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| 3751 | Lanzelin, Kanzelin oder Landolt[1] († August 991) war vermutlich der Sohn von Guntram dem Reichen, dem Stammvater der Habsburger, und Vater des Radbot, des Gründers der Burg Habsburg und des Klosters Muri. Der Name seiner Frau war, da die Quellen sich widersprechen, entweder Luitgard von Thurgau oder Liutgard bzw. Lütgard von Nellenburg (* 960). Sie war eine Tochter des Grafen Eberhard III. im Thurgau.[2] Er nannte sich Graf von Altenburg, möglicherweise nach der gleichnamigen heute noch erhaltenen Burg Schlösschen Altenburg in Altenburg bei Brugg (im heutigen Kanton Aargau, unweit von der später erbauten Habsburg), vielleicht aber auch nach Altenburg im Klettgau: Er wird auch als Graf von Klettgau und Thurgau bezeichnet. Von ihm heißt es, dass er Ländereien im heutigen Aargau gewaltsam erobert haben soll. | (HABSBURG), Lanzelin Kanzelin oder Landolt (I35485)
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| 3752 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I7209)
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| 3753 | latein-Deutsch Übersetzung: Parva - kleines Mädchen zu Gemmingen: Gemmingen ist eine Gemeinde im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg, im nordöstlichen Kraichgau. Sie gehört zur Region Heilbronn-Franken. Der Ort Gemmingen zählte als reichsritterschaftlicher Ort zum Ritterkanton Kraichgau, während Stebbach und Streichenberg an die Kurpfalz kamen. 1497 erlangten die Herren von Gemmingen an ihrem Stammsitz Gemmingen die Hochgerichtsbarkeit. Der Ortsherr Wolf von Gemmingen († 1555) gründete 1521 die Lateinschule Gemmingen und war ein früher Anhänger Luthers und Förderer der Reformation, die er in Gemmingen dauerhaft durchführte, während Streichenberg und Stebbach von häufigen Konfessionswechseln der Kurpfalz betroffen waren. Durch den Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort nahezu entvölkert und nach 1648 durch Einwanderer aus der Schweiz und Frankreich aufgesiedelt, die nach den Verwüstungen des 1688 bis 1697 tobenden Pfälzischen Erbfolgekrieges mehrfache Wiederaufbauarbeit leisten mussten. | PARVA, Anna Barbara Maria (I344)
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| 3754 | lateinisiert aus ´Fischer` Das Evangelische Rheinland, II. Band, S. 386. Studium in Straßburg und Tübingen. Professor in Straßburg 1571 und Entlassung 1573 wegen Übertritts zum ref. Glauben. In Basel 1574 (Matrikel der Universität Basel - siehe www.e-codices.ch - 1574/75, ohne genaues Datum, "Argentinensis"). Professor in Heidelberg und Entlassung 1576. Rektor in Siegen 1576/78 und Neustadt 1578/81, Pfarrer in Moers 1581/84 und Rektor in Herborn 1584/1625. Siehe auch Jean-Pierre Bodmer, Das Studentenstammbuch des Johann Jakob Breitinger (1575-1645), in Zwingliana 18/3 (1990), S. 213-233): Eintrag vom März 1594 in Herborn. Schuf 1602/04 eine calvinistische Bibelübersetzung ("Piscator-Bibel"). Johannes Piscator – latinisiert aus ‚Fischer‘ (* 27. März 1546 in Straßburg; † 26. Juli 1625 in Herborn) war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Piscators Vater starb 1550, die Lebensdaten seiner Mutter sind nicht bekannt. Er war mit Ottilie Sinzing (1552–1622) verheiratet, die ursprünglich aus Trier stammte. Nach dem Besuch des Straßburger Gymnasiums studierte Piscator an der dortigen Universität und in Tübingen. Da er sich vom Luthertum zum Calvinismus wandte, musste er 1573 seine seit 1571 bekleidete Professorenstelle in Straßburg verlassen, 1576 auch die in Heidelberg. Ab 1578 war er Rektor der Grafenschule in Siegen, bald darauf Professor in Neustadt an der Weinstraße. Ab 1581 war er Rektor am Gymnasium in Moers. Von 1584 bis zu seinem Tod war Piscator Professor der Theologie an der Hohen Schule Herborn, die ihm als ihrem ersten Rektor und wohl hervorragendsten Theologen ihre Blüte und Berühmtheit verdankte. Neben Lehrbüchern, Aphorismen (1589) und Bibelkommentaren schuf er vor allem eine reformierte Bibelübersetzung, die Piscator-Bibel (1602–04), die dritte vollständige Übertragung nach der Luthers und der Zürcher Bibel. In der Stadt und Republik Bern, am Niederrhein und in anderen reformierten Gebieten war diese Übersetzung lange Zeit im kirchlichen Gebrauch. In Bern war die Piscatorbibel von 1684 bis Ende des 18. Jahrhunderts "Staatsbibel", d. h. die vom Staat herausgegebene und verordnete Übersetzung.[1] Wegen Piscators Übersetzung von Markus 8,12 „ich sage euch: Wann diesem Geschlechte ein Zeichen wird gegeben werden, so strafe mich Gott“ nannten die Lutheraner seiner Zeit diese Bibel spottend „Straf-mich-Gott-Bibel“ und bekämpften sie heftig. Noch mehr Aufsehen erregte die Lehre Piscators, dass nur der leidende Gehorsam Christi, nicht auch der tätige, den Gläubigen zugerechnet werde. Manche reformierten Theologen tolerierten sie zwar, andere aber, besonders die französischen, griffen sie heftig an und verwarfen sie auf der Synode zu Gap als Irrlehre. Piscator war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller, der nicht nur verschiedene theologische Disziplinen bearbeitete, sondern auch mehrere Schriften philosophischen Inhalts schrieb. In der Philosophie war er ein entschiedener Anhänger des Franzosen Petrus Ramus (1515-1572). Bei Piscator disputierten 1608 Johann Mühlmann (1573-1613) und 1614 Johann Bernhard Gottsleben (1595-1635). Sein Nachfahre war der deutsche Regisseur und Theaterleiter Erwin Piscator (1893-1966). | PISCATOR, Prof. theol. Prof. theol. Johann (I10174)
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| 3755 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I7698)
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| 3756 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I54995)
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| 3757 | Laut Bürgerbuch 1970: "ABERLI (Albrecht[§]), THOMAS und WÄLTI, von Herisau, Korbflechter, wurden 1385 Bürger. Aberlis drei Söhne, KASPAR, Ratsherr bis 1500, HANS und ULRICH stiften 1506 für Jahrzeiten 25 Pfund an St.Laurenzen." Die Einbürgerung von ABERLI, THOMAN und WÄLTI SCHLUMPF von Herisau wird von HARTMANN (Civilegium Sangallense) bestätigt. Beim 1385 eingebürgerten Aberli kann es sich aber unmöglich um den oben genannten, 1490 verstorbenen Aberli gehandelt haben, dem in der Stemmatologia die Söhne Kaspar und Ulrich zugeschrieben werden. Der Sohn Kaspar (Nr.2) ist laut Stemmatologia 1500 verstorben - kann also nicht 1506 eine Jahrzeit gestiftet haben. Der Sohn Ulrich (Nr.3) ist laut Stemmatologia 1515 verstorben - kommt also für eine Stiftung im Jahre 1506 infrage. Bei diesen Jahresangaben ist zu berücksichtigen, dass die Taufbücher erst 1527 beginnen: Jahresangaben aus der Zeit vor 1527 basieren auf Ämterlisten, Ratsprotokollen, Steuerlisten etc. und sind nicht immer sicher festzulegen. Es fehlt aber mindestens eine Generation und dementsprechend sind auch die Filiationen kritisch zu hinterfragen. Laut Bürgerbuch ist Aberli die Kurzform von Albrecht, laut Schweizerischem Idiotikon für Abraham. Er wohnt "Im Loch" und wird in den Steuerbbüchern 1526-31 als Aberli, 1544 als Albrecht, 1553/56 als Albrecht alt geführt [Steuerbücher nur stichprobenartig, nicht komplett kontrolliert]. Hier steht Aberli für Albrecht. Wappenbeschreibung / Blasonierung In Gold übereinander drei rot gebänderte, schwarze Jagdhörner. | SCHLUMPF, Albrecht\ Alberlin (I2987)
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| 3758 | Laut dem Zeugnis des Bischofs und Geschichtsschreibers Gregor von Tours (gestorben vermutlich 594) ging Theuderich I. eine Ehe mit der Tochter des burgundischen Königs Sigismund ein, ohne aber ihren Namen anzugeben.[2] Häufig wird diese Gemahlin Theuderichs mit der vom erst im 10. Jahrhundert schreibenden westfränkischen Chronisten Flodoard von Reims[3] erwähnten Königin Suavegotta identifiziert,[4] die der Kirche von Reims während der Amtszeit des Bischofs Mapinius (etwa 549 bis 573) testamentarisch ein Drittel der „ville Virisiaci“ hinterließ. Nach Flodoard hatte Suavegotta eine Tochter namens Theudechild. Die Gleichsetzung von Suavegotta mit der Gattin Theuderichs I. ist aber nicht völlig gesichert. Eugen Ewig stellte die These auf, dass Suavegotta die erste Ehefrau Theuderichs gewesen sei. Dieser habe danach die Tochter Sigismunds zur zweiten Gattin genommen, deren Name somit unbekannt bliebe. | Suavegotta (I47187)
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| 3759 | Laut einem am 21. Oktober 837 ausgestellten Diplom des fränkischen Königs und römischen Kaisers Ludwig I. des Frommen wurde Fulcoald zusammen mit einem Ragambald zum missus (Königsboten) im pago Rutenico (Rouergue) und Nemausense (Nîmois) ernannt, also zum Sachwalter des Herrschers in diesen Provinzen. Möglich, dass damit auch das Grafenamt des Rouergue verbunden war. Aus der Gründungsurkunde der Abtei von Vabres geht hervor, dass Fulcoald mit einer Frau namens Senegundis verheiratet war und dass ihre Söhne Fredelo und Raimund I. waren, die in der Mitte des 9. Jahrhunderts die Grafschaft Toulouse übernehmen konnten. | (ROUERGUE), Fulcoald (I39775)
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| 3760 | Laut Fresin: ´Geschichte der Stadt Weinheim`befand sich das gasthaus ´Zum Grünen Baum`im Haus Marktplatz 3, später das Gasthaus ´Zum Schwarzen Ochsen` Über die von Peter Demuth und seiner ehefrau Magdalena a, 04.03.1621 niedergelegte Demuth`sche Stiftung vergleiche ebenda Seite 89, bzw. Kontraktenbuch, Band 2, Blatt 158 | DEMUTH, Christoph (I43126)
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| 3761 | Laut Nahrungszettel 460 vom 06.12.1766 Besitzer eines Hauses mit gewölbtem Keller, Scheuer (Scheune) und Stall im Hintergassen Viertel | RANDOLL, Johann Jacob (I307)
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| 3762 | Laut Traueintrag Gernsbach Tochter des Martin Kauffmann aus Waldrennach. "Lauttmann" laut familysearch (alt) ist falsch! Kauffmann im OFB Waldrennach. Nicht in Waldrennach geboren (mit Vater Martin zugezogen). -Wohnort: Deckenpfronn, später Waldrennach, zuletzt Gernsbach | KAUFMANN, Maria (I11739)
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| 3763 | Laut Wikipediabericht unten hatte das Ehepaar die zwei Söhne Gerhard und Konrad. Weiter werden Johann I. mit Sohn Johann II. erwähnt. Johann I. wird jedoch nicht in Zusammenhang mit Gerhard I. gebracht. Bei Rübel-Blass wird ein Johannes von Gösgen als Sohn von Gerhard I. und Amalia von Hinwil zugeordnet. Dieser Johannes und Johann II. sind demnach identisch, bei beiden wird Amalia die Ehefrau des Wernher von Falkenstein als Tochter zugeordnet. Dies zeigt wieder einmal die unterschiedlichen Ergebnisse der Geschichtsschreibung..? (Ich zeige hier die Version Rübel-Blass) | VON GÖSGEN, Gerhard (I7954)
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| 3764 | Laut www.gen-gen.ch am 11.12.1537 in Konstanz. des Grossen Rats zu Konstanz 1568-1586 ; als Protestant aus Konstanz vertrieben Besitzer der "Schwärze" in Weinfelden die er von den ´ von Landenberg` kaufte Peter (1537-1604) musste Konstanz als eifriger Förderer der Reformation verlassen und erwarb das Hofgut "Schwärze" bei Weinfelden. | FELS, Peter I (I1223)
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| 3765 | Lazar Auspitz war im Jahre 1833 der Gründer der bekannten Woll-Assortierungsanstalt L. Auspitz. Als erster mährischen Hersteller und Großhändler exportierte er Wolle nach England. Lazar Auspitz war ein sakulärisierter Jude, von welchem sein Enkel Theodor Gomperz (1832–1912) später einmal sagte: „Wenn er, was selten genug geschah, in der Synagoge erschien, so lag statt eines Gebetsbuchs eine Naturlehre vor ihm aufgeschlagen.“ Seine Ehefrau war Rosa Weinberger, sie wurde als körperlich und geistig ausnehmend zart beschrieben. Diese Konstitution und ihre Anwandlung zur religiösen Exaltation[9] machten ein Zusammenleben unmöglich und sorgten dafür, dass in den 18 Ehejahren nur zwei Kinder geboren wurden, ehe die Ehe geschieden wurde. In den folgenden 24 Jahren blieb Lazar allein, ehe er sich in zweiter Ehe mit Babette Gomperz, der Schwester seines Schwiegersohnes Philipp Josua Feibelman Gomperz (1782–1857), verheiratete. Diese Ehe blieb kinderlos und er überlebte seine Frau um viele Jahre. In vorgerücktem Alter wandte er sich der Tucherzeugung zu und eröffnete mit einer 8 PS starken Dampfmaschine, einem Meister und einigen Arbeitern einen Betrieb, welchen er für zwei seiner Enkel einrichtete und der unter ihrer Leitung im Laufe der Zeit als Fabrik L. Auspitz Enkel sehr bekannt wurde. Die Juden durften bis 1852 nicht in Brünn bestattet werden, Lazar wurde als erster Brünner Jude in der Stadt beigesetzt. Der jüdischen Friedhof befindet sich heute im Stadtteil Židenice.[10] Besonders stolz war er auf den ihm verliehenen Bürgerbrief, und gern fügte er seinem Namen bei feierlichen Anlässen das Prädikat Bürger von Brünn hinzu. Seinen nach Adel strebenden Verwandten gab er die Warnung an die Hand: „Werden Sie Ihre Kinder mit Bekanntmachung großer Bedürfnisse beglücken?“ Ohne an eine Republik zu denken, war er seinem innersten Wesen nach Republikaner. Sich vor niemandem zu beugen, um niemandes Gunst zu werben, war tief in seiner Natur begründet. Daher gab ihm sein Enkel Theodor die folgenden Worte mit ins Grab: „Ein Freund des Lichts, ein Fels des Rechtes, Der Gleißnerei und Lüge feind; Schutzgeist und Gründer des Geschlechtes, Das hier an seinem Grabe weint.“ | AUSPITZ, Lazar (I60296)
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| 3766 | Leben Hartmann war der zweitälteste Sohn von Rudolf und Königin Anna (von Hohenberg), dessen erster Ehefrau († 1281), die bis zur Krönung 1273 Gertrud hieß und als Stammmutter der habsburgischen Herrscher gilt.[1] Trotz Primogenitur war beabsichtigt, das römisch-deutsche (oder aber arelatische) Königtum auf ihn und nicht auf seinen älteren Bruder Albrecht (1255–1308) zu übertragen. In dieser Perspektive wurde Hartmann 1278 mit Johanna, einer Tochter des englischen Königs Eduard I., verlobt. Somit war er designierter Thronfolger, vermutlich seines Vaters Lieblingssohn und schon in jungen Jahren mit politischen und militärischen Aufgaben betraut (siehe unten). Angeblich nur 18-jährig ertrank der Bräutigam jedoch kurz vor Weihnachten 1281 nördlich von Breisach bei einem Bootsunglück im Rhein,[2][3] womit die Heiratsallianz der Häuser Habsburg und Plantagenet nicht zustande kam. | VON HABSBURG, Hartmann (I54343)
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| 3767 | Leben Berliner Gedenktafel am Haus Pariser Platz 6a, in Berlin-Mitte Gedenkplatte an der Stätte des Wohnhauses von Wolfgang Carl Briegel, Georg Joseph Vogler und Giacomo Meyerbeer in Darmstadt, Karolinenplatz Giacomo Meyerbeer Giacomo Meyerbeer, Lithografie von Josef Kriehuber, 1847 Jakob Meyer Beer wurde als Sohn des jüdischen Zuckerproduzenten und Bankiers Jacob Herz Beer (1769–1825) und seiner Ehefrau Amalie („Malka“), geb. Wulff, einer Tochter des Liepmann Meyer Wulff, in einem Reisewagen geboren, mit dem seine Mutter von Berlin nach Frankfurt (Oder) unterwegs war. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt vor der Poststation in Tasdorf in der Nähe von Berlin. Dieses Haus, der spätere Gasthof „Zum deutschen Haus“, stand bis Januar 2013 und wurde dann abgerissen (bewohnt war es bis ca. 1990).[1][2] Eine Gedenktafel, die sich an diesem Haus befand, befindet sich jetzt in der Heimatstube der Gemeinde Rüdersdorf. Seine Brüder waren Wilhelm Beer (ein Geschäftsmann, der als Amateurastronom bekannt wurde) und Michael Beer (der als Schriftsteller bekannt wurde). Der dritte Bruder Heinrich (1794–1842) übte nie einen Beruf aus. Jakob wurde frühzeitig unter Leitung von Franz Seraphinus Lauska (1764–1825), zeitweilig auch von Muzio Clementi zum Pianisten ausgebildet und trat als solcher bereits im Alter von neun Jahren an die Öffentlichkeit. Seine späteren Kompositionsstudien leiteten der Kapellmeister B. A. Weber, Carl Friedrich Zelter und ab 1810 der Abbé Vogler in Darmstadt, wo Carl Maria von Weber sein Mitschüler war. Zu jener Zeit komponierte er kirchenmusikalische Werke verschiedener Art sowie eine Kantate mit dem Titel: Gott und die Natur. Ab 1810 zog er die Namen Meyer und Beer zu einem Wort zusammen und nannte sich Meyerbeer. Im gleichen Jahr trat er der Gesellschaft der Freunde bei. Während der Studienzeit bei Zelter in Berlin war er auch Mitglied in der Sing-Akademie. Zur dramatischen Komposition übergehend, schrieb Meyerbeer die Oper Jephthas Gelübde, die in München aufgeführt wurde und recht erfolgreich war. Anfang 1813 ging er nach Wien und widmete sich hier zehn Monate lang musikalischen Studien bei Antonio Salieri. Eine weitere Oper Wirth und Gast wurde zunächst in Stuttgart (Dirigent: Conradin Kreutzer) aufgeführt; in Wien kam sie in bearbeiteter Form auf die Bühne als Die beyden Kalifen[3], wobei auch die damals sehr bekannte Sopranistin Cathinka Buchwieser mitwirkte. 1814 komponierte Meyerbeer noch für Berlin ein Singspiel Das Brandenburger Tor und ging dann nach Paris. Ende 1815 wechselte er auf Anraten Salieris nach Italien, wo er in dem neuen, durch Gioachino Rossini begründeten Opernstil für die dortige Bühne eine Reihe von Opern schrieb. In Deutschland bekannt wurden Emma di Resburgo (Emma von Roxburgh), Margherita d’Anjou und Il crociato in Egitto (Der Kreuzritter in Ägypten), ein Stück, das ihm den endgültigen Durchbruch in die europäische Musikszene brachte[4]. Die übrigen waren: Romilda e Costanza (Romilda und Constanza), Semiramide riconosciuta (Die wiedererkannte Semiramis), L’esule di Granada (Das Asyl von Granada) und Almansor. Die folgenden Jahre verbrachte Meyerbeer pendelnd zwischen Berlin, Paris und Baden-Baden. 1824 nach Paris zurückgekehrt, verband er sich mit dem Dramatiker Eugène Scribe, mit dem er zum Hauptvertreter der französischen Großen Oper des 19. Jahrhunderts wurde. Dieser Verbindung verdankte die Oper Robert le Diable (Robert der Teufel) ihre Entstehung, welche 1831 uraufgeführt wurde. 1834 wurde Meyerbeer als auswärtiges Mitglied in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen. Sein nächstes großes Werk war die ebenfalls von Scribe gedichtete, Anfang 1835 vollendete, aber erst am 29. Februar 1836 aufgeführte Oper Les Huguenots (Die Hugenotten). Allerdings wurden im Hinblick auf Diskussionen des Zusammenhangs von Religion und Gewalt bei späteren Aufführungen in römisch-katholisch geprägten Gegenden zum Teil weitgehende Textänderungen vorgenommen.[5] Charlotte Birch-Pfeiffer verlegte die Handlung nach London mit Ersetzung der Katholiken und Hugenotten durch Anglikaner und Puritaner, so dass die Oper mit dem Titel Die Anglikaner und Puritaner 1838 in München erstmals aufgeführt wurde. In Wien kam die Oper unter dem Titel Die Welfen und Ghibellinen, in Kassel und Prag unter dem Titel Die Ghibellinen in Pisa auf die Bühne.[5] Im Jahr 1842 wurde Meyerbeer vom König von Preußen als Nachfolger Gaspare Spontinis zum Generalmusikdirektor der Berliner Oper ernannt, mit der Verpflichtung, vier Monate im Jahr zu dirigieren; doch hatte die Stellung in Wahrheit eher den Charakter eines Ehrenamtes. Auf das damit verbundene Gehalt von 4000 Talern verzichtete Meyerbeer zu Gunsten der Kapelle. Er führte an der Oper – als erster für Deutschland – die Tantiemen-Zahlung ein. Im selben Jahr wurde Meyerbeer in den Orden Pour le Mérite aufgenommen.[4][6] An Kompositionen folgten jetzt u. a. die Oper Ein Feldlager in Schlesien, zur Einweihung des Berliner Opernhauses geschrieben und 1844 zuerst aufgeführt; ferner die Musik zum Trauerspiel Struensee seines verstorbenen Bruders Michael Beer, sowie seine dritte große Oper Le prophète (Der Prophet), die 1849 in Paris uraufgeführt wurde und ab 1850 auch auf den größeren deutschen Bühnen die Runde machte. Die letzten Arbeiten Meyerbeers, der von nun an abwechselnd in Berlin und Paris lebte (er hatte sich 1846 in Berlin auf unbestimmte Zeit beurlauben lassen), waren die Umarbeitung seines Feldlagers zu der für Paris bestimmten komischen Oper L’étoile du nord (1854) und eine zweite komische Oper, Dinorah ou Le pardon de Ploërmel (Die Wallfahrt nach Ploermel; 1859 uraufgeführt); ferner Gelegenheitsstücke, zu denen ihm Friedrich Schillers 100ster Geburtstag (Schillermarsch, 1859), die Krönung Wilhelms I. zum König von Preußen (Fackeltänze, 1861) und die Weltausstellung London 1862 (Festouvertüre) Anlässe boten. Während er in Paris die Aufführung seiner bereits 20 Jahre zuvor begonnenen, aber erst 1863/64 vollendeten vierten großen Oper L’Africaine (Die Afrikanerin) vorbereitete,[7] starb er nach mehrwöchigem Unwohlsein und zweitägigem Bettlager am Montag, dem 2. Mai 1864, um 6 Uhr früh. Zuletzt hatte ihm sogar Kaiser Napoleon III. seinen Leibarzt geschickt und sich mehrere Male am Tag nach seinem Befinden erkundigt. Als Todesursache wurde eine nicht näher bezeichnete Unterleibserkrankung angegeben.[8] Die Leiche wurde Meyerbeers testamentarischer Bestimmung gemäß, der aus Furcht vor einem Lebendigbegrabenwerden auch verfügt hatte, dass eine Beerdigung erst einige Tage nach der Todesfeststellung stattfinden solle,[9] zur Bestattung auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee nach Berlin gebracht; in Paris wurde jedoch eine Totenfeier veranstaltet. Ein Jahr später wurde L’Africaine in einer bearbeiteten und gekürzten Fassung unter der Leitung von François-Joseph Fétis in Paris aufgeführt. Meyerbeer war Mitglied der Freimaurerloge Les Frères Unis Inséparables in Paris. | MEYERBEER, Giacomo (I60827)
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| 3768 | Leben Das Mendelssohn-Bartholdy’sche Haus in Berlin, Französische Straße 35 Paul Mendelssohn Bartholdy war ein Sohn des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner Frau Cécile sowie ein Bruder des Historikers Carl Mendelssohn Bartholdy. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er im Hause seines Onkels, des Bankiers Paul Mendelssohn-Bartholdy, in Berlin, Französische Straße 35 auf. Er sollte eigentlich einen kaufmännischen Beruf ergreifen, entschied sich jedoch für das Studium der Chemie an der Universität Heidelberg. Wie sein Bruder Carl wurde er dort Mitglied der Burschenschaft Allemannia Heidelberg. 1863 schloss er seine Promotion ab. Ab 1865 war er als Assistent im Laboratorium von August Wilhelm von Hofmann an der Universität Berlin tätig. Er lernte dort Carl Alexander Martius kennen, mit dem er 1867 im Berliner Vorort Rummelsburg eine Firma für die Anilinherstellung gründete, die Gesellschaft für Anilinfabrikation mbH. Nach Zukauf der Jordanschen Farbenfabrik in Treptow im Jahr 1872 wurde die Produktionspalette um die Farbstoffe Fuchsin, Anilinblau und Methylviolett erweitert. 1873 wurden beide Firmen zur Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation (Agfa) verschmolzen. Im Jahr 1877 erwarb die Firma Agfa auch das Verfahren für die Herstellung von Malachitgrün. Durch Erwerb einer Lizenz verschaffte sie sich außerdem Zugang zum Gebiet der Azofarbstoffe. Die Herstellung von Azofarbstoffen prägte die weitere Entwicklung des Unternehmens. Zu Lebzeiten Paul Mendelssohn Bartholdys lag der Schwerpunkt der Produktion der Firma Agfa auf der Herstellung von Anilin und Anilinfarben. Die Erweiterung des Tätigkeitsbereichs auf das Gebiet der Photographie vollzog sich erst nach seinem Tod unter der Firmenleitung von Carl Alexander (von) Martius und Franz Oppenheim. Grabstein von Paul Mendelssohn Bartholdy auf dem Friedhof III der Gemeinde Jerusalems- und Neue Kirche Paul Mendelssohn Bartholdy heiratete 1867 die vier Jahre jüngere Else Oppenheim (1844–1868), mit der er verwandt war, da ihre Mutter Margarethe Oppenheim (1823–1890) eine geborene Mendelssohn war. Am 20. August 1868, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes Otto (1868–1949), starb Else Oppenheim an Typhus. Der Sohn, später Bankier, wurde 1906 geadelt. Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Paul Mendelssohn Bartholdy 1873 deren jüngere Schwester Enole Oppenheim (1855–1939),[1] mit der er weitere vier Kinder hatte. Die Geburt seines jüngsten Kindes Paul Mendelssohn Bartholdy (1879–1956) überlebte er nur für kurze Zeit. Paul Mendelssohn Bartholdy der Ältere starb infolge eines Herzinfarktes,[2] einen Monat nach seinem 39. Geburtstag, am 17. Februar 1880 in Berlin. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof III der Gemeinde Jerusalems- und Neue Kirche vor dem Halleschen Tor. Er ruht dort im Familiengrab Mendelssohn-Oppenheim an der Seite seiner beiden Ehefrauen. In der Gittergrabanlage dient eine kleine, liegende Stele aus schwarzem Granit als Grabmarkierung.[3] Paul Mendelssohn Bartholdy der Jüngere promovierte, wie der Vater, in Chemie und übernahm ein Direktorenamt in der Agfa. Literatur Michael Engel: Mendelssohn Bartholdy, Paul. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 17. Duncker & Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-00198-2, S. 58–60 (deutsche-biographie.de). Thomas Lackmann: Das Glück der Mendelssohns – Geschichte einer deutschen Familie; Berlin: Aufbau-Verlag, 2005; ISBN 3-351-02600-5 Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE) (Rudolf Vierhaus, Hrsg.) 2. Ausgabe, 6. Band, München 2006, S. 890. | MENDELSSOHN BARTHOLDY, Paul Felix Abraham ´der Ältere` (I60811)
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| 3769 | Leben David Friedländer Porträt von Friedrich Georg Weitsch, ca. 1795 David Friedländer auf dem Totenbett 1771 ließ sich David Friedländer in Berlin nieder. 1772 wurde er durch Heirat mit Margarete (Blümchen, 1752–1814), dem vierten von 15 Kindern, Schwiegersohn des wohlhabenden Hoffaktors und Münzpächters Daniel Itzig, der auch Oberältester der jüdischen Gemeinde Berlins war. Zugleich beschäftigte dieser für seine Kinder den Aufklärer Moses Mendelssohn als Lehrer. So fand Friedländer schnell Anschluss in der Berliner Gesellschaft. Er engagierte sich für die Emanzipation der Berliner Juden und für verschiedene Reformprojekte. Friedrich Wilhelm II. berief ihn zusammen mit seinem Schwiegervater in ein Komitee über die Rechte der Juden, das ohne Ergebnis blieb. Ein weiteres Projekt war die Reform des jüdischen Gottesdienstes, dieser Vorschlag wurde jedoch als radikal abgelehnt. Erfolgreich war aber die Gründung der jüdischen Freischule Chevrat Chinuch Ne’arim („Gesellschaft für Knabenerziehung“) in Berlin 1778, für die Friedländer auch Schulbücher verfasste und das hebräische Gebetbuch und andere Texte zusammen mit seinem Schwager Isaak Daniel Itzig ins Deutsche übersetzte. Friedländer bemühte sich um praktische Formen der Konvergenz (Littmann) zwischen Judentum und Christentum. In diesem Sinne gab es 1799 „von jüdischer Seite in Berlin eine atemberaubende Initiative“ (Paul). Anonym richtete Friedländer ein Sendschreiben von einigen Hausvätern jüdischer Religion an Wilhelm Abraham Teller, in dem praktische Vorschläge für den „Versuch einer Glaubensvereinigung“[2] von Judentum und Protestantismus gemacht wurden. „Für die Juden reklamierte er dazu die Befreiung vom Jesus-Glauben und von einigen Riten, während er eine Taufe in jenem nicht-dogmatischen Sinn für möglich hielt, den Teller in seinen Schriften umrissen hatte. Christentum und Judentum teilten eine gemeinsame, natürliche Religion, für die Rituale keine Bedeutung hätten (er nennt sie ‚Werkheiligkeit, Wortkram und leeren Tand‘). Der Vorstoß war nicht erfolgreich, es folgte ein vielstimmiges, kontroverses Echo und einige brachten Friedländer sogar ins charakterliche Zwielicht, als habe er die Gleichstellung erkaufen wollen. Es war aber wohl – zuallererst – ein praktischer Vorstoß, der unter Berliner Verhältnissen in der Luft lag, aber er war nicht der letzte.“[3] Er ist auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg bestattet. Friedländer betätigte sich außerdem als Förderer von Wissenschaft und Kunst, zu den Geförderten zählen Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er legte auch die Basis der bedeutenden Münzsammlung seines Sohnes Benoni Friedländer (1773–1858), welche dieser 1861 dem neugegründeten Münzkabinett übermachte, dessen Direktor seit 1854 sein jüngster Enkel Julius Friedländer war. Sein zweiter Sohn Moses Friedländer (1774–1840) trat 1799 in das 1795 von Joseph Mendelssohn gegründete Mendelssohnsche Bankhaus ein. Josephs Schwägerin Lea, die Mutter von Felix Mendelssohn Bartholdy, und Moses’ Frau Regina, beide geborene Salomon, waren Cousinen. Die Bank hatte bis 1804, als sich die Partner wieder trennten, ihren Sitz im Palais Itzig in der Burgstraße 25. Später machte sich Moses Friedländer unter der Firma Friedländer & Co. als Bankier selbständig. Der Sohn seines Bruders Abraham war der nachmalige liberale Landesrabbiner Joseph Abraham Friedländer in Westfalen. Schriften Bücher, Einzelveröffentlichungen (anonym) Lesebuch für jüdische Kinder. Zum Besten der jüdischen Freyschule. Voß, Berlin 1779. Neu hrsg. u. mit Einl. u. Anh. vers. von Zohar Shavit, dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-7638-0132-4. Naphtali Herz Wessely: Worte der Wahrheit und des Friedens an die gesammte jüdische Nation. Vorzüglich an diejenigen, so unter dem Schutze des glorreichen und großmächtigen Kaysers Josephs II. wohnen. Aus dem Hebräischen von David Friedländer. Berlin 1782. Nachricht von dem gegenwärtigen Zustand, bisherigen Fortgang, und eigentlichen Endzweck der Freyschule zu Berlin. Berlin 1783 (gemeinsam mit Isaak Daniel Itzig). Preis auf den besten Entwurf einer nach jüdischen Grundsätzen abgefaßten Sittenlehre. Berlin 1783 (gemeinsam mit Isaak Daniel Itzig). Ankündigung der Übersetzung des Gebetbuchs תפילות ישראל (Tefilot Jisrael). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1784. פנקס וכתב הדת (Pinqas u-chetav ha-dat / Notizen und Schriften). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1785 (gemeinsam mit Isaak Daniel Itzig). סדר הגדה על פסח (Seder hagada al pesach / Pessach-Erzählung). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1785. Übersetzung von Joel Bril Löwe und David Friedländer. גבעטי דער יודן אויף דאס גאנצי יאהר / Gebete der Juden auf das ganze Jahr. 2. Teil von תפילות ישראל / Tefilot Jisrael. Übersetzung mit Anmerkungen und Vorerinnerung von David Friedländer. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1786. ספר הנפש (Sefer Ha-Nefesch). Moses Mendelssohns Abhandlung „Die Seele“. Hrsg. und aus dem Hebr. ins Deutsche übersetzt und mit einem Vorwort versehen von David Friedländer. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1787. מגלת קהלת (Megilat Kohelet / Der Prediger). Übersetzt von David Friedländer anhand des Biur von Moses Mendelssohn. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1788. הפטרה לשחרית יום הכפורים (Haftara le-shacharit jom ha-kipurim / Thora-Lesung zum Morgengebet des Versöhnungstages). Vorwort und Übersetzung von David Friedländer. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1788 זענד-שרייבן אן דיא דייטשי יודן (Sendschreiben an die deutschen Juden). Außerordentliche Beilage zu Ha-Measef IV (1788). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1788 הפטרות מכל השנה (Haftarot mi-kol ha-shana / Thora-Lesungen für das ganze Jahr). Zwei Abteilungen. Eingeleitet und teilweise übersetzt von David Friedländer. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1789/90 und 1790/91 פרקי אבות (Pirqej avot / Sprüche der Väter), nebst einem hebräischen Commentar und deutscher Übersetzung. Wien 1791. Vorlesung bey der erneuerten Todesfeyer Mendelssohns, gehalten in der jüdischen Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen. Vieweg, Berlin 1791. Akten-Stücke die Reform der jüdischen Kolonieen in den Preußischen Staaten betreffend. Vossische Buchhandlung, Berlin 1793. Rosenlied der Korahiten. Bei der hohen Vermählungsfeier der Königlichen Prinzen mit den Prinzessinnen von Meklenburg{sic!}-Strelitz. Gesungen in der Synagoge zu Berlin. Dezember 1793.[4] (anonym) Sendschreiben an Seine Hochwürden, Herrn Oberconsistorialrath und Probst Teller zu Berlin von einigen Hausvätern jüdischer Religion. August Mylius, Berlin 1799. (anonym) Über die, durch die neue Organisation der Judenschaften in den Preußischen Staaten nothwendig gewordene, Umbildung 1) ihres Gottesdienstes in den Synagogen, 2) ihrer Unterrichts-Anstalten, und deren Lehrgegenstände, und 3) ihres Erziehungs-Wesens überhaupt. Ein Wort zu seiner Zeit. Dieterici, Berlin 1812 Moses Mendelssohn: Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von David Friedländer. Nicolai, Berlin 1814. Die heilige Schrift. Nach dem masorethischen Texte übersetzt von Moses Mendelssohn, David Friedländer, I. Euchel, A. Wolfsohn und andern bekannten Uebersetzern und Sachkundigen; für Bibelfreunde aller Konfessionen, zunächst für Israeliten bestimmt. Hrsg. von David Fränkel und von Moses Hirsch Bock. Fränkel u. Nicolai, Dessau u. Berlin 1815. Reden, der Erbauung gebildeter Israeliten gewidmet. Maurersche Buchhandlung, Berlin 1815. Reden der Erbauung gebildeter Israeliten gewidmet. Für Gönner und Freunde. C.A. Stuhr, Berlin 1817. Briefe über die Moral des Handels, geschrieben im Jahr 1785 (für Gönner und Freunde aus der Zeitschrift Jedidja). Berlin 1818. כתבי קדש נדפסים מחדש ומהודרים בתוספות רבות (Kitvej kodesh nidpasim me-chadash u-mehudarim be-tosefot rabot / Die heiligen Schriften neu herausgegeben und mit vielen Zusätzen verziert). Anton Schmied, Wien 1818. Moses Mendelssohn. Fragmente von ihm und über ihn. Für Gönner und Freunde (aus der Zeitschrift Jedidja abgedruckt). Enslin, Berlin 1819. Über die Verbesserung der Israeliten im Königreich Pohlen. Ein von der Regierung daselbst im Jahr 1816 abgefordertes Gutachten. Nicolaische Buchhandlung, Berlin 1819. Beitrag zur Geschichte der Verfolgung der Juden im 19. Jahrhundert durch Schriftsteller. Ein Sendschreiben an die Frau von der Recke, geb. Gräfin von Medem. Nicolaische Buchhandlung, Berlin 1820. Für Liebhaber morgenländischer Dichtkunst. Ein Versuch von David Friedländer. Leopold Wilhelm Krause, Berlin 1821. An die Verehrer, Freunde und Schüler Jerusalems, Spaldings, Tellers, Herders und Löfflers. C.H.F. Hartmann, Leipzig 1823. שני שירי רועים (Shnej shirej ro’im / Zwei Hirtenlieder). Zwei Idyllen. Urtext von Salomon Gessner. Übersetzt aus dem Deutschen in’s Hebräische im Jahre 1784 und 85 von David Friedländer. Neu abgedruckt und interpunktirt. Zum Nutzen der hebräischen Sprache Liebenden, und zur Unterstützung der dürftigen Schüler der israelitischen Gemeinde alhier. Ascher, Berlin 1832. Artikel אין שמחה לנפש כשמחת עשות החסד Ejn simcha la-nefesh ke-simchat ’asot ha-chesed. In: Ha-Measef I (1784), S. 20–24 (Idylle von Salomon Gessner, ins Hebräische übersetzt von David Friedländer). Zuerst als Anhang zu Isaak Satanow: Sefer ha-chisajon. Berlin 1775. מישאל הרועה Mishal ha-ro’eh. In: Ha-Measef II (1785), S. 52–53. (Übersetzung einer Idylle Gessners). (anonym) Hebräische Buchhandlung der hiesigen jüdischen Freischule. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 7 (Juni 1786), S. 503–510. [CCN, Dok. 79, S. 261–263] Etwas über die Mendelssohnsche Psalmenübersetzung. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 8 (Dezember 1786), S. 523–550. (anonym) Ueber die frühe Beerdigung der Juden, ein Brief aus Prag, nebst einigen Urkunden. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 9 (April 1787), S. 317–333. Über den besten Gebrauch der h. Schrift in pädagogischer Rücksicht. In: Der Prediger, S. 1–90. Neudruck in: Uta Lohmann, Ingrid Lohmann (Hg.): Lerne Vernunft! Jüdische Erziehungsprogramme zwischen Tradition und Modernisierung. Quellentexte aus der Zeit der Haskala, 1760–1811. Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland, Bd. 6, Münster u. a. 2005, S. 61–81. Worte der Herausgeber, die dem Institut für Knabenerziehung vorstehen. In: Obadja ben Baruch Saul Berlin: ספר מצפה יקתאל (Sefer Mizpe Yekutiel / Der Wachturm von Jekutiel). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1789 (gemeinsam mit Isaak Daniel Itzig). (anonym) Freimüthige Gedanken eines Juden über den Vorschlag an die Juden, das Purimfest abzuschaffen. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 15 (Juni 1790), S. 563–577. Briefe über die Moral des Handels, von einem jüdischen Kaufmann. In: Johann Friedrich Zöllner (Hg.): Lesebuch für alle Stände. Neunter Teil, Berlin 1790, S. 31–83. Ein Gewissensfall im Handel. In: Johann Friedrich Zöllner (Hg.): Lesebuch für alle Stände. Neunter Teil, Berlin 1790, S. 22–30. Hiob Kapitel 28. In: Ha-Measef VI/4 (1790), S. 323–327 (unkommentierte Übersetzung). Schreiben des Herrn David Friedländer an den Verfasser. In: Aaron Wolfssohn: Abtalion. Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1790. Antwort der Juden in der Provinz Lothringen, auf die der Französischen Nationalversammlung von der sämmtlichen Stadtgemeinden der Stadt Straßburg überreichte Bittschrift. Übersetzung von David Friedländer. Spener, Berlin 1791. Eine Rabbinische Parabel: Der Backofen des Achnai. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 17 (Mai 1791), S. 474–477. Korah, oder der Demagogenfeind. Eine Rabbinische Erzählung aus dem Midrasch. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 18 (August 1791), S. 117–119. Vorlesung bey der erneuerten Todesfeyer Mendelssohns, gehalten in der jüdischen Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen. In: Deutsche Monatsschrift. Berlin, März 1791, S. 217–229. [JubA 23 (1998), S. 296–305]. Ueber die Juden in Lothringen. An den Herrn Herausgeber. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 18 (Oktober 1791), S. 351–365. Antwort der Juden in der Provinz Lothringen, Auf die der Nationalversammlung von der sämmtlichen Stadtgemeinde zu Strasburg überreichte Bittschrift. Übersetzung von David Friedländer. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 18 (Oktober 1791), S. 365–392. Empfehlungsschreiben zu: Isaak Satanow: מכתב מרפא נפש (Michtav marpe nefesh). Orientalische Buchdruckerei, Berlin 1794. Feier der Berlinischen Judenschaft bei der Ankunft und der Vermählung der Prinzessinnen von Meklenburg-Strelitz (Drei Gedichte). In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 23 (Februar 1794), S. 206–215. Für Liebhaber Morgenländischer Dichtkunst. Ein Versuch von David Friedländer. An Herrn Gottleb Euchel in Königsberg in Preußen. In: Ha-Measef VII/1 (1794). Erste Zugabe. August 1794, S. 1–22. Der weise Richter, und die zärtliche Gattinn. Eine Rabbinische Erzählung. In: Berlinische Monatsschrift, Jg. 25 (Mai 1795), S. 385–387. Mythen und Erzählungen aus dem Talmud. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Jg. 1 (Juli 1795), S. 81–86. An mein Bildniß, als ich es, der Verlobten meines Sohnes, an meinem Geburtstage überschickte. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Jg. 2 (1796), S. 186–188. Rezension zu: Moses Philipson: Ueber die Verbesserung des Judeneids, ein auf Befehl des Königl. Kurfürstlichen Justizkanzeley zu Hannover verfaßtes Gutachten (Neustrelitz 1797). In: Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek, Jg. 34/2 (1797), S. 546–554. (anonym) Bemerkungen über die politisch-theologische Aufgabe in Betreff der Behandlung jüdischer Täuflinge. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Jg. 5 (September 1799), S. 206–210. (anonym) Politisch-theologische Aufgabe über die Behandlung der jüdischen Täuflinge. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Jg. 5 (März 1799), S. 228–239. Proben rabbinischer Weisheit (Fortsetzung). In: Johann Jakob Engel (Hg.): Der Philosoph für die Welt. Erster Teil, Zwanzigstes Stück. Neue, vermehrte und verbesserte Ausgabe. Myliussische Buchhandlung, Berlin 1801, S. 315–334. Kant und Herz. In: Neue Berlinische Monatsschrift, Jg. 13 (Februar 1805), S. 149–153. Gedichte. Nach dem 42 und 43sten Psalm. In: Johann Friedrich Reichardt (Hg.): Berlinische Musikalische Zeitung, Jg. 2 (1806), Nr. 40, S. 159–160. Abba Glosk. In: Neue Berlinische Monatsschrift, Jg. 22 (August 1809), S. 103–107. Weltklugheit eines weisen Mannes. Eine Anekdote aus dem Leben Moses Mendelssohns. In: Neue Berlinische Monatsschrift, Jg. 21 (Januar 1809), S. 28–35. Zur Sittengeschichte der Juden. Wandernde Büßer. In: Neue Berlinische Monatsschrift, Jg. 22 (September 1809), S. 184–190. Andachtsübung und Gebet für die Judenschaft zu Berlin bei der Rückkehr Sr. Majestät des Königs in die Residenz. In: Sulamith III/2 (1810), S. 98–109. Empfehlungsschreiben zu: Moses Hirsch Bock: Einige Worte an verehrungswerthe Hausväter jüdischer Religion zu Berlin – Ueber den Versuch: einen zweckmäßigen Religionsunterricht für ihre Söhne und Töchter zu veranstalten. Berlin 1810. Ein ungedruckter Brief des Weltweisen, Moses Mendelssohn, vom 24. April 1773. In: Sulamith III/2 (1811), S. 73–77. Weltklugheit eines weisen Mannes. Eine Anekdote aus dem Leben Moses Mendelssohns. In: Sulamith III/2 (1811), S. 146–151. Gesammelte Blumen und Früchte zur neuern Sittengeschichte der Israeliten. In: Sulamith IV/1 (1812), S. 145–149. Der Backofen des Achnai (Aus dem Talmud). In: Sulamith IV/2 (1812), S. 31–33. Andachtsübung eines Weltweisen. In: Jedidja I/1 (1817), S. 30–32. Rede, gehalten vor einer Gesellschaft gebildeter Israeliten. In: Jedidja I/1 (1817), S. 38–56. Rede über Psalm 19. In: Jedidja I/1 (1817), S. 133–149. Briefe über die Moral des Handels. In: Jedidja I/2 (1817), S. 178–213. Moses Mendelssohn. Von ihm und über ihn. In: Jedidja II/1 (1818/19), S. 13–40, S. 143–201. Sokrates und Mendelssohn. Inschrift zum Titelkupfer des zweiten Jahrgangs dieser Zeitschrift. In: Jedidja III/2 (1820/21), S. 108. Für Liebhaber morgenländischer Dichtkunst, ein Versuch von David Friedländer. In: Jedidja III/2 (1820/21), S. 149–179. Drei Fragmente von Moses Mendelssohn, mitgetheilt von Herrn David Friedländer. In: Jedidja IV/1 (1822/23), S. 125–135. Briefe über das Lesen der heiligen Schriften, nebst einer Übersetzung des sechsten und siebenten Capitels des Micha. In: Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums I/1 (Berlin 1822), S. 68–94. Michael Friedländer. In: Friedrich August Schmidt (Hg.): Neuer Nekrolog der Deutschen II/2 (1824). Ilmenau 1826, S. 749–755 (Nachruf auf den Neffen) Commentar-Fragmente. In: Jedidja, Jg. 8 (1831), S. 244–254. | FRIEDLÄNDER, David (I60870)
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| 3770 | Leben Erstes pharmazeutisch-chemisches Laboratorium Emil Doerstling, Kant und seine Tischgenossen (1892; Hagen ganz rechts) Die Familie Hagen war in Ostpreußen ansässig seit 1584 und stammte aus Schippenbeil, die noch früheren Wurzeln der Patrizierfamilie reichten in der Hansestadt Lübeck bzw. nach Thüringen und Mittelfranken. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stellten sie in Schippenbeil Apotheker und Ärzte. Karl Gottfried war der Sohn von Heinrich Hagen (1709–1772), Apotheker in Königsberg. Seine Mutter Marie Elisabeth geb. Georgesohn war eine Tochter des Besitzers der Hofapotheke, die sein Vater 1746 übernehmen konnte. Karl Gottfried Hagen erhielt Privatunterricht von seinem Oheim, dem Pfarrer Georgesohn in Tiefensee, Landkreis Heiligenbeil, und besuchte das Altstädtische Gymnasium in Königsberg. Am 23. Januar 1769 schrieb er sich als Medizinstudent an der Albertus-Universität Königsberg ein.[1] Dort hörte er auch Immanuel Kant. Hagen war über viele Jahre Gast der Tischgesellschaft Kants und stand mit dem großen Philosophen bis zu dessen Lebensende in einem regen wissenschaftlichen sowie freundschaftlichen Kontakt.[2] Die Hofapotheke belieferte die Zarenfamilie im Zarentum Russland und blieb noch bis in die 1930er Jahre in Hagenschem Familienbesitz. Nur einmal machte Hagen eine große Reise. Mit seinem Mieter Baron von Salis reiste er fünf Monate durch die Schweiz und traf Salomon Gessner, Johann Heinrich Pestalozzi und Albrecht von Hallers Söhne. Bedeutend war Hagens Bibliothek zur Alchemie. Apotheker Hagens Hof-Apotheke, Junkerstraße 6, 1913 abgebrochen Von seinem Vater zum Pharmazeuten ausgebildet, wurde Hagen von Christoph Gottlieb Büttner unter die angehenden Mediziner aufgenommen; er bevorzugte aber eine Laufbahn als Apotheker. Als sein Vater 1772 starb, übernahm er mit 23 Jahren die Hof-Apotheke.[1] Vergeblich suchten seine Lehrer, darunter Kant und Johann Christoph Bohl, ihn für die akademische Laufbahn zu gewinnen. Andererseits wollten die Königsberger Apotheker ihren „abgebrochenen“ Kollegen nicht anerkennen. So genehmigte ein königlicher Spezial-Befehl den Apothekenbetrieb, wenn die Witwe einen approbierten Provisor anstellen und Hagen die Prüfung in Berlin bestehen würde; das gelang ihm am 29. Mai 1773 vorzüglich. Hochschullehrer Nachdem Hagen die Apotheke über einige Jahre erfolgreich geführt hatte, wurde er von der Medizinischen Fakultät durch ihren Dekan Andreas Johannes Orlovius aufgefordert, unter die Universitätslehrer zu treten. Der Doktorgrad würde ihm gegen geringe Kosten erteilt, wenn er sich den üblichen Bedingungen des Examens unterzöge. Danach hielt er drei Probevorlesungen über Krystalle und das Krystallisieren und schrieb die Inauguraldissertation De stanno. Seit 1775 promoviert, hielt er begeisternde naturkundliche Vorlesungen im meist überfüllten „Auditorium“ seiner Apotheke. Sein Lehrbuch der Apothekerkunst, im Alter von 29 Jahren geschrieben, brachte ihm großen Ruhm. Es erschien in acht Auflagen und wurde in vier Sprachen übersetzt. Die drei Teile Botanik, Mineralogie und Chemie genügten wissenschaftlichen wie praktischen Bedürfnissen. 1786 erschien sein Grundriß der Experimentalchemie, das Kant als „logisches Meisterwerk“ bezeichnete.[3] Seit 1779 Extraordinarius, wurde Hagen 1783 für ein Gehalt von 280 Talern auf den Lehrstuhl für Medizin berufen. Seine spätere Ernennung zum Geheimen Medizinalrat verbesserte das Professorengehalt um 100 Taler jährlich.[1] Auf Anregung von August Wilhelm Heidemann wurde Hagens Lehrtätigkeit 1806 in die Philosophische Fakultät integriert.[4] Hagen wiederum bewunderte Kants Verständnis der Experimentalchemie ohne Anschauung von Experimenten.[5] In seiner Apotheke unterrichtete Hagen nicht nur Studenten, sondern auch Staatsbeamte, Offiziere, Minister und Räte. Ludwig von Borstell dankte mit einem Pokal und einer gravierten Silberplatte. 1808/09 waren die preußischen Prinzen Wilhelm und Friedrich, dann auch einmal das Königspaar mit den Prinzessinnen unter den Hörern. Bildung 1787 gab Hagen den Anstoß zur Errichtung eines Botanischen Gartens der Universität. Beim zuständigen Minister Karl Abraham von Zedlitz stieß die Idee auf vorbehaltlose Zustimmung; aber erst als 1806 ein Gartengrundstück von Johann Georg Scheffner gekauft werden konnte, wurde Hagens Anregung 1811 mit dem Botanischen Garten (Königsberg) realisiert. 1818 veröffentlichte er das Werk Preußens Pflanzen, Nicolovius, Königsberg. Seine Naturschilderungen galten darüber hinaus als „sehr lesenswert“.[1] Als 1797 die Artillerieschule in Königsberg eröffnet wurde, lehrte Hagen auch an dieser. Hagen wurde in die Physikalisch-ökonomische Gesellschaft aufgenommen, die ihren Sitz in Mohrungen hatte und unter der Schirmherrschaft von Ewald Friedrich von Hertzberg stand. 1799 wurde sie nach Königsberg verlegt. Hagen wurde ihr Präsident und machte sie zu einer auch in nichtakademischen Kreisen angesehenen Gesellschaft. In der Zeit der preußischen Bildungsreform war Hagen zeitweise Mitglied der 1810 gegründeten Wissenschaftlichen Deputation, die das Bildungswesen im Sinne des Neuhumanismus umgestalten sollte, und damit aktiv an der Humboldt’schen Bildungsreform beteiligt. Aktuelle Forschungsergebnisse belegen zudem, dass Hagen, der auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg war, die Entwicklung der Pädagogik Russlands beeinflusst hat.[6] Schon früh hatte Hagen selber seine Vorlesungen an junge Gelehrte abgetreten: die Botanik an August Friedrich Schweigger, die Zoologie an Karl Ernst von Baer, die Mathematik an seinen späteren Schwiegersohn Friedrich Wilhelm Bessel. Infolgedessen erlangte die Königsberger Universität im 19. Jahrhundert ein europaweites Ansehen in Mathematik, Astronomie und Naturwissenschaften. 1812 gründete Hagen mit Bessel, dem Mediziner Remer und Schweigger das Königsberger Archiv für Naturwissenschaften und Mathematik. 1820 gründete er das Mineralogische Museum der Universität. Wissenschaftliche Bedeutung K. G. Hagen-Büste, früher im Senatszimmer der Albertus-Universität Königsberg, heute in Museen in Kiel und Heidelberg Hagen begründete die wissenschaftliche Pharmazie und die experimentelle Laborarbeit. Nach seinem Vorbild richtete Justus von Liebig 1825 in Gießen ein Universitätslaboratorium ein. Hagen machte die Albertus-Universität zur Geburtsstätte der chemischen Untersuchungsmethoden, durch die Deutschland innerhalb weniger Jahre zur Vormacht der Chemie wurde.[1] Seine Lehrbücher fanden im In- und Ausland große Beachtung und wurden über ein halbes Jahrhundert zu Standardwerken des deutschsprachigen Unterrichts. Familie Seit 1784 war Karl Gottfried Hagen mit Johanna Maria Rabe (1764–1829) verheiratet. Das Paar hatte neun Kinder, von denen vier jung starben. Alle blieben in Königsberg:[7] Carl Heinrich Hagen (1785–1856), Nationalökonom und Rektor an der Albertina-Universität zu Königsberg Ernst August Hagen (1797–1880), Literat und Professor für Ästhetik und Kunstgeschichte in Königsberg Johann Friedrich (1788–1865), Apotheker, Erbe der Hofapotheke Johanna (1794–1885), verheiratet mit Friedrich Wilhelm Bessel[8] Florentine (1800–1838), verheiratet mit Franz Ernst Neumann Sein Bruder Johann Heinrich Hagen (* 1. Dezember 1738 in Schippenbeil, † 30. November 1775 in Königsberg (Preußen)) war ebenfalls Apotheker, der seine Ausbildung bei Valentin Rose dem Älteren in Berlin erhielt. Zurückgekehrt nach Königsberg wurde er am 24. Juni 1768 Besitzer der Apotheke im Kneiphof[9]. Am 2. März 1770 heiratete er Henriette Louise Dorn; die Ehe blieb kinderlos.[10] Karl Gottfrieds Neffe war der Wasserbauingenieur Gotthilf Heinrich Ludwig Hagen. Ehrungen Münze zur Gründung der Hagen-Bucholz-Stiftung 1829 Im Jahr 1776 wurde Hagen zum Mitglied der Leopoldina gewählt, 1800 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rat ernannt. Zum 50. Doktorjubiläum erhielt er 1825 den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub. Aus demselben Anlass ließen die Apotheker des Königreichs Preußen eine Silbermedaille nach einem Wachsmodell Karl Wichmanns in der Berliner Münze schlagen.[11] Mit den Apothekern der Provinz Ostpreußen ließ die Universität von Wichmann eine Marmorbüste anfertigen. Schließlich wurde Hagen durch ein Medaillon neben dem von Friedrich Burdach an der Neuen Universität geehrt. Eine ostafrikanische Stammpflanze der arzneilich verwendeten Kosobaumblüten erhielt wahrscheinlich nach ihm den Namen Hagenia abyssinica. Weiter existiert die Bezeichnung Galeopsis hagenii und in der Zoologie führte Karl Ernst von Baer die Bezeichnung Mytilus hagenii für eine Muschel ein.[5] 1829, in Hagens Todesjahr, wurde ihm zu Ehren die Hagen-Bucholz-Stiftung gegründet. Vier Monate nach ihm starb seine Frau. Beigesetzt wurden beide auf dem Altroßgärter Friedhof. Für das Grab im Schatten einer Eiche wurde aus Berlin ein Granitwürfel mit vier klassizistischen Urnen an den Ecken geliefert.[1] Im Westen, an der Grenze zu Mittelhufen, benannte die Stadt Königsberg eine wichtige, von Rotkastanien gesäumte Straße nach den Hagen. Im sowjetischen Kaliningrad wurde sie in Karl-Marx-Straße umbenannt.[1] Schriften (Auswahl) Lehrbuch der Apothekerkunst. Erste Auflage. Hartung, Königsberg 1778. Zweite Auflage. Hartung, Königsberg 1781. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf Dritte, rechtmäßige und verbesserte Ausgabe. Hartung, Königsberg 1786. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf Wien 1788. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 6., rechtmäßige und verb. Ausg. Nicolovius, Königsberg 1806. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 7., rechtm. und verb. Aufl. Univ.-Buchhandlung, Königsberg Digitalisierte Ausgaben der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 1. Band 1808 2. Band 1808. 7. Aufl. 2. Band 1821 Tentamen Historiae Lichenum et praesertim Prussicorum. 1782 (online). Grundriß der Experimentalchemie, 1786. Chemische Zergliederung des Thurenschen Wassers in Preußen. Hartung, Königsberg, 1789. Grundriß der Experimentalpharmacie zum Gebrauch bey dem Vortrage derselben. Hartung, Königsberg / Leipzig 1790 Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf Preußens Pflanzen. Nicolovius, Königsberg 1818 Chloris Borussica. Nicolovius, Königsberg 1819 Beiträge zur Kunde Preußens. Universitätsbuchhandlung Königsberg, 1818–1825 (zusammen mit Karl Heinrich Hagen) | HAGEN, Karl Gottfried (I60954)
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| 3771 | Leben Felix Schadow im Alter von ca. 10 Jahren Schadow wurde im Haus seines Vaters in der Kleinen Wallstraße (heute: Schadowstraße) als drittes Kind von Caroline Henriette Rosenstiel (1784–1832), Tochter des Friedrich Philipp Rosenstiel, geboren. Er wurde von seinem Vater schon früh als Künstler gefördert und hielt sich oft in dessen Atelier im Hinterhof auf, wo er auch von dessen Gehilfen und Schülern lernte. 1835 unternahm er mit seinem Vater einige Reisen nach Leipzig. Julius Hübner war in den Jahren 1838 und 1839 in Berlin sein Lehrer. Schadow studierte von 1840 bis 1843 in Dresden, wo sein Werk „Christus und Maria bei Martha“ (heute zu sehen im Schloss Charlottenburg) entstand. Er wurde dabei von dem Bild Christus bei Maria und Martha von Jan Vermeer inspiriert. Zugleich war er in Dresden ein Schüler Eduard Bendemanns,[2][3] der seinen Stil ebenso wie Hübner beeinflusste.[4] Zurück in Berlin beteiligte er sich an der Ausschmückung der Museumshalle und den Freskenmalereien von Karl Friedrich Schinkel.[2] Nach dem Tod seines Vaters im Januar 1850 ließ Schadow das Elternhaus umbauen, das er weiterhin bewohnte. Die Wände des ehemaligen Ateliers seines Vaters schmückte er dabei mit einem Freskenzyklus, der das Leben des Vaters darstellte.[2][3] Er ließ zudem ein Relief mit der lorbeerumkränzten Büste des Vaters auf die Fassade setzen. Am 22. Februar 1852 heiratete er Eugenie D’Alton-Rauch. Sie war Tochter von Johann Samuel Eduard D’Alton und Charlotte Amalie Agnes Rauch und eine Enkelin des Bildhauers Christian Daniel Rauch, den Schadow 1854 auf einer Italienreise begleitet hatte. Grabstätte Schadow starb 1861 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte begraben. Sein Grab liegt in der Nähe seines Vaters.[5] Kinder Julius Hübner Bildnis des Malers Felix Schadow Gottfried Schadow, geb. am 18. Januar 1853 (Heirat mit Gertrud Emma Dick) Richard Schadow, geb. am 18. Juni 1855 Gertrud Bertha Helene Schadow, geb. am 14. August 1856 Adelheid Emma Henriette Schadow, geb. am 12. Oktober 1858 (Heirat mit Georg Kaibel) Bertha Pauline Agnes Schadow, geb. am 18. Mai 1860 Paul Rudolf Georg Schadow, geb. am 18. Mai 1860 Werke (Auswahl) Familie vor brennender Ruine Des jungen Tobias Verlobung mit Sarah, der Tochter Reguels, 1841[2] Christus und Maria bei Martha, Öl auf Leinwand, Dresden 1841[2] Familie vor brennender Ruine, Öl auf Leinwand, unsigniert Die Schmückung der Braut 1858[3] Einige Bilder aus der Kunstauktion Hollstein & Puppel 1928:[4] Joseph und seine Brüder bei dem Wiedersehn in Ägypten Dezember 1837 Petrus erweckt eine Frau und weist auf sie, Frauen, Männer und Kinder kommen herzu 1839 Entwurf der Zwickelbilder mit den vier Evangelisten 1844 Die Verlobung von Maria und Joseph Bildnis eines jungen Mädchens mit in der Mitte gescheiteltem Haar Kreidezeichnung | SCHADOW, Felix (I60882)
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| 3772 | Leben Geburtshaus (2005) in Coesfeld-Flamschen Hl. Kreuz Dülmen, Gedenkstätte (Krypta): rekonstruiertes Sterbezimmer mit Originaleinrichtung (2018) Herkunft und Kindheit Anna Katharina Emmerick (auch Emmerich) wurde in der Coesfelder Bauerschaft Flamschen als Kind armer Köttersleute geboren. Sie stammte aus der weitverzweigten jüdischen Familie Gomperz-Emmerich, aber ihre Vorfahren waren vom Judentum zum Katholizismus übergetreten. Ihre Eltern, Bernd und Anna geb. Hillers, hatten neben Anna Katharina noch weitere acht Kinder.[1] Als ihr Geburtstag gilt der 8. September 1774, allerdings ist dies der Tag des Eintrags in das Taufregister von St. Jakobi (Coesfeld), wobei in einer Taufbescheinigung wegen eines Übertragungsfehlers der 30. September 1774 genannt wird. Der tatsächliche Geburtstag ist unbekannt. Schon als Kind hatte „Annthrienken“, so ihr Kosename,[2] einen engen Bezug zur Kirche und gute Bibelkenntnisse. Mehrmals in der Woche ging sie zur Kommunion und zu Andachten, auch erwähnte sie damals schon Visionen und Offenbarungen.[3] Ein zentrales Element ihrer Frömmigkeit bildete die Verehrung des sich in der Lambertikirche befindlichen Coesfelder Kreuzes und des Coesfelder Kreuzweges. Die Schule besuchte sie nur vier Monate. Mit 13 Jahren verdingte sie sich als Magd. Sie absolvierte zunächst eine Lehre als Näherin und arbeitete ab 1794 in der Umgebung von Coesfeld als Wandernäherin.[4] Klostereintritt, Auszug und Krankheitsjahre Als sich eine vorteilhafte Heirat anbot, offenbarte sie ihren entsetzten Eltern, dass sie beabsichtige ins Kloster zu gehen. Nachdem ihre Eltern doch noch, wenn auch widerwillig, zugestimmt hatten,[5] und nach mehrjährigem erfolglosen Bemühen, bot sich ihr 1802 die Möglichkeit, als Schwester vom Gemeinsamen Leben in das Kloster Agnetenberg in Dülmen einzutreten, wo sie am 13. November 1802 als Novizin eingekleidet wurde. Nachdem die Gemeinschaft die strengere Augustinusregel angenommen hatte, legte Anna Katharina am 13. November 1803 ihre feierliche Profess als Augustiner-Chorfrau[6] der Kongregation von Windesheim in die Hände des damaligen Propstes des Windesheimer Augustiner-Chorherrenklosters in Frenswegen ab. Während ihrer Zeit im Kloster wurde sie häufig krank und litt unter großen Schmerzen. Auch erfuhr sie Ausgrenzung und Ablehnung von ihren Mitschwestern, die Anstoß an ihrem Frömmigkeitseifer nahmen.[7] Als das Kloster im Zuge der Säkularisation im Dezember 1811 aufgehoben wurde, führte Anna Katharina den Haushalt des aus Frankreich emigrierten Priesters Jean Martin Lambert, der sich schon Jahre zuvor um sie gekümmert hatte. Bald wurde sie jedoch so krank, dass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. An ihrem Körper entstanden Wunden, die als Wundmale Jesu Christi interpretiert wurden. Protokolle verschiedener Untersuchungen bestätigten die Existenz der Wunden.[8] Daneben hatte sie nach eigenen Angaben in den folgenden zwölf Jahren mystische Visionen, in denen sie an jedem Freitag die Passion Christi durchlitt. Außerdem habe sie Ereignisse aus der biblischen Schöpfungs- und Heilsgeschichte gesehen. In dieser Zeit wurde sie von Personen aller sozialen Schichten besucht, darunter von vielen Kranken und Ratsuchenden.[9] Darunter bekannte Persönlichkeiten, wie der Dichter Clemens Brentano, die Schriftstellerin Luise Hensel, die Fürstin Amalie von Gallitzin, der zum Katholizismus konvertierte Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Bischof Johann Michael Sailer, Kardinal Melchior von Diepenbrock und der Pädagoge und Theologe Bernhard Overberg suchten sie an ihrem Krankenlager auf.[10] Während der 10 Jahre ihrer Bettlägerigkeit bis zu ihrem Tode 1824 war sie krankheitsbedingt starken Schmerzen ausgesetzt. Nichtsdestotrotz bemühte sie sich auch in diesem Zustand des Leidens um Hilfsbereitschaft anderen Bedürftigen gegenüber, vor allem durch das Anfertigen von Näharbeiten, wie vielfältig bezeugt.[11] Stigmatisierung Coesfelder Kreuz in der Apsis der Kirche St. Lamberti (2023) Die Stigmata deuteten sich bereits vor der Aufhebung ihres Klosters an, ihr selbst zufolge während eines Gebets vor dem Coesfelder Kreuz.[12] Sie sind durch die Aufzeichnungen ihres Beichtvaters, des Dominikaners Alois Limberg bezeugt, der am 31. Dezember 1812 zum ersten Mal ihre Handrücken bluten sah. Später berichtete er auch von zwei Kreuzen auf der Brust, einem größeren und einem kleineren, außerdem von den Wundmalen unter den Füßen. Stichwunden an der Stirn bestanden wohl bereits früher; ein Stigma der Seitenwunde wurde erst später bezeugt.[13] Gegenüber dem Generalvikar des Bistums, Droste zu Vischering, sagte Anna Katharina Emmerick, die Stigmata seien ihr Kreuz und sie habe Gott um die Wegnahme der sichtbaren Male gebeten.[14] Sie hielt es für eine Versuchung, den damit verbundenen Schmerzen entfliehen zu wollen. Nur in den Ekstasen verschwinden die Schmerzen.[15] Visionen Anna Katharina Emmerick auf dem Krankenbett, Zeichnung von Clemens Brentano (vor 1824) Die mystischen Bilder Anna Katharinas schrieb der Schriftsteller Clemens Brentano auf etwa 16.000 Seiten nieder, in insgesamt sechs Jahren (1819–1824), die er fast durchweg in ihrer Nähe verbrachte. Nach ihrem Tod veröffentlichte er zunächst das Bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi, unter dem Namen Emmericks. Diese und die folgenden Veröffentlichungen Brentanos, die erst nach seinem Tod erschienen,[16] sind jedoch keine Transkriptionen der von der Seherin diktierten Worte. Es handelt sich um eine dichterische Gestaltung, in der der Autor den vorliegenden Stoff aus weiteren Quellen ergänzte und überarbeitete. Die Visionen Anna Katharinas betrafen in ihrer Kindheit und Jugend hauptsächlich das Alte Testament. Seit der Ankunft Brentanos hatten sie zunächst das Leben von Heiligen zum Gegenstand, schließlich verstärkt das Leben und die Passion Christi. Darüber hinaus bezogen sich ihre Visionen auf allerlei biblische Episoden und religiöse Themen, wie z. B. die Sakramente, das Fegefeuer, den Zustand und die Zukunft der Kirche, speziell der Kirche in Deutschland, sowie die Endzeit.[17] Sie beinhalteten sowohl erbauliche wie mahnende Elemente, darunter auch Kritik an heuchlerischen oder formelhaften religiösen Praktiken ihrer Zeit.[18] Das Buch vom Bitteren Leiden entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen religiösen Erbauungsbuch. Eine dreibändige Sammelausgabe der Visionen Jesu, Mariens und biblischer Bilder erschien 1881 im Verlag Friedrich Pustet.[19] Zeitgenössische Untersuchungen von Anna Katharina Emmerick Die Geschichte der öffentlichen Resonanz auf Anna Katharina Emmerick ist komplex. Zwischen 1813 und 1820 schlug das Phänomen der Stigmata und der Visionen „hohe Wellen“ in den deutschen Zeitungen.[20] Die gläubige Bevölkerung stand den von Aufklärung und Rationalismus geprägten Zeitgenossen gegenüber, die von Betrug ausgingen. Der Generalvikar des Bistums Münster, Clemens August Droste zu Vischering, ordnete 1813 eine Rundum-Observierung, Zeugenbefragungen und einen zusammenfassenden Bericht über die Phänomene an. Die Untersuchungskommission, der einige Geistlichen und drei Ärzte, darunter der Medizinalrat und Professor Franz Ferdinand von Druffel, angehörte, kam zu dem Ergebnis, dass die Wunden „auf keinerlei Weise künstlich entstanden, noch weniger künstlich unterhalten“ sein konnten. Ebenso schrieb Druffel, die Wunden stammten weder von einem „aufätzenden Mittel, noch von Ansaugung durch Blutwürmer“.[21] Zwar ging auch er von einer natürlichen Ursache aus, sah allerdings auch keine Belege für einen Betrug, da die Kranke weder mittel- noch unmittelbar Gewinn aus ihrer Krankheit zöge. Nach der Veröffentlichung dieser und anderer Aussagen in einer medizinischen Fachzeitschrift wurde Druffel scharf angegriffen. Heftige Kontroversen in der Presse[20] führten dazu, dass 1817 das preußische Ministerium die Regierung in Münster aufforderte, Erkundigungen einzuziehen, ob Anna Katharinas Krankheit „verderblichen Aberglauben“ oder „törichten Wunderglauben“ befördere. Schließlich wurde sie vom 7. bis zum 29. August 1819 von einer staatlichen Kommission im Hause des Hofkammerrats Clemens August Mersmann untersucht, wohin sie trotz ihrer Bettlägerigkeit verbracht und streng bewacht wurde.[22] Die teils schmerzhaften Untersuchungen und Befragungen vermochten jedoch nicht, einen Betrug nachzuweisen.[23] Der Untersuchungskommission, die unter der Leitung des preußischen Landrats des Kreises Coesfeld Clemens Maria Franz von Bönninghausen stand, gehörten fünf Ärzte an. Laut Bönninghausen kamen sie zu dem Schluss, die Stigmata der Nonne seien – unter dem Einfluss der verhassten französischen Fremdherrschaft – mit mechanischen Mitteln beigebracht worden, also nicht übernatürlichen Ursprungs. Jedoch waren während der Untersuchungsperioden keine Blutungen aufgetreten.[24] In einer Verteidigungsschrift schrieb er später, er sei „der subjektiven Überzeugung“, dass die Stigmata „als erkünstelt und mit Vorsatz hervorgebracht, mithin als zu der Klasse der verstellten Krankheiten gehörend, zu betrachten sind“.[25] Ärzte und prominente Zeitzeugen wie Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg, Bernhard Overberg und Clemens Brentano, die die Frau selbst aus der Nähe beobachtet hatten, distanzierten sich von Art und Ergebnis der staatlichen Untersuchung.[26] Der Arzt Theodor Lutterbeck kritisierte 1819 die vorangegangene staatliche Untersuchung als „eine volle dreiwöchige Gefangenschaft, und öffentliche gewaltsame Inquisition“.[27] Lutterbecks öffentliche Äußerungen führten zu einer Auseinandersetzung mit von Bönninghausen, die in Form von Artikeln und Publikationen im Rheinisch Westfälischen Anzeiger geführt wurde.[28] Der Nonne sei – so berichtet Lutterbeck – in der Untersuchung vorgehalten worden, wenn sie am kommenden Freitag blutete, würden viele Menschen zur katholischen Kirche zurückkehren. Darauf habe sie geantwortet: „Wenn diese Umänderung der Denk- und Sinnart auf nichts anderm, als auf meinem Bluten sich gründen sollte; so ist ein solcher Katholizismus nichts werth.“ – Anna Katharina Emmerick[27] Parallel dazu lieferten sich Professor Bodde, Medizinalrat und Chemiker, und der Dülmener Dechant Rensing einen schriftlichen Streit.[29] Der Professor warf der kirchlichen Obrigkeit und der Nonne Betrug vor,[30] der Dechant verteidigte die Echtheit der Phänomene.[31] Letzte Lebensjahre und Tod Zwischen 1819 und 1824 hielt sich der Schriftsteller Clemens Brentano dauernd in Dülmen auf, besuchte die kranke und sehr schwach gewordene Nonne regelmäßig und stellte ihr Fragen zu ihren Visionen. Die Ergebnisse dieser Befragungen, die von einem Interesse Brentanos an einer möglichst zusammenhängenden Darstellung der biblischen Geschichte geleitet waren, schrieb er in umfangreichen Aufzeichnungen nieder, die er später zu Büchern ausarbeitete.[32] Anna Katharina Emmerick starb 1824 und wurde auf dem neuen Friedhof vor den Toren der Stadt Dülmen beerdigt. Ihr Nachlass wurde von der religiösen Dichterin Luise Hensel gesichtet und geordnet. Nach Wiederaufnahme des Seligsprechungsprozesses wurden ihre Gebeine 1975 in die Krypta der 1938 neben dem Friedhof errichteten Heilig-Kreuz-Kirche umgebettet. Im Jahr 2010 wurde in der Kirche St. Pankratius in Buldern bei der Vorbereitung einer Zeremonie mit einer Reliquie des heiligen Pankratius zufällig eine mumifizierte Frauenhand gefunden, von der in Kirchenkreisen vermutet wird, sie stamme von Emmerick. Luise Hensel könnte bei einer ersten Exhumierung der Leiche, die sie in ihrem Tagebuch beschreibt, diese Hand an sich genommen haben.[33] Die Echtheit dieser möglichen Reliquie wurde bislang nicht bestätigt. Clemens Brentanos Emmerick-Schriften In seinen umfangreichen Aufzeichnungen mischte Brentano die Aussagen Anna Katharina Emmericks mit eigenen Hinzufügungen und Ausgestaltungen, weshalb es unmöglich ist, die Exaktheit der Aufzeichnungen hinsichtlich der dokumentarischen Wiedergabe der emmerickschen Visionen abschließend zu bewerten. In Folge verfasste er die vier Werke Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi, das Leben der hl. Jungfrau Maria, das Leben Jesu sowie eine von Karl Erhard Schmöger vervollständigte Biographie der Anna Katharina Emmerick. Die Aufdeckung dieser Bearbeitungen, die unter anderem durch Winfried Hümpfner, Hermann Cardauns und Joseph Adam geleistet wurden, hat in der Einschätzung von Brentanos Emmerick-Büchern zu unterschiedlichen Auffassungen geführt. Teils wird einfach unterschlagen, dass er und nicht Anna Katharina Emmerick der Verfasser der Bücher ist, teils werden die Werke wie die übrigen literarischen Schriften des Autors als Teil seines Werkes behandelt und nach literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht.[34] Die Berichte über die Visionen der Emmerick, die nur in der Wiedergabe Brentanos erhalten sind, weckten teils den Glauben, hier liege eine neue Offenbarung vor, teils wurden diese Berichte – innerhalb der katholischen Kirche, aber auch von Brentanos engsten Freunden und Angehörigen – von Anfang an bezweifelt. In Frage steht dabei vor allem die Glaubwürdigkeit der Wiedergaben Brentanos, der seine Berichte nachweislich mit anderen Legenden und historischen Quellen abgeglichen hat.[35] Animiert durch die Darstellung der Visionen Anna Katharina Emmericks in Brentanos postum veröffentlichten Buch Das Leben der hl. Jungfrau Maria versuchten französische Geistliche in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, das von Emmerick beschriebene Sterbehaus Marias in der Nähe von Ephesus zu lokalisieren. Auf einem Hügel südlich der antiken Stadt wurde 1891 ein Haus entdeckt, das von Gläubigen als Haus Mariens interpretiert wurde. Dort nahm man erfolglos Ausgrabungen vor, um das Grab der Gottesmutter zu finden. Das Haus ist bis heute ein bekanntes Pilgerziel in der Türkei. Eine andere Vision, die sich auf einen wirklich existierenden Gegenstand beziehen soll, ist die vom Trauring Mariens, der aufgrund der Beschreibung Emmericks mit dem Santo Anello, dem sog. Heiligen Ring identifiziert wurde, welcher in Perugia in Italien verehrt wird.[36] Wirkung Nach Günther Scholz beruht die „enorme Wirkung der Emmerick im 19. Jahrhundert [...] darauf, dass sie diese persönliche Form des Glaubens für sich erfahren und an andere weitergegeben hat. Damit hat sie eine Sehnsucht der Zeit angesprochen und (mit anderen ihrer Zeit) eine Frömmigkeit begründet, die mehr in den Gefühlen des Herzens als in den Einsichten des Verstandes besteht.“[37] Seligsprechung Artikel über den Beginn des Seligsprechungsprozesses in der Dülmener Zeitung vom 23. Januar 1892 Ein erster Prozess zur Seligsprechung Anna Katharina Emmericks wurde 1892 von dem in Coesfeld geborenen Pater Thomas a Villanova Wegener (1831–1918) als Postulator eingeleitet und 1928 eingestellt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Clemens Brentanos Aufzeichnungen und Bücher historisch nicht verwertbar waren und dass sich mindestens einer ihrer Beichtväter ihr gegenüber sexuell anstößig verhalten hatte.[38] Sie habe deshalb auch andere Beichtväter verlassen, „die zärtlich wurden“.[39] Am 18. Mai 1973 wurde ein neuer Seligsprechungsprozess eröffnet und 2004 abgeschlossen. Am 3. Oktober 2004 wurde sie von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Die zuständige Kommission erklärte, die Seligsprechung betreffe lediglich die Heiligkeit der Person Emmerick und gebe kein Urteil über den Wahrheitsgehalt der Bücher von Clemens Brentano ab. Seit dem Tag der Seligsprechung befindet sich eine Reliquie Anna Katharina Emmericks beim Heiligen Stuhl. In seiner Predigt bei den Seligsprechungsfeierlichkeiten hob Johannes Paul II. den Reichtum von Anna Katharina Emmericks innerem Leben hervor, sowie „die Geduld im Ertragen ihrer körperlichen Schwäche“, neben ihrer „charakterlichen Stärke“ und der „Festigkeit im Glauben.“[40][41] Verehrung und Andenken Hl. Kreuz Dülmen, Grab Anna Katharina Emmericks im hinteren Chorraum (2010) Der Gedenktag Anna Katharina Emmericks in der katholischen Kirche ist der 9. Februar, der Todestag der Seligen. Das Grab Emmericks wird seit 2005 in der von Dominikus Böhm entworfenen Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen verehrt, wohin die Gebeine von der Krypta der Kirche umgebettet wurden.[42] Die Freundin Emmericks, Luise Hensel verfasste 1825 in Reaktion auf den Tod das Gedicht „An ihrem Grabe“.[43] Unterhalb der Kirche, in der vormaligen Krypta, befindet sich eine Anna-Katharina-Gedenkstätte. Teil der Ausstellung ist die Rekonstruktion des Zimmers, das die Kranke 11 Jahre lang bewohnte. In Coesfeld ist das Geburtshaus Anna Katharina Emmericks als Museum hergerichtet.[44] Die frühere Laurentiuskirche in Coesfeld wurde nach ihrer Umgestaltung 2012 durch das zusätzliche Patrozinium in Anna Katharina umbenannt.[45] Der in Dülmen ansässige Emmerick-Bund e. V. veröffentlicht zweimal jährlich die „Emmerickblätter“ und kümmert sich um die Bewahrung und Verbreitung des Andenkens an die seliggesprochene Ordensfrau.[46] Bereits vor der Seligsprechung versandte der Emmerick-Bund an Emmerick-Verehrer Bilder von Anna Katharina Emmerick, auf deren Rückseite millimetergroße Stücke ihrer Kopfbinden aufgeklebt waren.[47] In Borken, Coesfeld und Dülmen sind Straßen nach Anna Katharina Emmerick benannt. Gedenkstätte und Pilgerweg Karte des Pilgerweges Der Anna-Katharina-Weg führt zu den Lebensstationen der Mystikerin in Coesfeld, Flamschen und Dülmen.[48] Er beginnt am Coesfelder Kreuz in der St.-Lamberti-Kirche und führt zur St.-Jakobi-Kirche, in der Anna Katharina 1774 getauft wurde. Danach führt der Weg in die Bauerschaft Flamschen zu Anna Katharinas Geburtshaus. Auf dem weiteren Weg zwischen Merfeld und Dülmen sind Findlinge mit Zitaten der „Seherin aus dem Münsterland“ aufgestellt. Weiter führt der Weg zum Ort des ehemaligen Augustinerinnenklosters Agnetenberg in der Nähe der St.-Viktor-Kirche in Dülmen. Er endet an der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen mit der Grabstätte Anna Katharina Emmericks. Rezeption Zeitgenössische Ärzte kamen bei der Untersuchung der Wunden zu gegensätzlichen Einschätzungen. Einige moderne Autoren deuten die Stigmatisierungserscheinungen im Rahmen des Gesamtbefunds als Krankheitssymptome. Sie stützen sich auf ICD-10-codierte Diagnosen aus dem somatischen Bereich, wie unter anderem Tuberkulose, Leberzirrhose (die auch Hautblutungen und Palmarerytheme erklären könnte) und Rachitis, sowie psychiatrische Befunde aus dem dissoziativen Formenkreis sowie Anorexia nervosa.[49] Der katholische Theologe Josef Hanauer vertrat die Ansicht, dass Emmerick sich die Male aus Nachahmungstrieb selbst zugefügt haben könnte, dies jedoch nicht in betrügerischer Absicht, sondern um Christus ähnlicher zu werden. Oft genug sei bewiesen worden, dass derartige Stigmata mit Wundern nichts zu tun hätten.[50] Ebenso Emmerick keinen Betrug unterstellend, befindet die Medizinhistorikerin Wurm, dass das Einsetzen der Blutungen für die kranke, jahrelang allein lebende und von ihren Klosterschwestern nur widerwillig gepflegte Emmerick mit einem großen Zuwachs an Ansehen verbunden war, da sie medizinische Aufmerksamkeit und externe Anerkennung, ja Bewunderung erhielt. Doch selbst die zahlreichen Quellen würden keine seriösen Aussagen über die Umstände und Ursachen der Stigmatisation zulassen.[51] Vielmehr zeige sich bei den Ärzten, Geistlichen und anderen Akteuren, überdies nicht zwangsläufig konfessionsgebunden, ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Medizin, Politik, Naturphilosophie und Religion.[52] | EMMERICK, Anna Katharina (I60339)
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| 3773 | Leben Geburtshaus in Hamburg, Große Michaelisstraße 14 Ecke Erste Brunnenstraße, um 1900 Felix Mendelssohn Bartholdy entstammte der angesehenen und wohlhabenden bürgerlichen jüdischen Familie Mendelssohn. Väterlicherseits war er ein Enkel des bedeutenden Philosophen Moses Mendelssohn. Sein Vater Abraham trat nach einer Bankkaufmannslehre 1804 als Kompagnon in die Bank seines älteren Bruders Joseph ein. Seine Mutter Lea, geborene Salomon, kam aus einer Fabrikantenfamilie. Nach der Heirat 1804 zogen Abraham und Lea Mendelssohn von Berlin nach Hamburg. 1805 wurde Felix’ musikalisch begabte Schwester Fanny (ab 1829 Fanny Hensel) geboren. Nach Felix (1809) folgten als weitere Geschwister 1811 Rebecka (sie heiratete 1831 den Mathematiker Dirichlet) und 1812 Paul Mendelssohn. Alle Kinder Abraham Mendelssohns wurden christlich erzogen und am 21. März 1816 von Johann Jakob Stägemann (1760–1820),[3] einem der lutherischen Prediger der Jerusalemkirche,[4] in einer Haustaufe lutherisch[5] getauft. Bei dieser Gelegenheit erhielt Felix seine Taufnamen Jakob und Ludwig. Taufpaten für Felix Mendelssohn und seine Geschwister Fanny, Rebecka und Paul waren der Justiz-Commissarius Carl Ludwig Ferdinand Heinsius und der Regierungs-Conducteur Carl Philipp Stägemann, Sohn des Predigers Stägemann. Darüber hinaus wurde dem Familiennamen der „christliche“ Name Bartholdy beigefügt, den Leas Bruder Jakob Salomon, der preußische Gesandte in Rom, bei seiner Taufe nach dem Namen des Vorbesitzers eines Gartens der Familie angenommen hatte. Abraham und Lea Mendelssohn Bartholdy konvertierten schließlich 1822 zum Christentum. Felix wurde 1825 in der Berliner Parochialkirche konfirmiert. Kindheit (1809–1824) Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 Jahren, Ölskizze von Carl Joseph Begas, 1821 Wegen der französischen Besetzung Hamburgs zog die Familie 1811 nach Berlin, wo die verwitwete Großmutter lebte. Hier erhielten Felix und Fanny den ersten Musikunterricht von ihrer Mutter Lea, die in einer unmittelbaren Bach-Tradition stand, da deren Mutter Bella Salomon, geborene Itzig, Schülerin des Bach-Schülers Kirnberger gewesen war. Auch die Großtante der beiden Kinder, Sara Levy, ebenfalls Tochter des Berliner Hoffaktors Daniel Itzig, der 1791 als erster preußischer Jude von Friedrich Wilhelm II. das Naturalisationspatent erhielt, vermittelte als Schülerin Carl Philipp Emanuel Bachs und Gönnerin Wilhelm Friedemann Bachs diese Tradition. Die nächste Lehrerin von Felix und Fanny war Marie Bigot während eines vorübergehenden Aufenthalts in Paris 1816. Nach der Rückkehr nach Berlin erhielten sie Unterricht in Komposition bei Carl Friedrich Zelter, in Klavier bei Ludwig Berger und auf der Violine bei Carl Wilhelm Henning; ihre allgemeine Ausbildung erhielten sie von Karl Wilhelm Ludwig Heyse, dem Vater des Schriftstellers Paul Heyse. In der Öffentlichkeit trat Felix erstmals am 24. Oktober 1818 als Neunjähriger auf, wobei er den Klavierpart in einem Klaviertrio von Joseph Woelfl übernahm. Im April 1819 trat er als Altsänger in die Sing-Akademie zu Berlin ein, wo er unter Zelters Leitung ältere Kirchenmusik studierte. 1820 begann er mit außergewöhnlicher Schnelligkeit zu komponieren. Allein in jenem Jahr schrieb er fast 60 Werke, darunter Lieder, Klaviersonaten, ein Klaviertrio, eine Sonate für Violine und Klavier, Orgelstücke und sogar ein kleines dramatisches Stück in drei Szenen. 1821 schuf er unter anderem fünf dreisätzige Streichersinfonien, vierstimmige Motetten, die einaktigen Singspiele Soldatenliebschaft und Die beiden Pädagogen sowie Teile des Singspiels Die wandernden Komödianten. 1821 besuchte Mendelssohn als Zwölfjähriger zusammen mit Carl Friedrich Zelter erstmals Goethe, bei dem er 16 Tage in Weimar verbrachte. Ebenfalls in das Jahr 1821 fällt seine erste Bekanntschaft mit Carl Maria von Weber, der in Berlin die Aufführung des Freischütz leitete. 1822 traf er in Kassel Ludwig Spohr und in Frankfurt Johann Nepomuk Schelble, mit dem er lebenslang befreundet blieb. Während dieses Jahres war er noch produktiver und schrieb unter anderem die Oper Die beiden Neffen oder der Onkel aus Boston und ein Klavierkonzert, das er in einem Konzert Anna Milders vortrug. In der Familie Mendelssohn war es lange Brauch gewesen, am Sonntagmorgen im Speisezimmer mit einem kleinen Ensemble musikalische Aufführungen zu geben, ab etwa 1822 mit professionellen Musikern aus der königlichen Hofkapelle. Felix leitete immer das Orchester und schrieb neue Werke für diese Gelegenheiten. Er selbst spielte Klavier oder überließ es Fanny, während seine Schwester Rebecca sang und sein Bruder Paul Violoncello spielte. Auf diese Weise wurde Die beiden Neffen an seinem fünfzehnten Geburtstag 1824 erstmals privat aufgeführt. Zwischen dem 3. und 31. März 1824 komponierte er seine erste Sinfonie c-Moll (op. 11), bald darauf das Klavierquartett h-Moll (op. 3) und das (postum veröffentlichte) Klaviersextett (op. 110). Ebenfalls zu dieser Zeit begann seine lebenslange Freundschaft mit Ignaz Moscheles. Jugend (1825–1829) 1825 nahm Abraham Mendelssohn Felix mit nach Paris, wo dieser unter anderem zwei der berühmtesten dramatischen Komponisten der Zeit traf: Gioachino Rossini und Giacomo Meyerbeer. Bei der Gelegenheit kam er auch erstmals mit Luigi Cherubini zusammen, der eine hohe Meinung von seinem Talent ausdrückte und ihn für die Komposition eines Kyrie zu fünf Stimmen mit voller Orchesterbegleitung empfahl. Aus Briefen aus dieser Zeit ist bekannt, dass Felix die französische Schule der Musik wenig schätzte; aber er ging einige Freundschaften in Paris ein und frischte sie bei späteren Gelegenheiten auf. Felix kehrte mit seinem Vater im Mai 1825 nach Berlin zurück und unterbrach seine Reise für einen zweiten Besuch bei Goethe, in dessen Haus er sein Quartett in h-Moll vorführte, das Goethe gewidmet war und für das er viel Beifall erhielt. Am 10. August 1825 vollendete er die zweiaktige Oper Die Hochzeit des Camacho. Palais Groeben, Mendelssohns Wohnhaus in Berlin, Leipziger Straße 3 Autograph des dreistimmigen Liedes Wenn der Abendwind durch die Wipfel zieht, 1828 Bald nach der Rückkehr aus Paris zog Abraham Mendelssohn 1825 in die Leipziger Straße 3 – dort befindet sich heute das Bundesratsgebäude im ehemaligen Sitz des Preußischen Herrenhauses – in ein geräumiges, altmodisches Haus mit einem hervorragenden Musikzimmer und einem Gartenhaus, in dem bei den sonntäglichen Konzerten mehrere hundert Personen zuhören konnten. Im Herbst 1826 kam es hier zur ersten Aufführung der Sommernachtstraum-Ouvertüre. Die Partitur dieser Komposition ist mit „Berlin, 6. August 1826“ datiert; Mendelssohn war zu dem Zeitpunkt also siebzehneinhalb Jahre alt. Öffentlich dirigierte er die Ouvertüre erstmals in Stettin im Februar 1827. Er studierte auch an der Universität von Berlin, wo er unter anderem bei Hegel hörte. Inzwischen war Camachos Hochzeit im Hinblick auf eine mögliche Aufführung an der Oper dem berühmten Spontini gegeben worden. Das Libretto, das auf einer Episode im Don Quixote basiert, war von Karl Klingemann (1798–1862) geschrieben worden, und Mendelssohn hatte sich mit einer klaren Wahrnehmung des besonderen Humors der Vorlage in die Romanze hineinversetzt. Das Werk wurde bald nach der Rückkehr des Komponisten aus Stettin geprobt und am 29. April 1827 uraufgeführt. Es wurde anscheinend begeistert aufgenommen, aber wegen einer Intrige kam es nicht zu einer zweiten Aufführung. Mendelssohn selbst fühlte die (inzwischen 20 Monate alte) Oper seiner künstlerischen Entwicklung nicht angemessen und meinte, dass er sich in der Instrumentalmusik seinen eigenen Weg schon gebahnt habe. Er komponierte fortan keine Oper mehr. Mendelssohn gründete einen Chor zum Studium der Chorwerke Johann Sebastian Bachs (der große Thomaskantor war damals der Öffentlichkeit nahezu unbekannt); bereits 1823 hatte er von seiner Großmutter Bella Salomon eine Abschrift der Matthäus-Passion nach dem Autograph Pölchaus geschenkt bekommen. Vor allem Carl Friedrich Zelter hatte Mendelssohn das bachsche Opus mit seinem Unterricht und der Probenarbeit in der Sing-Akademie zu Berlin nahegebracht. Gemeinsam mit Eduard Devrient setzte Mendelssohn gegen Zelters anfänglichen Widerstand 1829 bei der Sing-Akademie eine öffentliche Aufführung der gekürzten und für diesen Anlass bearbeiteten Matthäus-Passion unter seiner Leitung durch, mit einem 158-köpfigen Sing-Akademie-Chor. Es war die erste Wiederaufführung der Passion seit Bachs Tod. Heinrich Heine, Georg Wilhelm Hegel und Friedrich Schleiermacher wohnten dieser Aufführung bei. Zelter hatte früher schon mit der Sing-Akademie einzelne Teile der Passion einstudiert, hatte eine Gesamtaufführung jedoch für undurchführbar gehalten. Die Aufführung war so erfolgreich, dass sie noch zweimal wiederholt werden musste. Die dritte Aufführung leitete Zelter, da Mendelssohn inzwischen nach England abgereist war. Nach neueren Erkenntnissen aus der Analyse der Aufführungspartitur handelte es sich keineswegs um eine „stark romantisierende“ Aufführung. Allerdings strich Mendelssohn einige Rezitative, Choräle und Arien, um Ausführende und Publikum nicht zu überfordern. Auch mussten einige Instrumente umbesetzt werden, die nicht zur Verfügung standen: Mendelssohn selbst spielte den Basso continuo auf dem Hammerflügel, die Oboen d’amore wurden durch Klarinetten, die Oboen da caccia durch Violinen ersetzt. Devrient sang die Partie des Jesus. Der Flügel des Berliner Instrumentenbauers Johann Christoph Oesterlein, der Carl Friedrich Zelter gehörte und von dem aus Felix Mendelssohn Bartholdy vermutlich die Aufführungen der Matthäus-Passion leitete, befindet sich noch heute als Dauerleihgabe der Sing-Akademie zu Berlin im Berliner Musikinstrumentenmuseum. Am 16. April 1828 wurde Felix Mendelssohn Bartholdy zum Ehrenmitglied des Berlinischen Künstler-Vereins ernannt. | MENDELSSOHN BARTHOLDY, Jakob Ludwig Felix (I60781)
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| 3774 | Leben Gedenktafel am Haus Brüderstraße 13 in Berlin-Mitte Jonas’ Vater war Kaufmann und war vom Judentum zum Christentum konvertiert. Seit 1812 besuchte Jonas das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin. Er machte 1815 den Feldzug gegen Napoleon mit und kämpfte unter anderem in den Schlachten von Ligny und Waterloo. Anschließend studierte er von 1815 bis 1819 Evangelische Theologie in Berlin. In dieser Zeit trat er auch der burschenschaftlichen Bewegung bei und war 1818 Gründer der Alten Berliner Burschenschaft. Er unterzeichnete 1819 eine öffentliche Erklärung zu Gunsten von Friedrich Ludwig Jahn. Nach dem Studium arbeitete Jonas zunächst als Erzieher in der königlichen Kadettenanstalt und danach als Lehrer im Militärwaisenhaus in Potsdam. 1823 nahm er eine Predigerstelle in den vorpommerschen Dörfern Schwerinsburg und Wusseken an. Wegen seines burschenschaftlichen Engagements in der Studienzeit konnte er die Stelle nur durch persönliche Intervention des Kronprinzen Friedrich Wilhelm erhalten. | JONAS, Ludwig (I60067)
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| 3775 | Leben Grab Amalie Beers links neben dem ihres Sohnes Giacomo Meyerbeer auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee in Berlin Geboren als Tochter des preußischen Hoffaktors Liepmann Meyer Wulff (1745–1812) und seiner Frau Esther, geborene Bamberger (1740–1822), wuchs sie in der Welt des gebildeten, wohlhabenden Berliner Judentums des 18. Jahrhunderts auf, dessen Geschichte im Zeichen von Aufklärung und Judenemanzipation stand. 1788 heiratete sie den jüdischen Zuckerfabrikanten Jacob Herz Beer (1769–1825). Sie erlangte Berühmtheit mit ihrem literarischen Salon, der als typisches Beispiel bürgerlich-aufgeklärter Geselligkeit der Biedermeierzeit gelten kann. Amalie Beer war zeitlebens sowohl in der jüdischen Gemeinde in Berlin als auch in der christlichen bürgerlichen Gesellschaft hoch angesehen. Im Gegensatz zu anderen prominenten Berliner Juden in dieser Epoche, z. B. Abraham Mendelssohn Bartholdy, konvertierte Beer nie zum Christentum. Ein solcher Schritt hätte sie – der Historikerin Deborah Sadie Hertz zufolge – wohl ihre herausragende Stellung innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde gekostet.[1] Zeitlebens in Berlin niedergelassen, starb sie dort fast neunzigjährig 1854. Ihr Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee in Berlin. Salon Der Salon der Amalie Beer, neben dem Salon der Familie Mendelssohn Bartholdy der einzige bedeutende musikalische Salon im Berlin der 1820er Jahre, ragt dadurch hervor, dass er seine eigentliche Blüte nicht vor, sondern nach den Befreiungskriegen (1813/15) erlebte, wenngleich die Anfänge von musikalischer und literarischer Geselligkeit im Hause Beer zurück bis ins Jahr 1800 reichen. Soziologisch gesehen überwog in seinem Publikum eindeutig das Bürgertum. Dennoch zog er wichtige Vertreter des Adels und der politischen Eliten an: So gehörten zu den persönlichen Freunden der Gastgeberin der spätere König Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder Prinz Wilhelm, der spätere erste deutsche Kaiser, die beide auch an ihrem Leichenbegängnis teilnahmen. Unter ihren Habitués fanden sich fast alle großen Komponisten und Virtuosen der Frühromantik, darunter ihr eigener Sohn Giacomo Meyerbeer, sowie Schauspieler, Sänger, Schriftsteller und Gelehrte. Mit zwei anderen großen Salonnièren der Zeit, Rahel Varnhagen und Hedwig von Olfers, stand sie in Verbindung. Auszeichnungen Für ihr Engagement in der Verwundetenfürsorge während der Befreiungskriege erhielt Amalie Beer als eine von nur ganz wenigen bürgerlichen Frauen den Louisenorden. Der Prozess der Ordensverleihung zog sich allerdings über eineinhalb Jahre hin. Drei Mal wurde sie vorgeschlagen, zwei Mal lehnte König Friedrich Wilhelm III. ab. Der König, der durch das Judenedikt 1812 bereits eine weitgehende rechtliche Emanzipation der Juden in Preußen durchgesetzt hatte, war offenbar in Sorge, dass sich die praktizierende Jüdin Beer durch eine Auszeichnung mit dem – dem Christentum entlehnten – Kreuzsymbol in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen konnte.[2] Letztendlich bewilligte er die Verleihung des Ordens in der abweichenden Form eines kreisrunden allgemeinen Ehrenzeichens.[3] (Später wurde bestimmt, dass auch andere nichtchristliche Empfängerinnen den Orden ohne das Kreuz erhalten konnten.). Allerdings gab es in der Berliner Judenschaft auch Stimmen, die das „gekoscherte Kreutz“ als demütigend empfanden und die Begründung des Monarchen als Koketterie abtaten.[4] Familie Ehe und Nachkommen Amalie Meyer Wulff und Jacob Herz Beer heirateten am 4. September 1788 in Berlin. Sie hatten vier Söhne: Jacob Meyer Beer/Giacomo Meyerbeer (1791–1864), Komponist, Heinrich Beer (1794–1842), Wilhelm Beer (1797–1850), Kaufmann und Astronom, und Michael Beer (1800–1833), Schriftsteller. Weitere Verwandte Amalies Enkelin, die sich als Salonnière in ihre Tradition stellte, war Cornelie Richter (1842–1922), Tochter ihres Sohnes Jakob. | WULFF, Amalie ´Malka` (I60828)
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| 3776 | Leben Grabmal des Grafen Alexander von der Mark (1790), Alte Nationalgalerie Quadriga auf dem Brandenburger Tor (1793), Berlin Prinzessinnengruppe (1797), Friedrichswerdersche Kirche Schadows Wohnhaus in Berlin, heute Sitz der Schadow-Gesellschaft Schadows Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Kindheit und Jugend Johann Gottfried Schadow wurde in der Lindenstraße in Berlin in der Nähe des Halleschen Tores geboren. Er war der Sohn des Schneidermeisters Gottfried Schadow, geb. am 21. Januar 1738 in Saalow, Kreis Teltow († 1788), und der Anna Katharina Nilles, geb. am 20. März 1740 in Mellen, Kreis Teltow († 1797). Die Vorfahren waren märkische Bauern im Kreis Teltow.[1] Der Vater, körperlich schwach in der Kindheit, wurde Schneider in Zossen und zog später nach Berlin. Johann Gottfried Schadow hatte vier Geschwister, er war der älteste Sohn.[2] Schadow besuchte mit seinen Brüdern zunächst das Gymnasium zum Grauen Kloster. Als der Vater das Zeichentalent seines Sohnes erkannte, ließ er ihm ab 1776 Zeichenunterricht bei Giovanni Battista Selvino erteilen. Dieser konnte damit eine schon längere Zeit bestehende Werklohnschuld für Schneiderarbeiten gegenüber Schadows Vater abtragen. 1777 verließ Schadow die Schule, um von Madame Tassaert im Zeichnen unterwiesen zu werden. Bei deren Ehemann, dem preußischen Hofbildhauer Jean Pierre Antoine Tassaert, wurde er im Herbst 1778 Schüler, nachdem er sich für den Beruf des Bildhauers entschieden hatte. Schadow erlernte bei Tassaert die gesamte bildhauerische Technik. Im Jahr 1778 begann er seine Ausbildung an der Akademie der Künste und den Besuch der Aktklasse. „In seinen Kinderjahren hatte Schadow mit dem Druck der Armuth zu kämpfen. Alles was ihm das Liebste war, mußte er sich versagen. Sogar an dem Zeichnenunterricht in der Schule, die er besuchte, konnte er nicht Theil nehmen, da derselbe besonders bezahlt werden mußte, wozu seinem Vater die Mittel fehlten. Die Oper hörte er in den dunkeln Gängen vor den Logen. Ein eigner Umstand führte eine Aenderung dieser Verhältnisse herbei. Ein Italiener, der in der Kunststätte des Direktors der königlichen Bildhauer-Akademie Tassaert arbeitete, war dem Vater Schadow's eine kleine Summe schuldig, die er nicht zahlen konnte. Er erbot sich, dem Knaben dafür Unterricht im Zeichnen zu geben. Es geschah: das Talent zeigte sich auf der Stelle. Durch diesen Weg wurde Schadow mit Tassaert bekannt, und derselbe so wie seine Gattin wandten ihm bald die entschiedenste Aufmerksamkeit und Theilnahme zu, so daß Tassaert seinem Zögling schon im neunzehnten Jahre einen Gehalt von 450 Thaler verschaffte, der nach heutigem Maßstabe wohl auf das Doppelte anzuschlagen ist.“ – Ernst Heinrich Toelken[3] Italienreise Tassaert war seinem begabtesten Schüler sehr zugetan. Er suchte daher auch die familiäre Bindung Schadows durch Verheiratung seiner Tochter. Zugleich stellte ihm Tassaert dessen Nachfolge als Hofbildhauer in Aussicht. Schadow ging hierauf nicht ein. Im Februar 1785 brannte er mit seiner Geliebten Marianne Devidels nach Wien zu seinem zukünftigen Schwiegervater durch. Auf der Reise wohnte er im April 1785 in Dresden bei dem Porträtmaler Anton Graff. Mit dem Geld seines Schwiegervaters reiste Schadow weiter nach Italien. Im Juni 1785 kam er nach Venedig, im Juli erreichte er Florenz und schließlich Rom. Hier trat er für kurze Zeit der Werkstatt Alexander Trippels bei, widmete sich dann aber lieber dem Studium der Antike. Im folgenden Jahr erhielt er mit der Tongruppe Perseus befreit Andromeda den Preis der römischen Akademie. Mit dem deutschen Maler Heinrich Füger, dem österreichischen Bildhauer Franz Anton von Zauner sowie mit dem italienischen Bildhauer Antonio Canova war er befreundet.[4] Am 25. August 1785 heiratete er in Prag die jüdisch erzogene Marianne („Mattel“) Anna Augustine Devidels (geboren am 17. Dezember 1758 in Prag, gestorben am 9. November 1815 in Berlin), Tochter des Wiener Juwelenhändlers Samuel Devidels (1731–1790). In Rom trat Schadow zum Katholizismus über, seine Frau war schon seit 1779 katholisch. 1786 wurde der Sohn Karl Zeno Rudolf (Ridolfo) Schadow in Rom geboren, der sein Schüler und später selbst ein erfolgreicher Bildhauer wurde. Karriere in Berlin Nach der Rückkehr nach Berlin 1787 konvertierte Schadow wieder zum Protestantismus, nicht zuletzt um im Staatsdienst Preußens eine Anstellung bekommen zu können. Zunächst wurde er Porzellanmaler bei der königlichen Porzellanmanufaktur. Schadows Lehrer Tassaert starb im Januar 1788. Daraufhin übernahm Schadow auf Anordnung des Königs Tassaerts letzten Auftrag: das Grabmal des im Jungenalter verstorbenen Grafen von der Mark in der Dorotheenkirche. Dabei setzte er die strengere, an die Antike angelehnte Formgebung an die Stelle der nun oberflächlich wirkenden Kunst des Rokoko. Ebenfalls im Januar 1788 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste berufen. Er wurde Lehrer der Bildhauerkunst und einer der fünf Rektoren. Im Februar starb sein Vater. Im September wurde der zweite Sohn Friedrich Wilhelm geboren, der sein Schüler und bekannter Maler wurde. Im Herbst 1788 trat Schadow die Nachfolge Tassaerts an. Er wurde zum Leiter der Hofbildhauerwerkstatt und zum Direktor der Skulpturen beim Oberhofbauamt ernannt. Aus der Zusammenarbeit mit Carl Gotthard Langhans, dem Direktor des Oberhofbauamtes, entstanden viele gemeinsame Schöpfungen. 1793 modellierte Schadow die Quadriga für das neu errichtete Brandenburger Tor, die von Emanuel Ernst Jury in Potsdam in 2 mm Kupfer getrieben wurde. Für die 1798–1800 erbaute Berliner Münze am Werderschen Markt schuf er den 36 Meter langen sogenannten Münzfries. Im Oktober 1802 besuchte Schadow Goethe in Weimar, um eine Plastik von ihm vorzubereiten. Dieser Besuch hatte aber nicht den gewünschten Erfolg. Bei der Gelegenheit schuf Schadow eine Büste von Christoph Martin Wieland. Im April 1805 wurde er Vizedirektor der Akademie der Künste. Im Juni bezog er mit seiner Familie sein neues Wohnhaus in der heutigen Schadowstraße 10/11 in Berlin-Mitte, das ein heute unbekannter Baumeister auf Kosten des Staates für ihn errichtet hatte. Das klassizistische Gebäude ist als eines der wenigen Bürgerhäuser aus dieser Zeit erhalten geblieben. Schadow bewohnte es bis zu seinem Tod im Jahr 1850. 1814 gründete Schadow den Berlinischen Künstlerverein und wurde dessen Vorsitzender. Nachdem man ihn 1816 zum Direktor der Königlich Preußischen Akademie der Künste ernannt hatte, blieb er in Berlin. 1815 war Schadow Witwer geworden. 1817 heiratete er in Berlin Caroline Henriette Rosenstiel (1784–1832), Tochter des Friedrich Philipp Rosenstiel. Mit ihr hatte er vier Kinder, die zwischen 1818 und 1824 geboren wurden. In den folgenden Jahren unternahm er Reisen nach Dresden (1820), nach Wittenberg zur Enthüllung seines Lutherdenkmals (1821), nochmals dorthin (1822) und mit seinem Bruder Rudolf nach Hamburg und Lübeck (1823). Nach der Geburt seines jüngsten Kindes Julius (1824) begann er sich auch politisch mehr zu engagieren und wurde 1827 zum Abgeordneten von Berlin gewählt. Mit seinem Sohn Felix unternahm er einige Reisen nach Leipzig (1835). 1836 musste Schadow sich einer Augenoperation unterziehen. Die Einschränkung des Augenlichtes war für den malenden und mit den Augen arbeitenden Schadow ein bitterer Einbruch in sein künstlerisches Schaffen. Er konnte nur noch zeichnen und war nur noch wenig als Bildhauer tätig. Alter Der 75-jährige Schadow stellte 1839 den Antrag, ihn aus Altersgründen in den Ruhestand zu versetzen. Das wurde zwar abgelehnt, man stellte ihm aber einen Vizedirektor an die Seite. Schadow beschäftigte sich nun auch mit Geschichte und wurde deshalb 1840 Mitglied des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Besonders stolz war Schadow, als sein Sohn Wilhelm in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben wurde. 1846 reiste Schadow wieder nach Dresden. Schadow war auch im hohen Alter noch produktiv. Gegen Ende seines Lebens schrieb er seine Memoiren. 1849 brachte er die Kunst-Werke und Kunst-Ansichten heraus. Schadow starb im Kreise seiner Kinder am 27. Januar 1850[5] im Alter von 85 Jahren an einer Lungenentzündung[6] in Berlin. Er wurde am 31. Januar auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt. Der Trauerzug war von seiner Wohnung ausgegangen, wo sich „außer der großen Schaar der Verehrer des Hingeschiedenen, die Mitglieder des Magistrats und die Stadtverordneten, die Notabilitäten der Kunst und Wissenschaft“ eingefunden hatten.[7] Die Ehrengrabstätte der Stadt Berlin befindet sich in der Abteilung CAL G2. Nach Schadows Tod wurde vermutet, er sei Opfer eines ärztlichen Behandlungsfehlers geworden: „Leider findet das Gerücht Bestätigung, daß der hochbetagte Künstler auf seinem letzten Krankenlager wirklich noch das Opfer einer Vergiftung durch Fahrlässigkeit geworden ist. Durch ein Versehen ist bei der Bereitung einer seiner Arzneien die vom Arzte verordnete Dosis Opium vervierfacht worden, wodurch der Tod des Patienten, der freilich wol (sic!) unter allen Umständen erfolgt wäre, erheblich beschleunigt worden sein soll. Es schwebt hierüber bereits eine gerichtliche Untersuchung.“ – Bericht in der Leipziger Zeitung vom 2. Februar 1850[8] Schaffen Schadow war ein Künstler, der stets die klassizistische und naturalistische Kunstauffassung wahrte. Spätestens seit 1800 sah er sich in einem ständigen Konflikt mit der aufkommenden romantischen idealistischen Kunstauffassung, die durch seine Schüler verkörpert wurden. Sein wichtigster Schüler war Christian Daniel Rauch. Weitere bedeutende Schüler waren seine Söhne Rudolf und Wilhelm sowie Christian Friedrich Tieck, Emil Wolff, Theodor Kalide, Karl und Ludwig Wichmann. Das gilt für Karl Friedrich Schinkel, durch den er aus der Leitung des Oberhofbauamtes gedrängt wurde. Bekanntlich machte sich Schinkel mit Entwürfen für die Architektur von der akademisch klassizistischen Formensprache zusehends frei. Anfänglich hatte Schadow den Skulpturenschmuck der von Schinkel entworfenen Bauwerke im klassizistischen Stil angefertigt. Schrittweise geriet Schadow jedoch gegenüber den neuen künstlerischen Tendenzen ins Abseits und wurde später seitens des preußischen Königshauses mit nur wenigen Arbeiten beauftragt. Schadow wandte sich zunehmend von der alten klassizistischen Formensprache ab und der neuen romantischen zu, ohne indes sie jemals völlig aufzugeben. Das wiederum vollzog sich nach dem Tod Friedrich Wilhelms II. im Jahre 1797, der Gönner und Mäzen Schadows gewesen war. Schadow war sein Leben lang bemüht, ein öffentliches Reiterstandbild König Friedrichs des Großen zu schaffen. Dazu kam es jedoch nie, lediglich einige Standbilder wie zum Beispiel die Bronzestatue Friedrichs mit seinen Hunden Alcmène und Hasenfuß oder das Standbild in Stettin wurden von Schadow angefertigt. Das Reiterstandbild Friedrichs des Großen wurde hingegen durch Christian Daniel Rauch geschaffen. Mitgliedschaften Schadow interessierte sich sehr für das Schachspiel und war im Jahr 1803 in Berlin Mitgründer des häufig auch nach ihm benannten ersten deutschen Schachklubs. Seit 1840 war er Mitglied des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Als Freimaurer gehörte er der Berliner Loge Friedrich Wilhelm zur gekrönten Gerechtigkeit an.[9] Er war darüber hinaus in Vorstandsämtern der Großen Loge Royal York zur Freundschaft tätig, so als Repräsentant der Großen Loge von Hamburg als auch als Erster Vorsteher des Innersten Orients.[10] | SCHADOW, Johann Gottfried (I60879)
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| 3777 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I60572)
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| 3778 | Leben Graf Eberhard von Württemberg verbannt seinen Sohn Ulrich von seiner Tafel, Gemälde von Ary Scheffer (1851). Darstellung einer Szene aus dem Jahre 1378 im Stuttgarter Schloss, als Eberhard der Greiner, wie von Martin Crusius in den Annales Suevici geschildert, das Tischtuch zerschnitt, um seinen Unmut wegen der Niederlage seines Sohnes in der Schlacht bei Reutlingen zum Ausdruck zu bringen Im Jahre 1362 heiratete Ulrich Elisabeth von Bayern (* 1329; † 1402), Tochter von Kaiser Ludwig IV. Aus dieser Ehe ging der spätere Graf Eberhard III. von Württemberg hervor. Verschiedene Quellen gehen noch von weiteren Söhnen mit den Namen Heinrich und Ulrich sowie von einer Tochter aus. Nach dem Tod seines Onkels Ulrich IV. im Jahr 1366 regiert er Württemberg offensichtlich gemeinsam mit seinem Vater Eberhard II. Beide entkamen 1367 während eines Aufenthalts „im Wildbad“ (vermutlich Wildbad oder Teinach) einem Attentat durch den Grafen Wolf von Eberstein. In der Zeit danach richtete Eberhard seine Politik stark gegen die einer weiteren Vergrößerung Württembergs im Weg stehenden Reichsstädte aus. 1372 kam es bei Altheim zu einer ersten für Württemberg siegreichen Schlacht gegen die Städte. Am 14. Mai 1377 befand sich Ulrich gemeinsam mit einer größeren Anzahl von Rittern auf der Burg Achalm, als Söldner aus der Freien Reichsstadt Reutlingen einen Plünderungszug auf württembergisches Gebiet unternahmen. Ulrich griff sie auf ihrem Rückmarsch unterhalb der Achalm an (Schlacht bei Reutlingen). Ulrichs Mannschaft zog sich nach hohen Verlusten, wobei mehr als 60 Ritter gefallen waren, auf die Achalm zurück. Auch Ulrich, der nur mit Mühe entkommen konnte, wurde in der Schlacht verwundet. Als Ulrich halbwegs genesen bei seinem Vater Eberhard im Stuttgarter Schloss erschien, war dieser immer noch wütend auf seinen Sohn. Es soll sich folgende von Ludwig Uhland in dramatischen Worten geschilderte Szene zugetragen haben: Da fasst der Greis ein Messer und spricht kein Wort dabei Und schneidet zwischen beiden das Tafeltuch entzwei. So endet Uhlands Ballade Die Schlacht bei Reutlingen. Ary Scheffer hat diese literarische Szene 1851 in einem Gemälde dargestellt, welches sich im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam befindet.[1] Bereits 1380, kurz nach seiner Gründung, trat Ulrich dem Löwenbund, einer Vereinigung des Adels gegen die Städte, bei. Ulrich wurde dadurch zu einer Art Bindeglied zwischen der Grafschaft Württemberg und dem in einer Frontstellung zu den Städten stehenden Niederadel. Am 23. August 1388 erreichten die militärischen Auseinandersetzungen Württembergs und weiterer Adliger mit dem 1376 gegründeten Schwäbischen Städtebund in der Schlacht bei Döffingen ihren Höhepunkt. Die Vorhut des adligen Heeres wurde von Ulrich geführt. Diese wurde im Verlauf der Schlacht nahezu aufgerieben und Ulrich fiel. Nach dem Eintreffen der Hauptarmee, die von seinem Vater geführt wurde, konnte Württemberg die Schlacht gewinnen. Friedrich Schiller thematisierte den Tod Ulrichs in seinem Gedicht Graf Eberhard der Greiner von Wirtemberg, welches in der Anthologie auf das Jahr 1782 veröffentlicht wurde. Auch durch Ludwig Uhland ist Ulrichs Tod in Verszeilen in der Ballade Die Döffinger Schlacht verewigt worden. In Ulrichs 500. Todesjahr wurde bei Döffingen ein Gedenkstein zu seinen Ehren errichtet. Literatur Gerhard Raff: Hie gut Wirtemberg allewege. Band 1: Das Haus Württemberg von Graf Ulrich dem Stifter bis Herzog Ludwig. 6. Auflage. Landhege, Schwaigern 2014, ISBN 978-3-943066-34-0, S. 181–188. Eugen Schneider: Ulrich, Graf von Württemberg. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 39, Duncker & Humblot, Leipzig 1895, S. 235. | VON WÜRTTEMBERG, Ulrich (I1835)
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| 3779 | Leben Jenny Lind, Gemälde von Louis Asher, 1845 Jenny Lind wurde als uneheliche Tochter von Anne-Marie Fellborg (1793–1856) und Nils Johan Lind (1798–1858) geboren. Name und Beruf des Vaters differieren je nach Quelle, mal wird er als Buchhalter, mal als Fabrikant bezeichnet.[2] Jenny wuchs in komplizierten Verhältnissen auf: Als einjähriges Kleinkind bis 1824 wuchs sie bei einer Pflegefamilie auf dem Lande auf; in den nächsten vier Jahren lebte sie bei ihrer Mutter in Stockholm, zusammen mit ihrer Halbschwester Amalie (aus erster Ehe der Mutter) und ihrer Großmutter. Ihre Mutter hielt sich mit Unterrichten über Wasser und vermietete Zimmer. Von 1828 bis 1830 war Jenny wieder als Pflegekind bei einem Ehepaar. Ihre Eltern heirateten erst 1835 nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung, bei der es darum ging, wer das Kind zu sich nimmt. Die Beziehung zu ihrer Mutter war von früher Kindheit an durch Spannungen getrübt.[2] Ab 1830 erhielt das musikalische Mädchen Gesangs- und Schauspielunterricht als Schülerin des Königlichen Theaters. Ihre ersten Gesangslehrer waren Carl Magnus Crælius und Isaak Berg (beide Tenor).[2] Im Januar 1837 erhielt sie einen Vertrag am Königlichen Theater, zunächst als Schauspielerin. Nachdem sie im Dezember 1837 bei einer konzertanten Aufführung des vierten Aktes von Meyerbeers Robert le diable die Partie der Alice gesungen hatte,[2] debütierte Jenny Lind am 7. März 1838 als Agathe in Webers Der Freischütz.[1] Bei einer dieser Aufführungen war Fredrika Bremer anwesend: „Sie war damals im Frühling des Lebens – frisch, strahlend und heiter wie ein Morgen im Mai; perfekt in Form; … Sie schien sich zu bewegen, zu sprechen und zu singen, ohne Anstrengung oder Kunst. Alles war Natur und Harmonie. Ihr Gesang war bemerkenswert vor allem durch seine Reinheit und die Macht der Seele, die in ihren Tönen zu schwellen schien. Ihr ‚mezza voce‘ war entzückend.“[3] Jenny Lind als Alice in Robert le Diable In den ersten Jahren ihres Engagements trat Jenny Lind sowohl in Sprechrollen auf als auch in Partien wie der Pamina in Mozarts Zauberflöte, der Titelrolle in Webers Euryanthe und mit besonderem Erfolg wiederum in Robert le diable. 1840 wurde sie mit 20 Jahren Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm und zur Hofsängerin ernannt.[2] Aufgrund von Stimmproblemen ging sie 1841 nach Paris zu dem berühmten Gesangspädagogen Manuel García d. J.,[1] der meinte, dass sie kurz davor sei, ihre Stimme völlig zu verlieren, und ihr zur Erholung erst einmal drei Monate Gesangspause verordnete.[4] Danach baute er ihre Stimme wieder gezielt auf und schulte ihre Atemtechnik, wodurch sie die Kunst des messa di voce und ihren perfekten Triller erlernte.[2] 1842 kehrte sie zurück nach Stockholm, wo sie als Primadonna assoluta gefeiert wurde[2] und außer in Opern des deutschen, italienischen und französischen Repertoires auch in Werken von schwedischen Komponisten wie Johan Fredrik Berwald, Franz Berwald und Johan van Boom auftrat.[5] Im darauffolgenden Jahr machte sie eine erste Auslandstournee durch Skandinavien, bei der sie den dänischen Dichter Hans Christian Andersen kennenlernte, der sie bewunderte und sich in sie verliebte, was sie aber nur auf freundschaftlicher Ebene erwiderte.[2] Sein zu dieser Zeit entstandenes Märchen Die Nachtigall bezieht sich nach einer biografischen Notiz Andersens auf Jenny Lind, die selber als „die schwedische Nachtigall“ bezeichnet wurde.[1] Jenny Lind in Bellinis La sonnambula Giacomo Meyerbeer, dem sie bereits in Paris vorgesungen hatte, holte sie 1844 nach Berlin, wo sie die Partie der Vielka in seiner Oper Ein Feldlager in Schlesien sang (5. Januar 1845). Sie sang außerdem die weiblichen Hauptrollen in Bellinis Opern Norma und La sonnambula und stieg nun endgültig zur international gefeierten und verehrten Primadonna auf.[2] Henriette Sontag (verheiratete Gräfin Rossi) soll Jenny Lind als „erste Sängerin der Welt“ bezeichnet haben.[6] Zu dieser Zeit lernte sie auch Felix Mendelssohn Bartholdy kennen, mit dem sie eine jahrelange Freundschaft – oder unglückliche Liebesbeziehung (?) – verband.[2] Clara Schumann, die sie als Marie in Donizettis Regimentstochter erlebte, berichtete: „Nie habe ich in der Weise spielen gesehen als von ihr, es liegt ein eigner Zauber in all ihren Bewegungen, eine Grazie, Naivität, und ihr Gesicht – jeder einzelne Teil betrachtet – nicht schön zu nennen, ist doch von einer Anmut, ihr Auge so poetisch, daß man unwillkürlich ergriffen wird.“[7] Jenny Lind bezauberte das Publikum nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit ihrem persönlichen Charme, ihrer mädchenhaften Natürlichkeit und unschuldigen Ausstrahlung – sie entsprach in vollkommener Weise dem Frauenideal des Biedermeier und der Romantik. Laut Andersen „liebte sie ihre Kunst mit ganzer Seele“ und er meinte, dass „eine edle, fromme Anlage wie ihre nicht durch Huldigungen verdorben werden“ könne.[8] Fredrika Bremer berichtete, dass Jenny Lind so fromm war, dass ihr Tränen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr über Gott sprach, und sie sei „groß als Künstlerin, aber noch größer in ihrer reinen menschlichen Existenz“.[9] Dem entspricht die Tatsache, dass Jenny Lind von dem Vermögen, das sie verdiente (Eintrittspreise zu ihren Aufführungen waren oft erhöht), viel Geld für wohltätige Zwecke spendete, beispielsweise zur Unterstützung für vernachlässigte Kinder, arme Musiker oder für Musik studierende Mädchen.[10] Ihre Wohltätigkeit war bekannt und trug zu ihrem legendären Ruf bei, und sie wurde beinahe verehrt wie eine Heilige.[2] Während einer Tournee in Wien 1846 widmete ihr Johann Strauss (Sohn) den Walzer Lind-Gesänge op. 21, und der Dichter Franz Grillparzer schwärmte in romantischer Verzückung über ihre Gesangskunst: „Und spenden sie des Beifalls Lohn Den Wundern deiner Kehle Hier ist nicht Körper, Raum, noch Ton Ich höre deine Seele.“ Nach einem Aufenthalt im heimatlichen Schweden folgte sie 1847 einem Engagement nach London. Ihre Popularität bei ihren Landsleuten war mittlerweile so groß, dass ihr vor ihrer Abreise nach England Militärkapellen ein Ständchen gaben und sich Tausende von Menschen versammelten, um sie zu verabschieden.[11] In England blieb sie bis 1849 und wurde umjubelt wie überall.[2] Eine Anekdote berichtet, dass der berühmte Bassist Luigi Lablache – einer der Ersten, der sie in London zu hören bekam –, über ihren Gesang sagte, dass „jede Note … wie eine vollkommene Perle“ sei; daraufhin erlaubte sich die Lind mit ihm einen Scherz, soll in seinen Hut gesungen und ihm „einen Hut voll Perlen“ zurückgegeben haben.[11] Jenny Lind als Marie in La Figlia del Reggimento Giuseppe Verdi komponierte für Jenny Lind die Partie der Amalia in seiner Oper I masnadieri, die ihre Uraufführung am 22. Juli 1847 am Her Majesty’s Theatre erlebte.[12][13] Die Oper gefiel jedoch nicht besonders und der Gesangsstil der Lind entsprach nicht Verdis Ideal, der ihre Stimme in der Tiefe zu schwach und ihre Verzierungskunst als altmodisch empfunden haben soll, ihr aber gerade deshalb gegen seine Gewohnheit Kadenzen zur eigenen Improvisation überließ.[14] Zu ihren Glanzrollen zählten neben Amina in La Sonnambula, der Titelrolle in Donizettis Lucia di Lammermoor und Marie in La figlia del reggimento auch Norma, jedoch soll ihre Interpretation dieser letzten Rolle in dramatischer Hinsicht weit schwächer gewesen sein als die von Giulia Grisi, der wohl bedeutendsten Norma ihrer Zeit.[15] Ganz allgemein soll Jenny Lind der Ausdruck sanfter, liebevoller und rührender Gefühle am meisten gelegen haben,[16] während „ihr heftige und stürmische Leidenschaften“ nicht lagen.[17] Weitere wichtige Partien von Jenny Lind waren die Elvira in I puritani, Adina in L’elisir d’amore, die Titelrolle in Anna Bolena sowie die weiblichen Hauptrollen in Rossinis La gazza ladra, Semiramide und Il turco in Italia.[5] Sie sang außerdem in Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro (Susanna)[18] sowie in Gaspare Spontinis La vestale und Meyerbeers Les Huguenots.[5] In Großbritannien gab sie auch Konzerte in Manchester, Liverpool, Edinburgh und Dundee.[19] In London lernte sie Frédéric Chopin kennen. Trotz gegenseitiger Zuneigung, die aus Briefen an ihre Familie bekannt wurde, und heftiger Bemühungen ihrerseits – unter anderem einer Reise nach Paris im Mai 1849 – schaffte sie es aber nicht, ihn zu einer Ehe zu bewegen (Chopin starb im Oktober 1849). Nachdem sie schon von Anfang an immer wieder mit großen Selbstzweifeln und „mit dem Gedanken, die Opernbühne zu verlassen,“ zu kämpfen gehabt hatte, zog sich Jenny Lind 1849, mit nur 29 Jahren und für die Öffentlichkeit überraschend, von der Opernbühne zurück.[2] Zeitgenossen machten dafür ihre Zugehörigkeit zu der von Carl Olof Rosenius geleiteten Erweckungsbewegung in Stockholm verantwortlich. Tatsächlich unterstützte Lind die erweckten Kreise in Schweden mit hohen Summen; so finanzierte sie die Drucklegung von mehreren Liedsammlungen des Sängers und Komponisten Oscar Ahnfelt (1813–1882). In den Vereinigten Staaten unterstützte sie sowohl die von schwedischen Auswanderern gegründete Augustana Evangelical Lutheran Church als auch die Methodistische Kirche.[20] Jenny Lind auf einer Fotografie von 1850 Ab 1850 trat Lind nur noch konzertant auf. Den Anfang machte von 1850 bis 1852 eine von P. T. Barnum organisierte große Tournee durch die USA, wo sie in 150 Konzerten auftreten sollte, zu einer Gage von 1000 Dollar pro Aufführung;[21] sie brach allerdings ihren Vertrag nach einiger Zeit, zahlte Barnum eine Entschädigung von 30.000 Dollar und gab die letzten 60 Konzerte auf eigene Faust[22] – was bedeutet, dass sie die Einnahmen nun nicht mehr mit Barnum teilen musste und umso mehr Geld für wohltätige Zwecke spenden konnte (in den USA, aber auch später in Schweden und Großbritannien). In Amerika war sie Gegenstand eines Starrummels von bis dahin unbekannten Ausmaßen. Es existieren zeitgenössische Illustrationen, die ein außer Rand und Band geratenes Publikum abbilden. Ihr Begleiter am Klavier war der Pianist Julius Benedict. In Boston heiratete sie am 5. Februar 1852 den deutschen Komponisten Otto Goldschmidt (1829–1907), der sie auch als Pianist begleitete, und kehrte im selben Jahr mit ihm nach Europa zurück, wo sie nur noch selten, oft im Rahmen von Wohltätigkeitsveranstaltungen, auftrat. Ein späteres Angebot von Barnum zu einer zweiten Amerika-Tournee lehnte sie ab.[2] Von 1852 bis 1855 wohnte sie in Dresden, wo sie im September 1853 ihren ältesten Sohn Walter Otto (1853–1884) zur Welt brachte[23] und im März 1857 ihre Tochter Jenny Maria Catherine.[2] Während dieser Jahre führten sie Konzerttourneen durch Deutschland, Österreich, Holland und Großbritannien.[2] 1856 wurde sie von Hermann Krone fotografiert. Ab Sommer 1858 lebte sie in London, wo im Januar 1861 ihr jüngerer Sohn Ernest geboren wurde.[24] In ihrer späten Zeit sang Jenny Lind mit Vorliebe in Oratorien, besonders in Haydns Die Schöpfung, Mendelssohns Elias und Händels Messiah.[5] In ihren Konzerten hatte sie besonderen Erfolg mit skandinavischen Liedern, schottischen Volksweisen oder mit Henry Bishops „Home sweet home“. Wilhelm Taubert komponierte für sie das Lied „Ich muß nun einmal singen“.[5] 1870 trat sie auf dem Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf auf, wo sie das Sopransolo in dem Oratorium Ruth ihres Gatten Otto Goldschmidt sang. Grab von Jenny Lind Als ihr letzter öffentlicher Auftritt gilt ein Wohltätigkeitskonzert im Badekurort Malvern, das sie 1883 zugunsten der Eisenbahner gab.[2] Seit der Gründung des Royal College of Music von London 1883 leitete sie bis 1886, ein Jahr vor ihrem Tod, die Meisterklasse für Gesang. Im September 1887 erlitt Jenny Lind in London einen Schlaganfall; die Presse meldete zunächst, sie liege im Sterben.[25] Ende September machte ihre Erkrankung „ihre Uebersiedlung von London nach dem Lande nothwendig, da ihr absolute Ruhe und Schonung anempfohlen wurden“.[26] Anfang Oktober wurde voreilig gemeldet, dass „in dem Befinden von Frau Goldschmidt (Jenny Lind) eine wesentliche Besserung eingetreten“ sei.[27] Jenny Linds Sohn schrieb dem Direktorium der von seiner Mutter in Norwich gegründeten Anstalt für kranke Kinder in einem Brief, der auf einer Sitzung am 5. Oktober 1887 verlesen wurde: „Meine Mutter ist schwerkrank und hat die letzten drei Wochen im Bette verweilen müssen, seitdem sie den Schlaganfall hatte, welcher sie der Sprache und aller Bewegungen an der rechten Seite beraubte. Sie hat seither in wunderbarer Weise zum Theile den Gebrauch der Sprache und des rechten Armes wiedergewonnen, aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß ihre Kräfte immer mehr abnehmen. Gott sei Dank hat sie keine Schmerzen.“[28] Jenny Lind starb am 2. November 1887 in Malvern und wurde auf dem dortigen Friedhof begraben. Unter dem Namen „Jenny Lind-Goldschmidt“ wird ihrer in London in der Westminster Abbey am Poet’s Corner gedacht. | LIND, Jenny (I60519)
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| 3780 | Leben Junger Edelmann mit Hund Reimer war der einzige Sohn des Buchhändlers Karl August Reimer (1801–1858) aus dessen erster Ehe mit Auguste, geborene Hörner (1805–1834). Sein Großvater und Namensgeber war der kunstsinnige Leipziger Verleger Georg Andreas Reimer. Seine Schwester Maria Auguste (1832–1907) heiratete 1854 den Historiker Theodor Mommsen. Reimer wuchs in Leipzig auf. Eine künstlerische Ausbildung zum Maler erhielt er als Privatschüler von Rudolf Jordan in Düsseldorf, wo er eine Weile als Genremaler und Zeichner lebte.[3] Auch wirkte er in Weimar und Wiesbaden. Schließlich ließ er sich in Berlin nieder. Seine Spezialität wurden Kabinettstücke mit galanten Szenen aus der Zeit des Rokoko (Neorokoko), die von der zeitgenössischen Kritik als geistreich rezipiert wurden.[4] Reimers Stiefmutter Johanna, geborene Winter (1817–1902), vermachte der Alten Nationalgalerie nach dem Tod ihres Stiefsohns aus dessen Nachlass das Gemälde Komplimente, das vermutlich auf der Berliner Akademie-Ausstellung 1860 unter dem Titel Vorzimmerszene gezeigt worden war und durch Daniel Chodowieckis Radierung Der Complimentir-Narr von 1783 inspiriert ist. Paul Klee griff das Motiv in seiner 1903 entstandenen Radierung Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich wieder auf.[5] Literatur Reimer, Georg. In: Friedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte. Dresden 1898, Band 2, S. 375. Reimer, Georg. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 28: Ramsden–Rosa. E. A. Seemann, Leipzig 1934, S. 114 (biblos.pk.edu.pl). | REIMER, Georg (I59805)
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| 3781 | Leben Links der Hamburger Hof, rechts das Heine-Haus am Jungfernstieg Heine-Haus in Ottensen Heine lernte das Bankgeschäft im Bankhaus Popert in Hamburg. Er machte sich anschließend als Wechselmakler selbstständig und agierte in enger Zusammenarbeit mit Emanuel Anton von Halle. 1797 gründete er dann zusammen mit Marcus Abraham Heckscher[1] (1770–1823) das Privatbankhaus Heckscher & Co. Im Jahr 1818, inzwischen alleiniger Geschäftsführer, änderte er den Namen der Firma in Salomon Heine. In den folgenden Jahren stieg er zu einem der erfolgreichsten Hamburger Bankiers seiner Zeit auf. Seit Mitte der 1820er Jahre lebte und arbeitete er im später so genannten Heine-Haus am Jungfernstieg (heutige Adresse Jungfernstieg 34). 1812 erwarb Heine von Peter Rücker ein Landhaus und einen dazugehörigen parkähnlichen Garten[2] westlich von Hamburg in Ottensen (heutige Adresse: Elbchaussee 31). Hier verbrachte er seine Sommer und empfing Gäste. Das zugehöriges Gartenhaus ist heute als Heine-Haus ein Veranstaltungsort. Förderer des Dichters Heinrich Heine Salomon Heine ließ den jungen Heinrich Heine in seinem Bankhaus Heckscher & Co. in Hamburg in die Lehre gehen und ermöglichte ihm anschließend die Selbstständigkeit mit dem Tuchgeschäft Harry Heine & Comp. Heine jedoch, der sich in Salomons Tochter Amalie verliebt hatte, widmete sich schon damals lieber der Dichtkunst und zeigte wenig Interesse für das Geschäft. Schon nach kurzer Zeit musste er Konkurs anmelden. Salomon Heine war verärgert, dass sich sein Neffe der in seinen Augen brotlosen Kunst des Dichtens widmete. In dem Ausspruch „Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher“ ist dieses Unverständnis überliefert. Der Bankier finanzierte trotz allem dessen Jurastudium und unterstützte ihn durch regelmäßige Geldzahlungen. Nach Salomons Tod stellte sein Sohn Carl diese Zahlungen zunächst ein, so dass es zu einem Erbschaftsstreit mit seinem Cousin Heinrich kam. Wohltäter Hamburgs Salomon Heines Großzügigkeit und seine Bedeutung als Wohltäter kommen in einer Anekdote zum Ausdruck: Vertreter eines Ordens, die beabsichtigten, ein Krankenhaus zu errichten, baten vermögende Hamburger um Geld für ihr Vorhaben. Der Orden wurde aufgefordert, zuerst bei dem jüdischen Bankier Heine vorzusprechen. Sie erklärten sich bereit, die gleiche Summe zu spenden wie Heine und einen Taler mehr. Die Ordensleute berichteten Salomon Heine von der Reaktion der anderen wohlhabenden Bürger. Heine ließ sich den Preis für das Krankenhaus nennen und bezahlte davon genau die Hälfte. Die übrigen Kaufleute, die an ihr Wort gebunden waren, mussten also die restlichen Kosten für das Krankenhaus übernehmen. Adolph Kohut erzählt diese Anekdote anders, und zwar wie folgt: „Als die Ottenser einst eine Schule errichten wollten und zu diesem Zwecke eine öffentliche Kollekte veranstalteten, wandten sie sich zunächst an Salomon Heine mit der Bitte, die Subskriptionsliste zu eröffnen. Er bemerkte, es würde sich sonderbar ausnehmen, wenn er als Jude an der Spitze stände, und er ersuchte deshalb die Kollektirenden, sich zunächst an einige der begütertsten christlichen Einwohner Hamburgs zu wenden, den fehlenden Rest des nöthigen Geldes solle man dann bei ihm einziehen. Die Liste wanderte sofort zu einem Nachbarn des Hamburger Krösus, der, von dem Vorhergegangenen in Kenntniss gesetzt, sogleich die Hälfte der erforderlichen Summe zeichnete und zwar mit der Randglosse: ‚Aus christlicher Liebe‘. Nun kam der Bogen wieder zu Heines Händen, und dieser zeichnete die zweite Hälfte des Baukapitals mit der Bemerkung: ‚Aus jüdischer Liebe‘.“[3] Gedenkstein für Salomon Heine am Neubau des von ihm gestifteten Israelitischen Krankenhauses Darüber hinaus wirkte der Bankier Heine zeit seines Lebens als Mäzen und beteiligte sich nach dem verheerenden Brand Hamburgs 1842 mit seinem Privatvermögen am Wiederaufbau der Hansestadt. Unter anderem gab er bekannt, dass er von jedem in Not geratenen Kaufmann Wechsel bis zu 15.000 Mark Banco annehme.[4] Ferner stiftete er das Israelitische Krankenhaus in Erinnerung an seine 1837 verstorbene Frau Betty. Heinrich Heine würdigte diese Stiftung seines Onkels mit dem Gedicht Das neue israelitische Hospital zu Hamburg, das 1844 in der Sammlung Neue Gedichte erschien. Darin heißt es: (...) Der theure Mann! Er baute hier ein Obdach Für Leiden, welche heilbar durch die Künste Des Arztes, (oder auch des Todes!), sorgte Für Polster, Labetrank, Wartung und Pflege – Ein Mann der That, that er, was eben thunlich; Für gute Werke gab er hin den Taglohn Am Abend seines Lebens, menschenfreundlich, Durch Wohlthun sich erholend von der Arbeit. (...) Die Patriotische Gesellschaft ernannte Heine 1843 zum Ehrenmitglied.[4] Sie hatte zuvor nie einen bekennenden Juden aufgenommen. Was diese Ausnahmepersönlichkeit für Hamburg wirklich bedeutet hatte, zeigte sich eindrucksvoll bei seiner Beerdigung: „Sie geriet zu einer stummen Demonstration seiner verbindenden Popularität. Tausende Hamburger, Juden wie Christen, begleiteten ihn auf seinem letzten Weg nach Ottensen“.[5] In seinem Testament bedachte Heine seine Arbeiter und Angestellten und stiftete 8000 Courantmark zum Wiederaufbau zweier Kirchen.[4] 1865 wurde in Hamburg die Heinestraße nach Salomon Heine benannt. Unter den Nationalsozialisten wurde die Straße 1938 in Hamburger Berg umbenannt. Eine Initiative für einen erneuten Namenswechsel blieb bisher erfolglos.[6] Seit 1967 verläuft der Salomon-Heine-Weg in den Stadtteilen Eppendorf und Alsterdorf.[7] Bankhaus Salomon Heine Das Bankhaus mit dem Namen Salomon Heine wurde nach Salomon Heines Tod durch dessen Sohn Carl Heine (1810–1865) weitergeführt und ging erst nach dem Tod des letzteren in Liquidation. | HEINE, Salomon (I60448)
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| 3782 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I60960)
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| 3783 | Mit dieser Bemerkung ist mindestens eine lebende Person verknüpft - Details werden aus Datenschutzgründen nicht angezeigt. | Lebend (I60962)
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| 3784 | Leben Robert von Benda (links außen) auf dem Hofball im Weißen Saal im Berliner Schloss, Gemälde von Anton von Werner Robert von Benda wurde 1816 in Liegnitz, dem heutigen Legnica in Schlesien, als Sohn des August Wilhelm Heinrich Ferdinand von Benda (1779–1861) geboren. Benda entstammte einer in Böhmen ansässigen Musikerfamilie, die 1825 von Friedrich Wilhelm III. von Preußen nobilitiert wurde. Sein Großvater war der Musiker Carl Benda. 1853 erwarb die Familie das Rittergut Rudow bei Berlin. Robert von Benda ist der Stammvater aller heute lebenden Mitglieder des Adelsgeschlechts.[1] Nach dem Abitur in Berlin begann Benda an der Ludwig-Maximilians-Universität München Rechtswissenschaften zu studieren. 1835 wurde er Mitglied des Corps Palatia München.[2] Als Inaktiver wechselte er an die heimatliche Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Nach den Examen trat er in die innere Verwaltung des Königreichs Preußen. Bis 1849 war er Regierungsassessor in Potsdam. Danach bewirtschaftete er das Gut Rudow.[3] Ab 1858 war er Berufspolitiker. Im Jahr 1859 wurde Benda Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, dem er bis 1898 – über 39 Jahre – angehörte.[4] Er war Anhänger Otto von Bismarcks und Mitglied der Nationalliberalen Partei; von 1877 bis 1898 war er im Parteivorstand. 1867 wurde er in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt. Von 1871 bis 1898 saß er im Reichstag des Deutschen Kaiserreichs.[5][6] Dort gehörte er zu den führenden Fraktionsmitgliedern der NLP. Ab 1878 war er Vizepräsident des Preußischen Abgeordnetenhauses. Außerdem saß er im Vorstand des Kongresses Deutscher Landwirte. Von Benda war zweimal verheiratet: Seine Ehefrauen waren Elise Honig und Marie Jonas. Aus den beiden Ehen kamen sein Sohn Hans Robert Heinrich von Benda (1856–1919) und seine Tochter Annemarie Gabriele von Benda (1871–1924) hervor. Von Benda starb 1899 im heutigen Berliner Ortsteil Rudow von Neukölln im Alter von 83 Jahren. | VON BENDA, Karl Friedrich Wilhelm Robert (I60075)
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| 3785 | Leben Wappen des Geschlechtes der Wildgrafen von Dhaun Gerhard war ein Sohn des Wildgrafen Konrad II. (1194–1263). Auch drei seiner Brüder bekleideten hohe kirchliche Ämter: Konrad war Bischof von Freising, Heinrich Abt der Reichsabtei St. Maximin und Simon Propst von St. Mauritz in Mainz. Der mit dem königlichen Kanzler und Bischof von Speyer Heinrich von Leiningen verwandte Gerhard hatte bereits vor seiner Erhebung zum Erzbischof Karriere im Erzstift gemacht. Er war bereits in den 1240er Jahren Domkapitular und Domkantor, bevor er 1244 vom Fritzlarer Konzil für abgesetzt erklärt wurde, nachdem er sich geweigert hatte, der Politik Siegfrieds III. von Eppstein zu folgen und sich der antistaufischen Partei anzuschließen. 1249 versöhnte er sich jedoch mit dem Erzbischof, wechselte die Seiten und wurde daraufhin vom Papst rehabilitiert. Im Juli oder August des Jahres 1251 wurde er Nachfolger des für zu friedfertig befundenen und mit den gravierenden Problemen des Konflikts zwischen Kaiser und Papst überforderten Christian II. von Bolanden. Weil er entweder innerlich niemals mit der staufischen Partei gebrochen hatte oder auf territoriale Zugewinne hoffte, unterstützte er den jungen Konrad IV. und verfiel in den Folgejahren häufiger dem päpstlichen Bann. Im Februar 1254 schlossen Mainz und Worms das „Ewige Bündnis“, welchem am 3. April Oppenheim und am 29. Mai Bingen beitraten. Hieraus entwickelte sich der Rheinische Städtebund, dem neben Köln und Basel auch die drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Trier und Köln beitraten. Der Bund sollte die Durchsetzung des Mainzer Landfriedens garantieren und erhielt eine solche Bedeutung, dass sich eine neue Reichsorganisation auf seiner Basis andeutete. Doch nach dem Schlachtentod des Königs Wilhelm von Holland zerbrach auch dieser Bund. Das Interregnum begann endgültig und stellte auch Gerhard I. vor neue Herausforderungen. Das Fehlen einer Zentralgewalt förderte die Souveränität der Einzelstaaten und setzte auch den Kurstaat ernsthafter Konkurrenz aus. Bei dadurch unausweichlich gewordenen Auseinandersetzungen geriet der Erzbischof am 16. Januar 1256 in die Gefangenschaft des Herzogs Albrecht von Braunschweig. Dadurch konnte er bei der Königswahl am 13. Januar 1257 seine Stimme nur über einen Mittelsmann, den Erzbischof von Köln, abgeben. Die Wahl führte zu keinem Ergebnis, weil sich jeweils drei der sieben Kurfürsten für einen anderen Kandidaten entschieden und der siebte Kurfürst, der König von Böhmen, keine klare Stimme abgeben wollte. Das Reich blieb daher weiterhin zerrissen. Der gegen hohe Lösezahlungen freigelassene Gerhard I. selbst geriet hinter dem Erzbischof von Köln, dem er die Vertretung bei der Königswahl hatte übertragen müssen, reichspolitisch mehr und mehr ins Hintertreffen. Auch seine territorialen Bemühungen in Hessen, die ihn überhaupt erst in Gefangenschaft gebracht hatten, waren nicht erfolgreich. So hinterließ er kein geordnetes Erbe, als er am 25. September 1259 in Erfurt, dessen Bürgerschaft er 1255 weitgehende Ratsrechte hatte gewähren müssen, starb. Er wurde in der dortigen Barfüßerkirche begraben. Seine Neffen waren: Emicho Wildgraf von Kyrburg († 1311), Bischof von Freising, Gerhard Dompropst von Freising, Hugo Domkapitular in Mainz und Friedrich Wildgraf von Kyrburg, Provinzmeister bzw. Großprior des Templerordens für Oberdeutschland | VON DHAUN, Gerhard I. (I61576)
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| 3786 | Leben Wilhelm Schadow, 1818 gezeichnet von Karl Philipp Fohr Wilhelm Schadow war der Sohn des Bildhauers Johann Gottfried Schadow und dessen Ehefrau Marianne (1758–1815), Tochter des jüdischen Wiener Juwelenhändlers Samuel Devidels (1731–1790). Seinen ersten künstlerischen Unterricht erhielt Schadow durch seinen Vater. Mit 20 Jahren ließ er sich an der Akademie der Künste ausbilden und wurde dort Schüler von Friedrich Georg Weitsch und Karl Wilhelm Wach. Bereits 1806 nahm Schadow an einer großen Akademie-Ausstellung mit einem Porträt der Sängerin Julie Zelter teil. Schadow stellte die Frau Carl Friedrich Zelters (geborene Pappritz) als heilige Cäcilie im Stil John Flaxmans dar. Zwischen 1806 und 1807 diente Schadow in der preußischen Armee als „freiwillig Einjähriger“. 1810 beendete Schadow erfolgreich sein Studium an der Akademie und ging zusammen mit seinem Bruder, dem Bildhauer Rudolf Schadow, nach Italien. Dort hatte er Kontakt zu dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen. Über diesen kam Schadow bald in Kontakt mit dem Künstlerkreis um Caroline von Humboldt. Er war von den Nazarenern Peter von Cornelius, Friedrich Overbeck, Johann Nepomuk Höfel, Philipp Veit und Karl Wilhelm Wach sehr beeindruckt und schloss sich dieser Gruppe – inzwischen als Lukasbund bekannt – 1813 an. Durch den Einfluss Friedrich Overbecks konvertierte Schadow 1814 vom evangelischen zum katholischen Glauben. Während seines Romaufenthaltes malte er meist religiöse Monumentalbilder im akademisch-klassizistischen Stil. Zwischen 1816 und 1818 war Schadow zusammen mit Cornelius, Overbeck und Veit an der Ausschmückung der Villa Bartholdy beteiligt. Im Sommer 1819 kehrte Schadow auf Bitten von Karl Friedrich Schinkel wieder nach Berlin zurück; begleitet wurde er dabei von Karl Wilhelm Wach. Schadow avancierte zum Dozenten der Berliner Kunstakademie und lehrte dort bis 1826. 1820 heiratete Schadow Charlotte von Groschke, eine Tochter des Hofarztes Johann Gottlieb von Groschke (1760–1828). Mit ihr hatte er eine Tochter, Sophie (1823–1892), die spätere Ehefrau von Richard Hasenclever (1812–1876), und einen Sohn, Johann Gottfried Rudolf, den späteren preußischen Generalleutnant. In den Jahren 1822 und 1825 leitete Schadow in Berlin ein großes Atelier, das – vom König gefördert – viele Schüler anzog. 1825 wurde er bei der Gründung des Vereins der Kunstfreunde im preußischen Staat Mitglied des Künstlerausschusses. Ende 1825 gab er seinen Arbeitsplatz auf und schloss sein Atelier, da ihn der preußische Kultusminister Karl vom Stein zum Altenstein zum Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie ernannt hatte. Anfang 1826 trat er seinen Dienst dort als Nachfolger von Peter von Cornelius an. Unter Wilhelm von Schadow entwickelte sich die Düsseldorfer Kunstakademie zu einer Drehscheibe für neue künstlerische Ideen und Inspirationen. Hierzu gehörte die Lehrform, die enge Beziehung von Meistern und Schülern sowie die thematisch und im künstlerischen Stil ausgedrückte Einheit von Poesie und Natur. Zum Erfolg der Akademie trug bei, dass von Schadows beste Schüler ihm, der 1826 aus Berlin kam, an den Rhein folgten: Theodor Hildebrandt, Eduard Bendemann, Julius Hübner, Carl Friedrich Lessing, Christian Köhler, Heinrich Mücke und Karl Ferdinand Sohn. Es entstand nach kurzer Zeit die Düsseldorfer Malerschule. Aufsehen erregte Schadow mit einem seiner ersten Düsseldorfer Bilder, die Darstellung der „Mignon“ nach „Wilhelm Meister“ von Johann Wolfgang von Goethe, für die ihm die junge Schauspielerin Constance Le Gaye Modell gesessen hatte. Im Auftrag des Naumburger Domherren Immanuel Christian Leberecht von Ampach entstand 1827 bereits wieder in Deutschland das Gemälde Christus unter den Pharisäern, auch Christus, das Gesetz erklärend genannt für den Christus-Zyklus im Naumburger Dom. In seiner Eigenschaft als Direktor der Akademie war Schadow maßgeblich an der Verbesserung des Kunststudiums sowie der dazugehörigen praktischen Ausbildung beteiligt. In seinen 1828 gedruckten „Gedanken über eine folgerichtige Ausbildung des Malers“ legte er die vielerorts beachteten Prinzipien seiner Kunstauffassung und Didaktik öffentlich dar.[1] 1829 wirkte er an der Gründung des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen mit. Zwischen 1830 und 1831 und später noch einmal von 1839 bis 1840 hielt sich Schadow in Rom auf. Von diesen Reisen brachte er viele Skizzen und Ideen mit, die im Atelier die Grundlage seines weiteren künstlerischen Schaffens bildeten. Im Anschluss an seine Italienreise von 1830/31 führte Schadow eine Akademiereform durch, die für die Schüler einen dreistufigen Ausbildungsgang aus Elementarklasse, Vorbereitungsklasse und Klasse der ausübenden Eleven vorsah, wobei die letzte Stufe die entscheidende Neuerung darstellte, weil darin nach dem Erlernen der Grundlagen die gestalterischen Fähigkeiten sowie das selbständige Arbeiten gefördert wurde. Die besten Absolventen konnten anschließend noch die sogenannte Meisterklasse besuchen. Hierbei erhielten sie eigene Ateliers im Akademiegebäude, so dass sie der Kunstakademie noch als Vorbilder für den Nachwuchs verbunden blieben. 1842 wurde Schadow von der Universität Bonn mit dem Titel Dr. phil. h.c. geehrt. Mit Adelsbrief vom 4. Januar 1843 wurde er als „von Schadow-Godenhaus“ in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben. Der Zusatz „Godenhaus“ stammte vom Rittergut Godenhaus bei Sinzig, das er 1841 erworben hatte.[2] Laut Ernennungsurkunde hieß der Titel offiziell „Ritter Schadow von Godenhaus“. Bei der Nobilitierung wurde ihm ein Wappen verliehen, „in blauem Schild, in welchem ein Regenbogen von natürlicher Farbe und unter demselben eine fliegende silberne Taube, im rothen Schnabel einen grünen Oelzweig erscheint“, mit Helmzier und Wahlspruch „Gloria in excelsis Deo pax hominibus“.[3] Zwischen 1848 und 1852 entstand Schadows letztes großes Werk: ein Triptychon mit der allegorischen Darstellung von „Himmel, Fegfeuer und Hölle“. Inspiriert wurde er durch die Lektüre von Dantes „Göttlicher Komödie“. Durch ein schweres Augenleiden musste er immer wieder pausieren, und erst nach einer Operation konnten diese drei Bilder für einen Saal des Landgerichts Düsseldorf im Hondheimschen Palais fertiggestellt werden. Als Schadow nach 25 Jahren sein Dienstjubiläum an der Kunstakademie hatte, feierten ihn die Künstler des Malkastens am 30. November 1851 mit einem Schadowfest. Bei dieser Gelegenheit wurde der Flinger Steinweg in Schadowstraße umgetauft. Aus diesem Anlass wurde ihm auch ein Künstleralbum verehrt. 70 ehemalige Schadow Schüler von A wie Andreas Achenbach bis Z wie Julius Zielke hatten hierfür eine Zeichnung oder Skizze zur Verfügung gestellt. Adolf Schroedter war mit zwei Bildern vertreten, so gab es 71 Blätter, die im Album vereint sind und die die Düsseldorfer Szene der damaligen Zeit widerspiegeln. 1857 erlitt Schadow kurz vor seinem 69. Geburtstag einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Zwei Jahre später legte er alle seine Ämter nieder und zog sich ins Privatleben zurück. Im Alter von 73 Jahren starb Schadow am 19. März 1862 in der Hofgartenstraße 8, im Haus seiner Tochter Sophie und ihres Gatten Richard Hasenclever, und wurde auf dem Golzheimer Friedhof beerdigt, so wie auch schon zuvor die nur wenige Monate lebende Tochter Anna Maria (* 10. März 1828; † 27. Juli 1828). Ihm zu Ehren benannte man in Düsseldorf die Schadowstraße nach ihm. In dieser früher Flinger Steinweg genannten Magistrale ließ er von dem Architekten Rudolf Wiegmann, einem befreundeten Kollegen aus der Akademie, bis 1838 als seinen herrschaftlichen Wohnsitz ein dreigeschossiges Palais im Rundbogenstil errichten (Steinweg 212 4/20, seit 1856 Schadowstraße das Eckhaus 54 und Nachbarhaus 56).[4][5] Auch der Schadowplatz mit dem Schadow-Denkmal und die Schadow-Arkaden tragen seinen Namen. Seit Ende der 1890er Jahre prangt sein Name links über dem Hauptportal des Gebäudes der Kunstakademie. Werke (Bilder) Josephs Traumdeutung im Gefängnis, 1816/17 Mignon, 1828 Doppelbildnis der Prinzen Friedrich von Preußen und Wilhelm zu Solms-Braunfels in Kürassieruniformen, 1830, Museum Kunstpalast Schadows Malstil war an den alten Meistern des Quattrocento sowie der altdeutschen und altniederländischen Malerei orientiert. Seine Werke heben sich durch Naturtreue und einen ausgeprägten Kolorismus von der eher formalen und linearen Malweise der übrigen Nazarener ab. Zur Kennzeichnung seines Malstils wird nicht selten der Begriff Feinmalerei benutzt. Dieser Stil zeichnete sich aus durch eine korrekte, strenge Zeichnung, emaillehafte Oberflächen mittels feinem, glattem Farbauftrag, einen klaren und einfachen Bildaufbau, eine geometrisierende Abstrahierung der Einzelform sowie die exakte Wiedergabe realistischer Details bei einer insgesamt idealisierten Auffassung des Dargestellten. Häufig wurden von ihm monumental aufgefasste Einzelgestalten gemalt. In dieser Weise konnte er sich schon bald als gesuchter Porträtmaler einen Namen machen. 1810: Porträts der Königin Luise (posthum) und ihres Gatten Friedrich Wilhelm III. 1816–1818: Ausmalung der Casa Bartholdy zusammen mit Cornelius, Overbeck und Veit: Joseph im Gefängnis und Die Überbringung des blutigen Rocks an Jacob (Berlin, Nationalgalerie) 1818: drei Porträts von Caroline, Gabriele und Adelheid von Humboldt (1931 verbrannt bzw. 1945 zerstört) um 1818: Selbstbildnis mit Ridolfo Schadow und Bertel Thorvaldsen, (Berlin, Nationalgalerie) 1824: Anbetung der Könige (Garnisonkirche, Potsdam) 1824: Altarbild Christus der Auferstandene zwischen den Evangelisten Johannes und Matthäus (Zisterzienserabtei Pforta) 1827: Christus unter den Pharisäern (Naumburger Dom) 1828: Caritas (Museum Kunstpalast, Düsseldorf; Vorstudie (Kunstsammlung der Universität Göttingen))[6] 1829: Porträt des Felix Schadow (1819–1861), des Halbbruders des Künstlers (Fürstliche Sammlungen Liechtenstein) 1830: Doppelbildnis der Prinzen Friedrich von Preußen und Wilhelm zu Solms-Braunfels in Kürassieruniformen (Museum Kunstpalast, Düsseldorf) 1835: Christus auf dem Weg nach Emmaus (Berlin, Nationalgalerie) 1838–1842: Die klugen und die törichten Jungfrauen (Frankfurt, Städelsches Kunstinstitut) 1840/42: Pietas und Vanitas (Bonn, LVR-LandesMuseum) 1848–1852: dreiteiliges Wandgemälde Himmel, Fegefeuer und Hölle nach Dantes Göttlicher Komödie für das Landgericht Düsseldorf (Museum Kunstpalast, Düsseldorf) Werke Grabmal von W. von Schadow auf dem Golzheimer Friedhof, Aufnahme von 1911 Meine Gedanken über eine folgerichtige Ausbildung des Malers. In: Berliner Kunstblatt 1 (1828), S. 264–273. Der moderne Vasari. Erinnerungen aus dem Künstlerleben. Berlin 1854 (Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf). Über den Einfluß des Christentums auf die bildende Kunst. Düsseldorf 1843. | VON SCHADOW, Friedrich Wilhelm (I60886)
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| 3787 | Leben „Lützowhaus“ in Schöneiche, wo der verwundete Lützow 1809 gepflegt worden sein soll Lützowsche Uniformfarben, aus denen die deutschen Nationalfarben hervorgingen Grab auf dem Alten Garnisonfriedhof in Berlin Vor den Befreiungskriegen Ludwig Adolf Wilhelm stammte aus dem mecklenburgischen Adelsgeschlecht Lützow. Sein Vater war der preußische Generalmajor Johann Adolph von Lützow (1748–1819), seine Mutter war Wilhelmine, geborene von Zastrow (1754–1815). Lützow wurde am 26. Mai 1795 als Gefreiterkorporal im I. Bataillon Garde der Preußischen Armee angestellt. Am 20. Januar 1798 zum Fähnrich befördert, erhielt er am 10. Dezember 1800 seine Ernennung zum Sekondeleutnant. Da Lützow ein leidenschaftlicher und guter Reiter war, ersuchte er um Versetzung zur Kavallerie. Am 31. Dezember 1804 wurde er in das Kürassierregiment „von Reitzenstein“ (Altpreußisches Kürassierregiment K 7) in der Garnison Tangermünde versetzt. Im Verlauf der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wurde das Regiment zerschlagen und seine Reste, unter ihnen der verwundete Lützow, flüchteten in die Festung Magdeburg. Als sich die Kapitulation Magdeburgs abzeichnete, verließ Lützow die Festung. Über Kopenhagen schlug er sich in das belagerte Kolberg durch, um sich dort dem Freikorps Ferdinand von Schills anzuschließen. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt er nach dem Friedensschluss den Orden Pour le Mérite und wurde als Stabsrittmeister und Eskadronchef in das 2. Brandenburgische Husarenregiment übernommen. Mehrere Verwundungen verschlechterten Lützows Gesundheitszustand derart, dass er um seine Verabschiedung ersuchte. Unter gleichzeitiger Beförderung zum Major wurde ihm am 31. August 1808 der Abschied erteilt. Lützow versuchte sich danach in der Forstlaufbahn, gab dieses Vorhaben jedoch bald wieder auf. Er fand Kontakte zu preußischen Patrioten um den Kammergerichtspräsidenten Ludwig von Vincke, Berater des Freiherrn vom Stein, und wurde frühzeitig in die Vorbereitung des Kampfes gegen die Herrschaft Napoleon Bonapartes einbezogen. Dies führte ihn im Herbst 1808 nach Kassel, wo Wilhelm von Dörnberg den Widerstand organisierte, und nach Ostfriesland, um dort Aktionen vorzubereiten. Spontan schloss er sich dann mit seinem Bruder Leopold von Lützow am 30. April 1809 dem Zug des Majors von Schill an. Am 5. Mai 1809 wurde er im Gefecht bei Dodendorf schwer verwundet und anschließend mehrere Monate in Schöneiche bei Berlin („Lützowhaus“) versteckt und gepflegt. Nach der Genesung wurde er vor ein preußisches Kriegsgericht gestellt. Da er als Mecklenburger in Preußen Ausländer war und auch zuvor aus der preußischen Armee verabschiedet worden war, erkannte das Gericht keine Schuld. Am 20. März 1810 heiratete er Elisa Davidia Margarethe Gräfin von Ahlefeldt. Führer des Lützowschen Freikorps Am 7. Februar 1811 wurde Lützow wieder in den preußischen Dienst gestellt, zunächst mit einem Wartegehalt, ab 1. Januar 1812 mit einem Festgehalt, aber ohne wirkliche Verwendung im Dienst. Gneisenau hatte ihn für den Fall eines Volksaufstandes zunächst als dessen Leiter in Ostfriesland und Teilen Westfalens vorgesehen. Dies wurde von Scharnhorst konkretisiert, so dass Lützow am 9. Februar 1813 ein Gesuch an den preußischen König richtete, ein Freikorps aufstellen zu dürfen. Es wurde der berühmteste deutsche Freiwilligenverband der Befreiungskriege. Das Lützowsche Freikorps bestand aus über 3000 vorwiegend nichtpreußischen Freiwilligen. Es zog besonders Studenten an und operierte vorwiegend im Rücken des Feindes. Über den Waffenstillstand des Frühsommers 1813 zu spät informiert, wurde das Lützowsche Freikorps am 17. Juni 1813 bei Kitzen in der Nähe von Leipzig durch napoleonische Kavallerie ohne Vorwarnung angegriffen und fast völlig aufgerieben.[1] Lützow und sein Adjutant Theodor Körner wurden schwer verwundet und entkamen nur mit Mühe.[2] Nachdem Ende 1813 die einzelnen Teile des Freikorps den preußischen Linientruppen zugeteilt worden waren, kämpfte Lützow 1814 in den Ardennen. Am 23. März 1815 wurden aus den Resten des Freikorps zwei Linienregimenter gebildet: Aus der Infanterie entstand das Infanterie-Regiment Nr. 25, die Kavallerie wurde zum Ulanen-Regiment Nr. 6 unter dem Kommandeur Oberstleutnant von Lützow. Im Feldzug von 1815 führte Lützow eine Kavallerie-Brigade. Dabei geriet er am 16. Juni bei Ligny verwundet in französische Gefangenschaft. Auch wenn das Freikorps nach Einschätzung Heinrich von Treitschkes nur von geringer militärischer Bedeutung war,[3] so hatte es doch einen beachtlichen Mobilisierungseffekt für die deutsche Erhebung gegen Napoleon. Nach den Befreiungskriegen Für seine Verdienste wurde Lützow am 2. Oktober 1815 mit dem Eichenlaub zum Orden Pour le Mérite ausgezeichnet und einen Tag später zum Oberst befördert. Am 8. März 1817 folgte seine Ernennung zum Kommandeur der Kavallerie-Brigade in Münster. In gleicher Eigenschaft übernahm Lützow am 5. September 1818 die 13. Kavallerie-Brigade in Torgau und wurde am 30. März 1822 zum Generalmajor befördert. Seine Ehe mit Elisa von Ahlefeldt wurde 1824 geschieden. Am 10. April 1829 heiratete er Auguste Uebel, die Witwe seines 1827 verstorbenen jüngsten Bruders Wilhelm, eine Frau, die ihn – wie er der von ihm geschiedenen Elisa alsbald anvertraute – „unaussprechlich unglücklich“ machte.[4] 1830 erhielt er das Kommando der 6. Kavallerie-Brigade. Dieses Kommando übergab er am 30. März 1833 an den Prinzen Albrecht von Preußen und wurde daraufhin mit Pension zur Disposition gestellt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen auf dem Lande. In dieser Zeit soll er ernsthaft „daran gedacht haben, nach Griechenland zu gehen und sich an die Spitze der griechischen Armee zu stellen“ (Griechenland befreite sich von 1821 bis 1827 aus der Herrschaft des Osmanischen Reiches).[5] Lützows Grab befindet sich auf dem Alten Garnisonfriedhof in Berlin. Ehrungen Deutsche Nationalfarben, die auf die Lützowschen Uniformfarben zurückgehen Gedenktafel am Lützowhaus in Schöneiche Die Farben der Lützowschen Uniform – schwarzer Stoff, roter Kragen und goldene Knöpfe – flossen in die Farbgebung der Nationalflagge Deutschlands ein (siehe dazu Schwarz-Rot-Gold). Eine solche Uniform ist in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Schloss Rastatt ausgestellt. Theodor Körners Lied Lützows wilde Jagd (Musik von Franz Schubert und Carl Maria von Weber) war bei der Nationalen Volksarmee Bestandteil des Großen Zapfenstreiches. Nach von Lützow sind mehrere Schiffe benannt worden, in der kaiserlichen Marine die Lützow, sowie in der Kriegsmarine der 1939 vom Stapel gelaufene, nicht fertiggestellte Schwere Kreuzer Lützow und das 1940 in Schwerer Kreuzer Lützow umbenannte und umklassifizierte Panzerschiff Deutschland. Der Norddeutsche Lloyd taufte einen Reichspostdampfer der Feldherren-Klasse auf den Namen Lützow. In Münster-Handorf beherbergt die Lützow-Kaserne die Lehrgruppe B der Unteroffizierschule des Heeres, sowie in Aachen die Lützow-Kaserne im Verbund mit der Dr.-Leo-Löwenstein-Kaserne, der Körner-Kaserne und in Eschweiler der Donnerbergkaserne, die Technische Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik, kurz TSL/FSHT, beherbergt. Von 1980 bis 1990 trug zudem das Kampfhubschraubergeschwader 5 der Armeefliegerkräfte der NVA diesen Namen. Die 37. SS-Freiwilligen-Kavallerie-Division führte – wenn auch nicht offiziell – den Ehrennamen „Lützow“. In Schwanewede existiert auch eine Lützow-Kaserne, in der Teile des Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst (KSES) und der Logistikschule untergebracht sind. Benannt wurden nach ihm der Lützowplatz in Berlin-Tiergarten und Straßen in Fürstenfeldbruck, Leipzig, Chemnitz, Solingen, Coesfeld, Münster, Hagen, Halberstadt, Düsseldorf, Köln, Augsburg, Büchen, Lünen und Nordhausen-Krimderode sowie in Wien-Penzing die Lützowgasse und die Lützowstraße in Innsbruck. In dem 1932 entstandenen Roman Horridoh Lützow! beschreibt ihn der Schriftsteller Rudolf Herzog. 1816 wurde er Ehrenbürger der Hansestadt Bremen. Im Jahr 2015 zeigte das Haus am Lützowplatz in Berlin unter dem Titel Black Bandits – 200 Jahre: #Lützow #Befreiungskriege #Napoleon #Waterloo eine Ausstellung von Werken zeitgenössischer Künstler. Dabei ging es um einen „geöffneten Resonanzraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ und „nicht um die Illustration von Geschichte, sondern um die Markierung von Brüchen und Verwerfungen beim Prozess des Erinnerns“.[6] | VON LÜTZOW, Ludwig Adolf Wilhelm (I59626)
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| 3788 | Leben 1774 gründete er gemeinsam mit Bernhard von Eskeles und Salomon von Herz das Bankhaus Arnstein & Eskeles, das 30 Jahre hindurch das Finanzwesen Österreichs entscheidend beeinflusste. Arnstein galt als großer Förderer von Kunst und Literatur. 1795 wurde er für seine Verdienste geadelt und am 14. April 1798 in den Freiherrenstand erhoben. Er war Besitzer der Herrschaften Königstetten in Niederösterreich, Czernahora in Mähren und Böös in Ungarn. Seine Gattin Fanny (geb. Itzig) war eine bekannte Schönheit, deren Salon in der Bräunerstraße 9 ein bedeutender geistiger und gesellschaftlicher Mittelpunkt Wiens während des Wiener Kongresses war. Das Paar hatte eine Tochter: Henriette von Arnstein (* 29. November 1780; † 13. Mai 1859) heiratete am 19. September 1802 Heinrich Pereira (* 22. Juli 1773; † 23. September 1835). Er wurde von seinem Schwiegervater adoptiert und erhielt am 6. Mai 1810 das Recht, mit seinem Namen den seines Schwiegervaters Arnstein zu vereinigen. Außerdem erhielt er vom Kaiser am 16. Februar 1812 in Anerkennung seiner Verdienste in den österreichischen Freiherrenstand. Damit entstand die freiherrliche Linie Arnstein-Pereira. Im Jahr 1864 wurde in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) die Arnsteingasse nach ihm benannt.[3] Es gab dort auch einen Arnstein-Park, der aber schon 1863 dem Städtebau zum Opfer fiel.[4] Literatur Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S. Constantin von Wurzbach: Arnstein, Nathan Adam Freiherr von. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 21. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1870, S. 475 (Digitalisat). Gothaisches genealogisches Taschenbuch der freiherrlichen Häuser, 1871, S.492f Pereira-Arnstein mit historischem Abriss | VON ARNSTEIN, Nathan Adam (I60976)
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| 3789 | Leben Abstammung, Jugend und Heirat mit Ludwig dem Bayern Margarethe war die älteste Tochter von Graf Wilhelm III. von Holland und Zeeland, der auch Herr von Friesland und als Wilhelm I. Graf von Hennegau war. Er stammte aus dem Haus Avesnes und gehörte neben dem Herzog von Brabant und dem Grafen von Flandern zu den mächtigsten Territorialherren am Nordwestrand des Heiligen Römischen Reiches. Jeanne von Valois, seit Mai 1305 Wilhelms Gemahlin und die Mutter Margarethes, war eine Nichte des französischen Königs Philipp IV., des Schönen. Da Margarethes Geburtsjahr von keiner zeitgenössischen Quelle erwähnt wird, kann es nur geschätzt werden. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass laut dem Geschichtsschreiber Jean Froissart Margarethes jüngere Schwester Philippa erst nach Vollendung ihres 14. Lebensjahres mit dem englischen Thronfolger Eduard verheiratet werden sollte, ist es wahrscheinlich, dass auch Margarethe frühestens als 14-Jährige, spätestens aber als 18-Jährige ihre Ehe mit Ludwig dem Bayern schloss, also im Zeitraum von 1306 bis 1310 geboren wurde. Außerdem wäre ursprünglich sie und nicht Philippa als Ehefrau Eduards vorgesehen gewesen, doch kam dieses Projekt letztlich nicht zustande. Spannungen zwischen König Philipp IV. von Frankreich und Margarethes Vater Wilhelm trugen zum Abschluss des Bündnisses zwischen Wilhelm und Ludwig dem Bayern im Herbst 1314 bei, als Letzterer zugleich mit dem Habsburger Friedrich dem Schönen zum römisch-deutschen König gewählt wurde. Diese Doppelwahl führte zu einem mehrjährigen Thronstreit, in dem Ludwig auf die Unterstützung Wilhelms als wertvollem Bundesgenossen zählen konnte, der im Gegenzug die Legitimierung seines bis zu diesem Zeitpunkt umstrittenen Besitzes der Reichslehen Holland, Seeland und Friesland bekam. Wahrscheinlich bald nach dem am 24. August 1322 erfolgten Tod der Beatrix von Glogau, der ersten Gattin Ludwigs des Bayern, und dessen einen Monat danach errungenem entscheidenden Sieg in der Schlacht bei Mühldorf (28. September 1322) über seinen Rivalen Friedrich den Schönen dürfte die Besiegelung des Pakts zwischen dem Wittelsbacher und dem Grafen von Hennegau-Holland durch die Verheiratung Margarethes mit Ludwig beschlossen worden sein. Auf den entsprechenden Ehevertrag verständigte sich bis zum 15. August 1323, wie an diesem Tag in Köln verlautbart wurde, Margarethes Vater mit den Bevollmächtigten Ludwigs des Bayern, dem Deutsch-Ordens-Komtur von Franken, Konrad von Gundelfingen, und dem Landgrafen Ulrich I. von Leuchtenberg. Im Ehevertrag war festgeschrieben, dass Graf Wilhelm als Mitgift seiner Tochter den beträchtlichen Betrag von 47.000 Pfund Heller zu zahlen hatte, doch zunächst nur die Hälfte dieser Summe nach Vollzug der Ehe, den Rest erst nach Ablauf des ersten Ehejahres. Dafür verpflichtete sich der römisch-deutsche König, dass sich die jährlichen Einkünfte seiner künftigen Gattin auf bis zu 11.000 Pfund Heller belaufen würden. Zur Gewährleistung des Erhalts dieser Gelder sollte Margarethe gleich nach dem Vollzug der Ehe in den Besitz der Burgen Kaub, Fürstenberg, Reichenstein und Lindenfels, insbesondere aber der Zolleinkünfte unterhalb der Burg Kaub gelangen. Ludwig der Bayer hielt sich wohl an die wichtigsten Klauseln des Ehevertrags; da er jedoch die rheinpfälzischen Gebiete seiner Familie und damit auch die vier genannten Burgen spätestens 1329 den Nachkommen seines 1319 verstorbenen Bruders Rudolf zurückgab, kann Margarethe allenfalls von 1324 bis 1329 im Besitz der ihr versprochenen Burgen gewesen sein. Die Hochzeit Margarethes mit dem gut zwanzig Jahre älteren Ludwig, die am 25. Februar 1324 in Köln stattfand, wurde bereits sehr vom Konflikt zwischen dem römisch-deutschen König und Papst Johannes XXII. überschattet, der Ludwig mit der Verhängung des Kirchenbanns drohte. Infolgedessen schweigen sich die meisten zeitgenössischen Chronisten über die Hochzeitsfeier des Königspaars weitgehend aus. Einen etwas genaueren Bericht darüber liefert nur Wilhelm, Mönch des Klosters Egmond und Kaplan von Brederode, der angibt, dass Margarethes Vermählung mit Ludwig dem Bayern ihrer Mutter sehr missfallen habe.[2] Römisch-deutsche Königin bzw. Kaiserin Eheleben; Hofstaat Margarethes Nach ihrer Heirat siedelte Margarethe aus dem romanisch geprägten Milieu des Hennegaus in die herzoglich-bayrisch geprägte Lebenswelt ihres Gatten Ludwig über. Für das deutsche Spätmittelalter stehen relativ wenige Quellen zur Verfügung, so dass etwa die Reiseroute des Königpaars von seiner Hochzeitsfeier in Köln nach Bayern unbekannt ist. Margarethe besaß einen nicht genauer bekannten eigenen Haushalt, an dessen Spitze ein Haushofmeister stand. Eine ihrer Hofdamen ist wenigstens durch einen englischen Gewährsmann, William de Norwell, bekannt, der in seinem 1338–40 während der Reise Eduards III. auf dem europäischen Kontinent geführten Wardrobe Book eine Zahlung von 9 Pfund Sterling an Margarethes Sekretärin Ida vermerkt. Andere Quellen erwähnen einen Geistlichen, einen Schreiber und einen Protonotarius Margarethes, doch ist nicht ersichtlich, ob diese Personen dauerhaft im Dienst der Herrscherin standen. Über Margarethes Erscheinung berichten zeitgenössische Historiker nichts, doch schildert der Dominikaner Heinrich von Herford in seinem Liber de rebus memorabilioribus, allerdings nicht aufgrund von Autopsie, lebhaft das Familienleben Ludwigs des Bayern. Dieser sei der Einhaltung des ehelichen Treuegelöbnisses gewissenhaft nachgekommen; er habe auch Tanz und Musik geliebt und deshalb bisweilen mit seiner kleinwüchsigen Gemahlin vor seinen Räten im Palast getanzt. Die Ehe von Margarethe und Ludwig, aus der wohl fünf Söhne und fünf Töchter hervorgingen (s. u. Kapitel „Nachkommen“), scheint im Großen und Ganzen harmonisch verlaufen zu sein. Laut dem franziskanischen Chronisten Johannes von Winterthur habe Margarethe aber die Vorliebe ihres Gatten für Juden missbilligt. Der Chronist veranschaulicht dies anhand einer etwa im März 1336 spielenden Episode, als der Kaiser eine Juden verfolgende Mörderbande zum Verlassen des Elsasses nötigte. Weil Margarethe über die von ihrem Gatten dabei den Juden geleistete Hilfestellung verärgert gewesen sei, habe sie Ludwig ein gebratenes Huhn servieren lassen und auf seinen Vorwurf, dass dies in der Fastenzeit verboten sei, geantwortet, da er sich offenbar wie ein Jude benehme, könne er nun auch eine Fleischspeise verzehren, wie es die Juden ebenfalls täten. Nach einer Weile des Nachdenkens habe der Kaiser laut Johannes von Winterthur versprochen, sein Benehmen zu sühnen. Es ist nicht auszumachen, ob diese Erzählung auf Wahrheit beruht.[3] Krönung zur Kaiserin; Rolle im Streit des Kaisers mit dem Papst In der Kontroverse zwischen Ludwig dem Bayern und dem Papst distanzierte sich Margarethe zu Lebzeiten ihres Gatten nie von ihm oder seinen gegen den Heiligen Stuhl gerichteten Aktionen, obwohl sie dadurch wie alle, die Ludwig weiterhin als Herrscher anerkannten, dem Kirchenausschluss verfiel. Nachdem sich Ludwig im Januar 1327 bei einem Aufenthalt in Trient zu einem Zug nach Rom entschlossen hatte, um sich dort gegen den Willen des Papstes zum Kaiser krönen zu lassen, zog er zunächst über Bergamo nach Como. Unterdessen machte sich Margarethe mit einer aus 500 Kavalleristen und 800 Schützen bestehenden Streitmacht auf den Weg zu ihrem Gatten, den sie wahrscheinlich nach Überschreiten des Splügenpasses am 3. Mai 1327 in Como traf. Sie blieb dann die ganzen eineinhalb Jahre, die ihr Gemahl für seinen Zug durch Italien benötigte, an seiner Seite, auch als sie dabei schwanger wurde und am 7. Mai 1328 in Rom ihren ersten Sohn, Ludwig den Römer, gebar. In der Peterskirche der Ewigen Stadt hatte bereits am 17. Januar 1328 ihre und ihres Ehemanns Kaiserkrönung in Anwesenheit von drei Bischöfen stattgefunden, worüber sie etwa acht Wochen danach in zwei einsilbig gehaltenen Schreiben an ihre Mutter und den Abt des Klosters Egmond Auskunft gab. Inzwischen war Margarethes Schwester Philippa die Gemahlin des englischen Königs Eduard III. und Philipp von Valois, ein Bruder von Margarethes Mutter Jeanne, als Philipp VI. neuer französischer König geworden, sodass Margarethes Vater Wilhelm seitdem der Schwager des französischen Königs sowie der Schwiegervater des englischen Königs und des römisch-deutschen Kaisers war. Bald jedoch kam es zu einem zunächst dahinschwelenden Konflikt zwischen Eduard III. und Philipp VI. wegen des Neuausbruchs alter Spannungen um die in englischem Besitz befindliche Gascogne. Zugleich setzten sich die Differenzen zwischen Ludwig dem Bayern und dem Heiligen Stuhl fort, auch als Benedikt XII. nach dem Tod Johannes’ XXII. Ende 1334 neuer Papst geworden war. Wahrscheinlich im Frühherbst 1336 verfasste Margarethe, sicher im Einvernehmen mit ihrem Gemahl, einen Brief an König Philipp VI., ihren Onkel, in dem sie diesen aufforderte, ein Bündnis mit ihrem Gatten einzugehen. Dieses nicht erhaltene Schreiben der Kaiserin kann aus einem auf den 23. November 1336 datierten Brief Benedikts XII. an Philipp VI. rekonstruiert werden, der zum Inhalt hatte, dass sich der französische König erst dann mit Ludwig dem Bayern verbünden möge, wenn dessen Exkommunikation aufgehoben sei. Um dies zu erreichen, hätte sich der Kaiser freilich erst dem Papst unterwerfen müssen. Philipp VI. lehnte denn auch Margarethes brieflich übermitteltes Begehren ab. Als im April 1337 eine von Margarethes Schwager Wilhelm von Jülich geführte Delegation des Kaisers in Avignon zu Verhandlungen mit Benedikt XII. eintraf, schien der Papst zu einem Ausgleich mit Ludwig geneigt, ließ sich dann aber von einer hochrangigen Pariser Gesandtschaft überzeugen, nicht nachzugeben. Dementsprechend machte der Kaiser den französischen König für das Misslingen seiner Ausgleichsbemühungen mit dem Papst verantwortlich und unterstützte in dem bald darauf ausbrechenden englisch-französischen Hundertjährigen Krieg ab Juli 1337 König Eduard III. Auf einem im September 1338 in Koblenz abgehaltenen Hoftag war auch der englische König anwesend, der von Ludwig dem Bayern zum Reichsvikar für „Gallien und Germanien“ ernannt wurde. Über Margarethes Rolle bei diesem Treffen der beiden verschwägerten Herrscher ist nichts überliefert. Wahrscheinlich schrieb Eduard III. Margarethe großen Einfluss auf ihren Gatten zu; immerhin zahlte er ihr als Gastgeschenk 2400 Gulden, dem Kaiser 4000 Gulden. Letztlich brachte Ludwig aber das Bündnis nichts, da Eduard III. die ihm zugesagten Subsidien in Hohe von 400.000 Gulden nicht zahlen konnte. Der Kaiser wandte sich daraufhin wieder dem französischen König zu. Margarethe sandte einen kaiserlichen Kanzleibeamten, den Protonotar Ulrich Hofmeier, an den Hof Philipps VI., um ihn zu benachrichtigen, dass Ludwig der Bayer nun als Vermittler im englisch-französischen Krieg auftreten wolle. Von dieser Entwicklung setzte Philipp VI. am 13. Juni 1340 Benedikt XII. in Kenntnis. Im März 1341 nahm der französische König ein neues Bündnisangebot des Kaisers an. Ludwig hoffte, dass Philipp VI. ihn bei seinen erneuten Aussöhnungsbemühungen mit dem Papst unterstützen werde. Doch nach dem Tod Benedikts XII. (25. April 1342) war der neue Papst Clemens VI. nur auf den Sturz des Kaisers bedacht, so dass niemals eine Versöhnung zwischen Ludwig und dem Heiligen Stuhl zustande kam. Stattdessen verhängte Clemens VI. am 13. April 1346 erneut den Bann über den Bayern, der sich nun auch auf dessen Nachkommen erstreckte. Außerdem suchte der Papst den Markgrafen Karl von Mähren als neuen römisch-deutschen König durchzusetzen.[4] Antritt der Herrschaft über Hennegau, Holland, Zeeland und Friesland Nachdem Margarethes Bruder, Graf Wilhelm IV. von Holland und Zeeland (bzw. Wilhelm II. von Hennegau), am 26. September 1345 in einer bei Stavoren ausgefochtenen Schlacht gegen aufständische Friesen gefallen war und keinen legitimen Nachwuchs hinterlassen hatte, besaßen seine vier Schwestern Anspruch auf sein Erbe. Die beiden jüngsten Schwestern, Johanna, Gemahlin des Markgrafen Wilhelm I. von Jülich, und Isabella, Gemahlin von Robert de Namur, machten aber anscheinend zunächst ihre Ansprüche nicht geltend. Eduard III. jedoch traf schon im Oktober 1345 Vorbereitungen, Zeeland und dessen Nachbarregionen aus dem Erbe seiner Gattin Philippa besetzen zu lassen. Auch Ludwig der Bayer säumte nicht, für die Erbrechte seiner Frau einzutreten. Als oberster Lehnsherr belehnte er Margarethe am 15. Januar 1346 in Nürnberg mit Holland, Zeeland und Friesland, und im Gegenzug schwor die Kaiserin ihrem Gatten als Lehnsherrn die Treue. Damit Margarethe ihrem gefallenen Bruder auch leichter im Hennegau, einem Lehen des Lütticher Bischofs, nachfolgen konnte, erklärte der Kaiser, diese Grafschaft nicht von Margarethes Reichslehen trennen zu wollen. Tatsächlich erkannten daraufhin viele tonangebende Persönlichkeiten von Hennegau, Holland, Zeeland und Friesland die Kaiserin als ihre Fürstin an, womit Margarethes eigentliche politische Karriere begann. In einem Memorandum vom 3. Februar 1346 waren die Gründe aufgelistet, die für Margarethe als Landesherrin sprachen. Vor allem hatten die Bewohner der drei Grafschaften Angst, dass sie für die hohen Schulden des gefallenen Grafen aufkommen müssten. Die Verfasser des Memorandums hofften, dass Margarethe hier helfend eingreifen würde. Außerdem beurteilten sie die Kaiserin als starke Schutzherrin, die für ihre Rechte eintreten werde und baten sie, sich schnell in ihre Grafschaften zu begeben, in denen Zwist zwischen Adligen und einflussreichen Bürgern der Städte bestehe, in die Eduard III. einmarschieren könne und auf die auch ein Angriff des Bischofs von Utrecht, Johann IV. von Arkel, zu befürchten sei. Für die alleinige Nachfolge Margarethes in den Ländern des gefallenen Wilhelm IV. trat auch ihr Onkel Johann von Hennegau, Herr von Beaumont und wahrscheinlich auch ihre Mutter Jeanne ein. Zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn Albrecht und zahlreichem Gefolge zog Margarethe über Lothringen, wo sie von dem dortigen Herzogspaar begleitet wurde, und Brabant in den Hennegau. Dort legte sie in Mons am 14. März 1346 vor den Ständen den Eid ab, die Freiheiten der Stadt zu achten und für die Aufrechterhaltung der Einheit von Hennegau, Holland und Zeeland sorgen zu wollen. Neun Tage später trat sie in ungefähr der gleichen Weise in Valenciennes auf. Beide Mal stand ihr u. a. ihr Onkel Johann von Beaumont zur Seite. Danach reiste sie nach Holland und Zeeland, ließ sich von den dortigen Ständen huldigen und bestätigte deren Privilegien. Auf ihrer dabei eingeschlagenen Reiseroute kam sie am 18. April nach Middelburg, am 30. April nach Dordrecht, am 10. Mai nach Den Haag, am 4. Juni nach Leiden, am 5. Juni nach Haarlem, am 15. Juni nach Aelbrechtsberge und am 1. August nach Geertruidenberg, ehe sie am 24. September 1346 wieder nach Mons zurückkehrte. In ihren nunmehrigen Urkunden führte sie nicht nur den Titel einer Kaiserin, sondern auch jenen einer Gräfin von Hennegau, Holland und Seeland sowie Herrin von Friesland. Zwar sind die Nachrichten über die damaligen Vorgänge im Hennegau und in Holland spärlich, doch deuten sie auf eine Periode innerer Unruhen hin. Beispielsweise kam es am 21. März 1346 in Valenciennes zu einem Tumult wegen der Erhebung außerordentlicher Steuern, und die Aufrührer versuchten den Eingang des Belfrieds einzuschlagen; indessen konnten die Adligen und Bürger die Ruhe wiederherstellen. Vierzig am Aufruhr beteiligte Personen wurde verhaftet und sechzehn von ihnen enthauptet. Der Adel und die Geistlichkeit des Hennegaus wandten sich an die erst kürzlich angekommene Kaiserin und verlangten von ihr, dass einige von ihnen als Missstände betrachtete Dinge abgestellt würden. Zu diesen gehörte die Aufnahme von Leibeigenen in die Bürgerschaft sowie der Umstand, dass es Bürger gab, welche die von den Grafen bevorzugten Städten bewilligten Privilegien besaßen, aber außerhalb dieser Städte lebten. Am 3. Juni 1346 erhielten die zwölf Delegierten des Adels und Klerus die Zustimmung zu ihren Forderungen, dass Bürger von mit Freiheiten ausgestatteten Städten dort auch dauerhaft wohnen müssten und dass ein Herr jederzeit über seine Leibeigenen verfügen können solle. Die Aristokratie des Hennegaus wünschte also eine Beschränkung der Bedeutung der Städte und die Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft. Dagegen verlieh die Kaiserin bei ihrem Aufenthalt in Holland insbesondere den von ihr dabei durchreisten Städten zahlreiche Privilegien. Auch den Bewohnern mehrerer Distrikte wie Südholland und Kennemerland gewährte sie bedeutende Vorrechte. Allerdings war im letzteren Fall etwa die Pflicht für Bürger, dass sie in den Städten, deren Freiheiten sie sich erfreuen wollten, auch zu residieren hatten, nicht nach dem Geschmack der Betroffenen. Margarethe sagte auch zu, dass sie die Bewohner von Amsterdam, Oudewater und Woerden niemals von der Grafschaft Holland separieren werde. Am 7. September 1346 ordnete Ludwig der Bayer an, dass Margarethes zweiter Sohn Wilhelm seiner Mutter im Fall von deren Ableben nachfolgen solle, und dass nach Wilhelm, falls er kinderlos stürbe, Margarethes dritter Sohn Albrecht an die Reihe käme. Dafür verzichtete Ludwig der Römer als ältester Sohn Margarethes auf das niederländische Erbe. Außerdem versicherte der Kaiser, dass er nicht selbst in den Reichslehen seiner Gattin regieren wolle; Margarethe käme dort die alleinige Herrschaft zu. Dies war auch die nach einer Intervention des französischen Königs beim Papst zugunsten des Kaisers von Clemens VI. aufgestellte Bedingung gewesen, kein Interdikt über Margarethes Länder zu verhängen. Eduard III. hatte sich inzwischen weiterhin bemüht, seiner Gattin Philippa einen Teil der von ihrem gefallenen Bruder hinterlassenen Territorien zu sichern. Nach seinem am 26. August 1346 errungenen entscheidenden Sieg über den französischen König in der Schlacht bei Crécy hatte er aber auf die ihm leicht mögliche Besetzung des Hennegaus verzichtet und anscheinend seine Gattin beauftragt, mit ihrer Schwester ein ausgleichendes Gespräch zu führen. Philippa und Margarethe trafen sich im Oktober 1346 in Ypern und die Kaiserin sagte zu, bei ihrem Ehemann für eine Wiederinkraftsetzung seines früheren Bündnisses mit dem englischen König zu werben. Philippa versprach offenbar, ihre Erbansprüche einstweilen nicht kriegerisch durchsetzen zu wollen. Im folgenden November begab sich Margarethe zur Beratung über die Lage nach Frankfurt, und mit ihr seien laut Matthias von Neuenburg auch englische Delegierte zwecks Bündnisverhandlungen mit dem Kaiser gekommen, die aber zu nichts führten. In Mons ließ die Kaiserin ihrem Onkel Johann von Hennegau, Herrn von Beaumont, als Gouverneur zurück, während sie Holland, Zeeland und Friesland ihrem erst 16-jährigen Sohn Wilhelm anvertraute, der dort in ihrer Abwesenheit als ihr Stellvertreter fungieren sollte. Wilhelm versprach seiner Mutter aus den Einkünften dieser Länder eine jährliche Rente von 10.000 Goldgulden zu zahlen (13. November 1346). Ihrem kleinen Sohn Otto hatte Mathilde bereits mit der Anwartschaft auf die Burggrafschaft Seeland mit der Herrschaft Voorne bedacht, aus der sie nach dem Tod von Mechtild, Herrin von Voorne († 1372), Einnahmen von 4000 Pfund Tournosen lukrieren würde.[5] Witwenzeit Nach dem plötzlichen Tod Ludwigs des Bayern (11. Oktober 1347) versprachen dessen Nachkommen dem englischen König Eduard III., ihn bei der Wahl zum römisch-deutschen König zu unterstützen, wofür dieser wohl Margarethes Herrschaft über ihre ererbten Länder anerkennen sollte. Doch nun konnte sich der Markgraf Karl von Mähren, der bereits am 26. November 1346 in Bonn als Karl IV. zum Gegenkönig zu Ludwig dem Bayern gekrönt worden war, im Machtkampf um die Herrschaft im Heiligen Römischen Reich durchsetzen, indem er Margarethes Schwager Wilhelm von Jülich am 16. Januar 1348 ein Viertel des niederländischen Erbes des gefallenen Grafen Wilhelm IV. zugestand und im folgenden Juni ein Bündnis mit Eduard III. ratifizierte. Letzterer verzichtete auf seine Wahl zum römisch-deutschen König, wollte aber auch weiterhin die Erbrechte seiner Gemahlin Philippa nicht gewaltsam durchsetzen. Der durch die Belehnung Wilhelms von Jülich durch König Karl IV. begonnene Zwist um das niederländische Erbe blieb ebenfalls nahezu folgenlos. Inzwischen hatte Margarethe ihrem Sohn Wilhelm am 5. Januar 1348 die Regierung der Grafschaften Holland und Zeeland sowie der Herrschaft Friesland übergeben und die Anwartschaft Ottos auf die Burggrafschaft Seeland mit der Herrschaft Voorne bestätigt. Sie selbst wollte nur noch die direkte Regierung im Hennegau ausüben, wo sie dann auch einvernehmlich mit den wichtigsten Adligen bis zu ihrem Lebensende in Ruhe herrschte. Während sich der Hennegauer Adel und insbesondere Margarethes Onkel Johann, Herr von Beaumont, Frankreich anschlossen, waren die Bürger der Grafschaft nicht bereit, ihre freundschaftlichen Beziehungen mit Brabant und Flandern aufzugeben. Dies war ihnen auf die Bitte der Städte Valenciennes, Mons, Binche und Maubeuge auch von Margarethe am 17. Juni 1347 genehmigt worden. Die Allianz wurde auf einem in Ath abgehaltenen Parlement erneuert, an dem nach dem Zeugnis des zeitgenössischen Chronisten Gilles Li Muisis auch englische Gesandte teilnahmen.[6] Krieg zwischen Margarethe und ihrem Sohn Wilhelm Wilhelm musste in den ihm unterstellten Gebieten gegen aufständische Untertanen und den Bischof von Utrecht kämpfen, mit dem er einen Waffenstillstand schloss. Anfang 1350 kam es zu einem tiefgreifenden und anhaltenden Zwist zwischen ihm und seiner Mutter, da die von Margarethe beanspruchten Einkünfte aus den von ihrem Sohn regierten Territorien nicht in dem von ihr gewünschten Ausmaß eintrafen. Daher verbündete sich Wilhelm am 25. Mai 1350 mit der gegen die Politik der Kaiserwitwe eingestellten Partei der Kabeljauwen, deren Basis zahlreiche Städte wie Dordrecht, Delft, Leiden, Haarlem, Amsterdam, Alkmaar, Rotterdam und Vlaardingen bildeten. Angeführt wurden die Kabeljauwen von einigen Adligen wie Jan IV. van Arkel, Jan I. van Egmond und Gerard III. van Heemskerk. Die Gegenpartei der Hoeken (Angelhaken), zu der zahlreiche Adlige wie Willem van Duivenvoorde, Jan II. van Polanen und Dirk III. van Brederode gehörten, unterstützte hingegen Margarethe. Wegen des Bündnisses ihres Sohns mit den Kabeljauwen verlangte Margarethe am 27. Mai 1350, wieder selbst die Regierung über Holland und Zeeland zu übernehmen. Wilhelm gab scheinbar nach; er verzichtete am 27. September 1350 auf einer Ständeversammlung in Geertruidenberg auf die Herrschaft über die ihm übertragenen Lehen und entband seine Anhänger von dem ihm geschworenen Eid. Stattdessen begnügte er sich damit, der Erbe der von Margarethe verwalteten Länder zu sein. Doch offenbar kam er seiner Zusage nicht nach, woraufhin es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Margarethes Gefolgsleuten und der Partei ihres Sohns kam. Damit begann der Haken-und-Kabeljau-Krieg, der einige Zeit nach der Einigung zwischen Margarethe und Wilhelm (1354) wieder ausbrach und sich bis 1490 hinziehen sollte. Zwar bot Margarethe ihrem Sohn zunächst zur Vermeidung der Fortführung des Konflikts am 20. Januar 1351 an, ihm die Verwaltung Zeelands gegen eine jährliche Zahlung von 2000 Gulden zu überlassen, doch führte diese Konzession zu keiner Einigung. Mangels Quellenangaben lässt sich nicht feststellen, wie sich das persönliche Verhältnis zwischen der Kaiserwitwe und ihrem Sohn infolge des politischen Zwists entwickelte. Laut dem Chronisten Johann von Beke sei Margarethe äußerst wütend gewesen. Wilhelm habe ihr hingegen anderen Gewährsmännern zufolge weiterhin Achtung entgegengebracht. Als er von der vermeintlichen Bemerkung seiner Mutter erfahren habe, dass sie ihn zerstückeln ließe, wenn sie seiner habhaft würde, soll er gelobt haben, im umgekehrten Fall ein ganz anderes Benehmen an den Tag zu legen und sie geziemend zu behandeln. Wohl auch unter dem Eindruck des Konflikts mit ihrem zweiten Sohn suchte Margarethe in der ersten Hälfte des Jahres 1351 die Aussöhnung mit dem Papst. Dazu musste sie zuerst nicht nur dem prestigeträchtigen, von ihr in Urkunden bis Ende 1350 verwendeten Titel einer römisch-deutschen Kaiserin entsagen, sondern auch jenem einer römisch-deutschen Königin, obwohl sie nie zu einer solchen gekrönt worden war. Clemens VI. verlangte nämlich die Anerkennung des Rechts, dass ein gewählter römisch-deutscher König erst vom Papst bestätigt werden müsse. Margarethe gab am 30. Juli 1351 in Valenciennes die von Clemens VI. geforderte Erklärung ab, beteuerte auch, der katholischen Kirche stets die Treue halten zu wollen und erreichte im Gegenzug die Aufhebung ihrer Exkommunikation. Der Bischof von Tournai, Margarethes Mutter Jeanne von Valois, Äbtissin von Fontenelle, Walram von Luxemburg, Herr von Ligny, und andere Persönlichkeiten wohnten dieser Zeremonie bei. Im Kampf gegen Wilhelm hatte Margarethe inzwischen von ihrem ältesten Sohn, Ludwig dem Römer, Unterstützung erhalten. Sie konnte ferner die meisten Adligen Zeelands für sich gewinnen und bestätigte den Bürgern Dordrechts, um sie auf ihre Seite zu ziehen, am 17. März 1351 das Stapelrecht. Anfangs stand auch König Eduard III. auf ihrer Seite. Zur Beruhigung des französischen Königs Johann II. erklärte sie aber am 6. Mai 1351, dass sie kein gegen ihn gerichtetes Bündnis mit England geschlossen habe. Zwar gewann die Flotte der Hoeken mit englischer Unterstützung am 10. Juni 1351 eine kleine Seeschlacht bei Veere gegen Wilhelms Anhänger, doch errangen dann die Kabeljauwen am 4. Juli 1351 bei einem Seegefecht vor der Küste bei ’s-Gravenzande einen entscheidenden Sieg über die Hoeken und deren englische und hennegauische Hilfstruppen. Der Anführer der englischen Verstärkungen fand dabei den Tod, und ebenso erging es mehreren Adligen der Partei Margarethes wie u. a. Constijn van Renesse, während andere wie Dirk III van Brederode in Gefangenschaft gerieten. Innerhalb eines Jahres nahm Wilhelm im Bund mit den Kabeljauwen auch 17 feste Plätze seiner Gegner ein oder nötigte sie zur Kapitulation. Im September 1351 begab sich Margarethe nach London, um Eduard III. um neue Unterstützung gegen ihren Sohn zu ersuchen. Der englische König wollte in dem Konflikt angeblich als Vermittler wirken und ordnete am 6. November 1351 an, dass drei in der Grafschaft Holland gelegene feste Plätze, die noch von den Hoeken gehalten wurden, nicht länger belagert werden sollten, sondern seinen beiden Vertrauten William Stury und William Burton zu übergeben seien. Doch offenbar hatte Eduard III. damals schon die Seiten gewechselt und suchte Margarethes Sohn Wilhelm durch dessen 1352 erfolgte Verheiratung mit Maud of Lancaster an sich zu binden. Somit war Margarethe nun endgültig im Kampf gegen ihren Sohn unterlegen. Über 500 bedeutenden Adligen von der Partei der Hoeken blieb nur die Möglichkeit, sich ins Exil in Nachbarländer zu begeben. Die Kontroverse zwischen Margarethe und Wilhelm wurde erst durch die Vermittlungsbemühungen ihres Onkels Johann von Hennegau und ihres Vetters Walram von Luxemburg, Herr von Ligny, offiziell beendet. Am 7. Dezember 1354 versammelten sich in Mons außer Mutter und Sohn mehrere Geistliche und Adlige aus dem Hennegau sowie den Seegrafschafen, woraufhin die Versöhnung zwischen den beiden Konfliktparteien beglaubigt wurde. Margarethe war verpflichtet, Wilhelm zu verzeihen, doch musste der Sohn erst um diesen Gunsterweis nachsuchen. Ferner akzeptierte Margarethe die souveräne Herrschaft ihres Sohns über Holland, Zeeland und Friesland, wofür Wilhelm Margarethes Besitz des Hennegaus anerkannte und auch zusagte, seiner Mutter eine einmalige Abfindung von 40.000 Gulden und eine jährliche Rente von 7000 Gulden zu zahlen. Nach dem Ableben Margarethes sollte er im Hennegau ihre Nachfolge antreten.[7] Letzte Jahre und Tod Ihre letzten Lebensjahre residierte Margarethe fast ausschließlich im Hennegau. Im Mai 1354 bekannte sie sich gegen die Zahlung einer Rente von 3700 Pfund Tournosen als Vasallin Frankreichs. Unter Verweis auf den Allgemeinzustand des Landes und insbesondere auf die durch Änderungen in der Währung hervorgerufenen Unruhen führte Margarethe mit einer Ordonnanz vom 7. Juli 1354 Höchsttarife für die Zahlung von Löhnen sowie den Kauf und Verkauf verschiedenster Waren ein. Es wurde u. a. der Tagessatz für einen Maurermeister auf 3 Sous und für einen Handwerker auf 15 Heller festgesetzt. Außerdem gab es nun zahlreiche genaue Bekleidungsvorschriften für Dienstleute. Am 1. März 1355 erreichte der Abt des Augustinerklosters St. Johann in Valenciennes, dass der Papst Margarethe zugestand, nicht mehr die vorgeschriebenen Fastengebote befolgen zu müssen, weil sie dafür nach Ansicht ihrer Ärzte bereits gesundheitlich zu angeschlagen war. Danach trat sie wohl nur noch sehr selten selbst in Erscheinung, sondern ließ politische Angelegenheiten durch ihre Amtsträger erledigen. Es gab etwa Konflikte mit benachbarten Fürsten; so erneuerte König Johann II. von Frankreich einen anhaltenden Zwist um das Recht auf Ostrevant, und es brach auch ein Grenzstreit mit dem Bischof von Lüttich aus. Ferner bestand ein Konflikt mit dem Grafen von Flandern um den Besitz von Lessines und Flobecq. Bevor Margarethe ihr 50. Lebensjahr erreichte, starb sie am 23. Juni 1356 in Quesnoy. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in der Minoritenkirche zu Valenciennes, wo auch ihr Vater Wilhelm begraben lag. Ihr Sohn Wilhelm folgte ihr als Graf des Hennegaus, verfiel aber bereits Ende 1357 in eine bis zu seinem Tod 1389 andauernde Geisteskrankheit. In den 1430er Jahren kamen Hennegau, Holland, Zeeland und Friesland in den Besitz des burgundischen Herzogs Philipp des Guten, womit die Herrschaft der Wittelsbacher in den Niederlanden endete. Die burgundisch geprägten Geschichtsschreiber des 15. Jahrhunderts interessierten sich nicht sonderlich für das Leben Margarethes, deren Grabmal anscheinend schon vor dem Ende des 18. Jahrhunderts zerstört war. Ihren Epitaph überlieferte aber Simon Le Boucqu in seiner Histoire ecclésiastique de Valenciennes.[8] Nachkommen Margarethe hatte mit Ludwig dem Bayern zehn Kinder.[9] Margarete (1325–nach 1358) ⚭ 1351 Stephan von Kroatien, Dalmatien und Slawonien (1332–1354), Sohn König Karl II. Robert von Ungarn aus dem Hause Anjou ⚭ 1358 Gerlach von Hohenlohe († 1387) Anna (1326–1361) ⚭ 1339 Johann I. von Niederbayern (1329–1340) Ludwig VI. der Römer (1328–1364/1365), Herzog von Oberbayern und Kurfürst von Brandenburg ⚭ 1345 Kunigunde von Polen (1334–1357) ⚭ 1360 Ingeburg von Mecklenburg (1340–1395) Elisabeth (1329–1402), Herrin von Verona und später Gräfin von Württemberg ⚭ 1350 Cangrande II. von Verona aus dem Hause della Scala (1332–1359, ermordet) ⚭ 1362 Ulrich von Württemberg (1342–1388, gefallen) Wilhelm I. (1330–1389[10]), Herzog von Niederbayern-Straubing, als Wilhelm V. auch Graf von Holland sowie als Wilhelm III. Graf von Hennegau ⚭ 1352 Maud of Lancaster (1339–1362) Albrecht I. (1336–1404), Herzog von Niederbayern-Straubing und Graf von Holland und Hennegau ⚭ 1353 Margarete zu Brieg und Schlesien (1336–1386) ⚭ 1394 Margarete von Kleve und der Mark (1375–1412) Beatrix (1344–1359) ⚭ 1356 Erik XII. von Schweden (1339–1359) Agnes (1345–1352) Otto V. (1346[11]–1379), Kurfürst von Brandenburg ⚭ 1366 Katharina von Luxemburg (1342–1395),[12] Tochter Kaiser Karls IV. Ludwig (1347–1348) Literatur Laetitia Boehm: Das Haus Wittelsbach in den Niederlanden. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. Band 44, 1981, S. 93–130, insbesondere 111–115 (online). Stefanie Dick: Margarete von Hennegau. In: Amalie Fößel (Hrsg.): Die Kaiserinnen des Mittelalters. Pustet, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7917-2360-0, S. 249–270. Alfons Huber, Johannes Prammer (Hrsg.): 650 Jahre Herzogtum Niederbayern-Straubing-Holland. Vortragsreihe des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung. Historischer Verein für Straubing und Umgebung, Straubing 2005, ISBN 3-00-014600-8, S. 7–39. Dorit-Maria Krenn, Joachim Wild: „fürste in der ferne“. Das Herzogtum Niederbayern-Straubing-Holland 1353–1425 (= Hefte zur bayerischen Geschichte und Kultur. Band 28). Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2003, ISBN 3-927233-86-2. Heinz Thomas: Margarethe von Holland-Hennegau. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 16. Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. 154–155 (deutsche-biographie.de). Heinz Thomas: Kaiserin Margarete. In: Karl Rudolf Schnith (Hrsg.): Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Styria, Graz u. a. 1997, ISBN 3-222-12467-1, S. 269–298. Joachim Wild: Holland. Die Wittelsbacher an der Nordsee (1346–1436). In: Alois Schmid, Katharina Weigand (Hrsg.): Bayern mitten in Europa. Vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52898-8, S. 92–106. | (HOLLAND), Margarethe I. (I61240)
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| 3790 | Leben Adalrich wurde als ältester Sohn des Attoarierherzogs Amalgar und seiner Frau Aquilina, der Tochter von Waldelenus, dem Dux von Transjuranien geboren. Sein jüngerer Bruder Waldelenus war Abt des Klosters Saint-Pierre in Bèze und seine Schwester Adalsind Äbtissin im Frauenkloster Saint-Martin in Brégille, heute ein Stadtteil von Besançon. Nach dem Tod seines Vaters Amalgar im Jahr 643 folgte Adalrich diesem als Herzog des Pagus Attoriensis nach. Zwar wird er in den Aufzeichnungen des Klosters Bèze, dem Chronicon Besuense erst für das Jahr 658 als Dux erwähnt, jedoch ist davon auszugehen, dass der Übergang der Herzogswürde nach dem Tode Amalgars ohne zeitliche Unterbrechung auf den Sohn erfolgte. Adalrich war bemüht, die umfangreichen Schenkungen seiner Eltern an die Abtei Saint-Martin in Brégille wieder einzuschränken und den Landbesitz in das Eigentum der Herzogsfamilie zurückzuführen. Dieses Unterfangen stieß auf erheblichen Widerstand bei dem um Besançon ansässigen Adel, wahrscheinlich auch beim Dux von Transjuranien, Chramnelenus, seinem Onkel. Nachdem seine Schwester, Äbtissin Adalsind, den Besitz der Abtei in den Jahren 657/658 an das Kloster Bèze übertragen hatte, kam es zwischen den gegnerischen Parteien zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um die klösterlichen Besitztümer – schließlich wurden Adalsind und ihre Nonnen aus der Abtei in Brégille vertrieben und mussten diese aufgeben. Aufnahme fand der Nonnenkonvent im Kloster Saint-Pierre in Bèze, das von Adalsinds Bruder Waldelenus geleitet und fortan als Doppelkloster von ihm geführt wurde. Die Besitzstreitigkeiten zwischen den burgundischen Adelssippen setzten sich in den folgenden Jahren fort und eskalierten schließlich im Jahr 663, als König Chlothar III., wohl auf Betreiben der transjuranischen Partei, Adalrich als Dux des Pagus Attoriensis absetzte und die Herzogswürde auf den Burgunden Sichelm übergehen ließ. Da Adalrich ab 663 nicht mehr in den merowingischen Quellen Erwähnung findet und aus der burgundischen Geschichte verschwindet, geht die Forschung gemeinhin davon aus, dass Adalrich noch im selben Jahr verstarb. Nachkommen Mehrfach urkundlich bezeugt ist ein gleichnamiger Sohn Adalrich, der dem von Chlotar III. eingesetzten Sichelm als Herzog nachfolgte und später unter dem Namen Eticho, als Herzog im Elsass, Vater der heiligen Odilia und Stammvater des Adelsgeschlechts der Etichonen, auf den spätere Dynastien, zum Beispiel die Habsburger, ihren Ursprung zurückführen, bekannt wurde. | ..., Aldarich (I36620)
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| 3791 | Leben Adélaïde war die einzige Tochter des Grafen Raimund V. von Toulouse und dessen Frau Konstanze von Frankreich, einer Schwester des französischen Königs Ludwig VII. Geboren wurde sie auf der Burg von Burlats im heutigen Département Tarn, was der Grund für ihren okzitanischen Namen Contessa de Burlatz ist, der ihr vom Troubadour Arnaut de Mareuil gegeben wurde. 1171 verheiratete sie ihr Vater mit Roger II. Trencavel, Graf von Béziers und Carcassonne, um einen Friedensschluss zwischen sich und Roger II. zu besiegeln. Die Heirat sollte für eine Befriedung der benachbarten Herrschaftsgebiete der Familien Saint-Gilles mit Sitz in Toulouse und der Trencavel mit Sitz in Carcassonne sorgen. Aus der Verbindung ging der Sohn Raimund-Roger hervor, der 1185 geboren wurde und 1209 beim Ende einer Belagerung von Carcassonne starb. Adélaïdes Mann unterstützte die Albigenser, so dass Papst Alexander III. 1178 Truppen schickte, um Roger II. gefangen zu nehmen und ihn zu exkommunizieren. Adélaïde flüchtete ob dieser Bedrohung nach Castres. Als der Kardinal Henri die beiden Albigenserführer Raymond de Baimiac und Bernard Raymundi verfolgte und sich diese in die Burg von Lavaur zurückzogen, begab sich Adélaïde 1181[1] auch dorthin, um sie zu unterstützen. Ihre Mannen leisteten den Kardinalstruppen lange Zeit Widerstand, doch letztendlich mussten sich die Belagerten ergeben. Roger II. Trencavel starb im März 1194, ohne seine Frau zuvor als Vormund für den gemeinsamen Sohn bestimmt zu haben. Stattdessen hatte er testamentarisch verfügt, dass Bertrand de Saissac und Raimund von Toulouse die Vormundschaft für seinen Sohn übernehmen sollten. Adélaïde zog sich daraufhin resigniert auf ihre Burg Burlats zurück. Diese entwickelte sich unter ihrer Herrschaft zu einem Treffpunkt von bekannten und einflussreichen Dichtern und Troubadouren ihrer Zeit. Viele von ihnen verewigten Adélaïde in ihren Werken. Unter ihnen findet sich der provencalische Dichter Arnaut de Mareuil, der wohl in Adélaïde verliebt war und dabei in direkter Konkurrenz zu König Alfons II. von Aragon stand, der sich Hoffnungen auf die Hand Adélaïdes machte. Adélaïde starb am 20. Dezember 1200[2] und wurde an der Seite ihres Ehemanns im Kloster von Cassan bestattet. | (TOULOUSE), Adélaïde (I61509)
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| 3792 | Leben Adelheid wurde als Tochter des sächsischen Pfalzgrafen Friedrich II. von Sommerschenburg und dessen Gemahlin Luitgard, geborene von Stade, geboren. Ihr Bruder war Adalbert († 1179), der letzte Pfalzgraf aus dieser Familie. Nach Annullierung der elterlichen Ehe (wegen zu naher Verwandtschaft) im Jahr 1144[1] wurde sie von ihrer Großmutter der Gräfin Richardis von Stade, geborene von Sponheim-Freckleben, in die Obhut der heiligen Hildegard von Bingen in das Kloster Disibodenberg gegeben. Gemeinsam mit dieser ging sie im Jahr 1151 in das neu gegründete Kloster Rupertsberg auf dem Rupertsberg bei Bingen.[2][1] Mit Zustimmung Hildegards von Bingen wurde Adelheid im Jahr 1152 oder 1153 zur Äbtissin von Gandersheim gewählt und durch Bischof Bernhard von Paderborn wurde die Benediktion erteilt.[1] Diese Einsetzung erfolgte, nachdem ihr Vater Friedrich II. durch den König Friedrich I., Barbarossa zum Hochvogt des Reichsstiftes Gandersheim ernannt worden war. Im Jahr 1160/61 wurde ihr zusätzlich das Abbatiat für das Stift in Quedlinburg übertragen. Dort verbrachte sie von nun an den Großteil ihrer Zeit. Das Stift in Gandersheim, das bereits dreimal abgebrannt war, ließ sie 1168 neu errichten und nahm die Weihe für die dortige Stiftskirche vor. Bis zum Jahr 1167 stand sie mit Hildegard von Bingen weiterhin im Briefwechsel. Erhalten sind auch Siegel und Münzen von Adelheid, die 1184 ihre letzte Ruhestätte in Quedlinburg fand.[2] Literatur | VON SOMMERSCHENBURG, Adelheid III. (I61586)
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| 3793 | Leben Adolf Baeyer war ein Sohn des Offiziers und Geodäten Johann Jacob Baeyer und der Eugenie Hitzig, Tochter des Verlegers und Schriftstellers Julius Eduard Hitzig.[1] Paten waren der Schriftsteller Adelbert von Chamisso[2] und der Astronom Friedrich Wilhelm Bessel[3]. Nach Besuch des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums in Berlin studierte er zunächst an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Mathematik und Physik, dann Chemie bei Robert Bunsen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.[4] Er promovierte 1858 bei August Kekulé mit einer Dissertation De arsenici cum methylo conjunctionibus (Über Methylarsin-Verbindungen).[5] 1859 wurde er Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, folgte für seine weiteren Forschungen aber Kekulé nach Gent.[6] 1860 habilitierte sich Baeyer in Berlin und nahm eine Lehrtätigkeit für Organische Chemie am Gewerbeinstitut in Berlin an.[7][8] 1866 wurde er außerordentlicher Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Wintersemester 1877/78 an der Universität München 1867 gehörte er zu den Gründern der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu Berlin, die als Mitteilungsblatt die Fachzeitschrift „Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft“ zu Berlin[9] veröffentlichten. Mit sehr geringem Vorsprung gewann A. W. Hofmann die Wahl zum ersten Vorstand 1868 vor Baeyer. In den Jahren 1871, 1881, 1893 und 1903 wurde er dagegen mit Mehrheit zu deren Vorstand gewählt. Ab 1872 war er Professor für Chemie an der Universität Straßburg, ab 1875 in München als Nachfolger von Justus von Liebig, wo nach seinen Vorgaben ein neues Laboratorium gebaut wurde. Von 1887 bis 1917 war er, wie zuvor auch Justus von Liebig (dieser zwischen 1852 und 1873) Mitglied der Zwanglosen Gesellschaft München.[10] Zwischen 1870 und 1900 kam es in der Gesellschaft Deutscher Chemiker zu Diskussionen über Art und Inhalte des Chemiestudiums. Die chemische Industrie wünschte vereinheitlichte Lern- und Prüfungsordnungen in Deutschland. Die Inhalte des Chemiestudiums sollten stärker die Bedürfnisse der chemischen Industrie berücksichtigen. Dagegen trat Adolf von Baeyer neben Wilhelm Ostwald und A. W. Hofmann für eine hochschulinterne Prüfung und eine zweckfreie Forschung ein. Von Baeyer glaubte, dass Wissenschaft nur in Unabhängigkeit von äußeren, wirtschaftlichen Einflüssen gedeihen könnte.[11] Von Baeyer war seit 1868 mit Adelheid (genannt Lida) Bendemann (1847–1910) verheiratet,[12] mit der er drei Kinder hatte: Eugenie (1869–1952) heiratete den Chemiker Oskar Piloty, einen Schüler von Baeyers; Hans (1875–1941) wurde Orthopäde und Otto (1877–1946) Physiker. Von Baeyer starb 1917 in Starnberg und wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beerdigt.[13][14] Wissenschaftliches Werk Um 1860 erhielt Baeyer von Adolf Schlieper Präparate der Pseudoharnsäure, Harnsäure und Alloxan. Baeyer synthetisierte eine Reihe von verschiedenen Alloxanderivaten und konnte deren Konstitution bestimmen.[15] 1864 entdeckte Baeyer die Barbitursäure, die er chemisch bestimmte. Adolph Strecker hatte basierend auf Baeyers Ausarbeitungen in seinem Lehrbuch (5. Auflage) im Jahr 1868 die Strukturen von Alloxan, Barbitursäure, Hydantoin angegeben. Bisher waren diese Verbindungen nur durch Abbaureaktionen hergestellt worden, Baeyer synthetisierte das Hydantoin aus Harnstoff. Eduard Grimaux entwickelte dann weiterführende Synthesen für Allantoin und Barbitursäure. Im Jahr 1867[16] hatte Adolf Baeyer Acetylcholin synthetisch dargestellt. Indigo-Synthese aus o-Nitrobenzaldehyd und Aceton Zu Beginn seiner Synthesen zum Indigo erkannte Baeyer die Ähnlichkeit des Isatins zu Alloxan. Aus Oxyindol erhielt er durch Reduktion mit Zinkstaub das Indol. Mit Emmerling entwickelte Baeyer nun eine Synthese des Indols aus Nitrozimtsäure mit Kaliumhydroxid und Eisenspänen.[17] Baeyer veröffentlichte einen ersten Strukturvorschlag für Isatin, das Oxidationsprodukt des Indigos, der danach jedoch von Kekulé korrigiert wurde.[18] Im Jahr 1878 erhielten Baeyer und Adolph Emmerling durch Reduktion von o-Nitrophenylessigsäure über eine Oxyindol-Zwischenstufe das Isatin.[19] Noch war dieses Verfahren aufgrund der Nebenreaktionen nicht günstig. Eine verbesserte Synthese von Indigo wurde etwas später von Baeyer ausgehend von o-Nitropropiolsäure durchgeführt.[20] Dieses Verfahren ließ er patentieren[21] und trat das Patent an die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) zur industriellen Herstellung ab. Die Herstellungskosten waren aber im Vergleich zum Naturfarbstoff zu hoch, so dass dieser Syntheseweg wieder aufgegeben werden musste. Später entwickelten Baeyer und Viggo Beutner Drewsen noch eine industriell unbedeutende Indigo-Synthese aus Nitrobenzaldehyd.[22] Erst im Jahr 1900 entwickelte Karl Heumann eine wirtschaftliche Indigosynthese.[23] Im Jahr 1883 gelang Baeyer die korrekte Strukturaufklärung für das Indigo.[24] Alizarin Ein weiterer wirtschaftlich wichtiger Naturfarbstoff war damals das Alizarin, den Baeyers Assistenten Carl Graebe und Liebermann mit Zinkstaub zu Anthracen reduzierten. Sie entwickelten nun eine neue Anthrachinonsynthese aus Anthracen mit Kaliumdichromat und Schwefelsäure. Durch Behandlung des Anthrachinons mit Brom bei 100 °C und anschließender Behandlung mit Kaliumhydroxid konnte das Alizarin auch synthetisch dargestellt werden. Baeyer und Caro klärten die Stellung der Hydroxygruppen im Alizarin auf.[25] Phenolphthalein Baeyer entdeckte auch die Gruppe der Triphenylmethanfarbstoffe. Durch das Erhitzen von Phthalsäureanhydrid mit Phenol entstand das Phenolphthalein, dessen Struktur er aufklärte.[26] Mit Resorcin erhielt er das Fluorescein,[27] dessen Tetrabromderivat Eosin Heinrich Caro bei der BASF in den Handel brachte. 1872 beschrieb er erstmals die Polykondensation von Phenol und Formaldehyd (Phenoplast).[28] Mit seinem Mitarbeiter Victor Villiger untersuchte von Baeyer die Konstitution der Terpene. Weitere Leistungen waren die Baeyer-Diarylmethan-Synthese, die Baeyer-Oxindol-Synthese sowie die Baeyer-Pyridinsynthese. Adolf von Baeyer stellte das Reagenzglas als das wichtigste Werkzeug für Chemiker heraus. Mitgliedschaften und Ehrungen Offizielles Nobelpreisfoto (1905) Adolf von Baeyer wurde in die Bayerische Akademie der Wissenschaften (1877),[29] die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (1879),[30] die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (1884),[31] die American Academy of Arts and Sciences (1884),[32] als auswärtiges Mitglied in die Royal Society (1885),[33] die Académie des sciences (1886),[34] die Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique (1890),[35] die Russische Akademie der Wissenschaften (1892),[36] die Accademia Nazionale dei Lincei (1894),[37] die National Academy of Sciences (1898), die Royal Society of Edinburgh (1900) und die American Philosophical Society (1910) aufgenommen. 1881: Davy-Medaille der Royal Society in London 1885: Erhebung in den erblichen Adelsstand des Königreichs Bayern 1891: Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst 1895: Aufnahme in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste 1903: Verleihung der neu gestifteten Liebig-Denkmünze, verliehen von der Deutschen Chemischen Gesellschaft 1905: Nobelpreis für Chemie Seit 1911 wird die Adolf-von-Baeyer-Denkmünze vom Verein Deutscher Chemiker und später von der Gesellschaft Deutscher Chemiker verliehen. Adolf-Baeyer-Damm 1967 wurde die Straße Adolf-Baeyer-Damm parallel zum Hachinger Bach in Ramersdorf-Perlach,[38] 2009 der Mondkrater Von Baeyer nach ihm benannt. Wissenschaftlicher Namensgeber Baeyer-Probe Baeyer-Spannung Baeyer-Villiger-Oxidation Von-Baeyer-Nomenklatur Literatur LMU München – Adolf von Baeyer – Denkmal vor dem Willstätter-Erweiterungsbau in der Arcisstr.1; heute in der LMU München-Großhadern Richard Willstätter: Adolf von Baeyer, in: Günther Bugge (Hrsg.): Das Buch der großen Chemiker. Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1930, S. 321–335. Carl Graebe: Geschichte der organischen Chemie. Verlag Julius Springer, Berlin 1920. Karl Schmorl: Adolf von Baeyer (= Große Naturforscher. 10). Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1952. Friedrich Klemm: Baeyer, Adolf Johann Friedrich Wilhelm Ritter von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 1. Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 534–536 (deutsche-biographie.de). Ruth Anne Gienapp: Baeyer, Adolf Johann Friedrich Wilhelm von. In: Charles Coulston Gillispie (Hrsg.): Dictionary of Scientific Biography. Band 1: Pierre Abailard – L. S. Berg. Charles Scribner’s Sons, New York 1970, S. 389–391 (englisch). | BAEYER, Johann Friedrich Wilhelm Adolf (I60920)
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| 3794 | Leben Adolf Hagen war ein Sohn von Carl Heinrich Hagen, Jurist und Nationalökonom in Königsberg, Neffe von Ernst August Hagen, erster Professor für Ästhetik und Kunstgeschichte an der Albertus-Universität Königsberg. Der Königsberger Universalgelehrte Karl Gottfried Hagen war sein Großvater.[1] Hagen studierte Rechtswissenschaften in Königsberg und trat 1843 in den preußischen Staatsdienst ein. Im Jahr 1854 wurde er Stadtkämmerer von Berlin und besoldeter Stadtrat. Diese Position behielt er bis 1871. Danach wechselte er als Direktor zur Deutschen Unionbank und war in dieser Zeit an der Gründung mehrerer Aktiengesellschaften beteiligt. Nach der Auflösung der Bank trat er 1876 wieder als Stadtrat in den Berliner Magistrat ein. Adolf Hermann Hagen wurde 1856 zum Landrat des Landkreises Königsberg und in den 1860er Jahren dreimal zum Oberbürgermeister von Königsberg gewählt, aber wegen der Weigerung der Regierung, die Wahlen zu bestätigen, konnte er die Ämter nicht antreten.[2] Von 1862 bis 1876 war er für die Fortschrittspartei Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses.[3] Im Jahr 1862 stellte er im Plenum einen Antrag in der umstrittenen Frage des Militäretats. Der Hintergrund war, dass die Fortschrittspartei kein Provisorium für die Reorganisation des Militärs mehr mittragen wolle. Er verlangte eine Aufschlüsselung des Etats in verschiedene Posten. Dem stimmte das Abgeordnetenhaus mehrheitlich zu. Finanzminister Robert von Patow sah diese Forderung zwar grundsätzlich als berechtigt an, interpretierte dies aber als parlamentarisches Misstrauen. Da die Regierung auch nicht mehr das uneingeschränkte Vertrauen von Wilhelm I. besaß, traten die altliberalen Minister zurück. Damit war der „Antrag Hagen“ ein Faktor für das Ende der Politik der Neuen Ära in Preußen und stand am Beginn des preußischen Verfassungskonflikts.[4] In den Jahren 1867 bis 1877 war Hagen auch Mitglied im Reichstag.[5] Danach zog er sich aus dem politischen Leben zurück.[6] Wegen seiner Verdienste um Berlin erhielt er 1871 den Ehrentitel Stadtältester, verbunden mit einem Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Kirchhof an der Chausseestraße, Berlin. Adolf Hagen war in erster Ehe verheiratet mit seiner Cousine Johanna Louise Amalie Bessel (1826–1856), Tochter des Königsberger Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846), und in zweiter Ehe mit Anna Claussen (1831–1905). Er war Vater des Physikers und Direktors an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin Carl Ernst Bessel Hagen (1851–1923), des Chirurgen und Direktors des städtischen Krankenhauses Charlottenburg-Westend Fritz Karl Bessel-Hagen (1856–1945)[1] und von Werner Hagen (1864–1921), Vizekonsul in Yokohama, Konsul in Philadelphia, stellvertretender Bevollmächtigter Preußens zum Reichsrat.[7] | HAGEN, Adolf Hermann Wilhelm (I60959)
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| 3795 | Leben Ageltrude wurde um das Jahr 860 als Tochter des Fürsten Adelchis von Benevent (853–878) und seiner Frau Adeltrude geboren. Vermutlich im Jahre 875 heiratete sie Wido von Spoleto, der 876 seinem Bruder Lambert als Markgraf von Camerino nachfolgte. Der gemeinsame Sohn Lambert von Spoleto wurde um 875 geboren.[1] Wido von Spoleto wurde 889 zum König von Italien gekrönt und am 21. Februar 891 in Rom von Papst Stephan V. zum Römischen Kaiser. Bereits im Mai 889 wurde der zu diesem Zeitpunkt etwa 14 Jahre alte Sohn Lambert von Spoleto zum Mitkönig erhoben. Auf Verlangen Widos krönte ihn der neue Papst Formosus am 30. April 892 auf einer Synode in Ravenna zum Mitkaiser. Im Gegenzug bestätigten beide die Rechte des Papsttums auf die mittelitalienischen Gebiete aus der Pippinischen Schenkung.[2] Als einer der einflussreichsten Könige Italiens wurde Wido von Spoleto dem Papst Formosus zu mächtig. Formosus verbündete sich daher mit Arnolf von Kärnten, welcher 894 über die Alpen zog und Brescia, Bergamo, Mailand und Pavia eroberte. Anschließend proklamierte er sich zum König von Italien. Doch nach aufkommenden Schwierigkeiten zog Arnolf sich bald wieder zurück. Wido starb im November 894 in der Nähe des Flusses Taro, wo er sich verschanzt hatte. Ageltrude versuchte die Ansprüche ihres Sohnes zu sichern. Sie verschanzte sich nach dem Rückzug von Arnolf in Rom und regierte als Kaiserin das Gebiet.[3] Im Herbst 895 unternahm Arnolf einen zweiten Feldzug und stand im Februar 896 vor den Mauern Roms. Ageltrude hatte sich in der Stadt verschanzt, doch Arnolf gelang es, in Rom einzudringen. Formosus krönte ihn daraufhin im Februar 896 feierlich zum Kaiser. Ageltrude und Lambert konnten sich nach Spoleto zurückziehen. Der neue Kaiser marschierte nun gegen Spoleto, um Lambert und seine Mutter zu belagern, erlitt auf dem Weg jedoch einen Schlaganfall. Er brach den Feldzug ab und kehrte nach Bayern zurück. Kurz darauf starb Formosus. Sein Nachfolger wurde Bonifatius VI., der nur fünfzehn Tage nach Amtsantritt ebenfalls starb.[4] Auf Bonifatius VI. folgte Papst Stephan VI., der im Jahr 897 auch auf Betreiben von Ageltrude und ihrer Familie eine Leichensynode über Formosus abhielt. Formosus wurde exhumiert, in päpstliche Gewänder gekleidet und auf den päpstlichen Thron gesetzt. Die Leichensynode befand Formosus des Eidbruchs für schuldig. Darum wurden ihm die Schwurfinger abgehackt und sein Leichnam später in den Tiber geworfen.[4] Papst Johannes IX. hob Arnolfs Salbung 898 auf, im selben Jahr starb Lambert, der inzwischen unangefochten Römischer Kaiser war, unerwartet und Ageltrude zog sich aus der Politik zurück. Sie trat zunächst in Camerino, später in Salsomaggiore in ein Kloster ein. Ihre letzte überlieferte Nachricht stammt aus dem Jahr 923. Es ist nicht bekannt, wann sie starb.[1] Moderne Rezeption Judy Chicago widmete Ageltrude eine Inschrift auf den dreieckigen Bodenfliesen des Heritage Floor ihrer Installation The Dinner Party. Die mit dem Namen Ageltrude Benevento beschrifteten Porzellanfliesen sind dem Platz mit dem Gedeck für Trotula zugeordnet.[5] | VON BENEVENT, Ageltrude (I39713)
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| 3796 | Leben Albrecht war der Sohn der dänischen Prinzessin Sophie, Tochter des Königs Waldemar I. von Dänemark, und des Grafen Siegfried von Orlamünde. Damit war er auch ein Urenkel Albrechts des Bären. Nachdem Waldemar II. während des Thronstreites zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto IV. im Jahr 1202 Holstein und Mecklenburg vollständig erobert hatte, vertrieb er den Grafen Adolf III. von Schauenburg aus Holstein. Vermutlich schon im Jahr 1203 gab er es Albrecht zum Lehen, obwohl er Otto IV. als König anerkannt hatte und Graf Siegfried von Orlamünde auf Seite des von ihm miterwählten Königs Philipp von Schwaben stand. Albrecht nahm auf der Lübecker Burg seinen Wohnsitz. Zu diesen Lehen kam an ihn, durch seinen drei Jahre danach gestorbenen Vater und das mit seinem Bruder Hermann getroffene Abkommen, ein bestimmter Teil des Thüringer Erbgutes, während gewisse Besitzungen von den Brüdern gemeinsam verwaltet wurden. Aber weder dieses Erbteil noch die dänischen Lehen hat Albrecht unangefochten besessen. Sein Bruder Hermann versuchte im Jahr 1215 das ganze Erbe mit Gewalt an sich zu reißen, was ihm bei der Entfernung des Bruders leicht gelungen wäre, wenn nicht der Landgraf Hermann von Thüringen, dessen Tochter Hedwig[1] Graf Albrecht im Jahr 1211 geheiratet hatte, das Unternehmen durch rasche Gegenwehr vereitelt hätte. Albrecht selbst hat gegen die vereinigten Feinde Waldemars, die auch die seinigen sein mussten, gegen den Markgrafen Albrecht II. von Brandenburg, gegen Herzog Bernhard und seit dem Jahre 1212 gegen dessen Sohn Herzog Albert von Sachsen, wie gegen den Erzbischof Waldemar von Bremen, den Bischof Philipp von Ratzeburg und die Grafen Gunzelin III. und Heinrich Borwin II. von Schwerin, um Nordalbingien wiederholt kämpfen müssen. Diese Gegner vertraten seit dem Jahr 1214 die hinfällige Sache Kaiser Ottos IV., da Waldemar zu Friedrich II. übergetreten war, der ihm die eroberten norddeutschen Gebiete abgetreten hatte. Dieser Übertritt des Dänenkönigs auf die staufische Seite wurde durch Bemühungen von Albrechts Schwiegervater, des Landgrafen von Thüringen und des Markgrafen von Meißen, des Schwagers von dessen Gemahlin, gefördert, so dass der Papst nun vom Staufer und vom Dänenkönig stärkere Unterstützung gegen Otto IV. erwarten konnte. Wie ernstlich dem Grafen auch während dieser kampferfüllten Jahre das Wohl der Kirche am Herzen lag, das bezeugen seine zahlreichen Schenkungen an Kirchen und Klöster, sowie die Gründung der Klöster Preetz und Hoibeck. Als sich dann im Jahr 1217 seine und Waldemars Feinde einem friedlichen Abschluss geneigter zeigten als der Fortsetzung des Kampfes, verließ er in Begleitung des Grafen Bernhard von Lippe und einer Anzahl tapferer Anhänger Holstein, um zur Erfüllung seines vor zwei Jahren abgelegten Gelübdes eine Kreuzfahrt gegen die heidnischen Livländer zu unternehmen. Nur bis zum Frühjahr 1218 verweilte er im Heidenland, aber so viel Taten vollbrachte er in so kurzer Zeit, dass Heinrich von Lettland ihn rühmen konnte, es habe Gott ihn gleichsam in seinen Köcher gesteckt, damit er ihn zu gelegener Zeit nach Livland senden könne, seine Kirche von ihren Feinden zu befreien. Die schwersten Aufgaben fielen danach dem Grafen zu, als König Waldemar und sein Sohn im Jahr 1223 in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai auf der Insel Lyö[2] Gefangene des Grafen Heinrich von Schwerin geworden waren. Albrecht hatte, wenn auch nicht in der Würde eines Reichsstatthalters, so doch in hervorragender Weise mit ebenso viel Klugheit wie Energie für die Befreiung seines Onkels gewirkt. Obwohl er in dem am 4. Juli 1224 zwischen dem Reich und Dänemark zustande gekommenen und von ihm beschworenen Vertrag seinen Vorteil insofern gewahrt sah, als er das von Waldemar herauszugebende deutsche Land als Vasall des Reiches besitzen sollte, war er doch schnell entschlossen, das Geschick seines Onkels von der Entscheidung der Waffen abhängen zu lassen, als die Ausführung dieses Vertrages bei der Zusammenkunft der Deutschen und Dänen, man sieht nicht, durch wessen Schuld, sich zerschlug. In der Schlacht bei Mölln (Januar 1225) wurde Albrecht der Gefangene des Siegers, des Grafen von Schwerin. Er blieb es noch, als Waldemar am 21. Dezember dieses Jahres infolge des mit seinen Gegnern abgeschlossenen Vertrages, worin er sich unter anderem verpflichtete, seinem Neffen keine Hilfe zur Wiedererlangung seiner Lande leisten zu wollen, in Freiheit gesetzt wurde. Erst im Jahr 1227 nach der Schlacht von Bornhöved, durch deren für ihn unheilvollen Ausgang Waldemar die letzte Aussicht auf den Wiederbesitz des Verlorenen und die Befreiung Albrechts geraubt wurde, erkaufte er sich diese durch den Verzicht auf Lauenburg. Hinfort hat er wohl meist in Dänemark gelebt, beschränkt auf die Güter, welche ihm der Onkel auf der Insel Alsen verliehen hatte. Siehe auch Askanier | (WEIMAR-ORLAMÜNDE), Albrecht II. (I61296)
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| 3797 | Leben Albrecht war der zweite Sohn des Markgrafen Joachim Ernst von Brandenburg-Ansbach (1583–1625) aus dessen Ehe mit Sophie (1594–1651), Tochter des Grafen Johann Georg I. zu Solms-Laubach (1547–1600) und der Gräfin Margaretha von Schönburg-Glauchau (1554–1606). Nach dem Tod von Joachim Ernst hatte sein älterer Bruder Friedrich von Brandenburg-Ansbach 1625 die Nachfolge im Fürstentum Ansbach angetreten, zunächst noch unter mütterlicher Vormundschaft. Friedrich fiel jedoch 1634 im Dreißigjährigen Krieg. Da er keine Nachkommen hinterlassen hatte, trat Albrecht als zweitgeborener Sohn sein Erbe an. Wie bereits bei seinem Bruder wurden allerdings Vormundschaft und Regierungsgeschäfte in den ersten Jahren von seiner Mutter geführt. Erst nach dem Erreichen seiner Volljährigkeit übernahm Albrecht im Jahr 1639 die Regierung im Fürstentum Brandenburg-Ansbach. Mit viel diplomatischem Geschick lavierte er sein Land durch die letzten zehn Kriegsjahre und förderte durch Verwaltungsreformen, Unterstützung der Zünfte, des kulturellen Lebens und großzügiger Kreditpolitik den beginnenden Wiederaufbau. Er siedelte österreichische Glaubensflüchtlinge an und erwarb 1647 beziehungsweise 1662 die Ämter Treuchtlingen und Berolzheim. Albrechts hauptsächlicher Berater dabei war sein früherer Erzieher Johannes Limnäus. Aktiv an der Reichspolitik mitbeteiligt, entsandte er 1663/64 Truppen in die Türkenkriege. Albrecht gilt als typischer barocker Herrscher und Vertreter des Absolutismus. Er wurde in der Johanniskirche zu Ansbach bestattet, die er selbst zur Grablege bestimmt hatte, nachdem 1631 marodierende Soldateska des Feldmarschalls Tilly die Gräber der Hohenzollern im Kloster Heilsbronn geschändet hatte.[3] | (BRANDENBURG-ANSBACH), Albrecht II. (I61259)
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| 3798 | Leben Alexander Mendelssohn wurde als jüngerer Sohn des Bankiers Joseph Mendelssohn und seiner Frau Henriette, geb. Meyer geboren. Sein Bruder war der Geograf Georg Benjamin Mendelssohn. Alexander Mendelssohn absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. In den Jahren 1820/21 diente er als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst ab. 1822 trat er als Teilhaber in das von seinem Vater gegründete Bankhaus Mendelssohn ein. Er heiratete 1821 Marianne Seeligmann, eine Tochter des Maklers Bernhard Seeligmann. Mit dieser hatte er die Töchter Marie, Margarethe, Alexandrine sowie Clara und die Söhne Hermann, Verlagsbuchhändler in Leipzig, Adolph und Franz, beide Bankiers, sowie Wilhelm, Landwirt. Nach dem Tod des Vaters leiteten er und sein Vetter Paul Mendelssohn-Bartholdy das Unternehmen. 1850 gründeten sie auf der Grundlage des von Joseph Mendelssohn geschaffenen Berliner-Cassenvereins die Bank des Berliner Kassenvereins. In den 1850er Jahren verstärkte sich die Hinwendung zum Geschäft mit Russland. Die Mendelssohn-Bank platzierte russische Anleihen auf den deutschen Finanzmärkten und gab dem russischen Staat Kredit. Zudem beteiligten sich Mendelssohn & Co. 1856 an der Gründung der Berliner Handels-Gesellschaft und 1870 an der Gründung der Commerz- & Discontobank in Hamburg.[1] Alexander Mendelssohn engagierte sich im jüdischen und nichtjüdischen Vereinsleben der Stadt Berlin. Er gehörte dem Vorstand der Gesellschaft der Freunde an und leitete viele Jahre die Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staat. Auch darüber hinaus war er als Geldgeber für soziale Projekte tätig. Zusammen mit seinem Bruder Georg Benjamin Mendelssohn gründete er 1863 zum Andenken an ihre im Vorjahr verstorbene Mutter die Henriettenstiftung. Diese zahlte verwaisten Mädchen Mittel zum Erwerb einer Aussteuer. Die Stiftung war angebunden an die der jüdischen Gemeinde unterstellte Moses-Mendelsohnsche Waisenerziehungsanstalt, zu deren Kuratorium Mendelssohn gehörte. In Charlottenburg, wo er einen Sommersitz, die Villa Sorgenfrei, besaß, war er 1864/65 maßgeblich am Bau eines ersten Krankenhauses beteiligt.[2] Ebenfalls in Charlottenburg gründete Mendelssohn 1870 zusammen mit seiner Frau das Mariannenstift zur Versorgung armer, alleinstehender alter Frauen in der Scharrenstraße Nr. 7, der heutigen Schustehrusstraße.[3] Zweck dieser Stiftung war es, „weiblichen, ausnahmsweise männlichen Personen in vorgerücktem Lebensalter Wohnung nebst Heizmaterial zu gewähren“.[4] Während sein Bruder zum Christentum übertrat, blieb Alexander dem jüdischen Glauben treu. Zwar ließen er und seine Frau ihre Kinder nach der Geburt taufen. Alexander Mendelssohn selbst aber arbeitete 1847 in einer Kommission der Berliner jüdischen Gemeinde mit, die eine Bittschrift anlässlich des geplanten Judengesetzes erarbeitete. In den 1860er Jahren gehörte er zudem der Repräsentantenversammlung der Gemeinde an. Enge freundschaftliche Beziehungen sowie eine langjährige, teilweise erhaltene Korrespondenz pflegte er mit Alexander von Humboldt[5], der ihn neben zwei weiteren Personen 1856 zum Empfang der Berliner Ehrenbürgerwürde einlud.[6] Mendelssohn war nach dem Tod Humboldts Mitgründer und Schatzmeister der Alexander von Humboldt-Stiftung für Naturforschung und Reisen. Alexander Mendelssohn erhielt von Friedrich Wilhelm IV. 1854 den Titel eines Geheimen Kommerzienrates und von der preußischen und russischen Regierung verschiedene Orden verliehen. Im Jahr 1871 wurde ihm von der Stadt Charlottenburg das Ehrenbürgerrecht verliehen. Grabstätte Begraben wurden Alexander und Marianne Mendelssohn auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee neben Alexanders Eltern. | MENDELSSOHN, Alexander (I60101)
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| 3799 | Leben Alfons war der zweite Sohn Graf Raimunds IV. von Toulouse und seiner dritten Ehefrau Elvira von Kastilien.[1] Er wurde im Heiligen Land geboren und im Jordan getauft, was seinen Beinamen erklärt. Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war, und Alfons blieb unter der Aufsicht seines Verwandten Wilhelm Jordan von Cerdange († 1109) im Libanon. 1108 wurde er von einer Gesandtschaft aus Toulouse in die südfranzösische Heimat seines Vaters gebracht, wo Alfons als Graf anerkannt wurde.[2] Sein älterer Halbbruder Bertrand musste weichen, da an dessen Legitimität gezweifelt wurde. Bertrand begab sich in den Libanon, wo er die Grafschaft Tripolis übernahm. Alfons Jordan verlor 1113 Toulouse an seinen Vetter Wilhelm IX. von Aquitanien, der sein Recht auf Toulouse durch seine Ehefrau Philippa (oder Matilde) einklagte, die eine Tochter des Grafen Wilhelm IV. von Toulouse war. Er bekam 1119 einen Teil des Landes zurück und musste bis etwa 1123 um den Rest kämpfen. Schließlich erfolgreich, wurde er von Papst Kalixt II. exkommuniziert, weil er die Mönche von Saint-Gilles, die seinen Gegner unterstützt hatten, verjagt hatte. Anschließend kämpfte Alfons gegen Raimund Berengar III., Graf von Barcelona für die Souveränität der Provence und erreichte im September 1125 eine freundschaftliche Übereinkunft. Mit dieser wurde Alfons Jordan der wichtigste Machthaber in den Regionen zwischen den Pyrenäen und den Alpen, der Auvergne und dem Mittelmeer. Um 1134 beschlagnahmte er die Vizegrafschaft Narbonne, gab sie aber 1143 an die Vizegräfin Ermengarde († 1197) zurück. Im Jahr darauf gründete Alfons Montauban und erregte erneut das Missfallen der Kirche, als er sich mit den Rebellen von Montpellier gegen den Adel verbündete. Er wurde ein zweites Mal exkommuniziert, nahm als Buße 1146 auf einem von König Ludwig VII. von Frankreich einberufenen Treffen in Vézelay das Kreuz und begab sich im August 1147 mit dem Zweiten Kreuzzug in den Osten. Er unterbrach die Fahrt in Italien und wohl auch in Konstantinopel und erreichte 1148 Akkon. Wenig später in Caesarea starb er plötzlich unter großen Schmerzen. Vielleicht starb er an einer akuten Krankheit, etwa einer Blinddarmentzündung, doch jedermann argwöhnte, er sei vergiftet worden. Als Auftraggeber eines Giftmordes verdächtigt wurden Eleonore von Aquitanien, Melisende, die Mutter König Balduins III. von Jerusalem, vor allem aber Alfons’ Cousin, Graf Raimund II. von Tripolis, der Alfons’ Ansprüche auf seine Grafschaft fürchtete. Keine der Verdächtigungen konnte bewiesen werden.[3] | (TOULOUSE), Alfons Jordan (I61500)
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| 3800 | Leben Alfred Guillaume Gabriel Grimaud war der zweite Sohn des bonapartistischen Generals Jean-François-Louis-Marie-Albert Grimaud, comte d’Orsay (1772–1843) und seiner Ehefrau Eleonore Freiin von Franquemont (1771–1833), einer illegitimen Tochter des Herzogs Carl Eugen von Württemberg mit der italienischen Tänzerin und Abenteurerin Anna Eleonora Franchi (1750–1833). Alfred, comte d’Orsay, Zeichnung von James Fraser, um 1830 Im Jahr 1821 trat Grimaud in die französische Armee der restaurierten Bourbonenmonarchie ein, gegen seine eigenen bonapartistischen Tendenzen. Ein Jahr darauf nahm er an der aufwändigen Krönung Georg IV. in der Westminster Abbey teil und diente später in der Garde du Corps des Königs Ludwig XVIII. Während seiner Stationszeit in Valence machte er die Bekanntschaft des englischen Aristokraten Charles John Gardiner, 1. Earl of Blessington und seiner zweiten Ehefrau, der Schriftstellerin Marguerite, Countess of Blessington; auf eine Einladung des Grafen begleitete er das Paar auf deren Grand Tour durch Italien. Im Frühjahr 1823 traf er den berühmten Dichter Lord Byron in Genua. Nach seiner Rückkehr arrivierte der Comte d’Orsay zum Liebling der französischen und englischen Gesellschaft, insbesondere der weiblichen. Am 1. Dezember 1827 heiratete die erst 15-jährige Lady Harriet Gardiner (1812–1869) in zweiter Ehe den Lebemann Alfred d’Orsay. Die Ehe galt als nicht glücklich und existierte bald nur auf dem Papier. Zwei Jahre später starb sein Gönner und Schwiegervater. Bei der Überführung seiner sterblichen Überreste begleitete er dessen Witwe, mit der er eine Liebesbeziehung führte, zurück nach England. Die pyramidenförmige Grabstätte in Chambourcy Im Londoner Stadthaus Gore House in der Kensington Road führten Alfred d’Orsay und Lady Blessington einen literarischen und künstlerischen Salon, in dem sich Intellektuelle, Künstler und Modebegeisterte begegneten. Zu den Besuchern gehörten unter anderen Charles Dickens, Benjamin Disraeli, Thomas Lawrence, Alfred de Vigny, Alphonse de Lamartine, Prinz Charles-Louis-Napoléon Bonaparte und Edward Bulwer-Lytton, 1. Baron Lytton – ausgeschlossen waren Gegner von Lord Byron. Anfang 1838 trennte sich Lady Harriet formell von ihrem Ehemann und bezahlte seinen Gläubigern 100.000 £, im Tausch gegen seinen Verzicht auf alle Ansprüche auf das Familienanwesen Blessington Estate. Als die Einkünfte aus dem Buchverkauf von Lady Blessington zurückgingen und nachdem deren Erbe für ihren gemeinsamen extravaganten Lebensstil aufgebraucht war, verließ das Paar England. Lady Blessington und der Graf zogen 1849 nach Paris, wo sie wenige Wochen nach ihrer Ankunft starb. Im Jahr 1852 wurde Alfred d’Orsay durch seine früh begründete Freundschaft zu Napoléon III. das Amt des Direktors an der École des Beaux-Arts vorgeschlagen. Wenige Tage nach der offiziellen Ernennung starb Alfred d’Orsay an den Folgen einer Wirbelentzündung im Haus seiner Schwester Ida, Duchesse de Gramont. Die Parfümerie „d’Orsay“ Bei seinem Tod hinterließ Alfred d’Orsay eine wertvolle Sammlung von selbst kreierten Parfüms. 1865 eröffneten seine Erben damit eine Parfümerie in Neuilly-sur-Seine. 1908 wurde das Unternehmen in eine Kapitalgesellschaft, deren Kapital mehrheitlich dem Niederländer M. van Dyck, den Deutschen Sally Berg und Siegfried Berg sowie dem Russen Léo Fink gehörte, umgewandelt. Einen besonderen Erfolg hatte sie mit der Marke Étiquette bleue. Während des Ersten Weltkrieges kam die Firma an einen Sequester, die Anteile der Ausländer wurden von Franzosen übernommen und das noch heute bestehende Unternehmen in Compagnie française des parfums d’Orsay umbenannt. Literatur Orsay, Alfred (Gédéon Gaspard A.) d’. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 26: Olivier–Pieris. E. A. Seemann, Leipzig 1932, S. 57 (biblos.pk.edu.pl). Nick Foulkes: Last of the Dandies: The Scandalous Life and Escapades of Count D’Orsay. Thomas Dunne Books, 2005, ISBN 0-312-27256-1. Michael Sadleir: Blessington-d’Orsay, Constable, ISBN 0-09-451750-9. W. Teignmouth Shore: D’Orsay or The Complete Dandy. John Long, London 1911. William Charles Mark Kent: D’Orsay, Alfred Guilleaume Gabriel, Count (1801–1852). In: Dictionary of National Biography. Band 15 (1888), S. 251–253. | GRIMAUD D´ORSAY, Alfred Guillaume Gabriel (I61213)
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