] Am 17. Juni 1857 heiratete er Maria Zanders, geb. Johanny-Abhoë, die Tochter eines Hückeswagener Tuchfabrikanten. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, unter ihnen Richard Zanders[3] und Margarete († 1917), welche den preußischen Regierungspräsidenten Francis Kruse ehelichte.[4]

Wirken
Zanders trat in einer Zeit in die Papierherstellung ein, als aus den alten Papiermühlen industrielle Fabriken entstanden. Aus der Zeit, als die Schnabelsmühle vorübergehend für 12 Jahre verpachtet war, gab es viel nachzuholen. Allenthalben hatten Papiermaschinen Einzug gehalten. Auch wenn Zanders erst im Jahr 1857 gleichberechtigter Gesellschafter zusammen mit seiner Mutter wurde, hatte er schon zuvor entscheidende Verbesserungen umgesetzt: 1851 baute er eine Trockenstube mit Vorrichtung zum Schnelltrocknen; 1854 folgten eine zeitgemäße Satiniermaschine und Verbesserung der Leimung; 1855 kam eine Dampfröhrenheizung in die Glättstube und Lumpenkammer, es wurde ein Kesselhaus mit einer Dampfmaschine gebaut sowie eine Lumpenküche und ein Laboratorium; 1856 richtete er eine mechanische Werkstatt mit Drehbank ein und kaufte einen Waschholländer; als vorläufiger Höhepunkt folgte 1860 eine neue Papiermaschine.

Im Jahr 1868 kaufte er die Gohrsmühle an. Das brachte dem Unternehmen wesentliche Vorteile für eine weitere räumliche Ausdehnung mit dem Bau von größeren Fabrikgebäuden und hohen Schornsteinen. Er konnte die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ernten, weil er kurze Zeit später an einer tückischen Krankheit starb.[3] 
ZANDERS, Carl Richard (I56598)
 
3828 Leben
Caroline (auch als Karoline geschrieben) von Gomperz-Bettelheim wurde 1845 als Tochter jüdischer Eltern in Ungarn geboren. Ihr jüngerer Bruder ist der Autor, Literaturkritiker und Journalist Anton Bettelheim.

Bereits als Siebenjährige begleitete sie ihren Klavierlehrer bei einem öffentlichen Violinkonzert. Ihre Begabung veranlasste die Eltern, sie ausbilden zu lassen. Sie nahm Unterricht am Klavier bei Karl Goldmark und Gesangsunterricht bei Moritz Laufer und gab mit 14 Jahren ihr Debüt als Pianistin. Bereits zwei Jahre später stand sie das erste Mal als Sängerin (Alt) auf einer Wiener Opernbühne. Von 1861 bis 1867 war sie festes Ensemblemitglied der Wiener Hofoper. 1867 folgte dann die Hochzeit mit dem Handelskammerpräsidenten und Reichstagsabgeordneten Julius Ritter von Gomperz (1824–1909) sowie der Abschied von der großen Bühne. Caroline von Gomperz-Bettelheim trat aber weiterhin auf kleineren deutschen Bühnen auf.

Caroline war langjähriges Ausschussmitglied des Patriotischen Frauenhilfsvereins vom Rothen Kreuze für Mähren[1].


Grabstätte Caroline von Gomperz-Bettelheim
Ihre ehrenhalber gewidmete Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof in Wien-Döbling (Gruppe 32, Reihe 3, Nummer 22). 
BETTELHEIM, Caroline (I60255)
 
3829 Leben
Caroline Henriette Rosenstiel war die Tochter von Friedrich Philipp Rosenstil und der Luise Elisabeth Decker (1764–1832), einer Tochter des Oberhofbuchdruckers Georg Jacob Decker. Somit war sie auch verwandt mit dem Berliner Hofbuchdrucker Rudolf Ludwig Decker und seiner Frau, der Sängerin Pauline von Decker.

Sie war von 1800 bis 1832 als Sopranistin Mitglied der Berliner Singakademie.

Am 9. März 1817 heiratete sie den Bildhauer Johann Gottfried Schadow, beide hatten sich im Salon der Henriette Herz kennengelernt;[1] das Paar bekam vier Kinder zwischen 1818 und 1824:

Richard Schadow (* 7. Februar 1818; † 20. August 1918)
Felix Schadow (* 21. Juni 1819; † 25. Juni 1861), Maler
Lida Schadow, später verehelichte Bendemann (* 16. August 1821; † 5. August 1895), Schriftstellerin
Julius Schadow (* 22. Juli 1824; † 1827)
Das Grab von Henriette Schadow befindet sich neben dem Grab ihres Mannes auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße in Berlin-Mitte (in der Abteilung CAL G2).[2]

Literatur
Hinrich Lichtenstein: Zur Geschichte der Sing-Akademie in Berlin. Trautwein, Berlin 1843, S. 35. (Digitalisat)
Weblinks
„Biografie“, Schadow-Gesellschaft Berlin; zuletzt abgerufen am 8. März 2024.
Schadow, Henriette. In: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe. Digitale Edition (Version 4.9.0 vom 5. Februar 2024). Letzte Änderung dieses Dokuments am 14. September 2021; zuletzt abgerufen am 8. März 2024. 
ROSENSTIEL, Caroline Henriette (I60880)
 
3830 Leben
Cécile Jeanrenaud war die jüngere Tochter von August Jeanrenaud (1788–1819) und Elisabeth Wilhelmine Jeanrenaud geb. Souchay de la Duboissière (1796–1871) sowie eine Enkelin des Frankfurter Tuchhändlers Cornelius Carl Souchay. Ihr Vater stammte aus Neuchâtel, wohin seine Vorfahren aus dem Val-de-Travers[1] zugezogen waren. Er war seit 1810 Prediger an der Französisch-reformierten Kirche in Frankfurt am Main gewesen, wo er die Nachfolge von Jean-Daniel Souchay de la Duboissière angetreten hatte. Dieser war der Großvater seiner Frau Elisabeth („Lilli“), die er 1814 heiratete. Die Souchays waren eine einflussreiche hugenottische Familie der Freien Stadt Frankfurt, wo die Reformierten erst seit 1806 mit den Lutheranern gleichgestellt waren. Der Bruder von Cécile Jeanrenaud, Carl Jeanrenaud, wurde Richter und Abgeordneter in Frankfurt.

Weil ihr Vater von schwacher Gesundheit war, zog die Familie 1817 nach Lyon, wo Cécile geboren wurde. Ein Jahr später kehrte die Familie nach Frankfurt zurück. Ihr Vater starb 1819 an Schwindsucht. Seine zweiundzwanzigjährige Witwe wohnte seitdem mit ihren vier Kindern im Hause der Souchays in der Alten Mainzer Gasse am Fahrtor.[2]

Mendelssohn Bartholdy lernte Cécile Jeanrenaud 1836 in Frankfurt kennen, als er dort die Leitung des Cäcilien-Chors in Vertretung für den erkrankten Johann Nepomuk Schelble innehatte. Das Paar verlobte sich am 9. September 1836 im Haus der Jeanrenauds. Am 28. März 1837 fand die Trauung in der Französisch-reformierten Kirche statt. Felix Mendelssohn Bartholdy entwickelte im Laufe der Jahre eine enge Verbindung zur Familie seiner Frau.

Gemeinsam hatte das Paar fünf Kinder, die allesamt in Leipzig, Mendelssohn Bartholdys Hauptwirkungsstätte, zur Welt kamen:

Carl Wolfgang Paul (7. Februar 1838 – 23. Februar 1897)
Marie Helene Pauline (2. Oktober 1839 – 28. Oktober 1897)
Paul Felix Abraham (18. Januar 1841 – 17. Februar 1880)
Felix August Eduard (1. Mai 1843 – 16. Februar 1851)
Lili Fanny Henriette Elisabeth (19. September 1845 – 15. Oktober 1910)
Nach dem Tod ihres Ehemanns 1847 erkrankte Cécile Mendelssohn Bartholdy. Sie zog mit ihren fünf Kindern nach Berlin zu den Verwandten ihres Mannes.


Familiengrabstelle Jeanrenaud auf dem Frankfurter Hauptfriedhof
Cécile Mendelssohn Bartholdy starb am 25. September 1853 bei einem Aufenthalt in Frankfurt. Sie wurde im Familiengrab der Jeanrenauds und Souchays auf dem Hauptfriedhof begraben. Ihr Grabkreuz trägt auf der Rückseite die französische Inschrift: Elle n’est pas ici; pourquoi chercher parmi les morts ceux, qui sont vivants. Es handelt sich um eine Abwandlung des Bibelworts über den auferstandenen Jesus aus Lukas 24,5, das nunmehr auf sie bezogen war: „Sie ist nicht hier. Was sucht ihr die Lebenden bei den Toten?“ Ihre Söhne lebten fortan im Haus von Céciles Schwager, des Bankiers Paul Mendelssohn-Bartholdy, die Töchter wuchsen bei Céciles Mutter in Frankfurt auf.

2004 ließ die Frankfurter Mendelssohn-Gesellschaft das verwitterte Grab Cécile Mendelssohn Bartholdys renovieren. Zur feierlichen Übergabe des erneuerten Grabes am 22. Mai 2005 wurden Musikstücke ihres Gatten gespielt.

Zeitgenössische Berichte heben besonders ihre Anmut und Schönheit hervor. Ihr Neffe Sebastian Hensel charakterisierte sie mit den Worten: „Sie war nicht hervorragend geistreich, nicht tief gelehrt, nicht sehr talentvoll, aber ihr Umgang war so wohltuend ruhig, so erquickend wie die reine Himmelsluft oder das frische Quellwasser“, und Eduard Devrient beschrieb sie in seinen Erinnerungen, die 20 Jahre nach ihrem Tod erschienen: „Cecilie war eine jener süßen weiblichen Erscheinungen, deren stiller und kindlicher Sinn, deren bloße Nähe auf jeden Mann wohltuend und beruhigend wirken musste. Eine schlanke Gestalt, die Gesichtszüge von auffallender Schönheit…“ Mendelssohn Bartholdy galt als versierte Zeichnerin und Malerin.[3]

Literatur
Peter Ward Jones (Hrsg.): Felix und Cécile Mendelssohn Bartholdy. Das Tagebuch der Hochzeitsreise nebst Briefen an die Familie. Zürich 1997.
Peter Ward Jones (Hrsg.): Felix Mendelssohn Bartholdys Tod: Der Bericht seiner Frau. In: Mendelssohn Studien, Band 12, Hannover 2001, S. 205–225.
Christian Lambour: Erinnerungen an Cécile und Felix Mendelssohn Bartholdy von Eduard Souchay de la Duboissière. In: Mendelssohn Studien, Band 16, Hannover 2009, S. 211–222.
Weblinks
Commons: Cécile Mendelssohn Bartholdy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Mendelssohn Bartholdy, Cécile Sophie Charlotte. Hessische Biografie. (Stand: 28. November 2023). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Hagen Kunze: Mendelssohn Bartholdy, Cécile. In: Leipziger Frauenporträts, Webseite der Stadt Leipzig, 2020.
Literatur von und über Cécile Mendelssohn Bartholdy im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Biographie von Cécile Mendelssohn Bartholdy, hrsg. von Die Cavallerotti – das KulturNetzWerk e. V.
Frankfurter Hauptfriedhof: Das Grab von Cécile Mendelssohn-Jeanrenaud
Einzelnachweise
André Vallana: 111 lieux autour du Lac de Neuchâtel à ne pas manquer. Emos Verlag, Köln 2024, ISBN 978-3-7408-1912-5, Kapitel 75: Evole Petitpierre : Mendelsohn manqua un concert pour la visiter, S. 158 f.
Ralph Larry Todd: Mendelssohn: A Life in Music Oxford University Press, Oxford 2003, ISBN 0-19-511043-9, S. 324.
Katharina Granzin: Schlechte Deals für die Bräute. Im Themenjahr „Stark! Weibliche Lebenswelten in den Leipziger Musikmuseen“ horcht das Bach-Museum auf weibliche Stimmen aus der Bach-Sippe, und das Mendelssohn-Haus zeigt Gemälde und Zeichnungen von Cécile Mendelssohn Bartholdy, in: taz, 3. September 2024, S. 15. 
JEANRENAUD, Cécile Charlotte Sophie (I60782)
 
3831 Leben
Charles Armand de Gontaut-Biron gehörte der aus dem Périgord stammenden Familie Gontaut-Biron an. Er war der Sohn von François de Gontaut-Biron (* 1629; † 1700[3]), Marquis de Biron und de Brisambourg, und Elisabeth de Cossé, und Urenkel des Marschalls Armand de Gontaut (* 1524; † 1592) und Großneffe des Marschalls Charles de Gontaut (* 1562; † 1602).

1681 wurde er Colonel im Régiment de La Marche Infanterie[4], Kapitän im Régiment du Roi[5]. Am 3. Januar 1696 wurde er zum Brigadier d’Armée befördert. Am 29. Januar 1702 wurde er zum Maréchal de camp ernannt. Er diente in Deutschland und kämpfte am 12. Oktober 1702 bei der Belagerung von Neuenburg am Rhein und kämpfte zwei Tage später in der Schlacht bei Friedlingen. 1703 diente er in Flandern. Am 26. Oktober 1704 wurde er zum Lieutenant-général des Armées du Roi befördert.

In der Schlacht bei Oudenaarde (11. Juli 1708) wurde er verwundet und geriet in Gefangenschaft. Bei der Belagerung von Landau (2. Juli 1713) wurde er so am linken Arm verwundet, dass dieser am 20. August amputiert werden musste. Nach der Eroberung der Stadt wurde er deren Gouverneur.

In der Zeit der Polysynodie (1715–1718) wurde er vom Regenten Philippe d’Orléans, in den Conseil de la Guerre berufen (September 1715) und mit der Führung der Infanterie beauftragt. Nach dem Ende der Polysynodie (25. September 1718) blieb er für die Infanterie verantwortlich. Am 17. Juni 1719[6] wurde er Premier Écuyer des Regenten und dann auch Generalinspekteur der Infanterie.

Im Oktober 1721 wurde er Mitglied des Regentschaftsrates. Im Februar 1723 wurde er zum Herzog und Pair ernannt, erblich in der männlichen Nachkommenschaft, ernannt, die Registrierung beim Parlement erfolgte am 22. August 1723.[7][8] Er trat als Herzog und Pair zugunsten seines Sohnes François Armand de Gontaut-Biron zurück, dieser wurde am 19. März 1733 als Pair beim Parlement empfangen. Im November 1723 erbte er von Antonin Nompar de Caumont, einem Onkel seiner Ehefrau, das Herzogtum Lauzun. 1730 wurde er Comte de Cabrères.

Am 14. Juni 1734 machte ihn Ludwig XV. zum Marschall von Frankreich, die Bekanntmachung erfolgte erst am 17. Januar 1735, den zugehörigen Eid legte er am 26. Januar 1735 ab. Er wurde aufgrund seines Alters dann Doyen der französischen Marschälle und der Generäle. Am 2. Februar 1737 wurde er Ritter im Orden vom Heiligen Geist. Er starb am 23. Juli 1756 in Paris in der Pfarre l’Oratoire.

Ehe und Familie
Er heiratete mit Ehevertrag vom 12. August 1686 Marie-Antonine de Bautru de Nogent (* 1662[9]; † 4. August 1742 in Paris an einem Schlaganfall), Tochter von Armand de Bautru, Comte de Nogent, Lieutenant-général de Basse-Auvergne, und Diane Charlotte de Caumont-Lauzun. Das Ehepaar bekam 26 Kinder:

Anne Jules († 28. September 1699[10] in Paris), Marquis de Brisambourg
François Armand (* 21. Januar 1689[11]; † 28. Januar 1736[12] in Paris an den Pocken) 3. Duc de Biron, 1723 Pair de France; ⚭ 30. Dezember 1715 in Vincennes Marie-Adélaide de Gramont (* wohl 30. März 1700[13] in Versailles; † 25. August 1740 in Paris), Tochter von Antoine V. de Gramont, Duc de Gramont, Pair und Marschall von Frankreich, und Marie-Christine de Noailles
Marguerite Mathilde[14] (* 1690; † 20. Januar 1724 in Saintes), geistlich in Chelles, 1718[15] Coadjutrix in der Abtei Notre-Dame de Saintes
Jean Louis (* 15. Dezember 1692[16]; † 1772[17]), genannt l’Abbé de Biron, dann l’Abbé-Duc de Biron, Seigneur de Montaut etc., 12. Dezember 1712 Kanoniker an der Kathedrale von Paris, Kommendatarabt der Abtei Saint-Pierre de Moissac (8. Januar 1716[18]) und der Abtei Cadouin (1. Oktober 1727[19]), bis 1733 Domdechant in Paris, 1737/40 5. Duc de Biron, 1739 Pair de France[20]
Françoise Madeleine (* 14. Oktober 1692[21]; † 18. März 1739[22] in Paris); ⚭ 23. Dezember 1715 Jean Louis d’Usson, Seigneur de Bonnac[23], Diplomat, außerordentlicher Gesandter in Konstantinopel, dann Gesandter in der Schweiz (1724)[24], Deutschland, Schweden, Russland und Spanien (* um 1672; † 1. September 1738 in Paris)
Judith Charlotte (* wohl 1694[25]; † 20. April 1741 in Paris); ⚭ 7. März 1717[26] Claude Alexandre de Bonneval (* 14. Juli 1675 in Bonneval; † 23. März 1747 in Konstantinopel als Muslim), Chevalier, dann Comte de Bonneval, Generalleutnant des Kaisers in Österreich, Pascha und Generalissimus der osmanischen Truppen, Gouverneur von Karamanien, Beylerbey und Rumelien
Geneviève (* 1697[27]; † 15. Januar 1756 in Paris); ⚭ 11. März 1720 in Paris Louis de Gramont, Comte de Lesparre, dann Comte de Gramont, Duc de Gramont, Prince de Bidache, Pair und Marschall von Frankreich (* 1689; X 15. April 1745 in der Schlacht bei Fontenoy), 1728 Ritter im Orden vom Heiligen Geist, Sohn von Antoine V. de Gramont, Duc de Gramont, Pair und Marschall von Frankreich, und Marie-Christine de Noailles
Marie Antoinette Victoire[28] (* 1700; † 26. März 1770 in Paris); ⚭ 16. Juli 1721 Louis Claude Scipion de Grimoard de Beauvoir de Montlaur (* 19. September 1690; † 15. Juli 1752), Seigneur et 5. Comte du Roure[29], Marquis de Grizac (Languedoc), Lieutenant-général, Sohn von Louis de Beauvoir, Comte du Roure, und Louise de Caumont-La Force
Louis Antoine (* 2. Februar 1701; † 29. Oktober 1788[30] in Paris), genannt Comte de Biron, dann Duc de Biron, Comte und 1740 6. Duc de Biron etc., 13. Februar 1743 Lieutenant-général, 1. Januar 1744 Ritter im Orden vom Heiligen Geist, 24. Februar 1757 Marschall von Frankreich, 1775 Gouverneur des Languedoc; ⚭ 29. Februar 1740, 1772 getrennt, Pauline Françoise de La Rochefoucauld de Roye (* 2. März 1723; † guillotiniert 27. Juni 1794 in Paris), Marquise de Sévérac, Tochter von François III. de La Rochefoucauld de Roye, Comte de Roucy, Marquis de Sévérac, und Marguerite Elisabeth Huguet de Sémonville
Marie Renée (* 1701[31] in Paris; † 29. November 1775 ebenda); ⚭ 12. Dezember 1726 Charles Eléonor Colbert, Comte de Seignelay (* 22. Februar 1689 in Versailles; † 27. März 1747 in Paris), Sohn von Jean-Baptiste Colbert, Marquis de Seignelay, und Catherine Thérèse Goyon de Matignon
Marie (* 18. März 1702; † jung)
Charles Armand (* 19. Oktober 1703 in Paris; † 5. April 1732 ebenda), genannt l’Abbé de Gontaut, Abt von Chaumont-La-Piscine im Rethelois
Charles Antonin (* 30. August 1705; † jung)
Marie Charlotte Armande (* 20. September 1707 in Paris; † 8. Oktober 1707 ebenda)
Charles Antoine Armand (* 8. Oktober 1708[32] in Paris; † 25. Oktober 1798 ebenda), genannt Marquis de Montferrand, dann Marquis puis Duc de Gontaut, 25. August 1758 Duc de Gontaut, Lieutenant-général des Armées du Roi (10. März 1748) und im Gouvernement de Languedoc et de Cévennes, 2. Februar 1757 Ritter im Orden vom Heiligen Geist; ⚭ 21. Januar 1744 Antoinette Eustachie Crozat du Châtel (Chastel) (* 25. Oktober 1727 in Paris; † 16. April 1747 ebenda), Tochter von Louis François Crozat, Marquis du Châtel (Chastel), und Marie Thérèse Catherine Gouffier de Heilly
Charlotte Antonine (* 1. Juni 1711 in Paris; † 6. Juli 1740 im Château de Rambouillet an Brustentzündung nach einer Geburt); ⚭ 13. Februar 1730[33] François[34] du Bouchet, Comte de Montsoreau (Anjou) et de Tourzel, Seigneur et 4. Marquis de Sourches (Maine, 1746) (* 25. November 1711; † 9. April 1788 in Paris), Grand-Prévôt de France, Lieutenant-général, 1773 Ritter im Orden vom Heiligen Geist, dann Kommandeur des Ordens, er heiratete in zweiter Ehe am 17. August 1741 Marguerite Henriette Desmarets de Maillebois, Tochter des Marschalls Jean-Baptiste Desmarets
10 Kinder († klein)
Literatur
Père Anselme, Histoire généalogique et chronologique, Band 4, 1728, S. 128
Louis Moréri, Le grand dictionnaire historique, Band 2, 1759, S. 482
François-Alexandre Aubert de La Chenaye-Desbois, Dictionnaire de la Noblesse, 3. Ausgabe. Band 9, 1866, Spalte 425–428
Alexandre Dupilet, La Régence absolue. Philippe d’Orléans et la polysynodie (1715–1718), Seyssel, Champ Vallon, Collection Époques, 2011, ISBN 978-2-87673-547-7
Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln, Band 29, 2013, Tafel 9
Fadi El Hage, Vendôme. la gloire ou l’imposture, Paris, Belin, 2016, ISBN 978-2-410-00288-1
Weblinks
Étienne Pattou, Famille et seigneurs de Gontaut, Gontaut-Biron et Badefols, S. 9f (online, abgerufen am 7. August 2021) 
DE GONTAUD-BIRON, Charles Armand (I61209)
 
3832 Leben
Charlotte Heine war die Tochter des Tuch- und Manufakturkaufmanns Samson Heine und dessen Frau Betty (eigentlich Peira), einer Tochter des Düsseldorfer Arztes Gottschalk van Geldern und dessen Ehefrau Sara Lea, geborene Preßburg. Sie hatte neben Heinrich Heine zwei weitere Brüder: Gustav und Maximilian. Charlotte Heine wurde, wie ihre Brüder, liberal und an aufklärerischen Werten orientiert erzogen, wobei ihre Erziehung weitestgehend von der Mutter übernommen wurde. Die Schulausbildung erhielt sie in Düsseldorf an einer von Nonnen geleiteten Klosterschule. Nachdem das Unternehmen Samson Heines 1819 insolvent geworden war, zog die Familie nach Hamburg, wo neben Salomon Heine und ihrem Bruder Heinrich weitere Verwandte lebten. Charlotte Heine kam im März 1820 mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern Gustav und Maximilian in die Hansestadt. Die Familie, die anfangs insbesondere von Salomon Heine finanziell unterstützt wurde, lebte zwischenzeitlich auch in Bad Oldesloe und erst ab 1828 dauerhaft in Hamburg.

Am 23. Januar 1823 heiratete Charlotte Heine auf dem Zollenspieker in den Vierlanden den Hamburger Kaufmann Moritz Embden. Mit ihm wohnte sie am Neuer Wall Nr. 167 und ab 1827 am Jungfernstieg. Später lebte das Ehepaar an der Großen Theaterstraße sowie an der Esplanade, Hausnummer 39. Das Ehepaar hatte vier Töchter und einen Sohn, ihre Tochter Marie (1835–1908) war später die Fürstin della Rocca.

Nach ihrem Tod wurden die sterblichen Überreste von Charlotte Embden auf dem Jüdischen Friedhof Bornkampsweg in Hamburg-Bahrenfeld beigesetzt.[3]

Einfluss auf Heinrich Heine und andere Künstler
Heinrich Heine hielt sich bei seinen Besuchen in Hamburg oftmals bei seiner Schwester auf. Der Dichter widmete ihr zahlreiche Werke, darunter 1824 das Gedicht „Mein Kind wir waren Kinder“, das Szenen der Kindheit aus dem Elternhaus in der Düsseldorfer Bolkerstraße behandelte. Charlotte wurde zur engsten familiären Vertrauten Heinrich Heines, in dessen Auftrag sie mit Julius Campe verhandelte. Das Verhältnis der Geschwister ist in zahlreichen Briefen festgehalten. Nach dem Tod des Bruders 1856 erhielt sie Besuche von zahlreichen Schriftstellern und Literaturhistorikern, darunter Gustav Karpeles, aber auch von Elisabeth von Österreich-Ungarn, der sie einige Autographen Heines schenkte.

Charlotte Embden war Gastgeberin eines rege frequentierten Salons, der insbesondere ab Ende der 1840er Jahre von zahlreichen Künstlern, darunter Albert Methfessel und Karl Gutzkow, besucht wurde.

Literatur
Dirk Brietzke: Embden, Charlotte. In: Kirsten Heinsohn (Hrsg.): Das jüdische Hamburg: ein historisches Nachschlagewerk. Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0004-0, S. 65 u. 68 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche; online).
Dirk Brietzke: Embden, Charlotte. In: Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Band 4. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0229-7, S. 93–94.
Artikel EMBDEN, CHARLOTTE. In: Jüdisches Lexikon. Band 2. Jüdischer Verlag, Berlin 1927, Sp. 389 f. (Digitalisat).
J. Loewenberg: Heines Lottchen. Erinnerungen an Charlotte Embden-Heine. In: Jugend, Jg. 4 (1899), H. 50, S. 818/820 (PDF-Datei; 11,47 MB).
Charlotte Embden (Nachruf). In: Die Welt, 3. Jahrgang, Heft 42 (20. Oktober 1899), S. 7 (Digitalisat). 
HEINE, Charlotte (I61090)
 
3833 Leben
Cornelia Friederica Christiana Goethe wurde als zweites Kind der Katharina Elisabeth Textor (1731–1808) und des Kaiserlichen Rates Johann Caspar Goethe (1710–1782) geboren. Ihr Bruder Johann Wolfgang war 15 Monate älter als sie. Die beiden Geschwister wurden gemeinsam erzogen, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war, sollten doch die Mädchen eigentlich auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden. Cornelia wurde schon mit drei Jahren in die „Spielschule“ geschickt und lernte dort bei Magdalena Hoff Lesen und Schreiben. Ab ihrem siebten Lebensjahr erhielt sie gemeinsam mit Johann Wolfgang Unterricht durch einen Hauslehrer. Als Sprachen lernte sie zunächst Latein und Griechisch, zwei Jahre später begann der Unterricht in Französisch. Weitere Fächer waren Englisch, Italienisch, Rechtswissenschaft, Geographie, Mathematik und Schönschreiben, außerdem Gesangs- und Klavierunterricht sowie Zeichnen. Cornelia lernte außerdem Fechten und Reiten und erhielt Lektionen in Anstandslehre und Tanz. Ihre Freizeit war äußerst streng bemessen, ermöglichte es ihr aber, literarischen Interessen und Diskussionen dazu mit dem Bruder nachzugehen, der für sie der wichtigste Ansprechpartner war.

Cornelia durfte als Frau trotz ihrer sorgfältigen Ausbildung nicht wie der Bruder studieren und blieb, als Johann Wolfgang 1765 in Leipzig sein Studium aufnahm, zu Hause in Frankfurt. Aus Leipzig schrieb er ihr im Mai 1767 das Folgende:

„Ich bin hingerissen von Deinem Brief, Deinen Schriften, Deiner Art zu denken … Ich sehe einen reifen Geist, eine Riccoboni, eine fremde Person, einen Autor, von dem ich selbst ietzo lernen kann … Oh, meine Schwester, bitte keine solchen Briefe mehr, oder ich schweige … Ich gestehe Dir’s, meine ganze Kunst wäre nicht imstande, eine Szene zu schreiben, wie sie Dir die Natur eingegeben hat.“[1]

Er vergleicht sie mit der Schriftstellerin und Schauspielerin Marie-Jeanne Riccoboni (1713–1792), der Frau des italienischen Schauspielers und Theaterautoren Antonio Francesco Riccoboni in Paris, die damals als Schriftstellerin bis nach Leipzig einen Namen hatte. Dennoch hat Goethe später die ihm von seiner Schwester überlassenen Schriften verbrannt, sodass nur ihr französischer Briefwechsel mit ihrer Freundin Katharina Fabricius erhalten blieb. Sie bemerkte, wie die Einstellung des Bruders zu Frauen sich in Leipzig änderte, wo er sich in die damals vorherrschende männliche Vorrangstellung einlebte. Seine Briefe spiegeln die Unterschiede wider, die damals zwischen den Geschlechtern bestanden: Er verweist sie darin auf ihre weiblichen Pflichten wie „die Haushaltung, wie nicht weniger die Kochkunst zu studieren“. Aus dieser Zeit sind Briefe vorhanden, die Cornelia Goethe in französischer Sprache an ihre damalige Freundin Katharina Fabricius geschrieben hat. Cornelia Goethe litt an ihrer Zurücksetzung als Frau, sah jedoch keine Alternative zur Ehe: „Es ist offensichtlich, daß ich nicht immer Mädchen bleiben kann, überdies wäre es sehr lächerlich, sich das vorzunehmen.“


Die Gartenlaube (1867)

Cornelia Schlosser
Cornelia Goethe war zu dieser Zeit insgeheim in einen jungen Engländer verliebt, der sich seit 1764 in Frankfurt aufhielt und 1768 abreiste, ohne sich von ihr zu verabschieden. Sie unterstützte ihren Bruder bei seiner Arbeit, als dieser während der folgenden Jahre wieder in Frankfurt weilte, und ermunterte ihn unter anderem dazu, den Götz von Berlichingen zu dramatisieren.

Als Johann Wolfgang Goethe 1772 eine Anstellung am Reichskammergericht in Wetzlar annahm, blieb sie in Frankfurt zurück und verlobte sich mit dem Juristen Johann Georg Schlosser (1739–1799), einem Freund des Bruders. Sie vermutete in Schlosser den gleichen Geist wie in ihrem Bruder und heiratete ihn am 1. November 1773. Ihr Mann erhielt eine hohe Beamtenstelle in der Markgrafschaft Baden, so dass die beiden zunächst nach Karlsruhe und dann nach Emmendingen zogen.

Cornelia Schlosser konnte sich zunächst mit ihrer Rolle als Ehefrau anfreunden und schrieb am 13. Dezember 1773 aus Karlsruhe an Caroline Herder: „Alle meine Hoffnungen, alle meine Wünsche sind nicht nur erfüllt – sondern weit, weit übertroffen. Wen Gott lieb hat, dem geb er so einen Mann –.“ Johann Georg Schlosser schrieb zu dieser Zeit in einem Brief an seinen Bruder: „Ihr ekelt vor meiner Liebe!“, und auch Goethe berichtete in einem Gespräch mit Eckermann: „Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging. Frauen, die eine gleiche Abneigung haben oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden was dieses sagen will. Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheiratet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in einem Kloster recht gehalten.“


Vormalige Wohnstätte von Johann Georg Schlosser und Cornelia Schlosser („geb. Goethe“), auch später als Landvogtei. Heute beherbergt das Gebäude die Stadtbibliothek von Emmendingen

Grab von Cornelia Schlosser auf dem Alten Friedhof von Emmendingen
Schon bald zeigte sich tatsächlich, dass die Ehe nicht glücklich war. Cornelia Schlosser vereinsamte in der kleinen Provinzstadt Emmendingen, in der ihr Mann seine religiösen Ideen durchsetzen wollte und staatsreformerisch wirkte. Er sah in ihr nur die Hausfrau, die die gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen sollte. Frauen betrachtete er als untergeordnete Geschöpfe, die jede wissenschaftliche Betätigung überfordern musste und denen deswegen nur leichte geistige Unterhaltung angeboten werden sollte. Cornelia Schlosser fing an, kränklich zu werden, und führte ihren Haushalt nur widerwillig. Ihr Mann schrieb: „Jeder Wind, jeder Wassertropfen sperrt sie in die Stube und vor Keller und Küche fürchtet sie sich noch zuviel“.

Abwechslung führten allenfalls Begegnungen mit Persönlichkeiten herauf, zu denen Johann Georg Schlosser Kontakt hatte und die ihn in Emmendingen besuchten. Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb.[2]

Geburten und Tod
Cornelia Schlosser entging bei der Geburt der ersten Tochter, Maria Anne Louise („Lulu“), die den Ministerialbeamten für Kirchen- und Schulangelegenheiten im preußischen Kultusministerium Georg Heinrich Ludwig Nicolovius (1767–1839) heiratete, am 28. Oktober 1774 nur knapp dem Tode, erholte sich nur sehr langsam und lag fast zwei Jahre lang im Bett. Sie schrieb: „... was das heißt, als Frau und Mutter zwei Jahre lang im Bette zu liegen ohne im Stand zu seyn sich selbst einen Strumpf anzuziehen ...“ Sie wurde 1776 wieder schwanger und notierte in einem Brief: „Da schleiche ich denn ziemlich langsam durch die Welt, mit einem Körper der nirgend hin als ins Grab taugt.“ Ihre zweite Tochter, Catharina Elisabeth Julie („Juliette“), wurde am 10. Mai 1777 geboren. Cornelia Schlosser starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.

Trivia
Seit 2010 sind die Stadtbusse in Emmendingen nach bekannten Persönlichkeiten benannt, die in der Stadt geboren wurden bzw. dort vorübergehend lebten und wirkten, unter anderem Cornelia Goethe, Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Georg Schlosser. Der Name Goethe ist seitlich am Bus angebracht; ergänzt um eine biographische Kurzinformation.

1997 wurde an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main das „Zentrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ gegründet, das am 7. Dezember 2000 anlässlich des 250. Geburtstages von Cornelia Goethe den Namen Cornelia Goethe Centrum erhielt. Das interdisziplinäre Forschungs- und Studienzentrum bietet u. a. Lehrveranstaltungen in den Gender Studies an und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs in diesem Fachbereich.[3]


Straßenschild in Freiburg
In Emmendingen ist die Cornelia-Passage nach ihr benannt, im Freiburger Stadtteil Rieselfeld die Cornelia-Schlosser-Allee.

Literatur
Georg Witkowski: Cornelia, die Schwester Goethes. Rütten & Loening, Frankfurt a. M. 1903 (2. Aufl. 1924; Nachdruck bei Lang, Bern 1971).
Sigrid Damm: Cornelia Goethe. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1987. (Weitere Auflagen beim Insel Verlag 1988 ff. Taschenbuchausgabe bei Diana 1999. Taschenbuchausgabe beim Insel Verlag 2015, ISBN 3-458-36117-0)[4]
Melanie Baumann (Hrsg.): Cornelia Goethe, Briefe und Correspondance secrete 1767–1769. Kore, Freiburg 1990, ISBN 3-926023-22-8.
Walfried Linden: Marie, Gretchen, Helena. Goethe und seine Schwester Cornelia im Spiegel seiner Frauengestalten. In: Jahrbuch der Psychonalalyse. 27, 1991, S. 224–238.
Ulrike Prokop: Die Illusion vom Großen Paar. Weibliche Lebensentwürfe 1750–1770. Fischer, Frankfurt 1991, ISBN 3-596-27397-8.
Ulrike Prokop: Die Illusion vom großen Paar. Band 2: Das Tagebuch der Cornelia Goethe. Fischer, Frankfurt/Main 1991.
Stephanie Fleischer: Literatur und Lebensgestaltung. Cornelia als Leserin zeitgenössischer Briefromane. In: Welfengarten. Jahrbuch für Essayismus 6, 1996, S. 69–82.
Ilse Nagelschmidt: Briefe und Tagebücher als Effekt Biographischen Erzählens. Zwei Frauen im Spiegel des Textes. Cornelia Goethe. Brigitte Reimann. In: Regina Fasold (Hrsg.): Begegnung der Zeiten. Festschrift für Helmut Richter zum 65. Geburtstag. Universitätsverlag, Leipzig 1999, S. 277–291, ISBN 3-933240-79-4.
Gerlinde Kraus: Cornelia Goethe – Ein typisches Frauenleben im 18. Jahrhundert? Porträt einer Frankfurter Bürgerin. Schroeder Verlagsbuchhandlung, Mühlheim am Main 2010, ISBN 978-3-9811251-8-4 
GOETHE, Cornelia Friederica Christiana (I60894)
 
3834 Leben
Cornelius Souchay war der Sohn des Predigers in der Frankfurter französisch-reformierten Gemeinde Jean-Daniel Souchay de la Duboissière (1736–1811) und dessen Ehefrau Elisabeth (Lily) Souchay de la Duboissière geb. Baumhauer (1743–1771). Der einer bedeutenden Hugenottenfamilie angehörende Cornelius Souchay, verheiratet mit der Klosteramtmannstochter Helene Schunck (* 10. Dezember 1774 in Schlüchtern; † 8. März 1851 in Frankfurt am Main), gründete in Frankfurt das Handelshaus Schunck, Souchay & Co., das Anfang des 19. Jahrhunderts, insbesondere während der Kontinentalsperre, im Tuchhandel zu Bedeutung gelangte. Souchay, in dieser Zeit bereits sehr vermögend geworden, baute erfolgreich die Geschäftsbeziehungen aus und eröffnete Niederlassungen in London, Manchester, Mailand, Moskau und Riga. Zahlreiche Partnerunternehmen ergänzten das Handelsnetz (F. Gruber & Co. in Genua, Carlo Wedekind & Co. in Palermo usw.).

Cornelius Souchay betätigte sich auch als Kunstförderer. Der Salon seiner Frau in der Villa Am Fahrtor in Frankfurt war ein gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt.

Von den Nachfahren haben seine Söhne Jean (auch Johann Daniel Souchay, Erbauer von Schloss Eckberg bei Dresden), Charles (Besitzer von Schloss Neuhof bei Coburg) und Eduard sowie seine Enkelin Cécile Charlotte Sophie Mendelssohn Bartholdy und sein Urenkel Max Weber[1] Bedeutung erlangt. Seine Tochter Emilie (1805–1881) war mit Georg Friedrich Fallenstein verheiratet, seine weiteren Urenkel waren Karl Weber, Alfred Weber, August Hausrath, Hans Hausrath, Fritz Baumgarten und Otto Baumgarten.

Literatur
Souchay, Cornelius Carl. Hessische Biografie. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS)., mit Hinweis auf Gero v. Wilcke: Die Mendelssohns in Leipzig: Vorfahren und Nachkommen. In: Genealogie 1983, S. 497–519 
SOUCHAY, Cornelius Carl (I60786)
 
3835 Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. Lebend (I5731)
 
3836 Leben
Daniel Itzig war königlich preußischer Hoffaktor, Münzunternehmer, Oberhofbankier, Lederfabrikant, Eisenhüttenbesitzer, Bergwerksunternehmer, Rittergutsbesitzer, Oberlandesältester der preußischen Juden in Berlin und im Jahr 1778 gemeinsam mit seinem Schwiegersohn David Friedländer Gründer der ersten jüdischen Freischule Chevrat Chinuch Ne'arim‚ Gesellschaft für Knabenerziehung‘ in Berlin.

Gemeinsam mit Veitel Heine Ephraim machte Itzig sein Vermögen als Münzpächter im Siebenjährigen Krieg (1756–1763). Der preußische König Friedrich II. ernannte ihn zum obersten Repräsentanten der Juden in Preußen. Anschließend war er Hoffaktor des nachfolgenden preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. und erhielt von diesem im Jahr 1791 als erster Jude für sich und seine Familie das preußische Naturalisationspatent, also die rechtliche Gleichstellung mit den christlichen Untertanen Preußens.

Einerseits der Tradition fest verbunden – so war er seit 1764 Oberältester der jüdischen Gemeinde Berlins –, andererseits offen für die zeitgenössischen Wissenschaften und Künste, ließ Itzig seine 15 Kinder, und zwar seine Töchter ebenso wie seine Söhne, zeitgemäß der europäischen Aufklärung verpflichtet erziehen, unter anderen durch den Komponisten Wilhelm Friedemann Bach und den Philosophen Moses Mendelssohn.[2] So schrieb ein Zeitgenosse einst: „Itzigs Töchter erhöhen die Anmut ihrer Schönheit durch ihre Talente, besonders für Musik, und durch einen fein gebildeten Geist.“[3]

Daniel Itzig, moderner Großbürger und Oberhaupt einer der angesehensten und wohlhabendsten Familien Berlins, trug gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten durch die Förderung junger Intellektueller, die sich seit etwa 1770 in Berlin um Moses Mendelssohn geschart hatten, maßgeblich dazu bei, dass sich die von Mendelssohn und seinen Anhängern betriebene Reformarbeit entfalten und Berlin zum Ausgangspunkt und Zentrum der jüdischen Aufklärung in Europa werden konnte.[4]


Palais Itzig um 1857
An der Ecke Burgstraße und der heutigen Anna-Louisa-Karsch-Straße kaufte er einen Komplex von fünf Häusern – darunter das 1718 von Philipp Gerlach erbaute Palais Montargues – und ließ sie bis 1765 zu einem stattlichen Palais umbauen. Sein Urenkel Friedrich Hitzig sollte es 1859 abreißen und als Architekt hier den Neubau der Börse ausführen.

Welchen Ansehens sich Itzigs Familie erfreute, zeigt die Tatsache, dass für die spätere Königin Luise, als sie mit ihrer Schwester im Jahr 1795 von Mecklenburg-Strelitz nach Berlin kam, das Itzig’sche Haus in der Schöneberger Hauptstraße zur Vorbereitung für ihren festlichen Einzug durch das Brandenburger Tor ausgewählt war.

Itzig wurde auf dem Alten jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße beigesetzt. Trotz seiner positiven Gesinnung gegenüber der modernen jüdischen Aufklärung war er zeitlebens der jüdischen Tradition treu geblieben, weshalb sein Grabstein selbstverständlich eine traditionelle hebräische Inschrift erhielt.

Daniel Itzig, selbst aus weniger betuchter Familie stammend, heiratete am 9. August 1747 Mirjam Wulff (1727–1788) aus einer sehr wohlhabenden Familie.[5] Sie hatten 15 Kinder. Drei ihrer fünf Söhne waren Freimaurer.

Einzelnachweise
John F. Oppenheimer (Red.) u. a.: Lexikon des Judentums. 2. Auflage. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh u. a. 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 316.
Reinhard Rürup: Jüdisches Großbürgertum am Ende des 18. Jahrhunderts. 2006, abgerufen am 15. Oktober 2024.
Ernst Fraenkel: David Friedländer und seine Zeit. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. Heft 2/1936, S. 65–76.
Shmuel Feiner: Haskala – Jüdische Aufklärung. Geschichte einer kulturellen Revolution. Hildesheim 2007.
rbb Preußenchronik
Uta Motschmann: Handbuch der Berliner Vereine und Gesellschaften 1786–1815. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 421 
ITZIG, Daniel (I60851)
 
3837 Leben
David Oppenheimer kam in Worms als Sohn eines vermögenden Mannes zur Welt. In seiner Jugend war er Schüler des Rabbiners Gerson Ulif in Metz, dessen literarischen Nachlass er veröffentlichte. Seit 1686 war er Rabbiner und wurde 1690 mit 26 Jahren zum Rabbiner von Mähren gewählt. 1702 berief man ihn zum Oberrabbiner von Prag. Mit Kaiserlichem Dekret wurde er 1718 zum Landesrabbiner von Mähren und Böhmen erhoben.

Er war belesen und schrieb verschiedene Werke, Auslegungen der Bibel, Kommentare zum Talmud und Rechtsgutachten. Eine besondere Bedeutung hatte er als Bibliophiler und Mäzen der jüdischen Literatur. Fast alle der zahlreichen Werke des 18. Jahrhunderts auf diesem Gebiet versah er mit empfehlenden Druckerlaubnissen und unterstützte deren Autoren bei den Druckkosten.

Mit seinem großen Reichtum legte er eine umfassende Bibliothek an, die bald zur größten Sammlung alter hebräischer Handschriften und Drucke in Böhmen anwuchs. Zu diesem Zwecke nutzte er die Geschäftsverbindungen, die das große Oppenheimer Geschäftshaus in Wien unterhielt, sandte viele Einkäufer aus, zahlte für Bücher, die er noch nicht besaß, die höchsten Preise und soll sogar Besitzern, die ihm ihre Bücher nicht verkaufen wollten, mit dem Banne gedroht haben.

Da er die Zensur in Österreich fürchtete, die nach allem Nichtchristlichen fahndete, ließ er die Bibliothek nach Hannover bringen, wo sein Schwiegervater lebte, der Hoffaktor Cohen. Nach dem Tode Oppenheimers wollte man die 7.000 Bücher und 1.000 Handschriften gewinnbringend verkaufen, doch der Kaufpreis von 60.000 Talern schreckte alle Kaufleute ab, so dass sie bis 1826 in Kisten verpackt blieben. Erst 1829 wurden sie für 9.000 Taler an die Bibliothek von Oxford verkauft, wo sie sich heute noch als Bestandteil der Bodleiana befinden.

Sein Grab befindet sich auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag/Josefstadt zwischen der Klausen- und der Altneu-Synagoge. Sein Grabstein wurde 1978 restauriert.[1]

Quellen
Jüdisches Museum in Tschechien (engl.) (Memento vom 24. Oktober 2014 im Internet Archive)
Literatur
Joshua Teplitsky: Prince of the Press: How One Collector Built History’s Most Enduring and Remarkable Jewish Library, Yale University Press, 2019.
Constantin von Wurzbach: Oppenheim (auch Oppenheimer), David. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 21. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1870, S. 75 f. (Digitalisat).
Adolf Brüll: Oppenheimer, David. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 24, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 399 f.
Martha Keil: Oppenheimer, David. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 19. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 570–571 (deutsche-biographie.de).
Weblinks
Commons: David Oppenheimer (Rabbiner) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Literatur von und über David Oppenheimer im Karlsruher Virtuellen Katalog
Zur Familiengeschichte der Oppenheimer
Prince of the Press: David Oppenheim and His Library
 
OPPENHEIMER, David ben Abraham (I60627)
 
3838 Leben
Delbrück studierte zunächst Theologie und Rechtswissenschaften. Gegen die Familientradition (siehe Familie) schlug er danach aber nicht die Beamtenlaufbahn ein, sondern ging in die freie Wirtschaft. So war er zunächst Rechtsanwalt und Angestellter einer Versicherung.

1854 gründete er mit anderen Kaufleuten die Bank Delbrück Leo & Co. In den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts übernahm er Leitungspositionen in verschiedenen Wirtschaftsverbänden, vor allem im Bankensektor. Er gehörte von 1870 bis 1875 zum Vorstand des Deutschen Industrie- und Handelstages und beteiligte sich hier an der Lösung von zentralen finanz-, währungs- und wirtschaftspolitischen Problemen seiner Zeit. Er wirkte zudem im Ältesten-Collegium der Berliner Kaufmannschaft auf die Entwicklung der Berliner Börse ein und gestaltete als Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei in der Stadtverordneten-Versammlung die Berliner Kommunalpolitik mit.

Seine Erfahrungen in der Wirtschaft und im Bankenbereich brachten ihn zu der Auffassung, dass der Kreditmarkt eine große deutsche Bank nötig habe. Ab 1869 bereitete er eine entsprechende Gründung vor, worin er unter anderem von dem nationalliberalen Politiker und Wirtschaftsexperten Ludwig Bamberger unterstützt wurde. Wichtigste Bedingung für die Gründung war Kapital, um das Delbrück bei verschiedenen angesehenen Banken warb. Durch die Zeichnung von Aktien im Werte von 175.000 Talern durch das Bankhaus Magnus, dessen Inhaber Victor Magnus war, wurde dieser zum Mitbegründer der 1870 in Berlin gegründeten Deutschen Bank. Magnus wurde zum Vorsitzenden des 1. Verwaltungsrates gewählt, eine Funktion, die er nur kurze Zeit innehatte, da er Mitte 1871 das Amt aus gesundheitlichen Gründen wieder aufgeben musste.

1871 wurde Delbrück zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats gewählt und nahm aus dieser Position bis 1885 gewichtigen Einfluss auf die laufende Geschäftstätigkeit, teilweise zum Missfallen des Direktoriums um Georg Siemens. Beispielsweise platzierte er seinen Schwager Paul Jonas 1880 in den Vorstand der Bank, wo dieser mit Siemens aneinandergeriet und 1887 den Vorstand wieder verlassen musste. 1889 schied Delbrück aus Krankheitsgründen aus dem Verwaltungsrat aus; er starb 1890 bei einem Aufenthalt im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen (Kanton Thurgau, Schweiz).


Das Familiengrab Delbrück in Berlin-Kreuzberg mit Ehrengrab-Markierung für Adelbert Delbrück
Beigesetzt wurde er auf dem Berliner Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor. Seine letzte Ruhestätte ist das neoklassizistische Wandgrab der Familie Delbrück. Die aus Sandsteinquadern erbaute, dreiachsige Anlage mit Inschriftentafeln aus rotem Granit besitzt eine Gitterumfassung.[1] Auf Beschluss des Berliner Senats ist die letzte Ruhestätte von Adelbert Delbrück (Feld 331-EB-3) seit 1992 als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet. Die Widmung wurde im Jahr 2016 um die übliche Frist von zwanzig Jahren verlängert.[2] 
DELBRÜCK, Gottlieb Adelbert (I60073)
 
3839 Leben
Der älteste Sohn des wohlhabenden Heilbronner Kaufmanns und Bürgermeisters Philipp Orth (1534–1603) besuchte die Heilbronner Lateinschule und ab 1580 das Gymnasium in Ulm. 1583 studierte er in Heidelberg, 1584 besuchte er eine Schule in Köln, wo er die französische Sprache und kaufmännisches Rechnen erlernte. Danach trat er in das Unternehmen des Vaters ein und besorgte den Wareneinkauf in Norddeutschland, zumeist in Hamburg. 1589 führte ihn eine Reise nach London. Nach seiner Heirat im Jahr 1592 ließ er sich in Heilbronn nieder, wo die Familie den Hauptsitz ihres Handelshauses sowie ein Seegut besaß. In den Folgejahren unternahm er, zumeist im Anschluss an Messebesuche, weitere ausgedehnte Reisen.

Nach dem Tod des Vaters 1603 übernahm er mit seinen drei nächstjüngeren Brüdern das väterliche Handelshaus, wobei ihm die Geschäftsführung zufiel. Als Nachfolger seines Vaters gehörte er ab 1603 dem kleinen, inneren Rat („von den burgern“) an und war ab 1606 Steuerherr. Als Vertreter Heilbronns war er auf verschiedenen diplomatischen Missionen, u. a. 1609 in Schwäbisch Hall bei der Tagung der protestantischen Union. Ab 1614 war er Bürgermeister von Heilbronn. Gleichzeitig wurde er Vogt des reichsstädtischen Dorfes Neckargartach, mit dem er 1615 vom württembergischen Herzog belehnt wurde.

Im Nebenamt war Philipp Orth d. J. noch Spitalpfleger und Pfleger des Karmeliterklosters sowie Baumeister. In diesen Ämtern hat er sich für die Spitalkirche, die mit einer Fassade der Renaissance gegen den Neckar ausgerichtet und den Heiligen Katharina und Elisabeth (später der Dreifaltigkeit) gewidmet war, verdient gemacht, als er bei der Restaurierung der Kirche des Katharinenspitals um 1620 eine neue Kanzel und Sitzbänke gestiftet hat.[1]

Im Alter plagte ihn die Gicht, so dass er seit 1615 im Winter überhaupt nicht mehr ausging und in seinen Amtsmonaten als Bürgermeister den kurzen Weg von seinem Haus bei der Kilianskirche bis zum nahen Rathaus nur zu Pferd zurück legte. Er starb 1622 an einem Schlaganfall.

Er hinterließ keine männlichen Nachkommen. Sein Handelshaus wurde von den Erben wohl während der unsicheren Zeiten des Dreißigjährigen Krieges aufgegeben. Sein Seegut im Osten von Heilbronn kam über die spätere Hochzeit seiner Witwe an den Heilbronner Bürgermeister Johann Georg Spitzer, der es an die Familie Trapp verkaufte, nach der das Seegut heute noch Trappensee heißt. 
ORTH, Philipp ´der Jüngere` (I57465)
 
3840 Leben
Der im Jahr 1683 geborene Mendel Heymann stammte aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Er war mit Bela Rachel Wahl verheiratet und der Vater von Moses Mendelssohn[2] (dieser dann „Mendelssohn“, also „Sohn des Mendel“ genannt), dem Stammvater der berühmten Familie Mendelssohn. In der Familie gab es außer Moses noch zwei weitere Söhne: Jente Mendelssohn (1704–1710) und Saul Mendelssohn (1735–1805).

Über sein Leben ist wenig bekannt. Aufgrund seiner Armut konnte er dem kränkelnden Moses keine kostspielige Erziehung angedeihen lassen, leitete aber zunächst selbst den ersten hebräischen Unterricht des Kleinkindes, bevor er Moses – bereits im Alter von drei Jahren – dem Unterricht des Dessauer Oberrabbiners David Hirschel Fraenkel anheimgab, der ihn in das tiefere Studium von Bibel, Talmud und der wichtigsten Kommentare, später auch des Maimonides etc., einführte.

Heymann starb am 10. Mai 1766 im Alter von 82 oder 83 Jahren in Dessau und fand seine letzte Ruhestätte im ältesten Teil des jüdischen Friedhofs von Dessau, neben seiner Tochter Jente und seiner zehn Jahre zuvor verstorbenen Ehefrau. Seit den Verwüstungen der NS-Zeit ist die genaue Lage des Grabes nicht mehr bekannt. Sein Grabstein, der lange als verschollen galt und erst 2005 wieder identifiziert wurde, ist heute Bestandteil der Klagemauer im hinteren Teil des Friedhofs.[3] Er trägt eine hebräische Inschrift, die in deutscher Übersetzung lautet:

„Am heiligen Sabbat, den 2. Siwan 526 nach der kleinen Zeitrechnung verschied in Ehren Menachem genannt Mendel Sofer und er wurde am folgenden Tage, Sonntag, begraben. In allen seinen Tagen wandelte er auf geradem Wege. Sein Tun geschah in Ehrlichkeit und er war einer der Ersten morgens und abends im Gotteshaus. Seine Seele schied in Reinheit von dannen. Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens.“[3]

Literatur (Auswahl)
Moses Mendelssohns Lebensgeschichte. In: Moses Mendelssohn’s gesammelte Schriften. F. A. Brockhaus, Leipzig 1843, Band 1, S. 1 ff.
Jüdisches Lexikon, Jüdischer Verlag, Berlin 1930, DNB 366666398, IV/1, Sp. 95.
Salomon Wininger: Große Jüdische National-Biographie, Band 4; Aurora, Czernowitz 1930, DNB 366925814; S. 340–341.
Alexander Altmann: Moses Mendelssohn: A Biographical Study; University of Alabama Press, 1973, ISBN 0-8173-6860-4.
Dominique Bourel: Moses Mendelssohn: la naissance du judaïsme moderne; Gallimard, Paris 2004, ISBN 2-07-072998-2.
Julius H. Schoeps: Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie. Fischer, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-10-073606-2. 
HEWYMANN, Mendel (I60105)
 
3841 Leben
Der im Jahre 1837 als Sohn des jüdischen[3] Bankiers Samuel Auspitz (1795–1867) und der Therese Lewinger (1800–1877) geborene Rudolf Auspitz besuchte in Wien das polytechnische Institut, später studierte er in Berlin und Paris Nationalökonomie und Naturwissenschaften, hier vor allem Chemie. Bereits mit 26 Jahren baute er eine Zuckerfabrik in Rohatetz in Mähren, später eine zweite in Bisenz (Bzenec). Im Jahre 1871 wurde er in den mährischen Landtag gewählt, ab 1873 war er als liberaler Abgeordneter Mitglied des österreichischen Reichsrates. In Abgeordnetenkreisen nannte man ihn Lycurg von Rohatetz.[4]

Nachdem er 1872 das Palais Albrecht an die k.k. privilegierte wechselseitige Brandschaden-Versicherungsanstalt verkauft hatte, erwarb er gemeinsam mit seinen Cousins und Cousinen Leopold, Adolf, Richard, Ida und Helene Lieben im Jahre 1874 das Palais Auspitz-Lieben in der Oppolzergasse 6 in Wien. Rudolf Auspitz Mutter Therese, und die Mutter seiner Cousins und Cousinen, Elise Lewinger (1809–1877), waren Geschwister. Das Haus wurde zum Stammhaus der beiden jüdischen Familien, Leopold und Anna Lieben übersiedelten 1888 aus dem Palais Todesco in den ersten Stock des Hauses, auch Rudolfs Tochter Josefine bezog 1896 als verheiratete Frau eine eigene Wohnung im Familiensitz.

Seine Ehefrau und Cousine Helene Lieben (1838–1896) war eine Schülerin des Malers Georg Decker (1818–1894). Sie porträtierte hoch begabt unter anderen Franz Grillparzer (1791–1872), mit dem sie bis zu dessen Tode in freundschaftlicher Verbindung stand.

Im Jahre 1879 erkrankte Helene an Depressionen. Wegen dieser Geisteskrankheit wurde sie in die psychiatrischen Klinik Préfargier nahe Neuenburg (Neuchâtel), Kanton Neuenburg in der Schweiz verbracht. Für ihre Tochter Josefine Rosalie Auspitz (1873–1943) und den erst dreijährigen Bruder kam eine Gouvernante, Marie Heidenhain († 1919) aus Dresden[5] ins Haus. Nachdem die Ehe der Eltern am 28. März 1890 aufgelöst wurde, ehelichte Rudolf Auspitz nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1896 diese Gouvernante, was zu schweren Zerwürfnissen mit seinem Schwager Franz Brentano,[6] der mit Ida Lieben (1852–1894) verheiratet war, führte. Marie Heidenhain stammte aus einer ursprünglich jüdischen Familie, ihr Vater war jedoch konvertiert. Die Heidenhains waren in der väterlichen Stammlinie mit den Auspitz verwandt.[5]

Zusammen mit seinem Schwager Richard Lieben, einem anerkannter Nationalökonom, leitete er das Bankhaus Auspitz, Lieben & Co., ihr Partner im 1842 gegründeten Bankhaus war der Bruder von Rudolf, Carl Auspitz (1824–1912). Richard und Rudolf schrieben ein Hauptwerk der mathematischen Schule der Nationalökonomie in Österreich: Untersuchungen über die Theorie des Preises, das ins Französische und nach dem Ersten Weltkrieg ins Japanische übersetzt wurde.

1899 war Auspitz Mitglied des Hausausschusses des Reichsrats zur Untersuchung der antisemitischen Bewegungen in Holleschau und Wsetin, Mähren. 1900 wurde er zum Sprecher des Komitees führender Wiener Juden gewählt, das beim österreichischen Ministerpräsidenten Ernst von Koerber gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Österreich protestierte.[7]

Nach seinem Tod wurde Rudolf Auspitz auf dem Döblinger Friedhof im 19. Wiener Gemeindebezirk in der Abteilung I1/G1/Gruft 13 in einem Ehrengrab bestattet.

Schriften
mit Richard Lieben: Untersuchungen über die Theorie des Preises. Duncker & Humblot, Leipzig 1889. Nachdruck Hohmann, Stuttgart 1996, ISBN 3-931620-02-6.
mit Richard Lieben, Louis Suret: Recherches sur la théorie du prix. Giard, Paris 1914; Teil 1 archive.org und Teil 2archive.org.

Stiftung
Zur Erinnerung an seinen verstorbenen Sohn Leopold (1877–1897) stiftete Rudolf Auspitz ab 1897 jährlich den Betrag von 400 Österreichischen Kronen, mit dem ein den Namen Leopold Auspitz tragender volkstümlicher physikalisch-chemischer Universitätskurs abgehalten werden sollte. In seinem Testament hinterließ er zur Sicherung des Kurses 20.000 Kronen.[8] 
AUSPITZ, Rudolf (I60300)
 
3842 Leben
Der in Halberstadt als Sohn des gelehrten David Alexander Federschneider geborene Alexander David stammte aus einer begüterten Schutzjudenfamilie. Seine Brüder Michael († 1758)[1] und Abraham waren als Kammeragenten in Hannover und Kassel tätig.[2]

Braunschweiger Kammeragent
David kam 1707 nach Braunschweig, wo er zunächst auf den Widerstand der Stadt und ihrer Bürger traf. Als Kammeragent stand David unter dem Schutz Herzog Anton Ulrichs († 1714) und dessen Nachfolgers August Wilhelm († 1731). Dieser stellte ihm 1715 einen Schutzbrief auf Lebenszeit aus und ernannte ihn 1717 zum Hoflieferanten. David belieferte den Hof mit Luxusartikeln wie Stoffen, Juwelen und Gemälden, die vor Ort nicht erhältlich waren und durch Beauftragte in London, Paris oder Brüssel eingekauft wurden. Im Jahre 1716 wurde er Direktor der neu eingerichteten Tabakfabrik am Kohlmarkt. Seit 1722 war er Hofbankier und Berater in Finanzfragen und gewährte dem herzoglichen Hof Kredite. Während des Siebenjährigen Krieges war David auch als Heereslieferant tätig. Als herzoglicher Beamter unterstand er nicht der städtischen Gerichtsbarkeit. Zu den eingeräumten Sonderrechten gehörte, dass er ein Haus am Kohlmarkt kaufen durfte. Das Recht zum Erwerb von Grund und Boden wurde den Braunschweiger Juden erst 1808 zugestanden. Bis zu seinem Tod 1765 diente er fünf Braunschweiger Herzögen. Sein Nachfolger als herzoglicher Kammeragent wurde 1782 der aus Wolfenbüttel stammende Bankier Herz Samson (1738–1794), dessen Großvater Marcus Gumpel Moses Fulda (1660–1733) die dortige jüdische Gemeinde neu gegründet hatte.

Neugründung der jüdischen Gemeinde
Um den privilegierten und wirtschaftlich erfolgreichen Hofjuden David entstand die neuere jüdische Gemeinde, nachdem die Juden 1546 aus der Stadt vertrieben worden waren. In seinem Wohn- und Geschäftshaus am Kohlmarkt 16 besaß David einen Betraum, den er sich auf Fürsprache des Pastors von St. Martini vom Rat genehmigen ließ. David erwarb das benachbarte Haus Kohlmarkt 12 zur späteren Einrichtung einer Synagoge, die zu seinen Lebzeiten vom Rat nicht genehmigt wurde. Bei seinem Tod besaß die 30 Familien zählende jüdische Gemeinde weder eine Synagoge noch einen eigenen Friedhof. David wurde in seinem Geburtsort Halberstadt beerdigt, wo damals eine der größten jüdischen Gemeinden Europas bestand.[3] Sein Grab ist durch die Einebnung des jüdischen Friedhofs zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr nachzuweisen. David trug für seinen Betraum eine Vielzahl von Kultgegenständen und wertvollen Handschriften zusammen und soll der erste private Sammler gewesen sein, der feine Ausstattungsgegenstände erwarb, um die Ausübung seiner Religion gemeinsam mit anderen Juden im Gebetsraum seines Hauses zu verschönern.[4] Diese Sammlung, die er auch der christlichen Bevölkerung zugänglich machte, bildete den Grundstock des Jüdischen Museums im Braunschweigischen Landesmuseum.

Familie
Sohn David (* 1709) übernahm das väterliche Geschäft
Sohn Abraham (1710–1785) war fürstlich-ansbachischer Hoffaktor in Fürth und Hoflieferant in Braunschweig
Sohn Moses (um 1712–1755) alternativ Moses Braunschweig war Kaufmann und Talmudist in Frankfurt
Sohn Napthali Herz († 1738) starb als Bräutigam
Tochter Mathe war verheiratet mit Moses Levi in Amsterdam
Tochter Hendel (um 1730–1808) war verheiratet mit Nathan Beer Isaac Kann
Sohn Philipp (um 1730–1808) war Kaufmann in Altona und verheiratet mit seiner Cousine Krona David aus Kassel. Sein Sohn Moses war jüdischer Gelehrter, Direktor der Meyer’schen Schulstiftungen in Hannover und Geschäftsführer im „Fideicommisscomtoir“ des Bankhauses seines Onkels Meyer Michael David. Er war beteiligt am politischen und philosophischen Diskurs der Maskilim. Er ließ sich 1801 taufen, nannte sich seit 1816 Johann Jacob Martin Philippi und wurde kgl. preußischer Hofrat am Steuerdirektorium in Köln.
Sohn Simon (1748–1814)
Sohn Herz alias Karl Philipp Ferdinand Alexander (* 1755)
Sohn Simson (1753–1813) alias Alexander Daveson oder Professor Karl Julius Lange (1755–1813) war Publizist, Mitarbeiter von Karl August von Hardenberg, Herausgeber der ersten deutschen, täglich erscheinenden Zeitung Telegraph in Berlin und enger Freund von Gotthold Ephraim Lessing[5]
Literatur
Reinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig. Döringdruck, Braunschweig 2004, ISBN 3-925268-24-3.
Ralf Busch: The Case of Alexander David of Braunschweig. In: Vivian Mann, Richard I. Cohen (Hrsg.): From Court Jews to the Rothschilds. Art, Patronage and Power 1600–1800. Prestel, München/New York 1996, ISBN 3-7913-1624-9, S. 59–65, mit Abb. eines Porträts von Alexander David und seines Hauses.
Ed. Duckesz: Alexander David. Kammeragent des Herzogs von Braunschweig (1685–1765). Seine Familie in Hamburg-Altona. In: Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte. 3, 5692 AM (= 1931/32), ZDB-ID 570430-3, S. 39–45.
Hans-Heinrich Ebeling: Die Juden in Braunschweig. Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von den Anfängen der Jüdischen Gemeinde bis zur Emanzipation (1282–1848) (= Braunschweiger Werkstücke. Reihe A: Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv und der Stadtbibliothek. Band 22). Stadtarchiv/Stadtbibliothek, Braunschweig 1987, ISBN 3-87884-034-9 (Zugl.: Braunschweig, Techn. Univ., Diss., 1987 u. d. T.: Hans-Heinrich Ebeling: Die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Stellung der Juden in der Stadt Braunschweig von den Anfängen bis zur Emanzipation).
Renate Evers: Philipp Alexander & Crona David: A Conversion, Divorce, and Custody Case, Braunschweig, 1752/53. In: Jewish Culture and History. 20, no. 2 (April 2019), S. 99–122, doi:10.1080/1462169X.2019.1573521.
Selig Gronemann: Genealogische Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers. Im Auftrage der Direktion des Wohltätigkeitsvereins (Chewra kadischa) der Synagogengemeinde Hannover an der Hand der Inschriften des alten Friedhofes bearbeitet […]. 2 Bände. Louis Lamm, Hannover 1913, urn:nbn:de:hebis:30:1-116095; Band 1: Genealogie d. Familien, urn:nbn:de:hebis:30:1-110833; Band 2: Grabschriften und Gedächtnisworte, urn:nbn:de:hebis:30:1-110826.
Horst-Rüdiger Jarck, Günter Scheel (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert. hrsg. im Auftrag der Braunschweigischen Landschaft e. V. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1996, ISBN 3-7752-5838-8, S. 166.
Rotraud Ries: Jüdisches Leben in Niedersachsen im 15. und 16. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Band 35; Quellen und Untersuchungen zur allgemeinen Geschichte Niedersachsen in der Neuzeit. Band 13). Hahn, Hannover 1994, ISBN 3-7752-5894-9 (Zugl.: Münster (Westfalen), Univ., Diss.).
Rotraud Ries mit J. Friedrich Battenberg (Hrsg.): Hofjuden – Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der Deutschen Juden. Band 25). Christians, Hamburg 2002, ISBN 3-7672-1410-5.
Rotraud Ries: Zum Zusammenhang von Reformation und Judenvertreibung. Das Beispiel Braunschweig. In: Helmut Jäger, Franz Petri, Heinz Quirin (Hrsg.): Civitatum Communitas (= Städteforschung. Reihe A: Darstellungen. Band 21). Festschrift Heinz Stoob zum 65. Geburtstag. Teil 2. Böhlau, Köln/Wien 1984, ISBN 3-412-05884-X, S. 630–654.
Rotraud Ries: Strukturen frühneuzeitlicher Judenpolitik in Braunschweig-Calenberg. In: Rainer Sabelleck (Hrsg.): Juden in Südniedersachsen. Geschichte, Lebensverhältnisse, Denkmäler (= Schriftenreihe des Landschaftsverbandes Südniedersachsen. Band 2; Teil von: Anne-Frank-Shoah-Bibliothek). Beiträge zu einer Tagung am 10. November 1990 in Göttingen. Hahn, Hannover 1994, ISBN 3-7752-5882-5, S. 11–56.
Gutmann Rülf: Alexander David, braunschweigischer Kammeragent von 1707–1765. In: Braunschweigisches Magazin. N. F., Band 13 (März 1907), Nr. 3, S. 25–33, doi:10.24355/dbbs.084-202011131551-0 (in Fraktur); wiederabgedruckt in: Brunsvicensia Judaica. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945. Waisenhaus-Buchdruckerei und Verlag, Braunschweig 1966, OCLC 2427844, S. 9–22.
Heinrich Schnee: Hoffinanz. Band 2: Die Institution des Hoffaktorentums in Hannover und Braunschweig, Sachsen und Anhalt, Mecklenburg, Hessen-Kassel und Hanau. Duncker & Humblot, Berlin 1954, DNB 458863327. 
DAVID, Alexander (I60642)
 
3843 Leben
Der in Halberstadt als Sohn des gelehrten David Alexander Federschneider geborene Michael David stammte aus einer begüterten Schutzjudenfamilie. Seine Brüder Alexander[1] und Abraham waren als Kammeragenten in Braunschweig[2] und Kassel tätig.

Hannoverscher Kammeragent
Michael David, in jüdischen Urkunden Michael Hannover ha-Levy genannt, der älteste der drei erwachsenen Söhne von Alexander David gen. Federschneider, absolvierte seine „Lehrzeit“ in Hannover bei Leffmann Behrens, dem berühmten kurfürstlichen Kammeragenten und Oberhoffaktor. Hier war er verantwortlich für das Kontor. Dies hatte er wohl dem Wirken und den Stiftungen des in Halberstadt ansässigen sächsischen Hofjuden und königlich polnischen Residenten Issachar Berend Lehmann (dessen Witwe Hannele[3] später seine zweite Frau wurde) zu verdanken. Dessen Kontakte zu den welfischen Höfen und dessen Protektion bereiteten ihm den Weg, sich in Hannover als Hofjude niederzulassen, obwohl Michael erst 15 oder 16 Jahre alt war (17-jährig hatte er schon Söhne). Er machte sich selbständig, zunächst noch partnerschaftlich mit Leffmann Behrens sehr verbunden. Aber schon bald erwuchs sein Handelshaus zum Konkurrenten der Firma Behrens, nachdem bereits 1713 das Leffmann erteilte Privileg auf ihn mit ausgedehnt worden war. 1714 erreichte Michael beim Kurfürsten seine offizielle Bestallung zum Hof- und Kammeragenten. Nach dem Niedergang des Hauses Behrens übernahm er auch weitgehend dessen Geschäftsbereich. Allerdings litt diese Stellung durch die Berufung des hannoverschen Kurfürsten Georgs I. auf den englischen Königsthron (1714) und die Verlegung der Residenz nach London, da die englischen Welfenkönige nunmehr ihre Geschäfte in der Hauptsache durch die Londoner Bankiers besorgen ließen. Immerhin haben sich Michael David und seine Nachkommen aber fast ein Jahrhundert lang in der Position von Kur-Hannoverschen Hof- und Kammeragenten oder Kriegsagenten zu behaupten vermocht.

Stiftungen
Michael David und sein Schwiegervater Salomon Düsseldorf (beide Leviten) erwarben bei dem tragischen Zusammenbruch des Leffmann Behrens Cohenschen Hauses unter dessen Enkeln die von Leffmann und seinem Sohn Herz 1703 erbaute alte Synagoge am Berge von Hannover, um sie, einschließlich Thorarollen und Thoraschmuck, der jüdischen Gemeinde zu schenken. Als die Enkelkinder in den großen Konkurs gerieten, sollten die Grundstücke der Familie, zu denen auch das Wohnhaus mit der Synagoge gehörte, versteigert werden. Um dieses zu verhüten, entschlossen sich Michael David und Salomon Düsseldorf, vom Kurator Lüdemann das Grundstück mit der Synagoge zu kaufen. Das Wohnhaus behielten die beiden Käufer, die Synagoge jedoch mit ihrem Inventar überließen sie unter Bedingungen (1741) der Gemeinde:

Michael und Salomon Düsseldorf können nach freier Wahl für sich und ihre Frauen zwei Plätze in der Synagoge wählen, die als Erbgut in der Familie bleiben.
Die Stellen in der Synagoge sollen für einen Jahresbeitrag vermietet werden. Drei Synagogenvorsteher sollen die Verwaltung in Händen haben. Zwei von ihnen sollen stets aus der Familie des Michael David und Salomon Düsseldorf und der dritte aus der Mitte der Gemeinde durch Gemeindebeschluss gewählt werden, jedoch können nur die steuerzahlenden Mitglieder ein derartiges Ehrenamt bekleiden.
Die Einnahmen von der Vermietung der Synagogenplätze dürfen nur zu Synagogenzwecken verwendet werden.
Den Kindern oder sonstigen Erben steht nicht das Recht zu, den von dem Vater innegehabten Synagogenplatz zu beanspruchen.
Den Gemeindemitgliedern, deren Verhältnisse nicht derartig sind, um eine Synagogenstelle zu mieten, soll unentgeltlich eine ihrer Würdigkeit entsprechende Stelle gegeben werden.
Die Verteilung der Stellen soll durch den Landrabbiner I. Selig Karo, die Rabbiner Samson Düsseldorf und Juda Lissaerfolgen.
Abgabepflichtige Eigentümer des Synagogengrundstückes waren in den Stadtregistern noch immer nacheinander Michael David, sein Sohn Meyer und dessen Erben und schließlich Michaels Urenkel Ezechiel Simon. An die hochherzige Schenkung erinnerte eine Inschrift am Deckenträger des Synagogeneingangs. Die Familie stiftete im Laufe der Zeit viele weitere Gemeindeeinrichtungen wie Schulen, Gelehrtenwohnungen, Waisenhaus usw., die zum Teil noch im 20. Jahrhundert bestanden.

Gelehrtenstiftung
Das beständigste seiner Lebenswerke war die durch seine testamentarische Verfügung von 1756 ins Leben gerufene Gelehrtenstiftung, die Vorgängeranstalt der von seinen Söhnen daraus gegründeten Freischulen. Die meisten Jungen verließen nach der Bar-Mizwa die Schule, um einen kaufmännischen oder handwerklichen Beruf zu erlernen. Es besteht dann die Möglichkeit, an den Jeschiwoth, den Talmudhochschulen, der anderen wichtigen traditionellen Schuleinrichtung, das Studium von Talmud und Thora zu vertiefen. Diese Institution dient vor allem zur Ausbildung von Rabbinern. Im Zuge von Emanzipation und Akkulturation verschwinden diese traditionellen Einrichtungen zunehmend, und auch die Lerninhalte wandeln sich. Das Bildungsideal orientiert sich nunmehr an dem der christlichen, bürgerlichen Umwelt. Zudem wird die Funktion der Berufsausbildung durch die Schulen wichtiger. Seinen Ausdruck findet dieser Prozess in der Gründung so genannter Freischulen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, die neben religiösen auch und sogar vornehmlich weltliche Lehrgegenstände anbietet.

Heiratspolitik
Bei seinen Kindern betrieb Michael David, ebenso wie für sich selbst, eine – zumindest geschäftlich gesehen – geschickte Heiratspolitik. Sein Sohn Moses heiratete in die in Kassel herrschende Familie Goldschmidt, womit er auch Michaels Bruder Abraham, der ja in Kassel saß, Vorteile verschaffte. Sohn David heiratete in die Familie Bösing (Hirschel), Münzlieferanten der Breslauer Münze. Salomon, sein später sehr erfolgreicher Geschäftsnachfolger, heiratete in die Familie Gomperz in Amsterdam (nachdem er in jungen Jahren und erster Ehe mit seiner Nichte verheiratet war). Aber auch die Töchter dienten mit ihren Eheverbindungen dem Unternehmen: Bela heiratete in die Wolfenbüttelsche Hoffaktoren-Familie Gumpel, und Golde wurde die Schwiegertochter des in Deutschland einflussreichsten Hoffaktors Issachar Berend Lehmann. Damit vernetzte er seine geschäftlichen Aktivitäten quer durch ganz Europa.

Grabanlage Friedhof Oberstraße in Hannover

Michael David’sche Grabreihe auf dem jüdischen Friedhof Oberstraße: links mit Enkeln, Mitte Hindchen und Michael David, vorne beginnend mit den Söhnen Joseph und Kalman, Serle Alexander und Salomon
Die Michael David’sche Grabreihe auf dem Friedhof Oberstraße ist – neben jener der Familien Berend, Oppenheim und Cohen – eine der prominentesten auf der Mitte des Hügels.

Familie
Michael David war zweimal verheiratet: in erster Ehe mit um 1699 mit Hindchen Düsseldorf († 11. März 1729) alter Friedhof Oberstraße 249, T.d. Salomon (Salman) Levi Düsseldorf u.d. Blümchen Gans.

In zweiter Ehe Ehe mit am 15. März 1731 mit Sara Hanna Beer-Oppenheim † Hamburg 23. August 1757, Witwe d. Berend Lehmann, T.d. Vorstehers Mendel Beer-Oppenheim aus Frankfurt/M. Sara Hanna (Hannerle) brachte aus ihrer ersten Ehe mit Berend Lehmann die beiden Söhne Gumpert Berend und Mose Kosman Berend (* 1713 † 1769) mit. Letzterer heiratete Michael Davids Tochter Golde. Kinder (alle aus 1. Ehe):

Bermann († 8-jährig)
Moses Alexander (* um 1702 in Hannover; † 27. April 1741 ebenda; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 239) ⚭ Bune Goldschmidt († 1752 in Hannover; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 264, Tochter des Levy Goldschmidt aus Kassel und Schwester von Benedikt Goldschmidt)
David (* um 1703 in Hannover; † 30. Januar 1766 ebenda; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 247) ⚭ 1. Serle Bösig (* 26. Oktober 1745 in Hannover; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 238, Tochter des Philipp Lazarus Bösig (Hirschel), kaiserlicher Faktor und Münzlieferant in Breslau, Partner von Lehmann Berend in Dresden und der Helene Gomperz, Tochter des Ruben Elias Gomperz) ⚭ 2. Vogelschen Minden († 1794 in Kopenhagen)
Joseph (* um 1706 in Hannover; † 11. April 1747 ebenda; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 236)
Kalman († 19. März 1747 in Hannover; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 237)
Salomon (* ca. 1718/24 in Hannover; † 20. März 1791 ebenda; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 241) ⚭ 1. Rebecka Lea (Blümchen; Tochter des David Michael David und Vogelschen Minden (seine Nichte); † 1794 in Kopenhagen, Tochter des Meyer Minden) ⚭ 2. Wunstorf 1763 Susanna Schönchen Cleve Gumpertz (* in Amsterdam; † 29. Dezember 1797 in Hannover; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 243, Tochter des Vorstehers Marcus Gomperz aus Amsterdam)
Bela (* ca. 1719 in Hannover; † 1741 in Wolfenbüttel) ⚭ Meyer Gumpel Moses, Wolfenbüttel (* um 1700; † 1764)
Golde (* ca. 1720 in Hannover; † 17. November 1735 ebenda; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 284) ⚭ Mose Kosman Berend (* 1713 in Halberstadt; † 23. Dezember 1769; [] alter jüdischer Friedhof Oberstraße Grab Nr. 141), Sohn des Berend Lehmann (* 23. April 1661 in Essen; † 9. Juli 1730 Halberstadt) und der Sara Hanna Beer-Oppenheim (ihr Stiefbruder)
Literatur
Mendel Zuckermann (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte der Juden in Hannover. Hannover 1908, S. 44, Familientafel XIV (Digitalisat).
Selig Gronemann: Genealogische Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers. Im Auftrage der Direktion des Wohltätigkeitsvereins (Chewra kadischa) der Synagogengemeinde Hannover an der Hand der Inschriften des alten Friedhofes. Verlag von Louis Lamm, Berlin 1913,
Bd. 1: Genealogie der Familien. S. ? urn:nbn:de:hebis:30:1-110833,
Bd. 2: Grabschriften und Gedächtnisworte. S. ? urn:nbn:de:hebis:30:1-110826.
Eduard Duckesz: Alexander David. Kammeragent des Herzogs von Braunschweig (1685–1765). Seine Familie in Hamburg-Altona. In: Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte. Band 3, 5692, 1931/32, S. 39–45
Heinrich Schnee: Die Institution des Hoffaktorentums in Hannover und Braunschweig, Sachsen und Anhalt, Mecklenburg, Hessen-Kassel und Hanau. Band 2, Berlin 1954 (problematische Darstellung, bitte nicht ungeprüft zitieren)
Herbert Obenaus, David Bankier, Daniel Fraenkel (Hrsg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Göttingen 2005, ISBN 3-89244-753-5, S. ?.


Als Leviten werden die Nachfahren des Levi (hebräisch לֵוִי) bezeichnet, denen allein die Zuständigkeit für den Tempeldienst übertragen war. Auch wenn ihr Stammvater Levi einer der zwölf Söhne Jakobs war, zählen die Leviten nicht als einer der zwölf Stämme Israels, sondern stellen eine separate Gruppe innerhalb des Volks Israel dar (die Zwölfzahl der Stämme ergibt sich daher, dass es nicht einen einzelnen Stamm Josef gibt, sondern stattdessen die Nachfahren seiner beiden Söhne Manasse und Ephraim jeweils als eigene Stämme gezählt werden). 
DAVID, Michael (I60644)
 
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3845 Leben
Der Sohn des Bankiers Salomon Heine, jüngstes von neun Kindern, erhielt seine Ausbildung in Paris im Bankhaus Fould, das mit der Familie Heine verbunden war. Carl Heine heiratete 1838[3] in Paris Cécile Charlotte Furtado (Großnichte von Abraham Furtado, geboren 1821 in Paris, gestorben 1896 in Rocquencourt), eine auch wirtschaftlich relevante Verbindung vermögender Familien. Heinrich Heine vermittelte zwischen beiden. Im Frühjahr 1835 trat Carl in das Bankhaus „Salomon Heine“ in Hamburg ein.[4] Zu seinem berühmten Vetter, dem Dichter Heinrich Heine, hatte Carl Heine zeitweise ein distanziertes Verhältnis, aufgrund von Streitigkeiten nach dem Tod Salomon Heines. Zu einer Aussöhnung kam es erst, als Carl Heine den schwerkranken Dichter 1847 in Paris besuchte. Carl Heine starb 1865 nach einem Schlaganfall, den er bei einem Ausritt auf dem Gut von Achille Fould in den Pyrenäen erlitt, dem Ehemann einer seiner Cousinen.

Investor und Wirtschaftsförderer
Zuvor hatte Carl Heine bereits 1837 mit August Abendroth und Adolph Jencquel ein Grundstücksunternehmen gegründet, das maßgeblichen Anteil an der Erschließung des heutigen Hamburger Stadtteils Uhlenhorst hatte. Erst nach dem Großen Brand von Hamburg 1842 entschloss sich der Rat der Stadt, sein Terrain auf dem ehemaligen Schwemmland zu erweitern, wofür sich Abendroth über Jahre einsetzte. Salomon Heine, der im Dezember 1844 starb, hatte seinen Sohn Carl zum Alleinerben der Bank gemacht. 1855 war das Bankhaus Salomon Heine größter Anteilseigner der neugegründeten Norddeutschen Bank. In der großen Wirtschaftskrise von 1857 spielte Carl Heine eine herausragende Rolle, der zahlreiche Unterstützungsaktivitäten für die Hamburger Wirtschaft unternahm und dabei zur Rettung anderer Unternehmen und auch Bankhäuser massive eigene Verluste in Kauf nahm.

Förderer von Institutionen, Förderer der Kunst
Aus seinem Vermögeln, das unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 17 und 30 Millionen Mark betrug, stiftete Carl Heine bereits zu Lebzeiten bedeutende Summen unter anderem an das Israelitische Krankenhaus, das dank Spenden seines Vaters entstanden war. 1858 spendete er mit 25.000 Mark den größten Einzelbeitrag, der zur Errichtung des Gebäudes der Hamburger Kunsthalle aufgebracht wurde. In seinem 1863 abgefassten Testament bedachte er künftige Sammlung der Kunsthalle mit einem Vermächtnis von 200.000 Mark Banco. Nach seinem Tod durften 20 Jahre lang zunächst nur die Zinsen dieses Vermächtnisses zum Ankauf von Bildern genutzt werden. Die Kunsthalle ließ 1871 von dem Maler Hermann Steinfurth ein Porträt von Beer Carl Heine anfertigen, gemalt nach einer zu Lebzeiten entstandenen Fotografie.

Carl Heines ältere Schwester Therese Halle (geb. Heine, 1807–1880) betätigte sich mit ihrem Mann, dem Juristen Adolph Halle, der 1831 bis 1848 Präsident des Hamburger Handelsgerichts war, am kulturellen Leben ihrer Heimatstadt. Beide waren Kunstsammler. Die umfangreiche Sammlung vermachte Therese Halle 1874 testamentarisch der Hamburger Kunsthalle.[5]

Alfred Lichtwark, der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle konnte nach seinem Amtsantritt 1886 das Vermächtnis von Beer Carl Heine für seine systematische Erweiterung der Bestände nutzen. Auch dass dabei Hamburger Künstler bedacht werden sollten, wie im Testament Heines festgelegt war, entsprach Lichtwarks Vorstellungen. Insgesamt 211 Kunstwerke wurden zwischen 1865 und 1941 mit Mitteln der Stiftung Beer Carl Heines für die Kunsthalle erworben.

Nach Carl Heine wurde die Karlstraße in Hamburg-Uhlenhorst benannt.

Literatur
Sylvia Steckmest: Beer Carl Heine, in: Heine-Jahrbuch 2011, Metzler Verlag, 2011, S. 129–148, ISBN 978-3-476-02405-3
Ute Haug: Beer Carl Heine – Mäzen der ersten Stunde, Mit einem Beitrag von Sylvia Steckmest, Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2016, ISBN 978-3-938002-46-9
Ute Haug: Therese Halle und Carl Heine – Zwei Kinder Betty und Salomon Heines und die Hamburger Kunsthalle, in: Salomon Heine in Hamburg, Wallstein, Göttingen 2013, S. 73–100, ISBN 978-3-8353-1199-2
Matthias Schmoock: Heine, Carl. In: Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Band 1. Christians, Hamburg 2001, ISBN 3-7672-1364-8, S. 126–127.
https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/therese-halle-geb-heine, letzter Zugriff am 19. Oktober 2023 
HEINE, Beer Carl (I61072)
 
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3847 Leben
Der Sohn des Johann Friedrich Schlegel studierte in Leipzig, wo er sich mit Christian Fürchtegott Gellert befreundete, und wurde 1751 Diakonus und Lehrer zu Pforta, 1754 dann Pastor und Professor der Theologie zu Zerbst und 1759 Pastor erst an der Marktkirche (Hannover), später an der Neustädter Hof- und Stadtkirche, 1775 auch Konsistorialrat und Superintendent in Hannover. 1781 wurde er zudem Generalsuperintendent der Hoya-Diepholz und 1787 der Calenberg. Er starb 1793 in Hannover.[2]

Schlegel arbeitete an der Zeitschrift Bremer Beiträge mit und veröffentlichte eine Erläuterung von Charles Batteux’ Einschränkung der schönen Künste auf Einen Grundsatz (dritte Auflage, Leipzig 1770, zwei Bde.). Von seinen Gedichten erhielten sich 70 Kirchenlieder.

August Wilhelm Iffland, den sein Vater ursprünglich für die geistliche Laufbahn vorgesehen hatte, beschrieb in seinen Memoiren den „besondern Eindruck“, den der Prediger Schlegel auf ihn als Jugendlichen gemacht hatte: „Früher als er die Menge hingerissen hat, riß er mich zur herzlichsten Rührung hin. Der Ton der Überzeugung, der väterlichsten Liebe athmete aus seinen herzlichen Reden. Oft wurde er selbst so ergriffen, daß er inne halten mußte. […] Jedermann liebte ihn […] Schlegel machte mir das Lehramt ehrwürdig.“[3] Von 1763 an war Schlegel Erzieher und Lehrer des jungen Freiherrn Adolph Knigge, nachdem dessen Eltern früh verstorben waren.[4]

Schlegel hatte zehn Kinder, darunter der Generalsuperintendent Karl August Moritz Schlegel (1756–1826), der Konsistorialrat Johann Carl Fürchtegott Schlegel (1758–1831) und der Kartograph Carl August Schlegel (1762–1789). Seine jüngeren Söhne August Wilhelm (1767–1845) und Friedrich Schlegel (1772–1829) gelten als Mitbegründer der Romantik. Die fünf anderen Kinder waren:

Gotthelf Adolph Friedrich Schlegel (1753–1766)
Georg Adolph Bonaventura Schlegel (1755–1782)
Erdmuthe Charlotte Friederike Schlegel (1759–1826), sie heiratete 1788 Ludwig Emmanuel Ernst (1752–1826).
Henriette Wilhelmine Schlegel (1761–1801), sie heiratete 1794 Johann Sigismund Ernst (1760–1834).
Friedrich Anton Heinrich Schlegel (1764–1784)
Literatur
Carl Bertheau: Schlegel, Johann Adolf. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 31, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 385–387.
Hugo Bieber: Johann Adolf Schlegels poetische Theorie. In ihrem historischen Zusammenhange untersucht, Berlin 1912 (Nachdruck: New York / London: Johnson, 1967).
Wolfdietrich von Kloeden: Schlegel, Johann Adolph. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 23. Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 37–38 (deutsche-biographie.de).
Wolfdietrich von Kloeden: Schlegel, von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 23. Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 35–36 (deutsche-biographie.de). (zur Familie Schlegel)
Joyce S. Rutledge: Johann Adolph Schlegel. German studies in America, Bd. 18. Lang, Bern u. a. 1974, ISBN 3-261-01360-5.
Georg-Michael Schulz: Die älteren Brüder Schlegel und ihr „Buch ohne Titel“. Eine buchgeschichtliche Kuriosität aus dem früheren 18. Jahrhundert. In: Andreas Gardt (Hrsg.): Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit. De Gruyter, Berlin u. a. 2011, ISBN 978-3-11-026870-6, S. 41–53 (Vorschau bei Google Bücher).
Wolfgang Stammler: Aus dem Leben Johann Adolf Schlegels. Mit ungedruckten Briefen Schlegels an Reich. In: Hannoversche Geschichtsblätter 21 (1918), S. 202–224. 
SCHLEGEL, Johann Adolph (I60822)
 
3848 Leben
Der Sohn des Professors Franz Kugler studierte an den Universitäten Tübingen, München und Greifswald. 1861 wurde er habilitiert und lehrte seitdem als Privatdozent, seit 1867 als außerordentlicher und seit 1874 als ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Tübingen. In den Jahren 1881–1882 und 1892–1893 war Kugler zudem Dekan der Philosophischen Fakultät.[1] Sein Hauptarbeitsgebiet waren die Kreuzzüge. Er beschäftigte sich aber auch mit der württembergischen Geschichte und legte eine Biografie von Kaiser Wilhelm I. vor. Er stand im regen Briefverkehr mit Jacob Burckhardt.

Er wurde 1886 durch Verleihung des Ehrenritterkreuzes des Ordens der Württembergischen Krone.[2] in den Adelsstand erhoben, der sich jedoch nur auf seine Person bezog und nicht vererbt werden konnte. Die 1869 geschlossene Ehe mit Else Zoepritz (1845–1921) blieb kinderlos.

Schriften (Auswahl)
Boemund und Tankred. Fürsten von Antiochien. Ein Beitrag zur Geschichte der Normannen in Syrien. Ludwig Friedrich Fues, Tübingen 1862 (zugleich: Habilitationsschrift).
Ulrich Herzog zu Wirtemberg. Eber & Seubert, Stuttgart 1865.
Studien zur Geschichte des Zweiten Kreuzzuges. Ebner & Seubert, Stuttgart 1866; Nachdruck: Hakkert, Amsterdam 1973, ISBN 90-256-6628.
Christoph, Herzog zu Wirtemberg. 2 Bände, Ebner & Seubert, Stuttgart 1868–1872.
Die Jubiläen der Universität Tübingen nach handschriftlichen Quellen dargestellt. F. Fues, Tübingen 1877.
Analecten zur Geschichte des zweiten Kreuzzugs. Tübingen 1878.
Geschichte der Kreuzzüge. Grote, Berlin 1880 (= Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen).
mit Rudolf M. von Stillfried-Alcantara: Die Hohenzollern und das deutsche Vaterland. 2 Bände, Bruckmann, München 1881–1882; Nachdruck (der 5. Auflage), Berger, Leipzig ca. 1890: Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden [2006].
Neue Analecten zur Geschichte des zweiten Kreuzzugs, Tübingen 1883.
Albert von Aachen. Kohlhammer, Stuttgart 1885. (Digitalisat)
Kaiser Wilhelm und seine Zeit. Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, München 1888.
Eine neue Handschrift der Chronik Alberts von Aachen. Armbruster & Riecker, Tübingen 1893 (Digitalisat)
Kaiser Wilhelm der Große und seine Zeit. Zur hundertjährigen Gedächtnißfeier des Geburtstages weiland Sr. Majestät Kaiser Wilhelm I., 1797–1897. Walther, Leipzig 1897.
Literatur
C. Ad. Fetzer: Kugler, Bernhard von. In: Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog. Band 3, 1900.
Deutsches Geschlechterbuch. Band 106, Görlitz 1939.
Eugen Schneider: Kugler, Bernhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 51, Duncker & Humblot, Leipzig 1906, S. 417 f.
Rudolf Wackernagel: Briefe von Jacob Burckhardt an Bernhard Kugler 1867–1875. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 14, 1915, S. 351–377 (Digitalisat). 
VON KUGLER, Bernhard (I60923)
 
3849 Leben
Der Spross einer assimilierten jüdischen Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie war der Sohn von Philipp Josua Feibelman Gomperz (1782–1857) und Henriette Gomperz, geborene Auspitz (1792–1881). Theodor Gomperz war der Bruder von Josephine Gomperz, verehelichte Josephine von Wertheimstein (1820–1894), der Industriellen Max von Gomperz (1822–1913) und Julius von Gomperz (1823–1909) sowie der Sophie Gomperz, verehelichte Sophie von Todesco (1825–1895).

Aus seiner Ehe mit Elise Sichrovsky (1848–1929) gingen der Philosoph Heinrich Gomperz (1873–1942), die Bildhauerin und Schriftstellerin Bettina Gomperz (1879–1948) sowie der Ski- und Tourismuspionier in St. Anton am Arlberg Rudolf Gomperz (1878, Wien–1942, Vernichtungslager Maly Trostinez) hervor.

Theodor Gomperz studierte 1847–1849 an der Philosophischen Lehranstalt in Brünn sowie danach in Wien bei Hermann Bonitz. Gomperz widmete sich als Privatgelehrter weiteren Studien und wurde ohne Doktoratsabschluss 1867 habilitiert. 1873 wurde er Professor für Klassische Philologie in Wien. 1896 bis 1909 publizierte er sein dreibändiges Hauptwerk Griechische Denker. 1900 wurde er emeritiert; sein Nachfolger wurde Emil Szanto. Seit 1883 war er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.[1]

Er ruht in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Döblinger Friedhof (Gruppe 17, Nummer 6) in Wien. Im Jahr 1927 wurde in Wien-Ottakring (16. Bezirk) die Gomperzgasse nach ihm benannt.

Werke
Demosthenes der Staatsmann (1864)
Philodemi de ira liber (1864)
Traumdeutung und Zauberei (1866)
Herculanische Studien (1865–1866)
Beiträge zur Kritik und Erklärung griech. Schriftsteller (7 Bände, 1875–1900)
Neue Bruchstücke Epikurs (1876)
Die Bruchstücke der griech. Tragiker und Cobets neueste kritische Manier (1878)
Herodoteische Studien (1883)
Ein bisher unbekanntes griechisches Schriftsystem (1884)
Zu Philodems Büchern von der Musik (1885)
Über den Abschluß des herodoteischen Geschichtswerkes (1886)
Platonische Aufsätze (3 Bände, 1887–1905)
Zu Heraklits Lehre und den Überresten seines Werkes (1887)
Zu Aristoteles Poetik (2 Teile, 1888–1896)
Über die Charaktere Theophrasts (1888)
Nachlese zu den Bruchstücken der griechischen Tragiker (1888)
Die Apologie der Heilkunst (1890)
Philodem und die ästhetischen Schriften der herculanischen Bibliothek (1891)
Die Schrift vom Staatswesen der Athener (1891)
Die jüngst entdeckten Überreste einer den platonischen Phaedon enthaltenden Papyrusrolle (1892)
Aus der Hekale des Kallimachos (1893)
Griechische Denker. Eine Geschichte der antiken Philosophie (1896–1909)
Band 1, Griechische Naturphilosophen und Sophisten, 1896
Band 2, Sokrates und Platon, 1902
Band 3, Aristoteles und seine Nachfolger, Von Veit, Leipzig 1909
Essays und Erinnerungen (1905)
Die Apologie der Heilkunst. Eine griechische Sophistenrede des 5. vorchristlichen Jahrhunderts (1910)
Hellenika. Eine Auswahl philologischer und philosophiegeschichtlicher kleiner Schriften (1912) 
GOMPERZ, Theodor (I60275)
 
3850 Leben
Der zweitgeborene Sohn Wilhelms I. von Sizilien führte den üppigen Lebensstil seines Vaters fort, war aber dennoch wesentlich beliebter als jener, woran seine von Zeitgenossen gepriesene Schönheit wesentlichen Anteil hatte. Da er beim Tod seines Vaters noch minderjährig war, führte seine Mutter Margarete mit wechselnden Beratern die Regentschaft, was ab März 1167 in der Intitulatio der Urkunden durch die Formel Willelmus, divina favente clementia rex Sicilie, ducatus Apulie et principatus Capue una cum domina Margarita regina, matre sua[3] (gemeinsam mit seiner Mutter, Königin Margarete) zum Ausdruck gebracht wurde. Er übernahm die Herrschaft wahrscheinlich erst im Dezember 1171, im Alter von 18 Jahren.

Wilhelm schloss sich der Partei des Papstes und der lombardischen Städte gegen Kaiser Barbarossa an. 1177 schlossen beide jedoch den Frieden von Venedig. Nachdem es 1182 in Konstantinopel Pogrome gegen Italiener gegeben hatte und Friedrich einen Feldzug gegen das Byzantinische Reich plante, scheint es zu einer Annäherung zwischen König und Kaiser gekommen zu sein. Die Heiratsabsprache zwischen Wilhelm und Barbarossa zur Ehe von Barbarossas Sohn Heinrich VI. mit Wilhelms Tante Konstanze war ein Zeichen dieser Annäherung. Auf Ersuchen des byzantinischen Prätendenten Alexios Komnenos befahl Wilhelm im Sommer 1185, gestützt auf das noch einmal gefestigte Bündnis mit dem Westkaiser, einen Feldzug in Griechenland, bei dem seine Truppen Dyrrhachion eroberten und Thessalonike plünderten. Auf dem Zug nach Konstantinopel wurde das Heer am 7. November 1185 in der Schlacht von Demetritzes geschlagen. 1189 schloss Wilhelm Frieden mit Kaiser Isaak II.

Ein erster Feldzug Wilhelms gegen Ägypten scheiterte, bei den Vorbereitungen zum Dritten Kreuzzug starb der König.

Zunächst mit Maria Komnena aus dem byzantinischen Kaisergeschlecht verlobt, heiratete Wilhelm dann aber 1177 Johanna Plantagenet, die Tochter Heinrichs II. von England und der Eleonore von Aquitanien. Johanna war die Schwester von Richard Löwenherz; die Ehe blieb jedoch kinderlos.

Daher konnte Heinrich VI. Anspruch auf die Herrschaftsnachfolge erheben. In Sizilien setzte sich jedoch zunächst Tankred von Lecce als König durch, da eine Mehrheit des sizilianischen Adels der deutschen Nachfolge ablehnend gegenüberstand und einflussreiche Palastfunktionäre wie der Vizekanzler Matheus sich für ihn einsetzten.

Die Gründung von Monreale
Bald nach Erreichen der Volljährigkeit begann Wilhelm mit der Gründung und Ausstattung von S. Maria Nuova, das als Benediktinerkloster mit Mönchen aus La Cava beschickt wurde. Das Kloster wurde unmittelbar dem Heiligen Stuhl unterstellt und ist daher auch im Liber censuum des Kämmerers Cencius verzeichnet. Eine Erhebung zum Bistum scheint Alexander III. abgelehnt zu haben, erst Lucius III. gab 1183 dem Drängen des Königs statt und errichtete in Monreale ein Erzbistum, dem Syrakus und Catania als Suffragane unterstellt wurden. Der Abt war gleichzeitig Erzbischof, der Konvent des Klosters fungierte als Domkapitel. Die Kirche war offenbar auch als neue Grablege des Hauses Hauteville vorgesehen, denn neben seinem Vater Wilhelm I. fanden dort auch seine Mutter Margarete und sein Bruder Heinrich ihre letzte Ruhestätte. Wilhelm selbst wurde nach seinem Tod vor dem Altar beigesetzt, in den Sarkophag wurde er erst 1575 durch den Erzbischof Ludovico de Torres umgebettet. 
(SIZILIEN), Wilhelm II. ´der Gute` (I61495)
 

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